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Nr. 221.
Freitag, 21. September 1923.
71. Jahrgang.
Die Zusammenkunft zwischen Baidwin und Poincarv.
Paris, 21. Sept. ' Der englische Premierminister hatte gestern mit seiner Familie Versailles besucht und reist heute mittag nach London zurück. _ .
Paris, 21. Sept. Valdwin hat gestern abend nach seiner Rückkehr van Versailles Poincard im Quai d'Orsay einen Abschiedsbesuch abgestattet. Die Unterredung währte 10 Minuten.
Pnris. 21. Sept Über den Eindruck, den die beide n Unterredungen zwischen Valdwin und Poincard gemacht haben, schreibt der ..Petit Parisien" offiziös, man würde sich täuschen, wenn man annehme, daß Baldwin am Mittwoch oder in der gestrigen kurzen Unterredung alle Ideen über spezielle Probleme hätte aussprechen können. Die Thesen der französischen und der englischen Regierung mühten tatsächlich noch in der Praris einander näher- gebracht werden, sei es in der Frage der Rubrbesetzun« oder der Reparationen oder über di« Sicherheit der französischen und belgischen Grenzen. Der Besuch habe aber die politische Atmosphäre erneuert, in der sich seit Monaten die französisch-belgischen Verhandlungen abgespielt hätten. Rach d'efer Richtung habe sich der Eindruck des ersten Tages am Schlüsse des zweiten noch bestärkt. Nicht nur sei Gleichheit in den Ansichten und den Grundsätzen zutage getreten, sondern auch in den gemeinsamen Entschlüssen. die notwendigen Anstrengungen aufzubringen, um zu einem vollständigen Einvernehmen zu gelangen. Die Frage, die stch nach dieser Zusammenkunft ergeben habe. lei. ob jetzt sofort früher oder später Verhandlungen folgen sollen. Vielleicht werde die Absicht, die kundgegebrn werde, ihre volle Wirkung haben, wenn der passive Widerstand im Rubrgebiet beendet sei. An diesem Tage werden England und Frankreich stch einer neuen Lage gegenüber befinden, die neue Verhandlungen rechtfertige. Das Ende des passiven Widerstandes sei jetzt in einer mehr oder weniger kurzen Frist zu erwarten, ob es von der deutschen Regierung gebilligt wird oder nicht.
Paris. 20. Sept. Die Morgenblätter bsgrühen fast ausnahmslos die Wiederherstellung des Vertrauens zwischen England und Frankreich. Sie geben der Hoffnung Ausdruck, daß dieses Ergebnis in Berlin entscheidend wirken werde. Nach dem „Matin" -drehten sich die gestrigen Besprechungen Poincvr<Ä mit Baldwin um die gegenüber Deutschland einzuschlagende Politik und um die letzten Vorschläge des Reichskanzlers. Der „Matin" unterzieht das deutsche Angebot in diesem Zusammenhang einer Kritik und kommt zu dem Schluß, die von Deutschland angeboterren Summen seien viel zu gering, um das Ruhrgebiet freizukaufen. Der „Matin" spricht weiter von einer englisch-französischen Annäherung und einer Atmosphäre der Herzlichkeit, die in Paris und Rambouillet geherrscht habe und fährt dann fort: Es ist etwas Außergewöhnliches, daß das Kommunique redigiert werden konnte. Wir dürfen nicht vergessen daß die englische Presse während Monate hindurch offen den Bruch und daß Lord Eurzon offen eine Sonderpolitik mit Deutschland angeküadigt hat. Wenn Meinungsverschiedenheiten in etw-as bestehen, so trifft das nur auf dis Methoden zu. Frankreich hat die Ruhr besetzt. England hat keine anderen Methoden vorgeschlagen. Da außerdem die französische Methode im Begriff ist, Erfolg zu haben, so bedeutet das gestrige Kommunique, daß unsere Nachbarn über dem Ärmelkanal zu der wohlwollenden Neutralität Bonar Laws zurückkehren und uns in der letzten Phase des Kampfes nicht behindern werden, daß sie ferner von neuem auf unserer Seite stehen, wenn man sich dem Ziele nähert: d. h. den Reparations- zahlnnoen.
Zurückhaltung ln London.
London. 21. Sept. In hiesigen politischen Kreisen wird bezü,Iich des Ergebnisses der gestrigen Zusammenkunft »wischen den Premierministern Englands und Frankreichs größte Zurückhaltung bewahrt. Es wird hervor- gebeten. daß bis zur Rückkehr Baldwins nach Loitdon jede endgültige Ansicht über da? Ergebnis der Zusammenkunft verfrüht wäre. Unter Hinweis auf den zuversichtlichen Ton der Pariser Presse wird erklärt, die französische Öffentlichkeit se' anscheinend von der Zusammenkunft befriedigt.
