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Samstag, 3. November 1923.

Wiesbadener Tagbiatt.

Nr 218 . Seite tL

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Eisbärjagd auf einer treibenden Acholle.

Bon Vilhjalmur Stefansion.

Ans: Stefansson, „Länder der Zuknnft. Fünf Jahre Reisen im höchsten Norden". (F- A. Brockhaus, Leipzig.) Durch das s - Entgegenkommen des Verlags Brockhaus können wir den Lesern einen Abschnitt aus dem soeben erschienenen hochinteressanten Werk „Länder der Zukunst" (zwei Bände) bieten, das den bekannten Polarforscher Vilhjalmur Etefansson zum Verfasser hat. Stesanffan hat über die Kreise der Wissenschaft hinaus großes Aufsehen erregt, weil er in der Polarsorschung ganz neue Wege geht, die unternehmenden Männern nrit einfachen Mitteln- erlauben, die weiten Gebiete des höchsten Nordrn- zu bereisen. In dem Buch schildert Stefansion seine abenteuer- reiche fünfjährige Polarreise. Stefansion konnte seine Erfolge nur erringen, weil er im engen Verkehr mit den Eskimos sich deren Zagdmethoden zu eigen gemacht hat. Sein Buch ist vor allem ausgezeichnet dmch die unübertreffliche Natur­beobachtung, die es ihm erlaubt, das Wesen eines Tieres gründ­lich zu erfasien.

Um di« ßeule zu ermutigen und ihnen zu »eigen wie leicht man seinen Lebensunterhalt aut See gewinnen kann-, schoß ick, ein« Anzahl Seehunde: dasselbe taten Storkerson und ein paar der andern. Ein-ge Tiere sanken, aber sechs erbeuteten wir. Da es keinen Zweck batte, mehr zu,töten, ölte ich den Lauf meiner Büchse ein. wie ich es immer tue. wenn die Temperatur nicht niedrig ist. steckte sie ins Futteral und schnallte dieses an einen Schlitten feit. Mittlerweile batten die andern mit Tran ein Freuden­feuer angezündet und kochten frisches Seebundfleisch. Wahrend wir schmausten, entstand plötzlich eine Bewegung unter den Hunden. Wir hatten sie nicht von den Schlitten lcsgespannt. weil wir jeden Augenblick darauf gefaßt waren, die Rinne zu überschreiten Der Schlitten mit meiner Büchse war etwa 2 Meter vom Wasser entfernt und die andern nur wenig weiter, während das Feuer, an dem wir kochten, etwa 20 Meter davon brannte.

Ein Eisbär war die Veranlassung zu dem Gebell — der eiste, den einige von meinen Leuten sahen. Bei seinem Erscheinen batte sich die Rinne bis auf eine Strecke von 5 Meter geschlossen, und hart an ihrem Rande ging der Bär auf und ab. unschlüssig, ob er ins Wasser gehen sollte, gerade wie ein Badender, der sich vorm kalten Wasser fürchtet. Ich weih nicht, was ihn in Wirklichkeit zögern lieh Es kann kaum die Külte des Wassers gewesen sein, wenn es auch ganz den Eindruck machte. Aber noch wäh­rend ich Betrachtungen über seine Motive und sein Be­nehmen aitsiellte. kam mir zum Bewubtiein. dah augen­blicklich gebandelt werden mühte, denn ein vaar von de» aufgeregten Hunden hätten ins Wasser springen, aus den Bären losgehen und einen Schlitten mit sich reihen können. Wenn der Bär über die Rinne zu uns herüberkam. würden ihn die Hunde, in ihre Stränge verwickelt, sicherlich an­greifen. Vermutlich würde er sich davonmachcu. aber das war keineswegs sicher. Es war deutlich, dah er keine feind­lichen Absichten gegen sie hegte, er zeigte auch nicht die ge­ringste Furcht vor ihrem Gebell oder dem Geschrei der sechs Männer, die bin- und berliefen und einander zu- riefcu. was jeder tun sollte.

