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Nr. 237.
Donnerstag, 18. Oktober 1923.
71. Jahrgang.
Zwischenlösungen.
Das KaLmM hat die längst erwartete Verordnung vibtt die Errichtung einer WährmrgsLcmk nun in ihren Erundzügen angekündigt und wird die endgültigen Maßregeln alsbald durchführen. Es handelt sich um die Schaffung eines durch landwirtschaftliche und industrielle Hypotheken gedeckten neuen Zahlungsmittels, das Rentenmark heißen und von allen öffentlichen Kaffen angenommen werden soll. Daneben wird die Papiermark als Zahlungsmittel bestehen bleiben. Von der Rentenbank erhält das Reich zur Deckung seiner laufenden Verpflichtungen 1,3 Milliarden Rentenmark uitd soll so wenigstens auf einige Zeit in die Lage versetzt werden, die Rotenpresse stillzulegen und damit eine Hauptursache des dauernden Marksturzes zu beseitigen.
Es ist jetzt schon ersichtlich, daß die Regierung in der Erkenntnis, daß das gesamte Währungsproblem von der gleichzeitigen Lösung anderer Fragen, nämlich der Sanierung des Reichsbtzdgets und der außenpolitischen Frage, der Reparation, abhängt, eine endgültige Reform gar nicht versucht und anstrebt, sondern eine Zwischenlösung vorgezogen hat, welche dem Reich vorläufig Mittel verschafft und welche durch ein neues Zahlungsmittel eine Kreditgrundlage bilden kann. Wir
S en absichtlich, bilden kann, denn die Wirkungen einer hen Maßnahme auf den zehr komplizierten ^und eigenwilligen Geldverkehr lassen sich auch von sacksver- stöndigen Leuten nie genau voraus beurteilen. Deshalb ist man in wirtschaftlichen und finanziellen Kreisen eher skeptisch gestimmt und befürchtet, daß sich die elastische Spekulation sehr bald der Rentenmark bemächtigt und daß ein neues wildes internationales Börsenspiel losgehen wird. Dennoch halten wir die Absicht der Reichsrogierung, endlich den Versuch zu wagen und der Papiermark wenigstens für eine gewisse Zeit Luft zu verschaffen, für begrüßenswert, denn so wie bisher konnte es aus keinen Fall weitergehen.
Die Dinge liegen jetzt so: Gesetzliches Zahlungsmittel bleibt die Papiermark. Daneben steht als wertbeständiges Zahlungsmittel sowohl die Rentenmark als auch die Eoldanleihe: hierzu tritt dann für den bargeldlosen Verkehr noch die direkte Eoldverrechnung auf der Basis der Eoldnoten, die schon aus Grund früherer Entscheidungen von der Reichsbank der Wirtschaft eröffnet worden sind. In diesem Nebeneinander liegen zweifellos nicht unerhebliche Gefahren, die nur dadurch überwunden werden können, daß man dieses jetzt an- gekündrgte neue Geld tatsächlich nur für einen kurzen Zeitraum in Anspruch nehmen will und mit aller Energie die Bemühungen um die Gründung einer Pri- vargoldnotenbank fortsetzt.
