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Nr. 247.

Freitag, 2. November 1923.

71. Jahrgang.

Zur auswärtigen Politik.

Tic neuesten Nachrichten aus dem Auslande sind geeignet, die außenpolitische Lage Deutschlunds etwas aufzntellen. Vor allem die Aufforderung der europäi­schen alliierten Mächte an Amerika, in der zu bilden­den Sachverständigenkommission zur Prüfung der deut­schen Leistungsfähigkeit den Vorsitz zu übernehmen, er­öffnet günstige Aussichten. Mit diesem Schritt hat sich auch Frankreich einverstanden erklärt. Damit ist freie Dahn geschaffen für jene Sachverständigenkommission, die von der Neparationskommission ernannt werden wird.

Wir dürfen jetzt hoffen, daß wir endlich aus der lähmenden Atmosphäre hevauskommen, in der wir seit zehn Monaten stehen. Wir gehen also einer Zeit lebenswichtiger Verhandlungen entgegen, die sorgfäl­tiger Vorbereitungen und der ganzen Energie unserer politischen Leitung bedürfen. Schon deshalb must nun mit den innerpolitischen Wirren, welche unsere Kräfte zersplittern, ein Ende gemacht werden.

Am Dienstag soll der Reichstag zusammentrsten, um über die innerpolitifchen Vorgänge der letzten Wochen eine Aussprache zu halten, deren Zweck eine Klärung und eine Befestigung der in der Zwischenzeit schon wieder brüchig gewordenen Reichsregierung fein soll. Bis dahin wird auch die Entscheidung darüber gefallen sein, ob die Koalitionsparteien noch zustrmmen- znhalten sind, oder ob für die Fortsetzung der Reichs- politil eine neue Basis gefunden werden mutz.

Nachdem der sächsische Konflikt durch die Bildung einer sozialistischen Regierung gelöst ist, hinter der die demokratische Fraktion des sächsischen Landtags unter­stützend steht, während die Deutsche Volkspartei ihre Hvltung wieder geändert hat und dem Kabinett Fellisch setzt ihre Unterstützung versagt, bleibt als schwere Belastung der inneren Politik nur noch die bayerische Frage übrig. Hier allerdings sind nabezu keine Aussichten gegeben, auf dem bischerigen Wege des Zuwartcns und der Geduld zu einer Lösung zu kommen. Der bayerische Ministerrat hat sich erneut auf die angebliche Berfassungsmäßigkeit des bayerischen Vorgehens berufen und weigert sich nach wie vor, den Anordnungen des Reichs in der Frage der bayerischen Kommandogewalt nachzukommen. Die Sozialdemo­kratie, die vor die schwere Entscheidung gestellt wurde, das Vorgehen gegen Sachsen hinzunehmen und im Interesse der politischen Entwicklung in der Reichs- regierung zu verbleiben, kann diesen schweren Entschlutz nur dann rechtfertigen, wenn ihr in der bayerischen Frage Genugtuung gegeben wird. Diesem Standpunkt haben sich auch die Demokraten angeschloffen und das Zentrum wird dieser Linie der alten Koalitionsvar- teien nicht untreu werden. Die Entscheidung ruht also jetzr bei der zur Koalition neu hinzugeirerenen Volkspartei und auf dem Kanzler Stresemann, der leider erkrankt ist. Er hat es in der Hand, die große Koalition durch entschloffene Politik gegen Bayern auf­rechtzuerhalten.

