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Nr. §18.
Dienstag, 18. September 1923.
7t. Jahrgang.
Schuldner und Gläubiger.
Neben dm allgemein politischen Entwicklungen der etzten Wochen und Tage ist es von ganz besonderem Interesse, auf die sich immer gleich bleibenden wirt- , rftlichen Voraussetzungen zu verweisen, die von deutscher Seite für die Regelung der Reparationsfrage seit fahren angegeben wurden und die sich jetzt außerhwlb ktaatsrechtlicher Verträge zwangsläufig auf vrivatwirr- ichaftlichen Wegen mehr und mehr praktisch gestaltet gaben.
Vom Beginn der Diskussion über die Reparations- rge an ist von Deutschland die Auffassung vertreten w>J>en, dag so ungeheuerliche Repavationslasten von Deutschland aus eigener Kraft nicht getragen werden könnten, sondern daß es zur Nutzung seiner volkswirtschaftlichen Kräfte im Dienste der Reparationsarbeit er Finanzierung seitens des Auslandes und insbefon- ere seitens der Eläubigerländer bedarf. Der Reichster Dr. Stress mann hat -jetzt die Grundsätze rktischer Reparationsregelung auf dem Woge einer cm der Privatwirtschaft zu tragenden Reparaffons- bypothek unter Verwaltung der so geschaffenen dinglichen Sicherheit durch eine internationale Treuhand- iesellschaft vorgezeichnet. Wir glauben, daß es sich hier iricht um eine platonische Erklärung handelt, die in dem vio-en Auf und Ab der internationalen Reparations- besprechungen erneut nichts anderes bedeutet, als eine eite in -der geschichtlichen Darstellung unfruchtbarer politischer Deklamationen, sondern daß dieser Plan Msgesprochen worden ist nach sehr eingehender Klärung der Auffassung der Gegenseite.
Mir wissen in Deutschland, daß wir auf den wesentlichsten Gebieten unserer industriellen Arbeit über aßerordentliche Voraussetzungen für starke Produk- lionsleistungen verfügen, daß uns aber finanziell und außen handelspolitisch die Voraussetzungen für die volle usnützung dieser Produktionskräfte fehlen. Letzten ist die ganze Unfruchtbarkeit der bisherigen Re- ationsver Handlungen darauf zurllckzufüyren, daß ief» beiden letzteren Fragen nicht genügend beachtet uvden und greifbare Resultate für durchführbare Re- rrationsleistungen daher nicht zu erzielen waren.
Jetzt hat sich hier zweifellos eine grundlegende Ände- ling vollzogen. Es steht fest, daß die außerordentliche russebeweguug in den bedeutsamsten deutschen. Jn- bstrieaktien auf starke Interessenkäufe des Auslandes, »sbeisondere von französischer und englischer Seite, btt zurückzuführen ist. Es ist ferner sicher, daß vor llen Dingen von englischer Seite sich hierbei die Jn- eressen hauptsächlich auf westdeutsche Werte konzentrierten. um für die englische Wirtschaft die grötzt- «glichste Sicherheit bei einer deutsch-französischen lsirtschaftsoerstäNdigung auch bei Beobachtung weiterer Passivität seitens der englischen Regierung zu gen. Was beweisen nun aber diese bedeutsamen fektenaufkäuse im Rahmen des Planes, durch eine lallgemeine Reparationshypothek die Finanzierungs- Mundlaoen für die Reparationsschulden zu schaffen? Me beweisen nicht mehr und nicht weniger als die Er- «nntnis des Gläubigers, den Schuldner finanzieren zu iMssen, um seine Leistungsfähigkeit zu erhalten und im Mahmen der weltwirtschaftlichen Voraussetzungen wie- zu kräftigen. 1873 konnte Ludwig Bambrrger rauf Hinweisen, daß die außerordentlich schnelle Abgang der französischen Kriegsschuld gegenüber euischland in erster Linie dadurch herbeigeführt erde, daß die Regelung des staatsrechtlichen Schuld- Verhältnisses Frankreichs gegenüber den deutschen Klaubern dadurch ermöglicht wurde, daß dem französischen rat außerordentlich umfangreiche Werte aus seiner Ortschaft zuflossen, die aus teils direkten, teils über London geleiteten langfristigen Privatwirtschaft!::^^ redithergaben der deutschen^ Wirtschaft ^ rnzösifchen Wirtschcrftsl " " '
annehmen darf, die devalviertePapiermark alsSchside- münze zur neuen Goldnote im Verkehr behalten werden, dann einen Goldwert von 64 Millionen repräsentiert. Es ist festzustellen, daß hier der Schuldner — das Reich — durch feine Jnflationsw-irtfchaft zulasten seiner Gläubiger — der Anleihezeichner — in den letzten 5 Jahren eine Schuldminderung um 74 936 050 Goldmark herbeigeführt hat. Das Vermögen der Rentner, wesentliche Substanzbestandteile des gewerblichen Mittelstandes, sind vom Reich durch feine In- flationsuolitik und seine Wucher- undPreisgesetzgebung zur Bezahlung dieser Schulden hercmgezogen worden. Man vergegenwärtige sich, was es heißt, daß in diesen 5 Jahren" durchschnittlich aus das Jahr eine Substanz- hergabe von 15 Milliarden Goldmark zugunsten des Reiches seitens der gesamtdeutschen Wirtschaft erfolgt ist. Es wird auch jetzt noch so außerordentlich viel von Substanzerfassung gesprochen. Praktisch ist diese Substanzerfassung zur Regelung dieses Schuldverhältnisses bereits in Ausmaßen durchgeführt worden, die man früher niemals als durchführbar angesehen hätte!