In den letzten Tagen haben die Teuerungskrawalle im Reich einen'solchen Umfang angenommen, daß sie die ernsteste Aufmerksamkeit der verantwortlichen Stellen beanspruchen. Ihr Ursprung liegt ganz einfach in den ungesunden wirtschaftlichen Zuständen, wie sie sich besonders durch den neuerlichen kolossalen Markverfall herausgebildet haben. Die Abneigung der land wirtschaftlichen Produzenten, unter den heutigen Umständen ihre Ernte sofort zu verkaufen, ist eben allgemein und unter ihr haben.die Verbraucher auch der kleinen Städte zu leiden. Den Landwirten aber, die zum größten Teil ihre Erzeugnisse nur einmal im Jahve umsetzen, kann man es nicht verdenken, wenn sie sich scheuen, ihre Produkte in diesem Augenblick gegen ein Geld feilzubieten, das im Frühjahr, wenn sie für ihre eigene Wirtschaft neue Anschaffungen machen müssen, nach den bisherigen Erfahrungen bis auf einen geringen Bruchteil entwertet sein wird. Run hat setzt die Regierung ödie ersten Schritte zur Währungsreform getan. Sie wird erkennen, ob sie damit auf dem richtigen Wege ist, wenn es ihr gelingt, von den Landwirten die Abgabe von Kartoffeln, Korn und Fleisch gegen das neue Zahlungsmittel zu erreichen. Hier kann sie die Probe aufs Erempel machen und zugleich selbst vor dem gesamten Volk ihren Befähigungsnachweis erbringen. Daß daneben jedem Versuch gewisser agrarischer Kreise, durch böswillige und ungerechtfertigte Zurückhaltung ihrer Produkte die Pläne der Regierung zu durchkreuzen, mit Nachdruck entgegengetreten werden muß, bedarf keiner weiteren Ausführung. Auf alle Fälle aber wird die Sanierung unserer gegenwärtigen wirtschaftlichen Zustände nur in langsamem Zeitmaß vor sich gehen können. Dessen müssen sich auch die von der wirtschaftlichen Notlage am härtesten Betroffenen bewußt sein, mag auch die Last dieser schlimmen Tage sie seelisch noch so schwer bedrücken. Sie müssen auch erwägen, daß eine Regierung nicht allmächtig ist, daß man das Unmögliche von ihr nicht verlangen kann und daß sich die Verhältnisse nicht durch tumultuarisches Eingreifen, sondern nur durch einsichtiges Zusammenarbeiten aller Beteiligten ändern lassen.
Der deutsche Geschäftsträger in Paris, Herr von Ho eich, hat am gestrigen Mittwoch eine neue Unterredung mit dein französischen Ministerpräsidenten Po in c a 14 gehabt. Die deutsche Öffentlichkeit ist über den Zweck dieses Besuches nicht unterrichtet worden, aber er kann nur die Absicht verfolgt haben, endlich über die Wiederherstellung der Arbeit und normaler Verhältnisse im Ruhrgebiet und im Rheinland, sowie über die Einleitung von Reparationsverhandlungen zu einer Anknüpfung mit Frankreich zu kommen. Es ist deshalb bedauerlich daß die Neubesetzung des Pariser Botschafterpostens immer wieder verzögert wird. Zn letzter Zeit wird als Bewerber der frühere demokratische Abgeordnete v. Richthofen genannt, welcher der Ratio- naloersanlmlung in Weimar angehörte, dann aus der Politik ausschied und sich als Bankier betätigte. Er war in früheren Jahren im Auswärtigen Amt und im Aüsland als Attache tätig und gilt als ein im Wirtschaftsleben praktisch erfahrener Mann. Dagegen soll, wie man hört, der frühere Geschäftsträger in Brüssel, der sozialdemokratische Reschstagsabgeordnete Dr. Landsberg wenigstens vorläufig auf seinen Brüsseler Posten zurückkehren, was einigermaßen verwunderlich wäre, denn seine schon früher so beschränkte Wirkungsmöglichkeit würde jetzt, nach der Episode des passiven Widerstandes, noch mehr herabgemindert sein. Für persönliche Prestigepolitik und Ämterkonkurrenz der Parteien scheint uns aber die Frage der Besetzung des Pariser und Brüsseler Postens zu wichtig und zurzeit zu ernst. Es wäre deshalb zu wünschen, daß sich der Reichskanzler Dr. Stresemann, der ja auch zugleich Außenminister ist, diesen Fragen widmet, nachdem der Parlamentarismus gerettet ist!
Jet Dralle seMlsttlm Del M»i.
Baris. 18. Okt. Der deutsche Geschäftsträger. Botschaftsrat v. §> o e i ck,, bat gestern mittag im Amttag seiner Regierung beim Ministerprästdenten PoincarS eine neue Demarche unternommen. Die Besprechung hat ungefähr % Stunden gedauert.
Paris 18. Ott. Wie die Savasagentur zu der gestrigen Besprechung des deutschen Gösch äftsträgers v. So eich mit Poincaw mitteilt. ist nach der Unterredung keine Mitteilung gewacht worden.
Der „Temvs" schreibt darüber, der deutsche Geschäftsträger habe dem französischen Ministerpräsidenten seine ziemlich umfangreichen Instruktionen mitgeteilt. Nach Beendigung der Audienz sei kerne Mitteilung gemacht worden. Die französische Politik sei übrigens öffentlich wieder- bolt begründet worden in Erklärungen, die die Regierung nur ausrechterbalten könne.