Dieser Entschlutz wird ihm, wenn er recht beraten ift. gerade durch die autzenpolitische Wendung, die ein­zutreten scheint, erleichtert werden. Die Vorgänge in Bayern und Sachsen haben im Ausland den denkbar schlechtesten Eindruck gemacht und die Zweifel verstärkt, ob das Reich eine verhandlungssähige Regierung hat und ob es überhaupt noch ein geschäftsfähiger Pacrner ist. Als zuverlässiger Matzstab gilt das Kabinett Strese­mann aber nicht als solches, oder wegen der Person des Führers, sondern wegen der breiten parlamentari- lchen Basis, auf der es steht. Gelingt es Bayern und den mit ihm sympathisierenden Nationalisten, dieses Fundament zu zerstören und Deutschland in neue inner- politische Abenteuer zu stürzen, so ist damit auch die Voraussetzung der auswärtigen Politik gefährdet. Wenn man im Auslande geneigt ist, das Vorgehen gegen Sachsen trotz der militärischen Schönheitsfehler zu verstehen, so würde man es als ein Zeichen der be- otunenden militärischen Anarchie ansehen, wenn Bayern über das Reich triumphieren würde. Vielleicht gibt -es sogar in Bayern einige Leute, die dies einsehen, und die Reichsregierung täte put daran, diese Kräfte in B mein endlich durch ein Abwerfen der diplomatischen Maske zu stärken und als Mitarbeiter des Reiches heranzuzie-hen. Hoffentlich wird man in matzgebenden Berliner Kreisen die Zeichen der Zett erkennen und den Anfängen zur Herstellung des Gleichgewichts un Staatshaushalt ein weiteres energisches Ducchgreifen folgen lassen. Denn nur ein Deutschland, welä,es ielb die äußersten Kraftanstrengungen macht, um die wirtschaftliche und politische Anarchie zu überwinden bedeutet noch einen Faktor im internationalen «prel der Kräfte I

Dre SachverständigenkornmMon für Die Reparationen.

London, 1. Nov. Der diplomatische Berichterstatter des .Daily Telegraph" schreibt, zahlreiche Personen in London eien der Ansicht. dah durch die Natur seiner Funktionen der geplante Sachvjerstä nbligien au sschu tz SAwum ien sein werde, umherzuwandern, sei es. das lern vauvr- niartier Berlin oder eine der alliierten Hauptstädte lein werde. Es werde vielleicht erforderlich 'ein. dah der Uus- ckuh sich nach gewissen neutralen Ländern begrdi. entweder um die dorttäen deutschen Guthaben festzusteuen. oder die Aussichten ihrer Beiträge zu einer internationalen Anleihe zu untersuchen.

London. 1. Nov. Der WaMnatoner Berichterstatter Rer ..Times" schreibt, daß einem vollkommen unbemundeten Gerücht zufolge Hoover möglicherweise das Handels- iekrelattctt niederlegen werde, um in den SackwerstanDraew ausscluh für die Revarationen als amerikanisches Mitgueo einzutretcn. Allgemein werde angenommen, daß mindestens zwei Amerikaner gewählt werden und von den menten Leuten werde die Ernennung entweder Pi erp oni Morgan? oder einer der Teilhaber seines Bankhauses betrachtet.

Die Einladung an Amerika.

Londo«. 2 Nov. Reuter erfährt, dah die englische Regierung in P a r i s . R o m und Brussel drei gleich­lautende Ncten überreichen lieh, die den Entwurf einer Äcte an Amerika enthält und worin Amerika elnge- laden wird. Sachverständige für den Ausschuh zur Unter­suchung der Zahlungsfähigkeiten Deutschlands zu entsenden.

Die amerikanischen Mitglieder.

Loirdon. 2. Nov. Reuter meldet aus Washington, dah die Ernennung der amerikanischen, Mitglieder nir den Untersuchungsausschub für die Reparattonskrage noch mast in Erwägung gezogen ist. Aber es herrscht der Eindruck, dab die Regierung möglicherweise drei Mitglieder verlangen wird. Bei der Auswahl soll den verschie­denen Interessen Rechnung getragen werden. Gleichzeitig soll die Wahl in der Meise erfolgen, dah keine Besorgnis bezüglich einer Verwicklung Amerikas in die Angelegenheit des Völkerbundes zu bestehen braucht.

Stinnes beim Reichskanzler.