McConnell muh. wie er selbst erzählt, einer der Kalt­blütigsten ron uns gewesen sein. Denn er behauptete hinter­her. er lei sofort nach seinem Photogravbenavvarat ge­sprungen und habe uns gebeten zu warten, bis er eine Aufnahme gemacht habe. Um zu meinem Gewehr zu ge­langen. mußte ich »u dem Schlitten, der der Rinn« am nächsten stand, und um die anderen Schlitten Herumlaufen. Während ich das Futteral losschnallte, stand der Bär un­gefähr 5 Meter hinter mir. Storkersons Gewehr war auf dem nächsten Schlitten, und als er es anlegte, bemerkte ich. daß ich gerade in der Linie zwischen ihm und dem Bären stand. Er war schneller fertig als ich. denn sein Gewehr war nicht am Schlitten festgeschnallt gewesen, und als ich faß. dah er im Begriff war zu feuern, bat ich ihn vorsichtig zu fein, dah er nicht mich statt des Bären träfe. Die Gefahr war wohl nicht so groß, aber ich dachte, eine Mahnung zur Vorsicht könnte nichts schaden. Als der Schuh erfolgte, ging er so dicht an meinem Ohr vorbei, dah iw eine Zeitlang fast tarrb war. Die Kugel traf den Bären: dieser war über die Verwundung offenbar höchst überrascht. Er beugte fick gerade über das Wasser, bereit hineinzu- ieben und fiel jetzt rücklings in die Rinne,, so dah das Wasser über mich spritzte. Das Wasser war vollkommen klar, und als ich mich umfah. ^ah ich den Bären ivie ein Bleilot untergeben, zunächst mit nach oben gestreckten Fühen. Aber bald richtete er sich auf und kam an die Oberfläche und kletterte an der anderen Seite in die Höbe. Während er sich herausarbeitete, gab ihm Storker- son einen zweiten Sckuh und einen Augenblick später, als er davonvannte. einen dritten: aber Storkersons Gewehr hatte nur ein kleines Kaliber, und obwohl der Bär leb­haft blutete, machte er sich ziemlich eilig davon. Ich muhte meine Leute ermutigen und ihnen »eigen, dah kein Bär »ns so nahe kommen durfte wie dieser, um dann zu ent­komme,-. Ich nahm also meinen Mannlicher zur Hand Der Schuh wart den Bären um. und ich glaubte, die Ge­schichte fei zu Ende. Aber kaum hatte ich mich herum­gedreht. um das Gewbr wieder ins Futteral zu stecken als der Bär wieder auf die Fühe kam und hinter einer Eis­scholle verschwand.

Die Rinn« hatte stch allmählich geschlossen, und Eraw- ford und MeEonnell verfolgten den Bären, der eine mit einem Gewehr, der andere mit der Kamera, und fanden ihn 200 Meter entfernt, als er versuchte, eine zweite Rinne zu kreuzen Sie feuerten mehrmals, aber als ich dazukam. war er schon wieder auf das Eis hinansgekrabbelt. so daß noch ein Schuh notwendig war. So gebt es immer, wenn eine ganze Gesellschaft vom Fag-dfieber gepackt wird. Es ist ein Durcheinander und ein Schnellfeuer, das nur Munition kostet Eine Kugel in. der Räbe des Herzens richtet bedeutend mehr aus als ein Dutzend schleckt placier­ter' wie in unierm Falle. Ein paar sahen in den Tatzen, ein paar im Nacken und in andern fleischigen Körperteilen. Es mag interessant sein, von einer aufregenden Bärenjagd zu lesen, aber in Wirklichkeit ist es eine elende Art zu jagen. Eine richtigsitzende Mannlicherkuvel ist alles, was nörig stin sollte.

