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Nr. 223.

Vsr der entscheidenden Wendung.

Was seit Wochen hier und da in der Öffentlichkeit angedeutet wurde, wovon seit Tagen die Zeitungen des Zn- und Auslandes voll sind, das ist jetzt schmerzliches Ereignis geworden: der passive Widerstand an Ruhr und Rhein kann nicht länger aufrechterhalten werden. Las ist die nüchterne Feststellung einer Tatsache, die nicht mehr bestritten werden kann. In bestimmten Teilen des besetzten Gebietes ist heute schon kaum noch von einem ernsthasten Widerstand zu reden, in anderen Teilen bröckelt er immer stärker ab, und an der Ruhr kann er nur noch weiter durchgehalten werden, wenn das Reich seine riesenhaften finanziellen Anstrengungen vervielfacht. Da aber heute bereits in einer Woche rund 100 Billiarden Mark ausgewandt werden, ist an eine Steigerung dieser gewaltigen Beihilfen gar nicht zu denken und selbst die Fortsetzung der bisherigen Finanzpolitik ist bei den trostlosen wirtschaftlichen Zu­ständen unmöglich geworden. Der Zeitpunkt des Ab­baues des passiven Widerstandes kann nicht mehr ver­schoben werden. Die Reichsregierung ist im Einver- nehinen mit den Parteiführern und den wirtschaftlichen Organisationen aus Ruhr und Rhein entschlossen, schon m den nächsten Tagen die entsprechenden Erklärungen abzugeben.

Daß der Abbruch nickst plötzlich erfolgen kann, unter­liegt keinem Zweifel. Die gewaltigen wirtschaftlichen, sozialen und verkehrstechnischen Ausgaben, die un­mittelbar nach Einstellung des passiven Widerstandes zu lösen sein weiden, find so mnfangreich, datz die Lösung nicht von heute aus morgen kommen kann. Dies vm so weniger, als das Ziel der deutschen Ruhr- und RheM- politik selbstverständlich sein mutz, möglichst bald wieder p geordneten Verhältnissen und p freier, wirtschaft­licher Betätigung der Bevölkerung zu kommen. Auf der anderen Seite würde jode unnötige Verzögerung des einmal notwendigen Schrittes die Erreichung dieses deutschen Zieles unendlich erschweren. Es wäre des­halb ebenso falsch, die Regierung zur Entscheidung zu drängen, wie es verkehrt wäre, ein« Hinausschiebung der erforderlichen Erklärungen aus spätere Zeit zu verlangen. Die Regierung mutz in dieser Hinsicht frei handelst' können, da sie ja die volle Verantwortung so­wohl für die Entscheidung selbst, wie fiir den Zeitpunkt vor dem Volk und der Geschichte zu tragen hat:

Der Reichskanzler Dr. Stresemcmn gibt sich inzwi­schen anerkennenswerterweise alle Mühe, vor der Ab­gabe der erforderlichen Erklärungen das Zugeständnis zu erhalten, datz nachher die deutsche Verwaltung wie­der eingesetzt und ein freier unbehistderter Verkehr zwi­schen dam besetzten und unbesetzten Gebiet wieder er­möglicht wird. Datz er außerdem anstrebt, die Amnestierung aller Verurteilten und die Rückkehr aller Ausgewiesenen garantiert zu erhalten, ist selbstverständ­lich. Die Verhandlungen über diese Voraussetzungen der offiziellen Aufhebung des passiven Widerstandes füllen die letzten Tag« und Stunden vor Abgabe der Regierungserklärung aus. Daneben legt der. Reichs­kanzler mit Recht das grötzte Gewicht auf die einhellige Zustimmung der Rhein- und Ruhrbevölkerung zu seinen bevorstehenden Entscheidungen. In dieser Hinsicht fin­den am heutigen Montag wichtige Verhandlungen mit den wirtschaftlichen Organisationen des besetzten Ge­bietes in der Reichskanzlei statt, nachdem die politi­schen Führer schon vorher gehört worden waren.

So sind von deutscher Regierungsseite aus alle nur möglichen Vorbedingungen erfüllt worden, um den schweren Schritt der nächsten Tage der gesamten deut­schen Bevölkerung verständlich zu machen. Eine Dolch­stoßlegende kann nicht wieder auskommen und unend­liche Verbitterung schaffen, wi« wir das vor fünf Jahren schaudernd erlebt haben. Aber das alles än­dert natürlich nichts an der unendlichen Tragik dieser neuen furchtbaren Niederlage Deutschlands. Zum zwei­ten Male kann sich Frankreich rühmen, Deutschland be­siegt zu haben und kann sich Herr Poincars cm schicken, seine Bedingungen zu stellen. Seine drei Reden am gestrigen Sonntag beweisen, datz er in keinem Punkte stnchzugeben gesonnen ist. Auch wenn es, wie die Re­gierung hofft, alsbald zu Verhandlungen mit Frank­reich und Belgien unter Hinzuziehung von England und Italien kommen sollte, werden die bitteren Folgen der deutschen Niederlage an der Ruhr und Rhein nicht ob- gewandt werden können.