Paris. 18. Ott. (Eig. Drahtbericht.) In der gestrige:> Unterredung des deutschen Geschäftsträgers v. Hoesch mit Polncar^ wurden dem französischen Ministerpräsidenten keine bestimmten Vorschläge seitens der Berliner Regierung gemacht, v. Hoesch kam in der Hauptsache aus d'-s Zahlungsunfähigkeit Deutschlands bezüglich der Materiallieferungen zu sprechen. Der französische Ministerpräsident habe im ungefähren Sinne seines bisherigen Standpunktes daraus geantwortet. Es fei Aufgabe des Reiches, für die Wiederherstellung geordneter Zustände im Ruhrgebiet Sorge zu tragen. Die Reichsregierung möge nach Rückkehr normaler Zustände sich an die Reparationskommission wenden. Man vermeidet in hiesigen Kreisen, die Tragweite der stattgefundenen Besprechung zu überschätzen und bettachtet sie lediglich als einen Annäherungsversuch der Berliner Regierung, der indessen zu keinem Ergebnis geführt habe. v. Soefch übergab als er sich von PoincarS verabschiedete, ihm ein eide memoire über die Materiallieferungen und Anweisungen. die Deutschland den Beamten im Ruhrgebiet zu er- teilen beabsichtigt. Diese Schriftstücke werden zurzeit von den zuständigen Dienststellen am Quai d'Orsay bearbeitet. In Brüssel ist Herr v. R ii d i g e r um 2 Uhr nachmittags vom belgischen Außenminister empfangen worden, dem er ähnliche Mitteilungen namens der Berliner Regierung, machte. Die Antwort Jawars dürste derjenigen des Herrn Po in care entsprochen haben.
Deutsche Vorstellungen bei Belgien.
Brüssel 18. Ott. (Agence Beige.) Der deutsche Geschäftsträger sprach gestern im Ministerium des Auswärtigen vor. wo er dem Minister des Äußern mitteilte, daß die wirtschaftliche Lage Deutschlands die Erhöhung der Kohlensteuer unmöglich mache. - Die deutsche Regierung würde die größten Schwierigkeiten haben, der Industriellen die Kohlen zu bezahlen, die sie Belgien leisten würden. Der Minister antwortete' Die Zahlungen gebe" die Industriellen und die Negierung an. Belgien wird die ihm gelieferten Kohlen auf keinen Fall bezahlen.
Die belgische« Sachverstäudigenentwürfe -
Paris, 18. Okt. (Erg. DvabtLerucht.) Gestern früh bat sich die Revarationskommissron unter dem Dorsttz Barthous versammelt und hat von den Entwürfen der belgischen Sachverständigen Kenntnis genommen!. Diese Arbeiten sehen bekanntlich drei Maßnahmen vor:
1 . B«rvachtung der deutschen Eisenbahnen, wobei Belgien eine Jahreseinnahme von 1 Milliarde Goldmark erzielt.
2. Verpachtung der Berb rauch smonooole auf Tabak. Bier. Schauimwein. Zucker. Stteichlbölzer usw.. die einen Jahvescrtrag von 1X> Milliarde Goldmatt abwevfen.
S.Kohlenlieferungen im Mindestbetrag von 340 Millionen Goldmark.
Die mme SeMl Nt Das Beit.
u«. Berlin, 18. Okt. (Drahtmeldung unserer Berliner Abteilung.) Auch heute ist es leider wieder nötig, auf die Entwickelung der Dinge in Sachsen zu verweisen, da hier ganz zweifellos dem Reich Gefahr dreht, die man nicht unterschätzen soll. Das Ultimatum des Generals M ü l l e r, - das der sächsische Ministerpräsident gestern dem sächsischen Landtag vorlas und die ablehnende Antwort, die Herr Zsianer erteilte, erleichtern nicht gerade die Lage. Ganz zweifellos gibt es für die Rede des kommunistischen Ministers Böttcher, in der dieser
die Diktatur -des Proletariats
pries uyd die Bewaffnung der Arbeiterschaft forderte und die den Anlaß zu dem Ultimatum des Generals Müller gab, überhaupt keine Entschuldigung. Selbst der „Vorwärts" bezeichnet diese Rede als sehr töricht und meint, Böttcher habe wahrscheinlich noch nicht begriffen, daß es zweierlei ist, große Reden zu halten und verantwortliche Politik zu machen. Man wird dem sozialdemokratischen Organ dabei nicht den Hinweis ersparen können, daß auch seine eigenen Parteigenossen in Sachsen eine sehr merkwürdige Auffassung non verantwortlicher Politik haben. Ganz abgesehen von der Formt, in der der sächsische Ministerpräsident den Kampf gegen de« Reichswehrmi«ister führt — die übrigens auch von besonnenen Sozialdemokraten verurteilt wird — ist es ein Ding der llnmog- lichkett, mit Leuten zusammen zu regieren, die sich zu solchen Anschauungen bekennen, wie der kommunistische Minister Böttcher oder die in allen llmsturzbewegungen eine so aktive Rolle gespielt haben, wie der Freund non Mar Holz, Brandler, der jetzt ebenfalls der sächsischen Regierung angeyört. Auch die Sozialdemokratie wird sich sagen müssen, daß man nicht im Reich den Schutz der Weimarer Verfassung proklamieren und gleichzeitig in Sachsen mit Leuten die Regierung ansüben kann, die eben
diese Berfassung beseitigen möchte«.