Am Lande sind die Eisbären gewöhnlich furchtsame Tiere. Sie haben Angst vor Menschen. Hunden und Wölfen. Aber unser Besucher zeigte ganz das Benehmen von Bären, die weit vom Lande entfernt sind.' Hier haben sic keinen Fench zu fürchten. Reben ihrer ebenen Art kennen sie auf dem Packeis nur drer lebende Wesen: die

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verbringen 90 Prozent der Weihfüchse den Winter auf dem Eis. Sie können auf der See stch nicht selber ihre Nah­rung verschaffen, darum folgt immer ein Rudel einem Bären, wohin er auch geht. Tötet der Bär einen Seehuno und frißt so viel, wie er Lust hat. so bleibt gewöhnttck em Viertel oder die Hälfte übrig. In vielen Fällen rührt er das Fleisch nicht an. sondern friht nur ein« Portion Fett und die Haut: an der es fitzt. Nack dieser sättigenden Mnklzeit bildet er sich wahrscheinlich ein. er wurde nie wieder Lust zum Fressen haben: er geht weg. legt sich m der Räbe unter einem Eishügel schlafen und läßt den Rest für die Füchse übrig. Es ist nicht wahrscheinlich, dah er zuruck- kommt. aber wenn er es täte, würden die FüKe davon­springen und die Möwen davonsliegen. Lange Erfahrung hat ihn gelehrt, daß diese Geschöpfe nicht im geringsten ge­fährlich. aber zu rasch sind, um sich fangen zu lassen. .

Zweifellos kann der Bär den Unterschied zwischen eurem lebendigen Seehund und dem Fleisch eines toten wahr- nehmen. wenn er sie wittert. In unserem Gevack befmdet sich immer Seehundfletsch, und die Witterung davon schwebt immer um unser Lager. Wenn ein Bär an der Lttienc vorübergeht, muß er die vielen Lagergerüche wahrnehmen, aber der einzige, der ihn interessiert, ist der Geruch des Seebundfleisches. Er kennt keine Furcht und geht gerade auf das Laser los: er kommt gemächlich, heran., weil, er nicht erwartet, dah d>e toten Seehunde, die er riecht ihm entichliivfen werden Er zeigt auch keine Feindseligkeit, oder Angriffslust. denn nach seiner langen Erfahrung mit Fuchsen und Möwen erwartet er. daß ihm jedes lebende Wemn aus dem Weg geht- Ist er aber auf 100 oder 200 Meter an das Lager herangekommen und steht plötzlich einen schlafenden Hund oder etwa gar einen Hund, der sich leise bewegt, so denkt er offenbar: ..Schön, also doch ein lebende: Seehund" Sofort macht er sich auf dem Eise unglaublich flach und schiebt sich, mit Hals und Schnauze den, Schnee berührend, auf die Hunde zu vorwärts. Sowie einer sich bewegt, bleibt -er regungslos sieben und, rückt em wieder vor. wenn ste ruhig geworden sind. Befinden sich Uneben­heiten auf dem Eise, wie fast immer in der Nähe unseres Lagers — wir pflegen solche Lagerplätze auszuwahlen — so nimmt er Deckung hinter einem Eishügel und ruckt unter feinem Schutze vor. Unsere Hunde sind immer angebunden, denn in den Kämpfen. 5>i°, die Hunde in der Stille der Nackt ausfechten, kann ein guter Hund getötet, und un­brauchbar gemacht fein, ehe man erwacht und einschretten kann. Aber wir kennen die Geiabr. die ihnen von heran- kommenden Eisbären droht, und bemühen uns, die Hunde io zu verteilen, daß, wenn der Bär sich einem Hund naherr, ein anderer das Tier wittert. Gewöhnlich binden wrr die Hunde auch an der Windseite des Lagers an. so daß der Bär an uns vorüber muh. ehe er zu ihnen gelangt Wenn ein Hund den Bären steht oder riecht, fängt er an zu bellen, und sofort bellt die ganze Gesellschatt. Gleich verliert der Bär sein Interesse. Er deiikt offenbar ° ..Es ist., also doch kein Seelund. sondern ein Fuchs oder eine Möwe. Er erinnert kick an das Seehi'ndttrrsck,. 'das er gewittert hat. richtet sich aus feiner flachen Lage auf und nimmt seinen gemächlichen Manch nach dem Lager wieder auf. Wenn die Sacke >o weit gediehen ist. ist sicher einer von uns mit dem Gewehr dranhen. auch wenn wir geschlafen haben, und eine gut angebrachte Kugel macht der Geschichte ein Ende.