Aber noch unmittelbarer als diese Gefahren späterer Verhandlungen bedrohen das deutsche Volk di« inner­politischen Folgen, di« sofort nach der Verkündigung der Aufgabe des passiven Widerstandes entstehen können. Hetzerische Agitation von rechts und links hat schon seit Wochen daraus hingearbeitet, aus der Einstellung des passiven Widerstandes einen Verrat am Vaterland zu konstruieren. Falls diese Maulhelden in den nächsten Tagen zu Taten übergehen sollten, würden wir Zu-

Montag, 24. September 1923.

stände in Deutschland erleben, die schlimmer waren als s bei der Revolution rm Jahre 1918. Das mutz unter allen Umständen vermieden werden. Das Reich und die Einzolstaaten verfügen heute über Machtmittel, die ihnen eine Niederhaltung derartiger gefährlicher Ele­mente ermöglichen. Mögen sie, wenn es nötig ist, Ge­brauch da»on machen!

Bsfprechungsn in Berlin.

Berlin. 24. Sept. Gestern abend besprachen die R e i ch s m i n i st e r die politische Lage. Irgendwelche Beschlüsse wurden jedoch nicht gefaßt. Heute sind die Vertreter des besetzten Gebiets nach Berlin geladen und für morgen werden die Ministerpräsidenten der Länder in Berlin er­wartet. Gegenstand aller dieser entscheidenden Be­ratungen ist di« Stellungnahme der Reichs­regierung zum Ruhrkonflikt und zu den MöglichkeiteneinerLösung.

Berlin, 24. Sept. Der Ausschuß der Demokrati­schen Partei besprach gestern in Anwesenheit der idemokratischen Minister die politische Lag«. Von be­sonderer Bedeutung waren die Ausführungen des Reichswehrministers Dr. G e ß l e r über die Putsch- gefahren, in denen er u. a. sagte: Wenn es zu einem Kampfe kommen sollte, so darf ich versichern, daß die Klarheit meiner Befehle nichts zu wünschen übrig lassen wird. Ebenso prompt wie meine Befehle wird auch die Ausführung durch die Offiziere und Mann­schaften sein. Dafür setze ich mich ein mit meiner ganzen politischen Reputation. — Der Parteiansschutz nahm von diesen Mitteilungen mit Genugtuung Kenntnis.

Auch die Delegierten der Landesorganisa­tion der Zentrumspartei berieten über die politischeLage. Es kam der einmütige Wille zum Ausdruck, das gegenwärtige Kabinett zu unterstütz-rn.

Maßnahmen der Reichsregierung gegen Umsturzplane.

Berlin, 22. Sept. (Amtlich.) In der Öffentlich­keit sind in letzter Zeit wiederholt Gerüchte über Bewegungen aufgetaucht, die sich gegen die Staatsgewalt richteten und den Umsturz vorbereiteten. Von verschiedenen Seiten wur­den nach dieser Richtung auch öffentlich Drohungen ausgesprochen. An der Stellung der Reichsregierung gegenüber etwaigen derartigen Versuchen kann . ein Zweifel nicht besteben. Unter dem Vorsitz des Reichs­präsidenten fand heute eine Beratung statt, an der der Reichskanzler, der Reichsminister des Innern, der Reichswehrminister und der Chef der Heeresleitung, General v. Seeckt, teilgenommen haben. Diese Be­ratung hatte den Zweck, alle Maßnahmen vorzuberei­ten, die notwendig werden können, um derartige Be­strebungen unschädlich zu machen. Es besteht unter den verantwortlichen Faktoren der Rsichsregierung volle Übereinstimmung darüber, daß bei jedem Versuch, die Staatsgewalt zu erschüttern, von welcher Seite er auch konrmen mag, sofortdie erforderlichen Maß­nahmen ergriffen und die der Reichsregierung ge­nügend zur Verfügung stehenden Machtmittel des Staates eingesetzt werden.

Stresemann über die Lage.

