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Nr. 217.
Montag, 17. September 1923.
71. Jahrgang.
Die Sanierung Oesterreichs.
Der pn Zeit m (Senf tagende Völkerbund hat ßch. nachdem er in der Behandlung des italienisch- griechischen Konfliktes auf zunächst unlösbare Schrvie- riigksiten gestoßen ist, mit einer Frage beschäftigt, die eine seiner wenigen positiven Leistungen darstellt, mit der Sanierungs-Aktion, die er feit etwa dreiviertel Jahr in Österreich durchführt. Es ist für Deutschland schr interessant und beherzigenswert, an der Hand der Berichte, die der Generalkommissar des Völkerbundes in Wien, der mit der Sanierung beauftragte Holländer Dr. Zimmer mann und der Präsident der Wirtschafls- und Finanz-Kommission des Völkerbundes, der Schweizer Dr. Ador erstatteten, die Wege und die Erfolge des Sanierungswerkes zu verfolgen _mti> daraus gleichzeitig die wirtschaftlichen und politischen Lehren zu ziehen.
Die Sanierungs-Aktion setzte ein, als der Verfall der Krone endgültig erschien und als es notwendig wurde, das nackte Leben der ausgehungerten österreichischen Bevölkerung, namentlich der Stadt Wien, durch ausländische Kredite zu sichern. Da die österreichische Regierung es bis dahin nicht verstanden hatte, durch selbständige Maßnahmen die Finanzen zu ordnen und das Vertrauen des Auslandes in den Krediten des Staates wieder zu gewinnen, mutzte sich das Kabinett Seipel zu dem politisch schweren Schritt entschließen, den Völkerbund anzurufen, ihm weitgehende Besugnisie der inneren Verwaltung des Staates einzuräumen und die Kontrolle der ^österreichischen Gesetzgebung und Verwaltung in die Hände eines vom Völkerbund bestellten neutralen Kommissars zu legen. Es mutz anerkannt weiden, daß der mit dieser Aufgabe betraute Holländer mit großer Geschicklichkeit und Energie vorging und daß es ihm geglückt ist, Österreich in verhältnismäßig kurzer Zeit auf eine gesunde Basis zu stellen. Es galt ein Defizit durch Anleihen M decken, das sich in zwei Jahren auf 650 Millionen Goldkronen belief. Die Emission wurde einer unabhängigen Emissionsbank übergeben, die das Monopol der Notenausgabe erhielt und die Anleihen aus zehn Auslandsmärkten unterbrachte. Die Genehmigung der ausländischen Parlamente war natürlich nur zu erlangen, wenn gleichzeitig die innere Sanierung so stark forciert wurde, daß das ausländische Kapital daraus eine Gewähr für die Sicherheit seiner Anlagen in Österreich erblicken konnte. Die sichtbarste Maßnahme hierzu war der Abbau des Bewmtenheerss, das Österreich aus der Zeit einer staatlichen Eroß- Machtstellung fast unverändert übernommen hatte und das für den kleinen Körper des neuen Staates viel zu groß war. Es wurden bis zum Juli dieses Jahres 46 000 Beamte entlassen, dieselbe Anzahl von Entlassungen ist in einem weiteren Jahr vorgesehen. Die HauMrsache des österreichischen Währungsverfalls war jedoch wie in Deutschland die Flucht vor der Krone und die Verschleppung des Kapitals in das Ausland. Es hat sich auch in Österreich gezeigt, daß gesetzliche Vorschriften, Devisenverordnungen usw. dagegen nichts helfen und daß nur die Stillegung der Notenprefle die Stabilisierung der Währung und die Balanzierung des Etats dieser Bewegung zunächst Einhalt gebietet und im weiteren Verlaus die Rückwanderung der Kapitalien bewirkt. Der beste Maßstab für das gefestigte Vertrauen in die inländischen Währungen sind die getätigten Spareinlagen. Diese betrugen in Österreich im Dezember 1922 nur 30 Milliarden und waren im Juli dieses Jahres bereits auf 400 Milliarden cmgewachsen, hatten sich also bei unverändertem Kurswert um 1200 Prozent vermehrt. Auch die unvermeidliche Folge der Stabilisierung nämlich der Rückgang des Exports und die Arbeitslosigkeit, hat Österreich verhältnismäßig gut überstanden. Während es im Februar dieses Jahres 170 000 Arbeitslose gab, sind es heute nur noch 80 000; eine Steigerung der Konkurse ist nicht zu verzeichnen und die Ängleichunq der Gehälter, Preise und Tarife an das stabilisierte Kursniveau hat sich ohne große Erschütterung vollzogen. Interessant ist, daß die Kurse der Aktien und W-rtpapiere, die vor der Stabilisierung der Entwertung nur langsam gefolgt waren, nach der Stabilisierung die Tendenz zeigten, sich dem stabilisierten Kursniveau anzugleichcn, so daß sich der Kurs manches Papieres in drei Wochen verzehnfachte.