Seehunde, von denen sie leben, die Weihfuchse, die sie un­absichtlich mit Futter versorgen, die sich aber immer in respektvoller Entfernung von ihnen halten, und die Möwen, die sie mit lautem Geschrei.bei ihren Mahlzeiten, um­schwärmen. Die Zoologen wissen es. aber dem Laren isi cs gewöhnlich unbekannt, dah der Weihsuchs beinahe ge­radeso ein Sectter ist wie der Eisbar, denn vermutlich

Am Noten Moor.

Von Karl Witzel.

Früh brechen wir von Gersfeld. dem von lieblichen Höhen umgürteten, stark besuchten Luftkurort der Rhön, aus. um Wasserkuppe und Milseburg zu besteigen. Im Dörflern Sandberg ist man schon rüstig bei der Arbeit. Weiter folgen wir dem Feldbach, der reich an sprühenden Wasserfällen. Liegen am Ende dev Schlucht nach Osten ab. schreiten durch den Mostwald und erreichen eine freie Hocke bene. Scharf westlich der Straße Bischofsheinr-Wüstensachsen dehnt sich das Rote Moor aus. eingeengt durch Mostberg und Ottilien­berg. Leicht läht es sich auch von Bischofsheim und Hilders gewinnen. r

Unser Weg führt am westlichen Rand hin. Wir be­mühen uns. von ihn! etwas örtlich, um die hier rationell be­triebene Torfstecherei zu beobachten, die so vielen Bewoh­nern Verdienst gibt. Zäh müssen ste mit der Natur ringen, um ihren Unterhalt »u schatten. Verschiedene Ortsnamen deuten auf die sprichwörtlich gewordene Armut der Ein­heimischen hin. , _ .

Gräben durchfurchen das Ganze, das dunkelrote bis schwarze Humuserde zeigt. Sie haben die Aufgabe, den sumpfigen Moorboden zu entwässern, um nach und nach ihn in Geld zu verwandeln. Wegen des grohen Reichtums an Feuchtigkeit stellt die Gegend eine Fundgrube seltener Pflan­zen dar. Mancher Botaniker macht hier seine Studien, und reiche Schätze verleibt er seinem Herbarium ein. Ich nenne nur die Trollblume, den schönen Sonnentau, das schnesweihe Wollgras, wenig vorksmmende Sahnenfuharten und Moose. Auffallend wenig Vögel sind hier anzu treffen. Sie scheinen Stellen, wo ihr Tisch reichlicher gedeckt, dieser einförmigen vorzuziehen. . _ „ , , . .

Das Rote Moor ist von erner Hochfläche umgeben, dre reckt spärlichen Graswuchs auf,zuweilen hat. Rack Westen hm nimmt er an Dickte etM-s zu. Rinderherden tummeln fick einige starkknochige Tiere verzehren das gerade nicht vor­trefflich zu nennende Futter, andere liegen wiederKiuend dar­nieder 'und sonnen sich. Bei diesem Anblick erinnert man sich lebhaft an das Hochgebirge mit seiner ViebwirMaft. Nack hte seltene Flora weist deutlich darauf hin. Unmittelbar neben dem Wea. den wir benutzen, stellt eine landwirtschaft­liche Versuchsstation mrt künstlichen Mitteln Düngverfucke an Ganz.klar war zu erkennen, wie verschieden ste je nack ihrer Zusammensetzung wirken. Weiter nach Welten zieht sich Wald bin. Auf der Hochfläche selbst versucht man, Fich­ten anzupttanzen. Obwohl sie an den Boden wenige An- so-üche stellen, fristen sie trotzdem ein kümmerliches. Dasein, ein Beweis, wie mager er fein muh. Saures Riedgras ge­deiht wohl, dock ist man daram es durch Futtergras zu ver­drängen rlberbanot will man immer mehr Boden dem Ackerbau und der Viehzucht erobern.