Kopenhagen, 24. Sept. Reichskanzler Dr. Strese­mann hat sich dem Vertreter der „Rational Tidende" in Berlin gegenüber über Deutschlands jetzige und zu­künftige Lage geäußert. Der Kanzler erklärte, datz er für eineVerständigung zwischen Deutschland und Frankreich sei. datz er für diese Verständigung ar­beiten wolle. Das endgültige Ziel sei, Deutschland zur Freiheit zurückzuführen. Rach Deutschlands nächster Zu­kunft befragt, erklärte der Kanzler, sie hänge von den Deutschen selbst ab. Wir sind ein zerrüttetes Volk, ein bedrücktes Volk, aber kein zusammengebrochenes Volk. Ungebeugt erwarten wir die Zukunft.

Die Berliner Sozialdemokraten gegen die große Koalition.

Berlin, 24. Sept. Gestern fand sin autzer- ordentlicher B e z i r k s p a r t e i ta g der Berliner Sozialdemokratie statt. Vor zwei Wochen war vom ordentlichen Berliner Bezirkspartertvg beschlossen wor­den, den sächsischen Ministerpräsidenten Z e i g n e r nach Berlin zu laden, um ihm Gelegenheit p geben, vor den linckt Funktionäre haben sich nun aus dem autzer- tische Politik in Sachsen zu sprechen. Die Ber­liner Funkitonäre haben sich nun aus dem außer­ordentlichen Vezirksparteitag in ihrer Mehrheit hi n t e r Z e i g n e r gestellt. Zm Verlause der Debatte fand im Anschluß an die Anssührungen Zeigners eine Reihe pon Anträgen Annahme, deren Tendenz sich g e g e n die große Koalition im Reiche richtet. Ein Antrag auf Absetzung der „Vorwärts"-Redaktion kam wogender späten Stunde nicht mehr, zu« Abstimmung

71. Jahrgang.

Drei Reden Porncar6s.

Paris, 23. Sept. Bei der Enthüllung eines Krieger­denkmals in Chamvenoux bei Nancy hielt Mmister- vriisident Poincars vormittags eine Rede, deren weit­aus größter Teil der Schilderung von Kriegshaudlungen ge­widmet war. die sich in der Umgebung von Nancy wahrend des Krie,es absoielten. „ „ t „

Am Schlüsse seiner Rede kam Poinccrrö auf die Folgen der Ruhrbesetzung zu sprechen und. behauptete. Deutschland wolle die realen Tatsachen nicht rn Rechnung stellen. Man wolle Deutschland reden und handeln lassen und abwarten. bis es sich von den Tatsachen überzeugt habe. Wenn cs auch am Rande des Abgrundes itehe. so sei cs immer noch Herr darüber, nicht hineinzufallen. Den Abhang gleite man rasch hinab, derjenige, der herunter- stürze, sei aber nicht Frankreich. _ .

Die zweite der angekündten Sonntagsreden hielt Psm- cars heute nachmittag in T o u l. Di« Rede besann mit einer Schilderung der auf die Festung Bezug habenden Kriegshandlungen und sprach sodann von den fortgesetzten Beunruhigungen, denen die Bewohner der Stadt an der ehe­maligen deutsch-lothringischen Grenze von 1871 bis 1914 aus- gesctzt gewesen sein sollen. Der Zustand, der damals ge­herrscht habe, habe niemals eine vollkommene Ruhe zu ge­lassen und nicht gestattet, daß zwei benachbarte Nationen normale Beziehungen unterhielten. Wenn nach dem neuen Kriege Deutschland gezwungen worden sei. Elsah und Loth­ringen zurückznseben. so habe man ihm nichts ohne den Willen der Bevölkerung weggenommen. Es sei mit einer Möss'gung behandelt worden, für die die Geschichte wen:» Beispiele kenne. Damit der Friede von morgen besser und sicherer sei als der von gestern, dürfe aber das Deutschland von morgen nicht mehr das Deutschland von gestern fein. Es zeige bei der Ausführung seiner Verpflichtungen nicht den geringsten guten Willen. Deutschlands Wohlstand sei durch den Krieg nicht ernstlich angetastet worden. Di« augenblickliche Krise Deutschlands unterbreche nur ferne Zahlungsfähigkeit, ohne sie für die Zukunft zu verringern. Es fehle Deutschland, welches feine Hilfsquellen und fein« Arbeitskräfte behalten habe, nur der Wille zum Besinnen. Frankreich fei nicht freudigen Herzens nach dem Rubrgebiel gegangen, und es habe nicht freudigen Herzens der Pfand- nabme den Charakter einer militärischen Besetzung gegeben. Deutschland selbst habe die Geduld Frankreichs mürbe ge­macht und selbst die Notwendigkeit von, Strafmatznahmen bewiesen. Man könne also nicht von einem militärischen Frankreich sprechen, das Gefallen an militärischen Experi­menten finde. So lange Deutschland die Ausführung feiner Verpflichtungen hinauszögern werde, werde Frankreich dort bleiben, wo es sei. Es gebe kein friedfertigeres Volk uiid kem gutgläubiger Mensch könnte Frankreich Un­recht geben. , _ ,

