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Samstag, 15. September 1923.

Wiesbadener Tagblatt.

9fr. 216. Seite 13.

‘Zinterßaftungä Beilage

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Zur Geschichte unserer Mark.

Die einst so stolze Münzeinheit des Deuticken Reiches, unsere Mark, ift infolge der traurigen Verhältnisse am einen geringen Bruckteil ihres ehemaligen Wertes herahgefunken. sie hat ihre Rolle zu Ende gespielt und wird überstürz oder lang einem anderen Zahlungsmittel weichen müssen. Die Mark kann auf eine bewegte Vergangenheit zuruckblicken: sie war ursprünglich ein deutsches Münzgewicht. .das aus dem alten römischen Pfund zu 12 Unzen hervorgrng. Im Anfang benutzte man Rohmetallgeld (Rohsilber oder Silber­barren). das man abwog. als Zahlungsmittel. Damals er­hielt das römische Pfund den Namen Mark (Marca). Es fand bei den Franken Eingang, wurde jedock bald auf zwei Drittel seines ursprünglichen Betrages (8 Unzen oder 16 Lot) verringert. Um eine weitere Wertverminderung zu verhindern, drückte man den Gewichtsstücken ein Zeichen, eine Marke, auf. woraus die Bezeichnung Mark entstand, die zuerst 1042 vorkommt. Man nahm als Norm ern halbes Pfund kölnisch Gewicht, d. h. 16 Lot. an. Die kölnische Mark hat bis in die Neuzeit hinein als Einheit des deutschen Münzgcwichts gegolten. In Köln, der damals bedeutend­sten deutschen Stadt, hieß seit Mitte des 11. Jahrhunderts die Hälfte eines Pfundes Mark' sie zerfiel in 12 Schillinge zu 12 Pfennigen. Am Ende des 12. Jahrhunderts war das Münzpfund (240 Denare) bereits auf den Wert einer kölni­schen Mark (144 Denare) gesunken. Für eine damalige Mark konnte man übrigens 300mal so viel kaufen wie für unsere Friedensmark. Das älteste in Köln noch vorhandene Exemplar der kölnischen Mark wiegt 233,8123 französische Gramm, d. b. 0.467 6246 neue deutsche Münzpfund. In dieser Schwere führte man die Mark 1830 in Leipzig ein. Die preußische Man- und Eewichtsordnung von 1816 setzte die Mark, di« in den verschiedenen Ländern sehr verschieden an Gewicht war. und z. Ä. in Wien 280. in Krakau jedoch nur 200 Gramm wog. auf 233.8565 Gramm, d. h. «in halbes preußisches Handelspfund fest. In diesem Betrage diente sie 1837 bis 1857 als Münzmark der zum Zollverein ge­hörenden Staaten. Sie zerfiel damals in 288 Gramm zu 16 preußischen As. wonach eine Mark gle-ck 4608 preußische As war. Bei der Unsicherheit der Münzverhältnisse ver­gangener Jahrhunderte muhte man schließlich das Geld wiegen' damals kam die Bezeichnung Pfund (1 Pfund Pfennigs 1 Pfund Heller) für einen an Wert sehr ungleichen Münzbetrag in Aufnähme Als das Pfund immer schwan­kender wurde, rechnete man nach Mark und im Kleinvrrkehr nack Groschen, die man nach Schock zählte. Aber auch die Einheitlichkeit des Wertes der Mark ging bald verloren. Es gab rauhe.'mittlere, feine, bremische, kölnische usw. Mark. Am Ausgang des Mittelalters kuckte man eine neue Münz­einheit in dem aus Florenz stammenden Gulden, der aber im Wert ebenfalls erheblich schwankte. Dis in das 17. Jahr­hundert hinein galt die Mark in der Rheinsegend als die gebräuchlichste Münze' sie zerfiel in 12 Weißpfennig, 144 Heller und 288 Pfennig. Noch um 1460 hatte di« Mark einen Wert von 717. 1551 jedoch nur noch von 380 Mark unseres vorkrieaszeitlichen Geldes. Besonderer Wert­schätzung erfreute sich stets di« kölnische Mark, als Gold- und Silbergewicht war ste in Bayern. Württemberg. Hannover. Braunschweia, SchaumLurg-Livve. Oldenburg. HoMeni- Lauenburg. Bremen. Hamburg. Österreich, Liechtenstein usw. noch lang« im Gebrauch. Man unterschied je nach der