Dabei soll durchaus nicht die Frage entschieden werden, ob nicht General Müller besser aus einem anderen Wege hätte vorgehen können. Es ist gar keine Frage, daß überall da, wo die Ruhe und Ordnung gefährdet ist, eingsgriffen werden muß. Und auch in der Sozialdemokratie hätte man wahrscheinlich Verständnis dafür gehabt, wenn der Militärbefehlshaber gegen offene Terrorakte mit allen Machtmitteln eingSschritten wäre. In dem vorliegenden Falle wäre aber sicherlich etwas mehr Diplomatie
am Platze gewesen. Auf joden Fall bedeuten aber die Verhältnisse in Sachsen eine schwere Belastung für die Koalitionsregierung des Reiches, zumal auch der sozialdemokratische Parteivorstand sich jetzt für eine
Aufhebung des militärischen Ausnahmezustandes
'ausgesprochen hat. Ob eine solche Aufhebung oder
MililtmAilg der Mm\\. RheinIMminWon.
Von der Interalliierten Rbeinlandkommission gebt Bekanntmachung zur Veronent-
uns nabst lichung au'
nde amtliche _ _
rund der Verordnung 97 Art. 15 Mi:
Bekanntmachung.
Einlegung eines neuen Schnellzugs zwischen Mainz-Bon« und zurück
Einlegung eines neuen Schnellzugs zwischen Lauterbourg- Wiesbaden und zurück mit Anschluß an die Schnellzüge 28-87
von Strasbourg.
Ab 7. Oktober 19-3 wird ein neuer © Mainz-Bonn und zurück im nachstebendem ‘ 719. S. M. 1-2-3 10.30
11,01 11,05 11,34 11,52 12.14 12.38 1,02 1.27
Mainz Bingen Bingerbrück St. Goar Bovvard Koblenz« Andernach Remagen Bonn
11.02
11.06
11.35
11.53
12.20
12.40
1.03
Bonn Remagen Andernach Koblenz ~ utrti
mellzug zwischen ilaite verkehren: 826. S. Z. 1-2-3 1.00 1.23 1.45 2.07 2.34 2.52 1 3.22
* 3.27
3,59
1.25
1.46
2,13
2.35
2.53
3.24
3.28
Bovva St. Goar Bingerbrück Binsen Mainz
Vom gleichen Tage ab wird ein neuer Schnellzug zwischen Lmiterbrurg-Wiesbaden und zurück mit Anschluß an die Schnellzüge 88-87 von Strasbourg im nachstehenden Plane verkehren:
Wiesbaden Mttnz Oppenheim Worms Frankenthal Lndwigshccfei Speier
Germershelm Wörth Lauterbourg Strasbourg
Lerer» de Wiesbaden-Ville. Le Delesru« de la H. C. I. T.
28. S. 3.
1-2-3
6.56
857.
Strasbourg
S-'Z.
1-2-3
8.17
7.08
7.14
Lauterbourg
9.20
9,58
7.35
7.36
Wörtb
10.12
10.42
8.01
8.05
Germersheim
11.11
11.13
8.15
8.16
Speier
11.30
11.32
i 8.29
8.36
Ludwigshafen
11.57
12.05
8.59
9,00
Frankenthal
12.17
12.18
9,14
9.15
Worms
12.30
12,31
9.41
10.06
Mainz
1.11
1,20
10,20
12.04
11,00
Wiesbaden
1.32