Zur Zusammenkunft zwischen Baldwm und Porncarß.
Paris. 18. Sept. Sanas berichtet aus Air-les- Bains. der englisch? Premierminister Baldwin werde beute um die Mittagsstunde abreisen und sich nach Paris begeben. Der englische Botschafter in Paris habe Baldwin und PomcarS zu einem Frühstück in der englischen Botschaft eingeladen.
Paris, 18. Sevt. Zur bevorstehenden Zusammenkunst znsscken Baldwin und Poincarü schreibt der ..Petit Pari- sten". schon in der vergangenen Woche habe Paine nt6 freundschaftlich bei dem englischen Premierminister ongeffagi. ob bei seiner Durchreise durch Paris er eine Begegnung mit ihm haben wolle. Sandle es sich nur um einen einfachen Höflichkeitsbesuch? fragt das halbamtliche Blatt. Man könne mehr erwarten: aber unter der Bedingung. bah man von dieser Unterredung nichts erhoffe, was ste nicht bringen könne. Nur einige Wochen trennten uns von dem letzten Notenaustausch, der die Uneinigkeit der französischen und der englischen Regierung über di? Gesamtheit des Revarationsvroblems und die Ruhrbefetzung offenbart habe. Keine neue Tatsache von irgendwelcher Bedeutung habe sich seit dieser Zeit ereignet. Die Verband! unasange bot«. die in der letzten Zeit von Berlin gekommen seien, seien keines der Ereignisse. die seitens des deutschen Reichskanzlers die Absicht kundgäb.-n. bedingungslos den vastiven Widerstand einzustellen. Da also die Lage sich nicht geändert habe, könne man nicht erkennen, wie PoincarS und Baldwin ihre Stellungen ändern könnten. Aber es wäre doch gut. dab sie stch kennen lernten. Nach dem Blatt soll Baldwin den Männern seiner Umgebung erklärt baben. man könne die Entente nicht wieder so aufrichiew. wie sie sein solle, wenn man nicht da- mi: beginne, die Beziehungen des Vertrauens zwischen der französischen und der englischen Regierung wiederherzustellen. d-e die Macht der iranzöstsch-englischen Freundschaft vor und während des Krieges ausgemacht hätten. Die psychologische Basis de: ehemaligen Vertravens-
beziebungen fei ins Schwanken geraten. Man müsse sie aufs neue aufrichlen. wenn man wolle, dab die Zukunft bester werde. Von allen englischen Staatsmännern habe es nickt einen gegeben, werde aus der Umgebung Baldwins erklärt, der durch seine Offenheit, seine Entfchluhfäbigbnt und seine Geradheit sicherer sei. stch mit Paris zu verständigen als Baldwin. Einen groben Dienst werde also der Sache der englisch-französischen Zusammenarbeit geleistet, wenn nach der bevorstehenden Zusammenkunft die beiden Premierminister die Gewohnheit annehmen würden, in direkter Verbindung zusammenzubleiben. um zusammen daran zu arbeiten, nach und nach die Schwierig- keiien zu beseitigen.
London, l^^^j^^^DM^^plonra^-i^^Ber-cht- erstattei ' offizie fen
! Tie Pariser Presse zu den Reden
Po;ncar6s.
Paris, 17. Sevt. Zu den gestrigen Reden PoimcarSg nimmt nur ein Teil der Presse Stellung.
Das ..Echo de Paris" beschäftigt sich nur mit der zweiten Rede und glaubt, deren Bedeutung dadurch Hervorbeben zu müssen, dah es erklärt, der Oberste Rat der nationalen Ber- teidisur.g habe sich in den letzten zehn Monaten mit der Siwerheitsfrage beschäftigt. Er habe leine Ansichten in einer Anbahl wichtiger Berichte niedergelegt. in denen PonicarS seine eigene Auffassung vollständig bestätigt gefunden habe, eine Auffassung, die er leibst Lloyd George im Januar 1922 nach dem Angebot des Sicherbeitspoktes mitgeieilt habe. Nach dem Blatt dürste dem Franzosen eine Allianz nicht die Garantien ersetzen, die der Friedensvertrag Frankreich in den Art. 42. 43 und 44 durch die Entmilitarisierung des Rheinufers und der 59-Kilometer-Zone aui dem rechten Rheinufer zuerkenae. Der Hanvtgcgenstand einer englisch-französischen Allianz bestehe notwendigerweise darin, periodisch zu bestimmen, bis zu welchem Maste die beiden Staaten stch verpflichten müssen. um den angedeuteten drei Klauseln des Vertrages Kraft zu geben. Es verstehe sich von selbst, dah. je weniger Erostbritannien an diesem Werte teilnehme, um so gröster die postiiren Earanffen Frankreichs, mit denen es stch versehen müsse, stin müssen.