Baldwin bei Millerand.
_ Paris. 20. Sept. Baldwin bat gestern nachmittag im Jagdschloß Rambouillet dem Präsidenten der Republik einen Besuch abgestattet. der über eine Stunde dauerte. Auch diese Unterredung fand in Anwesenheit eines Dolmetschers statt und soll nach Harms ebenso herzlich und vertrauensvoll gewesen sein. Weiteres wird nicht bekannt gegeben.
Theunis über seine Unterredung mit Poincar^
. Brüssel. 20. Sept. Gestern nachmittag ist hier unter dem Vorsitz des Ministerpräsidenten Theunis ein Kabinettsrai zusammengetreten. Der Ministerpräsident sowie der Außenminister Iaspar haben ihren Kollegen über die internationale Lag«, zumal über den Zustand der Dinge im Ruhrgebiet und im Rheinland. Bericht erstattet. Theunis machte gleichzeitig Angaben über ein Gespräch, das er vorgestern abend mit Votncar« führte. Die Unterredung zwischen dem französischen Ministerpräsidenten Und Tbeunis währte eine Stunde. Die beiden Staatsmänner sollen erneut ihre völlige Übereinstimmung. betr. die Ruhrpolitik, festgestellt haben. Sie seien «er Überzeugung, daß der passive Widerstand mit jedem, »eu«« Ta« mehr Nachlasse.
Eine Pariser Konferenz über Ruhr- uud Rheinangelegenheiten.
Paris, 21. Sept. Gestern abend ist unter dem Vorsitz Poincar^s eine Konferenz zusammengetreten, die sich mit den Ruhr- und Rheinangelegen- h e i t e n befaßte. Dieser Konferenz wohnten Marschall F o ch, -der Finanzminister, der Minister für öffentliche Arbeiten, der rheinische Oberkommissar Tirard und der elsässische Abgeordnete Oberkirch bei. Es wurden nach dem „Matin" alle Fragen durchgesprochen, die sich in dem Augenblick ergeben würden, in dein der passive Widerstand sein Ende finde. Über die W i e- deraufnähme der Arbeiten berichtete Le Troquer, über den M a r k st u r z der Finanzminister und über die Stimmung der Bevölkerung der besetzten Gebiete der Oberkommissar Tirard selber.
Rach dem „Echo de Paris" sollen im Laufe der Ve- vatungen auch die Maßnahmen geprüft worden sein, die getroffen würden, um die Markkatastrophe zu beseitigen. Für den Augenblick noch werde die Frage einer rheinischen Währung geprüft werden. Tirard soll nach dem gleichen Blatt seine Eindrücke dalsin zusammengefaßt haben, daß, falls die deutsche Regierung nicht rasch ihre Ordonnanzen über den passiven Widerstand zurücknähme, die rheinische Bevölkerung ihr den Weg zeigen werde.
Lin Ministerrat in Rambouillet.
Paris, 21. Sept. Unter dem Vorsitz des Präsidenten der Republik hat geftevn vormittag in Ra m bo ui l let ein Ministerrat stattgefunden, im dem 'der Ministerpräsident Poincar4 über die auswärtige Lage und der Minister für öffentliche Arbeiten über seine Inspektionsreise ins Ruhrgebiet Bericht erstatteten.
Das Mannheimer Schloß besetzt.
Mannheim, 20. Sept. Die Franzosen sind beute früh 5,30 Uhr in Stärke von zwei bis vier Kompanien über, die Rbeinbrücke gekommen und haben das Schloß beisetzt Sämtlich« Zugangsstraßen zum Schloß wurden von starken Maichirengewehrvosten besetzt _
Wie verlautet soll die Besetzung des Schlosies eine Vergeltungsmaßnahme für die vor etwa, fünf Wochen mitgeteilte Schießerei zwischen zwei französischen Kriminalbeamten und deutschen Kriminalbeamten an der Rheinlust in Mannheim sein. Wie verlautet, sind verschiedene Räunre des im Schloß untergebrackten Finanzamtes von den Franzosen versiegelt worden. _
Mannheim. 20. Sept. Die französischen Trupven. die b-ute morgen das Mannheimer Schloß besetzt haben, sind heute akeud gegen 6 Uhr bis auf eine Wache von 30 bis 40 Mann nach Ludwigshafen abgezogen. Die Wache ist aui die einzelnen Zugänge zum Schloß verteilt, die nach wie vor militärisch bewacht werden Die auf den Straßen aufgestellten Maschinengewehre sind abgebaut worden. Die im Schloß wohnenden Zivilversonen mußten ihre Personalausweise von den Franzosen abstempeln lasten und können nun gegen Vorzeisen dos abgestemvelten Ausweises das Schloß verlassen oder betreten.