vrn 500 Gramm als Münzgewicht auf Grund des Wiener Münzvcrtrages von 1857 in den dabei beteiligten deutschen Staaten, hatte die Mark nur noch in den Hansastädten Gel­tung. Dem Münzwirrwarr in den verschiedenen deutschen Ländern und Ländcken machte die Errichtung des Deutschen Reiches ein Ende, seitdem galt die Mark, die in 100 Pfennig zerfiel, als Geldeinheit. Heute liegt unsere Mark, die als Silbermünze bekanntlich schon seit einigen Jahren nicht mehr im Verkehr ist. in den letzten Zügen. Möge ihr bald eine Auferstehung in verbesserter. wertbeständiger Gestalt beschieden sünl _ E. E. R.

Die blaue Blume.

Von Heinrich Leis.

Es war ein heller und sonnenfroher Tag. tausendfältig brach sich das Lickt unter der kristallenen Simmelsschal,-. Aus der weißflimmernden. Glut der Straßen, darin die Häuser standen wie lichtgetünckte. breite Blöcke, trieb es den Jüngling fort in die freie Weite, den Pulsschlag des Lebens lauter und kraftvoller zu fühlen am Herzen der gütigen Natur. Frohgemut ausschreitend. ließ er hinter stch Lärm und Dunst und wirres Gewog« der Menschen, der ewig Hastenden und .Zeitgebundenen, zur. Stille und sanft rau­schenden Feierlichkeit des Waldes die Sehnsucht gewandt und den unbeschwerten Manderstnn. Die Welt batte stch mit den unzähligen Farben des Sommers geschmückt. In hohen, saftgrünen Büscheln aufgeschossen wogte das Gras den Takt des leise summenden Windliedes und das Fächeln und Weben der altem Bäume raunte die dunkleren Töne einer mählich anschwellenden Melodie.

Den Elan» und die Pracht, den Duft und die Farben- fülle von Wachsen und Weben tief einschlürfend, schritt der Jüngling bald langsamer und ganz bmgegeben einem seligen Sckauen. aller Zeit und Bedenklichkeit entrückt: die Sinne weit aufgeschlosien den unerschöpflichen Wundern. die mit immer neuen Formen. Bildern und Gestalten seinem trun­kenen Auge vorüberschwebten. Da sprudelte in schatten- grüner Dickung ein perlendes Quellwasser, vlavvernd Zwie­sprache haltend mit Büschen. Steinen und dem hüpfenden Sonnenlachen. Da flatterten buntflugelig leichtbeschwingte Falter, und von der Kuppel des Laubdachs nieder zwitscherte mit vielstimmigem Trillern der Vögel lichtfroher Jubelsang.

Mitten im dunkelnden Grün, von den Mauern hoch­stämmiger Wälder umsriedet. ganz von, Sonne übergossen. eröffnete sick eine Wiese, wie ein Teppich weich und bunt und mit zahllosen Blumen durchstickt. Und lässig ins Gras gestreckt, sckloß der Jüngling die Augen, deren Wimpern und Lider kaum die Überfülle strömender Helle bannten. In all sein Weien und Fühlen tauchte der Glanz des Himmelsblau, blendend last mit dem unermeßlich ausgegosienen Leuchten. Rur kurze, flatternde Gedanken trieben noch vorbei wie Fedcrwölkcken vor der Sonne, dann glitt der Jüngling in stiller, ruhsamer Wunschlosigkeit einer Traumtiefe zu. die alles Wesen rings umkleidet zeigte mit zartgesponn«n«n Schleiern aus Sonnengold. .... . .... ,