Der österreichische Vorgang ist sicherlich wert, von unseren Finanz-, Wirtschasts- und Währungspolitikern eingehend gewürdigt zu werden. Die Maßnahmen, durch die Österreich gesund geworden ist, werden bei uns 'seit langen: gepredigt, aber nur zaghaft und unvollkommen durchgeführt. Wir wollen uns hier auf einige politische Bemerkungen beschränken, die sich aus den in Gens erstatteten Berichten ergeben. Sowohl
der holländische als der Schweizer Berichterstatter haben die geleistete Arbeit mit einer deutlichen Beziehung auf Deutschland gerühmt, indem sie sagten, dre Lehren der österreichischen Sanierung könnten wertvoll sein fiir den Fall, daß auch andere Länder sich m derselben Angelegenheit an den Völkerbund wenden. Es scheint uns, daß Deutschland zunächst eine andere Lehre daraus ziehen muß. Österreich hat sich seine finanzielle Gesundung mit einer Abtretung wichtiger sebftändiger Rechte erkaufen müssen, weil.es nicht die Kraft fand, das Nötige selbst zu tun. Für Österreich war der Schritt, einen fremden Kommissar zur Ordnung seiner Verwaltung zu berufen, sicherlich sehr schwer: für Deutschland wäre dies noch schwerer, nicht nur deshalb, weil das Deutsche Reich auch nach seinem politischen Zusammenbruch ein großer Staat ist, sondern vor allem deswegen, weil dis Veräußerung von Souveränitätsrechten fiir Deutschland ganz andere politische Folgen haben würde, als fiir den kleinen Staat Österreich. Deutschland könnte seine Stellung in der Welt nicht wieder zurückgewinuen, wenn es gezwungen würde, dem österreichischen Vorbild zu folgen und einen Konkursverwalter zu bestellen. Deswegen ist es Pflicht der Regierung, das, was in Österreich der Holländer Zimmermann durchführt, schleunigst ^ durch einen deutschen Zimmermann besorgen zu lassen.
Das deutsche Psandaugebot.
Berlin. 16. Sept. Amtlich wird mitgeteilt: Der „Temps" bat trotz der präzisen und konkreten Angaben, die der Hrrr Reichskanzler in seiner lebten Rede über das unrtschartffche Earantieangebot gemacht hat. doch den sruber schon erhobenen Einwand wiederholt, dah dieses Angebot gegenüber den Bestimmungen des Versailler Vertrages maus wesentlich Neues bedeute. Er versucht das dam:, zu beweisen. daß nach 8 12d der Anlage 2 zum Revaraffons- kapitel des Vertrags das deutsche Steuersystem ebenso schwer sein soll wie das der alliierten Staaten und dag nach Artikel 248 alle Einnahmen des Reichs vorzugsweise zur Abdeckung der Revarationsverwrich- turigen zu verwenden sind. Es ist ohne werteres ersichtlich, dah diese beiden Vertragsbestimmungen mit dem deutichen Vorschlag, der die Eintragung verzinslicher Hyvo.theken auf den vriraten deutschen Grundbesitz urrö dre Einbringung dieser Hypotheken in eine von den Alliierten mrt zu verwaltende Treuhandgesellschaft vorsieht, rn keiner Werse rn Zusammenhang gebracht werden können. Der deutsche Vorschlag erschöpft sich keineswegs darin, die allgemeine Steuerkraft der deutschen Wirtschaft für Reparntronszwecke zur Verfügung zu stellen, vielmehr werden dadurch konkrete Vermögens obtekte ihrer Substanz nach umnrttelbar ersaht und m den Dienst der Reparationen gestellt. Es handelt sich also um ein wirkliches reales Pfand im Sinne des privaten Rechts, das die Reparationszahlungen wirtschaftlich und rechtlich sichert und darüber hinaus durch die Liauidität der an die Treuhan.dgesellfcha.ft .abzuführenden Hypochekenzinsen unmittelbar die Möglichkeit von Zahlungen bietet. Es steht außer Zweifel, dah dre Bestellung eines solchen Pfandes von den Alliierten weider auf Grund der angeführten, noch aut Grund anderer Vertragsbestimmungen gefordert werden kann. Wie dem „Temvs bekannt fein wird, bat sich auch die Reparat i o n s - kommisiion im März d. I. gelegentlich der Ausgabe der deutschen Goldanleihe auf den Standpunkt gestellt, dag weder der 8 12b noch der Artikel 248 den Alliierten ein Recht auf Beschlagnahme oder dringliche Belastung einzelner deutscher Vermögensobjekte, und zwar nicht einmal einzelimr Dermögensobiekte des Reiches, einräumen Er kann alto nicht ernstlich in Abrede stellen wollen, dah das deutsche Angebot «inen ganz entscheidenden Schritt über den Versa-Iler Vertrag hinaus bedeutet und dah es kein bloßes Versprechen darstellt, sondern dah es dem immer wieder geäußerten fvanzöstschen Wunsch nach realer Garantierung der Reparationszahlungen in vollstem Mähe gereckt wird.