Berlin, 2. Nov. (Eig. Drahtbericht.) Der Abge­ordnete Stinnes war gestern in Berlin eingetros- fen und hat dem Reichskanzler über die Ver­handlungen zwischen den Industriellen und den Be- fatzungsmächten Bericht erstattet. Daraufhin fand im Laufe des Abends eine Mini st erbesprech ung beim Reichskanzler statt, die aber noch nicht zu Ende geführt werden konnte, vielmehr heute fortgesetzt wer­den soll. Dem Vernehmen nach ist der zwischen den Industrievertretern und den Vertretern Frankreichs und Belgiens geplante Vertrag über die Wiederauf­nahme der Arbeit rm besetzten Gebiet, über die Kohlen­lieferungen, sowie die Bezahlung der Kohlensteuer noch nicht unterzeichnet.

Das Abkommen mit Krupp.

Düsieldori. 2. Nov. (Sanas.) Nach den vorläufigen Besprechungen der letzten Tage wurde gestern ein defini­tives Abkommen zwischen der Firma Kruvv und den französischen Besatzungsbehörden geschlossen. Bon heute an wird die Arbeit auf allen Kruppschen Zecken, die in der letzten Zeit sehr gering war. mit möglichster Deschleunicmn»

wieder ausgenommen werden.

Baris, 3 Nov. kEig. Drahtbericht.) Die Zeitungs­meldung. dah das Abkommen mit der Firma K^vv . am Donnerstagabend unterzeichnet morden sei. bestätigt sich Das Abkommen betrifft die Gruben Hannover. Hanwibnl". ..Amalie" und Salzer-Neuack. Dre Arbeiteu werden bcute wieder ausgenommen Das Abkommen mit Stinnes ist neck nickt unterzeichnet, man hoftt aber dah im Laust des beutigen Tages eine Er-mgung zu­stande kommt

Düsseldorf. 31. Okt. (Savas.) Kruvv v. Bohlen Hit sich nnck Ablauf der ibm gewährten siebentägigen Frist miede' im Gefängnis gemeldet.

Wiederaufnahme des Verkehrs auf dem Rheiu-Herne- Kanal.

Dustburg. 2 Nov. lieber die Aufnahme des Ver­kehrs am dem Nbein-Serne-Kanal wird gemeldet, oah die Schleusen gestern der deutschen Verwaltung iiberg;b>i mit- b-'tt OT m 2 November soll der Betrieb wied-r ausgenom­men werden Nack dem geschlossenen Abkommen soll der ge­samte Damrserpark wieder freigegeben werden. Der Ver- Ieb,r auf der Masserstrahe wird sich einstweilen nur -is zur Schleust 7 erstrecken. Es dürfen nur solche schiffe zuge- l'asien werden, die Materialtranspotte von oder nach dem Werk iibern.-bmen, mir denen die Kontrollkommission st-r Hütten und Bergwerke ein Abkommen abgeschlosieu hat. - Entgegen den bisherigen Meldungen werden die Gebühren an das Schleppamt gezahlt. Schiffe, die Reparati 0 nsl-ek- rurgen /"--ordern, sind jedoch von der direkten Gebupren- obgake befreit. Die Gebühren für die Schiffe werden auf Rc- ara^ionskonto gutgeschrieben. Ein' gröbere Anzaol Arbeiter hat sich bereits zur Arbeitsauinahme ge­meldet.

Die ungelöste innere Krise.

as. Berlin, 2. Nov. (Drahtmeldung unserer Ber­liner Abteilung.) Das Reichskabinett hat noch immer wenig Zeit, sich mit den großen Fragen der äußeren Politik zu befaffen, denn die ungelöste innere Krise steht immer noch im Vordergrund des Jnteresies. Die Verhandlungen milt den Sozialdemo­kraten verzögern sich, da der Kanzler, dessen Ge­sundheit bekanntlich überhaupt nicht die beste ist, gestern auf Anraten der Ärzte das Bett hüten mutzte. Eine Kabinettssitzung, die abends am Krankenbett des Kanzlers stattfand, beschäftigte sich zunächst mit der Ruhrfrage. Die Verhandlungen, die Stinnes und die anderen Großindustriellen mit den Besatzungs­behörden führten, stnd nämlich so wett gediehen, daß mit dem

Abschluß eines Abkommens

gerechnet werden kann. Zu llären bleibt nur zwischen der Regierung und den Industriellen vor allem die Frage frei Rückerstattung deck ziemlich hohen Beträge, die die Industriellen, wenn es zu einer Wiederauf­nahme der Lieferungen an Frankreich kommt, gewisser­maßen für -das Reicb verauslagt haben. Wir glauben zu wissen, daß in diesen Verhandlungen gestern noch kein Beschluß gefaßt wurde.

