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Nr. 240.

Montag, 22. Oktober 1923.

71. Jahrgang.

——EBB

Aachen, 22, Oft. (Erg. Drahtbericht.) Gestern mor­gen gegen 4 Uhr ist hier die R h e i n is che Re p u b l i k ausgerufen worden. Die Besetzung der Re­tz i e r u n g s g e b ä u d e ging glatt von statten, da die Schupo keinerlei Widerstand leistete. Zn einer Prokla­mation verspricht die Regierung den Bewohnern der neuen Republik Brot und Arbeit. Die Bewegung greift nach de" betatschen und englischen Zone über.

Köln, 22." Okt. fEig. Drahtbericht.) Die Ausrufung der Rheinischen Republik in Aachen bestätigt sich. Zn der Stadt herrscht Ruhe. Alle Telephon ver­bind ungen zwischen Köln und Aachen sind unterbrochen Rach Mitteilungen, die um 1 Uhr mittags in Köln Vorlagen, handelt es sich bei dem Aachener Putsch der Sonderbündler lediglich um eine Einzelaktion.

Köln» 22. Okt. (Eig. Drahtbericht.) Die sogenannte vorläufige Regierung läßt Flugblätter in Aachen. und den benachbarten Industriestädten verteilen, in' denen es heißt : Die Stunde der Freiheit hat geschlagen . Berlin hat bankerott gemacht und die Rheinlands müssen sich selbst helfen.

Aachen. 22. Okt. Zu dem Putsch der Sonder­bündler in Aachen wird noch gemeldet: Gestern früh- sahen die Bewobner aus dem Rathaus, dem Rogierungsgebäude. der Post und der Reichslxrnk die grüiuoeigrote Flagge der sogenannten Rheinischen Rermblik weben. Die Polizei, die vormittags noch auf den Strafen zu sehen war. zog sich später zurück. An ihrer Stelle standen zahlreiche Leute mit Armbinden an den Hauptpunkten der inneren Stadt, die den Zugang zur Regierung und Post verwehrten. Belgische Panzerautos sah man durch die Stadt fahren. Das Fern- ivreckanit arbeitet« nicht mehr. Weder Orts- noch Fern- tvr och ge in räche wurden hergestellt. Sämtliche Restaurationen batten tagsüber geschlossen. Auf dem Polizeipräsidium sah man keine Flagge der Sonderbündler, überall sind Plakate folgenden Inhalts angeschlagen' ..Rheinländer! Die Rheini­sche Republik ist da. Jeder Widerstand wird unnachsichtig unterdrückt. Plünderer und Ruhestörer werden strengstens bestraft. Wir werden für Lebensmittel und Arbeit sorgen. Darum bewahrt Ruhe und Ordnung!" Die Bevölkerung sammelt sich vor den Plakaten an undgeht dann ruh lg rvres Weges. Don irgend einer Wirkung auf die Öffentlichkeit ist dislher nichts zu bemerken. Gerüchtweise verlautet, datz von seiten der Arbeiter für morgen der Generalstreik ge- v l a n t ist.

Köln, 22. Okt. (Eig Drahtbericht.) Wie man jetzt über den Aachener Putsch erfährt, steht an der Spitze der Be­wegung der Kaufmann Beckers, der bisher keine selbstän­dige Roll« im Separatismus gespielt hat. Di« Aachener ge­hören zur separatistischen Gruppe Matthes. In Aachen bat die Lage ihre Besonderheiten infolge der besonders groben Lebensmittelnot der Stadt. Die Zahl der Separatisten^ die den Putsch in Aachen gemacht haben, wird auf 2000 geschätzt.

Paris, 22. Okt. fEig. Drahtbericht.) Eine aus Aachen hier eingetroffene Depesche vom 21. Oktober teilt mit: Die Rheinische Republik ist in Aachen ausgerufen worden. Alle öffentlichen Gebäude sind Sonntag früh 4 Uhr von den Separatisten beisetzt wor­den. Die Rheinische Flagge wurde ans dem Rathaus und dem Landratsamt gehisst. Die Schupo hat keinen Widerstand geleistet. Eine Proklama­tion teilt die vollzogene Tatsache mit und verbietet jeden Widerstand, jede Manifestation sowie Plünderun­gen. Die rheinischen Truppen werden nach dem Norden der belgischen Zone marschieren und sich dann der eng­lischen Zone zumenden. Nach im Laufe des Vormittags öingetroffenen Meldungen rührt die in der belgischen Zone ausgebrochene Bewegung weder von der Gruppe Dorten noch von der Gruppe Smeets her. An der Spitze der Bewegung befindet sich vielmehr der in Se­paratistenkreisen bekannte Aachener Kaufmann Beckers. Es ist nichts Genaues darüber bekannt, ob er isoliert handelt.