Die Aufsagung der französischen Negierung.
Baris. 17. Sept. Das ..Petit Journal" veröffentlicht, cffenbar beeinflußt. eine Nachricht, worin es heißt. die französische Regierung kenne dre Absichten derdeutschenRegierungnur aus der letzten Rerchs- kanzlerrede. Die Unterhaltungen zwischen dem französischen Botschafter und dem deutschen Reichskanzler bedeuteten sicher eine Entspannung, aber sie hätten noch zu keinem positiven Resultat geführt. Das Blatt glaubt sogar.zu wissen. dab diese Unterhaltungen seit einiger Zeit unterbrochen se-ien oder sich auf dre Behandlung laufender Geschäfte beschränkten. Das Eintreffen des Delegierten der Revarationskommffiion Haguenin in Berlin habe keinen anderen Zweck gehabt als den. diese Kommisiion über die allgemeine Lage in Deutschland zu unterrichten. Haguenin sei niemals mit irgend einer Sondermission betraut gewesen. Für den Augenblick, fährt das Blatt fort, scheine es. als ob die deutsche Regierung oen endgültigen Verzicht auf den passiven Widerstand nur unter der Bedingung rns Auge fassen könne oder wolle, dah ste vorher die Versicherung erhalte, dah das Rubrgebiet sogleich oder wenigstens in kurzer Zeit völlig geräumt werde. Es verstehe stch von selbst, dah eine derartige Auffassung in Paris für v ö 11 i g. u n z u l ä n g - lich gehalten werde. Die französische Regierung glaube, dah diese Auffassung weder der wirklichen Lage in Deutschland noch ihrem Standpunkt entspreche.
Empfang der ausländischen Presse beim Kanzler. Berlin, 16. Sept. Reichskanzler Dr. Strefemann wird am Montagnachmittag die hiesigen Vertreter der uusLändijschen Presse zu einem Tee rm Garten der Reichskanzlei empfangen.
Zwei Reden Porncar6s,
ooiticate Me «rite oer rur Deute an-gerunorgien v>. politischen Reden. Poincarö erinnerte »die Bewohner von Dun-sur-Meuse an Goethes „Hermann und Doro- t b e a“. in dem
die Schrecken der Auswanderung
behandelt seien. Er sprach alsdann von dem deutschen Adler, der im Frieden noch nicht völlig die Gewohnheiten abgelegt habe, die er im Krieg zeigte. Es sei zu hoffen, dah er mit seinen großsprecherischen Manieren nur seine Enttäuschung verhüllen wolle. Ich begreife, so fuhr Poincarö fort, dan es den Völkern, die den deutschen Einbruch nicht erfahren haben, schwer fällt, sich die Leiden vorzustellen. die Frankreich und Belgien erleiden muhten. Keiner der vorausgegangenen Kriege habe auch nur annähernd, eine Vorstellung von dem geben können, was erne ferNdlrche Besetzung bedeutet. Bei der llnterzeichnung des Friedens haben sich die Alliierten gegenseitig das Versprechen gegeben, und das besiegte Deutschland bat es beschworen, dah dre oe- gangenen Verbrechen nicht ungestraft bleiben sollten, und dab alle Schäden, die an Personen und Sachen durch den Einfall verursacht wurden, repariert wurden. Man habe diese Schäden sorgfältig auigezählt. und m der Liste stehen nicht nur die vernichteten Immobilien und Mobilien. widern auch die Pensionen ff'ir die Kämpfer und deren Familien. Für manchen iedoch sind alle diese Vorschrnten heute
toter Buchstabe.