Der Rundblick vom Roten Moor steht rm grellen Gegen­satz zu dem was man hier gesehen. Im Süden wachsen das Mastiv des -Kreuzbergs mit dem Klosteroebäude und der Krevzigungsarnvve und der SimmeldanWerg in die Höhe, nördlich auillt die Fulda aus dem Boden, deren Quelle der Rbönklub mit einer Fällung und einer Fichtenbflanzung hat umrahmen lasten. Nordwestlich grüßt der höchste Rbönberg. die Wasterkugoe herüber, nordöstlich winken die sanft ge­schwungenen Höhen des Tbüringerwaldes mit Insel- und

-Sin^'eigerrartfses Fleckchen Erde, das der Kultur erwor­ben werden muh. besonders jetzt, da es gilt, aus dem Boden berauszuholen, was irgendwie möglich Nachdem sich unser Auge an dem Rundblick satt getrunken, setzen wir unseren Weg fort, um die Wasser kuppe zu erklimmen. -

Arn Busen der Natur.

Don Julius Kreis.

Einer von den beiden trägt eine Bttlle: der Sohn. — Der Vater braucht keine. Er steht ohnebtn etwas zu scharf. In der Rechten trägt er trotz dem blauesten Simmel — imm kann nie wissen (merk' drr das. Einil!) — einen schief» gewickelten Regenschirm, über den biederen stablvlättchenge- schonten, doppel-söhligen Stieseln ttt die Hose amgekremvelt. Der untettte Knopf des Rockjacketts ist zugeknöpft, so fam man innerhalb des Burgfriedens wandelt. Der obere Teil des Jacketts bauscht sich über der Männerbrust. , und, ei« patentierter Huthalter baumelt am Aufschlag. Die Stimm« ist volltönig. klingt ölig und läht keinen Widerspruch zu. Sie ist voll milder Sttenge. roenn ste mahnt, voll strenger Milde, wenn ste erklärt.

Im Antlitz macht sich Würde. Verantwortung. Aufmerk­samkeit und ein reinlich am Samstag zugeschnittener Voll- ^bart breit. Wenn man aus dem Burgftteden ist. wird der massive, geftrnihte Strohhut an den patentierten Hutbalter geklemmt, und Emil trägt die väterlickien Röllchen in der LinLn. Gib aber acht. Emil! -— Geb' gerade. Emil! Brust heraus. Emil! Tritt nicht in die Pfütze! — Jetzt itzt man noch nickt. Emil! — ... Jawohl, so sagt man im Volk: Sckmalzhluine. Es ist aber der Hahnenfuß. Baminculus acer, was du hier -siehst! — Sieh hierher! Die Buche ist der eigentliche Laubdaum unseres Tals. — Ein unverständiger und roher Mensch hat hier einen Buchstaben im die Rind« «e- fchnitten. Diese Forstfrevler verdienten fünf-imdzwanrig! Der Vater schwingt den Schirm.

Geh' nicht auf dem Schotter. Emil! Die Stiefel!... — Hier treten strecken,weise Lehmschichten zutage. Daher die Ziegeleien. Das kannst du gelegentlich im Aufsatz verwen­den. Wir haben es hier mit einer sogenannten Verwerfung zu tun . . .

Emil, der folgsame Sohn, trägt die Röllchen und merkt auf und schweigt. — Einmal bleibt er am 'Ackerland stehen und stochert mit dem Schirm an einem Maulwursbartten. Da unten rührt sich'«. — D, wenn man da zusehen. könnte, jetzt! — Emil! Mach >den Schirm nicht schmutzig! Komm! Der Maulwurf ist einer der größten Schädling« des Bauern...

Der folgsame Emil nickt. Zwei barfüßige Buben kom­men und haben eine hell« Freud« an einem Eidechschen in einer Zigarr-enschachteü Der Vater blickt ste mißbilligend an und sagt: Tierquälerei!

Emils Augen wandern sehnsüchtig verstohlen dm- Bubeir nach...

Die Eidechse gehört in die Klaste der . . .