Paris, 21. Okt. Über den Handstreich der Sonder­bündler in Aachen liegen bis zum späten Nachmittag in Paris außer der ersten Meldung keine weiteren direkten Nachrichten vor. Havas veröffentlicht eine Düsseldorfer DepesHe, man kündige aus Aachen an, um 4 Uhr mor­gens hätten die Separatisten sich des Rathaus^ und der anderen öffentlichenEebäude in Aachen bemächtigt. Auch das Polizeigebäude befinde sich in ihren Händen. Dis deutsche Polizei halte sich neutral, und man wiste nicht, ob dieser Handstreich im Einvernehmen mit der Partei­leitung erfolgt sei. Nach Nachrichten, die offenbar am Quai d'Orsay eingetroffen sind und die einige Abend­blätter wiederholen, steht an der Spitze der Bewegung der Kaufmann Beckers aus Aachen. Er habe erst 'der Gruppe Dorten und nachher der Gruppe Smeets ange­hört. Von der ersten habe er sich getrennt, aus der zwei­ten sei er ausgeschlossen worden. Man wiste nicht, ob er mit Matthes arbeite oder getrennt vorgehe.

Nach einer Meldung aus Brüssel fand heute abend eine eilige Kabinettssitzung statt, an der jedoch von 11 Ministern nur 7 teilnahmen. Das größte Still­

schweigen wird nach dem Berichterstatter in offiziellen Kreisen über die Instruktionen gewahrt, die nach dem Kabinettsrat dem Oberkommandierenden der belgischen Truppen und dem belgischen Vertreter in der Rhein­landkommission übermittelt wurden. Die Ordnung in Aachen sei nicht gestört worden, und es scheine, daß zwi­schen dem Führer der Bewegung und den städtischen Behörden in Aachen Einverständnis bestehe. Man glaube, daß die belgischenBehörden aufgefordert wurden, sich reserviert zu verhalten. Die belgischen Behörden und die belgischen Vesatzungstruppen hatten in keiner Weise in diese Ereignisse eingegriffen, weil sie sich unter den Deutschen abgespielt haben.

Paris, 22. Okt. Der Sonderberichterstatter des ..Matin" in Wiesbaden meldet pber den Putsch in Aachen, er sei ausgegaivgen von keiner der organisierten sonderbündlerilchen Orsanisationen. Neben dem Aachener Kaufmann Beckers fei ein Dr. Gu thar.d t aus Duisburg. ein ehemaliger An­hänger der Gruppe ..»Freies Rheinland". Führer der Be­wegung. Der ganze Handstreich lei ausgesübrt worden von Gruppen von Arbeitern und Arbeitslosen in der Zahl »an 3000. die sich zuerst des Polizeidirektors bemächtigten. Alle Beamten sollen di« Änderung des Regimes anerkannt baden. Tte Besetzung des Regierunasgebäudes sei nicht in der Stacht, sondern erst im Lauf des gestrigen Tages erfolgt. Die Son­derbündler betten im Lauf des Tages sich nach Düren ge­wandt. In Wiesbaden sei man erstaunt, mit welcher Leich­tigkeit sich das Ereignis habe vollziehen können. Der Bericht­erstatter will eine gewisse Erregtheit in Mainz fvsi- gestellt haben. Doch haben sich die Separatisten zu einem Handstreich bereit gehalten. Die Polizisten batten am Er­kundigung der Separatisten erklärt.'sie würden sich weigern, von ihren Waffen Gebrauch zu machen, da sie wüßten, da« es unmöglich fei. sich einer Bewegung zu widersetzen, die täg­lich mehr Anhänger gewinne. Gestern vormittag hätten sich Matthes und v. Metzen in Wiesbaden befunden und sie feien im Lauf des Tages nach Aachen gereist.

Die rheinischen Frriheitsparteien in Grotz-Kera».

Erotz-Gerau. 22. 'Okt. Das ..Echo du Rhin" meldet: Die rheinischen Freibeitsp arteten haben beute die Verwaltung der Stadt und des Kreises Grotz» Gerau übernommen. Die Polizei stelle sich auf den Boden der Tatsachen und versieht im Verein mit den rheinischen Freiheitsparteien den Sicherheitsdienst. Der ganze besetzte Teil der hessischen Provinz Starkenburg hat sich damit aus den Boden des Rheinstaates gestellt.