Der ..Figaro" schreibt, in dem groben und langen französisch-deutschen Kamvk seien die Franzosen Herren des Prozesses Die Drohung- Deutschlands mit dem finanziellen Selb st mord könne nichts an der Tatsache ändern, dab Zahlungen verlangt würden. Das halbe Voin- carö gestern mit besonderer Stärke betont. Man müsse cs fortgesetzt wiederholen
Der ..Komme Librö" schreibt: Deutschland hat kein Geld, um seine Reparationen zu bezahlen: aber es bat Geld, um Kanonen. Granaten. Gewehre und Flugzeuge zu bezahlen.
Nach dem ..Petit Journal" hat Poincarö gestern nachmittag das unantastbare Recht und den entschlossenen Willen heschii«:. von Deutschland seine Schulden einzuziehen. und auch seine Entschlossenheit. wirkungsvoll Frankreichs Sicherheit für die Zukunft zu garantieren.
Das ..Ovuvre" mihbilligt das Vorgehen Poincarös. Er habe erklärt, dab die Reoarationskommission nicht beiseite geschoben werden dürfe:, und er habe zu verstehen gegeben, dab ste für alles genüge: aber gerade das sei nicht wahr, denn nicht einmal sei sie imstande, von Deutschland selbst die Vesetzungskosten zu bekommen. Das Blatt wünscht, dab Frankreich erklärt, wie Deutschland revarieren könne. Wenn man fern, Deutschland müsse bezahlen und mit der Faust aus den Tisch au sich löge und die Ruhr besetze, so sei das immer noch nicht das Gleiche, wie DeuWland zum Zahlen zu veranlassen. Das letztere aber interessiere das Blatt am meisten.
Der tozialistischr ..Povulaire" lagt, es sei mibrsche'n- licb. auf die Frag«..ob die zwischen PoinearS und dem deutschen Reichskanzler eingeleiteten Unterhandlungen irgendeinen Fortschritt machen würden, negativ antworten zu müssen.
Der Eeneralrat des Departements Ri^vre gegen die
NnhrSesetzrrng.
Paris, 17. Sent. Wie der ..Populaire" aus Revers meldet, hat im Generalrat des Departements Niövre der Sozialist G a m a r d folgende beiden Entschliebungen ei - gebracht:
„Mit Rücksicht aui den lebhaften Wunsch der deutschen Bevölkerung/ zur Erfüllung der Reparationsverpflich- tnngen beizutragen, und entsprechend den Erklärungen Stresemanns fordert der Eeneralrat die französische Regierung auf. mit den Vertretern der deutschen Demokratie schleunigst ein Abkommen zu treffen und verwirkt die Besetzung des Ruhrgebietes, die eine hochmütige Ablehnung der Borfchläge Streiemauns darstellt."
Die zweite Entschliebung besagt:
..Der Eeneralrat tadelt und verurteilt dringend d?» Besetzung und die Beschiebnng von Korfu und stellt fest, dah der Zynismus Mussolinis das Vertrauen zu den Friedensverträgen vernichtet und von neuem einen Krieg zu entfesseln droht. Er bedauert dah die französische Regierung den italienischen Standpunkt unterstützt und damit den Kredit des Bölkerbunb;? ruiniert. ‘
■^ie beiden Enischliebungen wurden mit 11 gemn 2 ,ien angenommen Der Präfekt verlieh zweimal die h-
Fs badische Zentrum fiic eine Verständigung mit 1 Frankreich.
Lreiöurg, 17. Sept. Der gestern abgehaltene Lan- |rieitag der badischen Zentrumspartei faßte nach ^Referat des Vorsitzenden der Deutschen Zen- \ttei, Dr. Mar r, eine Entschließung, wonach Iche Zentrumspartei jeden Schritt begrüßt, der frständigung mit Frankreich Mr'en könnte, territoriale Unwersehrtheit des Reiches und etliche Hoheit zu verletzen und der Lerstungs- ?t des deutfchenVolkes unerträgliche Opfer zuzu- p. Die Entschließung verlangt, daß die persönliche feit und die Rllckksbrnwglichkeit der aus dem be- Gebiet Nusgewiesenen sichergestellt wird. Der Verständigungswille müsse seine Grenzen sinder physischen und moralischen Möglichkeit. Marx betonte, daß die Zentrumspartei ge- L fei, die größten materiellen Opfer vom deutschen zu fordern, um dafür die territoriale und ver- tgstschnische Hoheit des Deutschen Reiches in gegenwärtigen Umfange zu garantieren. Eine ln landfrage gebe es niemals für das im.