Im Priesterwald hielt am Sonntcrgnacknmttag PoincarS die dritte Rede, in der er erklärte, die Deullchen hätten knvituliert und ihre Niederlage anerkannt. Ihr Versuch, sich den Folgen zu entziehen und Frankreich die Frucht« seines Sieges zu entreißen, werde misslingen. Es fei Zert. daß Deutschland erfülle, dcmtit die französischen Dörfer wieder aus Ruinen erständen. Frankreich habe innerhalb der Grenzen des Vertrages und nach den Feststcllungender Reparationskommisiion Mahnahmen ergriffen. Di« Alliier­ten leien die Sieger, sie feien jedoch die wirklichen Kriegs­opfer geblieben. Dieser Widerspruch müsie fein End«,finden. Poincarö legte dann dar. in einigen Wochen werde die deut­sche Regierung den Widerstand im Ruhrgebiet nicht mehr bezahlen können, und selbst wenn er länger unterstützt werde, werde er dennoch zusammenorechen.

ziehen mühten. Man walle indes Frankreich Vorteile ent­reißen. um sagen zu können, man habe Frankreich zum Nach­geben gebracht. Dieses Manöver fei zu plump. Auch die Aussicht auf die Anarchie im Herze« Europas könne Frankreich nicht erschrecken. Die Erd« um Frankreich herum könne erzittern. Frankreich selbst (er immun gegen die Ansteckung. Man wünsche aufrichtig in Frankreich, dah Deutschland feine düsteren Vorhersagen widerrufen könne. Es babe die alte Disziplin beibehalten und se> durch seine traditionelle Bcgebun« zur wirtschaft­lichen Organisation wohl in der Lage, stch wleberaufzu- ricdten. Frankreich verlange nichts mehr als loyale Er­füllung des Friedensvertrages. Es fei bereit, zu einem Ende zu kommen, aber Deutschland müsie zuerst mit dem pasiiven Widerstand aufhören irnd * der Stellung von Vorbedingungen ein Ende machen. Frankreich halte stch an die Protokolle von Brüsiel. an sein Gelbbuch und an seine öffentlichen Erklärungen. Es habe nichts hinzuzu­fügen und könne auch uichts zurückziehen!

Das Echo in der Pariser Presse.

Paris. 24. Sept. Die Movgenvresie billigt mit Aus­nahme der sozialistischen Blätter die gestrigen Reden Poin- carös. Der „Matin ichreibt. die französisch« Regierung werde nichts dem Reichskanzler Stresemann konzedieren. Poincarö bat »estern offiziöse Garantl«n,m seiner Rede im Priesterwald gegeben. Die moralische Seite ist von zu großer Bedeutung. Wenn in einem Lande wie DeuM- land nach dem Kriege und nach der Niederlage noch 699 Pereinimlnaen sich finden, um zu erklären. Deutschland sei unschuldig und nicht besiegt, wenn ein Volk so leufit, ins zu machen und so zu korrumpieren ist. so ist es umnoglich — wenn man nicht gefährliche Folgen schaffen will —. ihm noch einmal den guten Glauben zu lasten, dah dieienigen. die es geführt haben, nicht dis Schuldigen find. An dem Tage, an dem Stresemann in Paris ankommen wird, um die Be- örn*un*en der. Reparationen zn reielni. wird er nach einem offenen Sie, Frankreichs erscheinen: wenn nicht — werde di» Frage im besetzten Gebiet geregelt werden, wo die Bevölkerung dazu geneigt wäre, aber dann werde sie sich unter Ausschluss der deutschen Regierung vollziehen, was nicht ,erad« von Nutzen für Deutschland sein wird.

Der ..Petit Parisien'' schreibt die drei Reden, die Poin- carS gestern in Lothringen gehalten habe, bildeten in dem Augenblick, wo die Rubrfrage einer raschen Lösung entgegen- «ehe. ein hervorragendes Ruhmesblatt der französischen Ttzoie. die der R«Mer»Äiid««»t feit seinem Wi«derauMe«