Weitere Versuche der Sonderbündler.

Köln. 22. Okt. Nach hier «ingegangenen Nachrichten haben in der vergangenen Nacht in Rheydt und Krefeld starke Menschenansammlungen stattgenmden mit dem Versuch, die Rheinische Republik ausrurusen. Ebenso in München-Gladbach. Die Lage ist überall unverändert. Die Menichenans crmmlu ngen dauern an. In München-Glad­bach hat di« Polizei die Gewalt und die Sobände noch fest in der Hand. In Koblenz finden Verhandlungen zwischen der Masse mtb dem Oberbürgermeister wegen Ausrufung der Rheinischen Republik statt. Der Oberbürgermeister hat hier erklärt, da« er nur eine deutsch« Regierung anerkennen könne und nur der Gewalt weichen werde. In Krefeld haben die Sonderbündler von der Feuerwache unter Berhaltm» von Revolvern ein Auto requiriert.

Köln. 21. Okt.. 1 Uhr nachm. Nach den bisher aus dem übrigen Rheinland vorliegenden Nachrichten, so aus Bonn. Trier. Koblenz. Düsseldorf. Eschwerler, Jülich. Düren usw.. handelt es sich bei dem Aachener Putsch um ein rein lokales Unternehmen.

Die Bonner Schupo entwaffnet.

Berlin. 22. Okt. (Eig. Drahtbericht.1 In Bonn war am Samstag die Schuvo von bewaffneten Separa­tisten entwaffnet worden.. Als die Reichsresierung von diesem Borgang Kenntnis erhielt, richtete ste an die fran­zösische Regierung eine Protestnote. Munsterprasideut Poincarö bat darauf geantwortet, er habe bereits An­ordnung oetrofsen. datz die Bonner Polizei ihre Waffen wieder erhalten'soll.

Belgien mischt sich nicht ein.

Paris, 22. Okt. Das ..Echo de Paris" erfährt von seinem Berichterstatter in Mainz, da« der belgische Kommissar kn der RheinlandkommMon gestern deni Aachener Führer der vorläufigen Regierung bei einem Empfang erklärte, da« für das belgische Verhalten einzig und allein ma»gebend sei. di« Auirechterhaktung der Ordnung auf den Stra­fen zu sichern. Die belgische Regierung wolle sich Nicht in Sachen der innerdeutschen Politik einmischen.

Die Ansicht des „Temps".

Paris, 21. Okt. Der „Temps" sucht in seinem Leit­artikel den Beweis dafür zu erbringen, datz in Deutschland systematisch seit Jahren eine Revanchepolitik bettle- toeri'C, um fitf) die Gru-nbluige iüt leine Betrachtung, ufrci die Ereignisse in Aachen zu schaffen. Die Leute in Berlin und München kümmerten sich herzlich wem« darum, was dem Rheinland uns Westfalen gefalle. , Das wesentliche sei. diese Gebiete zurückzuerobern unübamit «ine Basis «egen Frankreich zu schaffen. Man begreife also, da« der Son­derbündler Beckers und seine Freund« die Reyubl'k ausse- ruien hatten. Es sei ein spontaner Akt der Bevölkerung. v:e nicht unterdrück!, ausgebeutet und als Kriegswerkzeug segen den westlichen deutschen Nachbar behandelt sein wollte. Der Bevölkerung des besetzien Gebiets würde Frankreich die Frei­heit ihrer Worte und ihrer Entscheibuns sicherstellen.

Die Generale.

Verschiedene Vorkommniste seit dem Bestehen des Ausnahmezustandes haben gezeigt, daß es unrichtig war. die Vollzugsgewalt nicht nach einheitlichen Gesichts­punkten durch das Reichswehrministerium und durch den Reichskanzler auszuüben, sondern sie in weitem Maße in das Ermessen der einzelnen Wehrkreiskomman­dos zu stellen. Dies'gilt namentlich von den Entschei­dungen mit politischem Einschlag, bei, denen es sich immer wieder herausgestellt hat, daß die Generale ent­weder den richtigen Einblick in die politische Situation nicht haben, weil sie sich als Soldaten mit Politik nie beschäftigt haben, oder daß sie, wenn sie sogenannte politische Generale sind, nach ihrer ganzen Vergangen­heit und nach ihrer politischen Einstellung nicht geeig­net sind, die richtige Mäßigung zu bewahren, welche die gespannte Lage erfordert. So hat der Militärbefehls­haber in Ostpreußen kurzerhand verfügt, daß die Aus­fuhr landwirtschaftlicher Produkte, vor allem von Ge­treide und Kartoffeln, aus der Provinz untersagt sei. Dies« Verfügung, die einen schweren Eingriff in die, Ernährungspolitik darstellt, mußte natürlich zurückge­nommen werden, was weder die Autorität desEenerals stärkte, noch dem Ausnahmezustand, einer ohnehin sdiö- sen Maßregel, bei der Bevölkerung Achtung verschaffte.