Das Mannheimer Schloß ist nicht nur das «roste Schloß Deutschlands, sondern auch der größte Schloßbau Europas. Es nimmt mit seinen Höfen. Stallungen und Remisen einen Flächeninhalt von 6 Hektar ein. Die Frontlänge beträgt 530 Meter. Die Zahl der Fenster 1500. Das Schloß wurde als Residenz der Kurfürsten von der Pfalz in den Jahren 1720 bis 1759 erbaut und wurde von den Kurfürsten der Pfalz bewohnt, bis Kurfürst Karl Theodor nach dem Äussterben der bayerischen Linie der Wittelsbacher und nach der Vereinigung der Kurpfalz mit Kurbayern im Jahre 1797 feine Residenz nach München verlegte. Nachdem die Stadt Mannheim durch den Wiener Kongreß an das Großherzogtum Baden gekommen war. ging das Schloß in den Besitz der badischen Eroßherzöge über. Schon vor der Revolution wurden viele Räume des Schlosses für Behörde,,. darunter auch für die Gerichtsbehörden, und für Altertumssammlunsen. Bibliotheken usw. verwendet
Das Verbot der Zeichnung der Goldanleihe aufgehoben.
Düsseldorf, 20. Sept. Nach einem vom General Den- v i g n e bei dem Regierungspräsidenten in Düsseldorf ein»e- gangenen Schreiben vom 17. Sept. ist das unter dem 14 Sept. erlassene Verbot der Zeichnung der Goldanleihe im besetzten Gebiet als nicht ergangen anzufehen.
Eine Verfügung des Generals Degoutte.
Düsteldors, 21. Sept. Die Vorlesung aller Papiere eines Betriebes seit Beginn seines Bestandes ordnet General Degoutte in einer neuen Verfügung lNr. 71) an. die sofort in Kraft tritt. Nach Artikel 1 dieser Verfügung sind die Agenten der interalliierten Kontrollkommission befugt, Räume. Werkstätten und Nebengebäude der Jndustriean- iasen der besetzten Gebiete zu besichtigen, um dort die Beschaffenheit und Quantität der Rohstoffe, der Produkte und der sich dort befindlichen fertigen Gegenstände, festzustellen, um Einsint zu nehmen von den Plänen sowie von allen Dokumenten, die die Leistungsfähigkeit der Anlagen anseben und von den Ziffern der durch die verschiedenen Anlagen in den aufeinanderfolgenden Jahren seit ihrer Inbetriebsetzung erzielten Produkte. Nach Artikel 21 sind d!» Direktoien der Industrieanlagen verpflichtet, alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um aus Anlaß der Besichtigung der Agenten der interalliierten Kontrollkommission sich ergebende Zwischenfälle durch ihr Personal zu verhindern. Den Schluß der Verfüming bildet die Androhung mit Eefänguissirafen bis zu, 5 Jahre« und von BeMraßen bis zu 506600 Eattzmark.
I Wiederbeginn der Rsichstagsverhand- lungen am 26, September.
Berlin, 21. Sevt. Der Reichskanzler Streiemann hatte mit dem Reichstagspräsidenten Löbe gestern nachmittag eine Besprechung über den Wiederbeginn der Reichs- tagsperbandlungen. Der in Aussicht genommene Termin des 2 6. September für die Einberufung des Reichstags soll beibehalten werden. In der ersten Sitzung soll zunächst über die Frage des Eehaltszaülungsmodus für die Beamten verhandelt werden. Die außenpolitische Aussprache soll jedoch nicht im Plenum,, sondern im Auswärtigen Ausschuß stattfinden. Wann der Ausschuß zusammentritt, soll in der ersten Sitzun« des Ältestenrates, entschieden werden. Ob sich später auch noch das Plenum des Reichstags mit der Frage der auswärtige!, Politik beschäftigen wird, steht noch nicht fest. Die ..Voll. Ztg " bält es für wahrscheinlich, daß eine öffentliche Erörterung unterbleiben werde.
Die Deutjchnationalen gegen die Politik Stressmanns.