Aber Emil, so Hab doch auf deine Füße acht! Emil ist gestolpert, — Er hat zu sehr n>ach den Duden gesehen, die da in den Men der Eiche herum turnen und Maikäfer schütteln. Wer da mittun dürfte! O. er wollte sich schon ttanen. bin- auszuklettern. . . Da ist er gestolpert. — Ein Röllchen kollert im Staub. — Der Vater sagt erzürnt: Du hast nicht das mindeste Interesse an der Natur. Und Emils Augen blicken hinter den Brillengläsern in die Weite, blicken in die Weite, in die Weite, unevlöst . . .

Hinter ihm spielen die barfüßigen Buben Mund­harmonika . . .

Beneidete.

Don Karl LStge.

Fritz Deckmann war der Sohn eines Autodroschken- führers. Wenn es der Fritz mal verschlafen hatte, kurbelte der Vater sein Auto an. drückte ordentlich auf und brachte den Fritz auch rechtzeitig in die Stadt hinein zur Schule. So dachten und redeten die 'Schulkameraden des Fritz, wenn er mit des Vaters Auto in der letzten Minute an,gesaust kam. Und der Fritz war eine Persönlichkeit. Er wurde beneidet. Er war der. um den sich alles drehte. Weil er -ab und zu mit dem Auto vor der Schule vorfuhr.

Aber davon wußten die Schulkameraden des Ftttz Beck­mann nichts, daß er frühmorgens, wenn ste alle noch lange Wiesen, schon heimlich die Zeitungen austrug und stch so das Schulgeld ver>diente. Und nur dann einmal, wenn der Vater zur selben Zeit in die Stadt fubr. wie er zur Schule mußte, wurde er mitgenommen. Sonst mußte er laufen wie alle anderen. ^

Lange Jab» hindurch schleppten die Müllerschen Ehe­leute die SebiÄmt nach der See mit stch herum. Erst ging es -der Kinder wegen nicht, daß ste vom Harz hinauf nach der See reisten. Dann kamen schlimme Zeiten. Und so fort. Immer kam etwas dazwischen. Aber dann ging es eines Jahres doch, und die Müllers fuhren -an die See. Rach Kuxhafen hinani. Und staunten das Meer an. Und beneide- ten die Leute an der See. die Tag für Tag das brausende Liöd vernehmen. die Seeleute, die mit der Pfeife im,Mund abends vor den Hütten lehnten, die Alten, die Netze flickten, und die kräftigen Jungen und Mädchen. Ja. und sie wären für ihr Leben gern länger als die armseligen 8 Tage an der See geblieben.

Fm Harz daheim aber saßen Leute von der See urck» wollten immer im Harz sitzen und die frische Höhenluft schnappen, so. wie die nach ihrer Ansicht um vieles glückliche­ren Bewohner des Harzes. ^

Dr. Stoffenkofen galt als der tüchtigste Arzt im weiten Umkreis. Selbst von den benachbarten Städten -kam man zu ibm. um ihm besonders schwierige Fälle anzuvertrauen. Hock-geehrt un!d hoch-angeseben war infolgedesien Dr. Stotten- kofen und nur das verwunderte dre Leute, dah er nicht heiratete. Und als es endlich doch gsichah. Leneidete man weit in der Runde die junge Frau, die einen so berühmten und schönen Mann bekommen hatte, und beneidete noch mehr als frMer den Arzt, der sich die reichste und klügste Frau der ganzen Gegend gewählt batte. Die Heiden Ehegatten galten als Mustermenschen in jeder Beziehung. Und des Mhmens war neben dem heimlichen Neid kein Ende.

Und dock versah Dr. Stoffenköfen seinen Beruf im Herzen mit Unlust, träumte seine freie Zeit von der Welt und ihren lockenden Sehenswürdigkeiten und Schönheiten, die ihm das Gebot eines barten Vaters verschlossen hatte. Und Frau Marie langweilte stch. wenn ihr Mann beruflich tätig war. und langweilte stch. wenn er von seinen Plänen uttd Ideen sprach.

Und sie lernten sich bald meiden und gar nicht lange dar- auf gar hasien. Eines kam ohne das andere aus und wäre froh gewesen, der leidigen Fessel ledig zu sein. Und waren dock beneidet, weil sie die Welt geschickt »u täuschen ver­standen