Das Kabinett konnte außerdem nicht an dem neuen katastrophalen Währungsverfall -- wurde doch die Goldanleihe, deren sich sofort die Spekulation bemächtigt hat, gestern abend mit 360 Milliarden gehandelt vorübevgehen, der erneut be­weist, daß die von der Regierung errichteten Schutz- dämme viel zu schwach sind. Man kann gar nicht ver­kennen, daß hier neue Gefahren droben, wenn die Preise erneut in die Höhe schnellen. All das verhin­derte, daß das Kabinett schon gestern zu den Forde­rungen der Sozialdemokraten Stellung nahm und der Kanzler vereinbatte schließlich mit den Führern der Sozialdemokratie eine neue Unterredung für heute, zu­mal er auch zunächst mit den Führern der bürgerlichen Koalitionsparteien noch die sozialdemokratischen For­derungen zu besprechen wünscht. Es scheint trotzdem zweifelhaft, ob cs heute schon zu einer Entscheidung kommen wird. Man ist vielmehr in manchen Kreisen geneigt, die Verhandlungen mit den Sozialdemokraten hmzuziehen. Die Frage ist nun, wie sich die Soz'wl- demokrate bierzu stellt. Ihr Organ,Der Vorwärts", ist beute sehr pessimistisch und leider nicht ohne Grund. Tatsächlich sind gewisse Kräfte dabei, dem zweiten Kabinett Stresemann das Grab zu schaufeln. Wohin dann die Reise gehen soll, bleibt allerdings fraglich!

Nock kems Entscheidung über die Forderun en der Sozialdemokraten.

Berlin, 2. Nov. Die Entscheidung über die An­nahme oder Ablehnung der Forderungen der Sozial­demokraten durch das Reichskabinett ist gestern noch nicht gefallen. Nach einer Kabinetts- s i tz u yjg am Krankenbett des Kanzlers, in der die Verhandlungen zur Beratung standen, die von Hugo Stinnes und verschiedenen anderen Ver­tretern des Bergbaulichen Vereins über die Repara­tionslieferungen geführt worden sind, empfing wohl der Reichskanzler die sozialdemokratischen Führer, er­klärte ihnen aber, daß vorerst die Fraktionen der bürgerlichen Koalitionsparteien zu den Forderungen der Sozialdemokraten Stellung nehmen müßten, bevor das Reichskabinett über die Bedingungen endgültig Beschluß fassen könne. Im Laufe des heutigen Vor­mittags soll zunächst Rücksprache mit den Führern der bürgerlichen Koalition ge­nommen werden. Gegen Mittag wird dann eine Kabinettssitzung stattfinden, und im Anschluß daran wird die sozialdemokratische Reichstagsfraktion die Beschlüsse des Reichskabinetts eröttern.

DerVorwärts" hält die Aussichten für ein Verbleiben der Sozialdemokraten im .Kabinett nicht für sehr hoffnungsvoll. Das Blatt schreibt, allem Anschein nach treiben die Dinge zum Bruch. Jenseits der Sozialdemokratie scheinen zwei Strömungen zu bestehen, die eine sicht in den sozialdemokratischen Forderungen ein Ultimatum, dem man sich nicht fügen könne, die andere möchte die ganze Frage auf die Bank langwieriger Verhand­lungen schieben. Siegt die erste Strömung, so ist die Lage vollkommen klar; siegt die zweite, so ist sie auch nicht viel hoffnungsvoller, denn die sozraldemo- kratischenForderungen sind für unsSelbstverständlichketten

Der Reichskanzler erkrankt.

Berlin, 2. Ncv. Wie die Blätter Mitteilen, ist der Reichskanzler bettlägerig und darf auf dringen- den Rat der Arzte zurzeit bas Bett nicht verlassen.