Berlin. 21. Sept. Zu den Erklärungen, die die vereinigten d e u t f ch n a t i o n a l e n Fraktionen des Reichstags und des preußischen Landtags in Anwesenheil von Vertretern der Bayerischen Mittelpartei (Deutsch-nationale Voltspartei in Bayern) gegen die Politik bei Regierung gegeben haben, schreibt die ..Nationalliberal« Korrespondenz", der Pressedienst der Deutschen Dollspartei u. a. folgendes: Di« deutschnationale Erklärung wendet sich am das deutsche Volk und fordert «s zur schicksalsschweren Entscheidung auf. Ehe das deutsche Voll sich ge Schritten entschließt, die für seine Zukunft schlechthin entscheidend sind, bat os wohl das Recht, zu fragen, ob die Verfasser der in Frage kommenden Erklärung sich selbst zur völligen Klarheit durchgerungen haben über die Dinge, di« al- Voraussetzungen mit möglichster Sorgfalt geprüft seit müssen. Das deutsche Volk mich Antwort auf mindesten- folgende vier Fragen erteilt haben:
1. Wie denkt sich die Deutschwationale Partei die weitere Finanzieriuns des Abwehrkampfes an dei Ruhr.
2. Wie denkt sie sich di« Gestaltung der deutsche» Währung bei Fortsetzung dieser Finanzierung.
3. Wie denkt sie sich die Fortsetzung des pMven Widerstandes durch die Bevölkerung an Rhein und Ruhr unter Berücksichtigung aller in Betracht kommender moralischen Imponderabilien und wirtschaftlichen Voraussetzungen? Welche Mitteilungen sind hierüber der Deutschnationqlen Partei taÄäch- lich zugegangen?
4. Wenn der Kampf als macktvotitischer Kampf aus- getragen werden soll, wo sind dann die hierzu erforderlichen Rechtsmittel?
Auf alle dieie Fragen muß dem deutschen Volk, wie gesagt. eine offene, ehrliche und rückhaltlose Antwort erteilt werden. Es ist notwendig, daß man auch in Bayern diese Fragen bis ins einzelne prüft, zumal Frankreich von Bayern ein Pfand beschlagnahmt hat in Gestalt der bayerischen Pfalz. Wir fürchten jedoch, offen gestanden, daß dem deutschen Volk eine Antwort auf diese vier Fragen von der Deutschnationalen Partei nicht erteilt wird.
Die ..Nationalliberale Korrespondenz" fragt dann weiter: Eine ähnliche Erklärung, wie die der Deutschnatiomrlen Partei, wurde, den Zeitungsberichten zufolge, auch von einer Versammlung von hundert Vertretern -der vaterländischen Verbände nach einem Vortra« des früheren volksparteilichen Abg. Eeisler gefaßt. Es ist an der Zeit, daß die Öffentlichkeit erfährt, wer binter diesen vaterländischen Verbänden stobt und wi« sich diese Berliner Versammlung zusammensetzt, d. h. ob hier die berufenen Vertreter der vaterländischen Verbände aus dem ganzen Reich anwesend waren oder nur Berliner Mitglieder, die zufällig zusammenberufen wurden. In jedem Fall gelten die aufgestellten vier Fragen auch Nr die Erklärung dieser Versammlung.
Vom Urlaub zurückberufen.
Berlin 20. Sept. Im Zusammenhang mit den Erörterungen über die Frage des passiven Widerstande? wird Reichsarbeitsminister Dr. Brauns auf Wunsch de? Kabinetts seinen Urlaub abbrechen und nach Berlin zurückkehren.
Einberufung der sächsischen Landtags.
Dresden. 20. Sept. Di« sächsische Regierung bat nach einer amtlichen Mitteilung beim Landtag die baldige Einberufung des Landtags, tunlichst auf die erste Oktrderwoch«. beantragt
Die Revision Raabe» verworfen.
DSsseldorf. 21. Sept Dar Nevisionsgericht hat di« eingeleite Revision des am 8. Sept. mm Tode verurteilten Studenten Raabe verworfen,
Zollbefreiung für Teigwareneinfuhr ins besetzte Gebiet.
Pari», 21. Sept. (Havas.) Das Amtsblatt veröffentlicht eine Bekanntmachung über die Einfuhr von Teigwaren in das besetzte Gebiet. In Rücksicht auf die schwierige Er- nibrungslage des Rbeinlandes hat die Interalliierte Rhein- landkommission beschlossen, die Teigwaren unter Nr. 20 des interalliierten Zolltarifs vorläufig von Zoll zu befreien. Die Einfuhr dieser Nährmittel m das besetzte Gebiet war einer Abgabe von 25 Eoldnmrk auf 100 Kilogramm unterworfen.
Eine tägliche Kontribution für Esse«.
Essen. 21. Sept. Der Stadtverwaltung in Essen wurde van den französischen Besatzungsorganen mündlich mitgeteilt daß man dem Stadt- und Landkreis täglich ein« Kontribution von 18000 Franken auferlegt Man will bei Bezahtunn der Kontribution von Geldbeschlagnahmungea abseben. Die Stadtverwaltuna Essen hat das Ansinnen «5-