Der Fall des Generals v. M ü l l e r, des Ober­befehlshabers in Sachsen, ist noch krasser, weil er in das bochpolitische Gebiet der Beziehungen des Reiches zu den Ländern übergreift. Es ist jetzt klargeftelll, daß die törichte Rede des kommunistischen Mnisters Böttcher in Sachsen dem Reichskanzler und dem Reichspräsidenten Veranlassung gab, in einer Bespre­chung mit dem Reichswehrminister Dr. Eeßler ernste Vorstellungen hei der sächsischenRegierung zu beschließen,, daß solche Reden gegen die Verfassung verstoßen und nicht geduldet werden können. Zn diesem Sinne ist auch General v. Müller durch den Reichswehrminister verständigt worden. Er hat jedoch diese Weisung in einer Art ausgeführt, aus der die größten Schwierig­keiten entstanden. Der Brief des Generals v. Müller an den Ministerpräsidenten Dr. Z e i g n e r mit der Stellung eines Illtimatums kommt allein auf die Ver­tantwortung des Generals, der in überschneidiger Weise handelte, wo man ihn mit einer heiklen diplomatischen Mission betraut hatte. Allerdings erscheint es ver­wunderlich. daß das Reichswehrministerium, das doch feine Generale kennen muß, diesen Unfall nicht voraus- geseden hat. Es wäre besser gewesen, wenn es sich direkt an den sächsischen Ministerpräsidenten gewandt oder sich der Vermittlung des sächsischer Gesandten in Berlin, Dr. Grädnauer, bedient hätte, der schließlich dazu da ist, in den Beziehungen zu Sachsen als Ver­mittler zu dienen, und der als gemäßigter Sozialdemo- , krat dem sächsischen Ministerpräsidenten gegenüber mit einer ganz anderen Autorität auftreten kann als Gene­ral o.'Müller. der seine Beziehungen zu Zeigner schon früher in schroffer Weise abgebrochen hat. ,

Durch die mangelhafte Diplomatie des Reichsmehr- ministeriums und durch die Ungeschicklichkeit des Gene­rals v. Müller ist die Rsichsregierung in die unange­nehme Lage versetzt worden, den Eeniral v. Mütter desavouieren zu müssen und dadurch Herrn Zeigner zu eMem persönlichen Erfolg zu verhelfen, der diesen taren- lustigen und ehrgeizigen Mann nur noch zu weiteren Extratouren verleiten wird. Wenn in dem Verhalten des Generals v. Müller zn wenig Diplomatie lag, so hat der Oberbefehlshaber in Bayern, General v. Lofio w. zu viel Diplomatie gezeigt. Er hatte vom Reichswehr- nrinisterium den Auftrag erhalten, den „Völkischen Beobachter" in München, ein Blatt, das oft und gewohn­heitsgemäß zum bewaffneten Widerstand gegen das Reich und zur Separation Bayerns auffordert. zu ver­bieten rmd eventuell das Erscheinen des Blattes durch Besetzung der Herstellungsräume und Beschlagnahme der Druckerei zu verhindern. General v. Lossow hat diesen Befehl nicht ausgeführt und zur Entschuldigung geltend gemacht, ein solches Vorgehen hätte ihn in Kon­flikt mit dem bayerischen Diktator v. Kahr gebracht.

Er hat sich damit plötzlich auf die Seite der bayerischen Regierung gestellt. Der Reichswehrminister Dr. Eeßler und der Chef der Heeresleitung. General von S e e ck t. haben ihn deshalb seines Amtes entsetzt. Die bayerische Regierung aber erklärt, General v. L o s s o w habe nach wie vor die Befehlsgewalt über die bayeri­schen Trupven. Damit ist der Konflikt zwischen Bayern und dem Reich offen zum Ausbruch gekommen. Es liegt auf der Hand, daß es danach auf Biegen und Brechen geht. Wenn ein General sich dermaßen verhält wie General v. Lossow, so ist das unzweifelhaft eine schwere Gehorsamsverweigerung und jedermann weiß, was das zu bedeuten hat. Wie würde man in der monarchischen Zeit mit einem hohen Offizier umgegangen sein, der sich