Weil die Deutschen ihre Verpflichtungen verleugnet bKm und wir es nun für Mt halten, sie daran zu erinnern, kritisieren und verdammen uns gewisse Leute. Warum — w fragen sie — geben wir unsere unzeitgemäßen Reklamationen nicht aus? Warum halten wir uns so genau an dre Verträge? Warum wollen wir unsere Forderungen Nicht von den Rationen revidieren lassen, die nicht am Krieg terlge- nommen haben? Wenn wir keine Kombinationen annehmen, die Deutschland von der Zahlung seiner Schulden heisreren, bezeichnet man uns als herrsch süchtig in Anbetracht unserer Forderungen und macht uns Zudringlichkeit zum Borwurr. Alles, was Deutschland unternahm und was dazu diente, Frankreich zu ruinieren. gehört der Vergangenheit an. und im Flusie der Ereignisie zählt die Vergangenheit Nicht mehr. Alles, was Deutschland unternahm, um sich seinen Ver- pslichtungen zu entziehen, wurde ebenfalls vergessen, und auch das soll der Vergangenheit angeboren, und dre Vergangenheit von gestern liegt manchem schon zu fern. Man will von unseren Forderungen nicht mehr sprechen. ^ Man bält es für übertrieben und ermüdend, wenn wir als die am stärksten Betroffenen die Notwendigkeit verspüren.
rasch errtlchädigt
zu werden. Diese kleine Ungerechtigkeit müssen mir ohne Unwillen hinnehmen. Das verletzt die Franzosen, die sich eingebildet baden, ste würden um ihrer selbst willen gebebt, und die sich nun enttäuscht fühlen. Es wäre ein ebenso großer Irrtum, wenn wir uns einbilden wollten, daß unsere Freunde und wicht wir seWt die Verteidigung unserer Interessen durchzuffibren haben, wie es ungerecht wäre zu üc- fürchten dah wir in dem. was unser Recht wahrt, irgend jemand schaden könnten. Unsere Rechte sind m den Verträgen nieder gelegt, die unsere Allrrerten unterzeichnet haben. Es würde _., ,
lerne Sicherheit
in den Beziehungen der Völker geben, wenn die abgeschlossenen Verträge verleugnet würden. Weder den neutralen Kommisiionen noch den internationalen Sachverständigen noch den internationalen Ndeikommffsaren. auch nicht einmal dem Völkerbund, dessen Aufgaben groß sind bat der Vertrag von Versarlles dre Aufgabe zuerterlr. die 'Höbe der deutschen Schuld festzusetzen oder die Bedingungen zu bestimmen, unter denen ste bezahlt werden soll, sondern einer besonderen Kommisiron. die Repn-
lÄiiitö« der Mersll. MMlaMmWon.
Von der Interalliiertem Rbeinlandkommisiion...gehl uns nachstehende amtliche Bekanntmachung zur Berou.n- ffchung auf Grund der Verordnung 87 Art. 15 zu:
Bekanntmachung.
Die von der deutschen Regierungs-Propaganda verbrcr- teten Falschmeldungen über den durch die Beschlagnahmungen von Zucker durch die Befatzungsbehörden angeblich her- vorgeruienen Zuckermangel lasien nicht nach und sind neuerdings wieder aufgetaucht. „ „ v ,
Demgegenüber werden folgende Tatsachen zur allgemeinen Kenntnis gebracht: ,
In den Zuckerfabriken der französischen und belguchen Befatzungszone sind als vorhanden festgestellt worden 65 000 Tonnen: davon wurden beschlagnahmt 21600 Tonnen, es blieben also noch übrig 43 500 Tonnen weiher und brauner Zucker für die Versorgung des Landes. Dre Beschlagnahmungen waren am 10. ÄUMst beendigt, und der Zucker der kommenden Ernte hätte gegen Ende des Monats November zum Verbrauch geliefert werden können, rmolgedesien für eine Zeitspanne von 4 Monaten für die Zuckerversorgung der Bevölkerung die Summe der übriggelassenen 43500 Tonnen verblieb. „ , ^ „ ....
Für den Normalverbrauch der Bevölkerung genügen ein Kilogramm pro Kopf und pro Monat, und da die Be- rölkerungszisfer der französischen und belgtfchen Zone mb auf ungefähr 6 Millionen beläuft, wurden 24 000 Tonnen zur Versorgung dieser Bevölkerung, brs zum Ende, des kommenden Monats November hrnreechend sein. „Es blieben immerhin noch ungefähr 30 000 Tonnen übrig für die normale VerforMng des Landes. . . . .
Es wird noch besonders hinrugefugt. daß die angegebenen Zisfern nicht die Zuckerlager der Grossisten, noch der Schokoladenfabriken und aller anderen Fabriken, welche den Zucker bei ihren .Herftellungsmethoden benötigen, betreffen' ferner nicht die Vorräte der Detaillisten. Bei allen diesen ' Genannten haben keine Beschlagnahmungen statt- öcfttftbcu»
Cercle de Wiesbaden-Ville. Le Delesruö de la H. C. I. T. R.