Aus Traum und Versunkenheit sich losend, öffnete der Jüngling die Lider zu freierem. Blick in die Weite über Graefläche. Waldrand und Simmelsbogen und begriff, gleichsam in sich selbst verwandelt. mit diesem Blick eine neue, wundersame Schau. So nabe, daß seine ausgestreckte Sand sie pslücken konnte, fand er. zu seiner Seite eine blaue Blume von seltener, fremder Schönheit und von süßem, köst­

lichem Duft. Fast in unbewußter Regung geschah es. daß. er die Blüte brach, sie zwischen den Fingern hielt mit zärt­lichem Kosen und sie betrachtete mit einem Ahnen, gleich­sam als habe diele schöne und seltsam geformte Blume irgendwie ihm Wunder und Geheimnis zu offenbaren... Er wußte nicht, war es leichte Berwirrung der Sinne lin uber- hellen Glanz, dies Emvfinden. seltsam gemischt aus sonnen­satter. lichttrunkener Müdigkeit und verborgener. nEieriger Erwartung, das seine Augen trübte: vor seinem.Blick ver­strömte die Buntheit der Farben zu einem einzig zittern­den Strahlenschein von Flittergold. Dann aber aus schwebendem Sonnendunst hob sich ein klareres Schauen, und den Jüngling dünkte, er sei gleich den alten Bäumen, dem Murmelauell und den Wiesenblumen wurzelhaft dem Wald verwoben, heimisch seit längst in der Feierruhe des großen, atmenden Schweigens. Bon allem, was der Wind in den Blättern raunte-, was die Gräser zitterten, was die lächeln­den Blütenköpfe träumten und der Quell geschwätzig mur­melte. ward ihm Wissen und Verstehen: nichts fremd mehr, ein jedes vereint in dem gleichen, stürmenden Pulsschlag der Freude und des atmenden Glücks. Teil zu haben an dem un- erfckövslich schöpferischen Leben.

Über die Sonnenfläche der Wiese huschte das Märchen mit den traumverlorenen Augen der Sehnsucht. ein Gefolge umscharte es von mannigfält-gen Wunderwesen, von leicht­füßigen Elten, stillen Blumcnkindern und drollig ver­krümmten Wurzelgnomen, es lebte der ganze unendliche Wald, alle seine Wesen aussendend aus dem Dämmerdunkel der Verborgenheit. Von den flatternden Schleiern, den nickenden Köpfen und tanzenden Gliedern ging durch, das Gras ei» Wispern und Wogen, ein Wiegen und Gleiten, der Wind haifte. Fink und Amsel trillerten drein und der Wald strich den Baß. Lachend aus dem gutmütig-breiten. Mittelbraunen Gesicht hockte auf einem Weidenstumvs der große Pan und blies die Flöte zu dem fröhlichen Spiel. Und Hirsche waren da. gekrönt mit stolzem Geweih, schönäugige und geschmeidige Rehe, rotbraune Füchse, und. vertraulich die langen Obren gestellt, lauschten die flinken Hasen: zu- einandergeschart alle und durcheinandergemischt, als sec Fuichr und Scken von ihnen genommen, mit einem klaren Ecsübl des Friedens und der Sicherheit, daß im Allver­bundensein des Lebens nicht Bosheit. Not und. Haß mehr gelte einander zu verfolgen, zu tilgen und zu töten.

Die sinkende Sonne rührte fast an die höchsten Wipfel der Waldbäume und goß mit rötlicher Glut ein sanfteres L ck.t über die Wiese, indes die Sckaiten wuchsen: da straffte der Jüngling sich empor und die Arme breitgereckt, trank er noch einmal in sich den kräftig-herben Lau.bgeruch. den würzigen Blütenduft der Gräser und den reinen Sonnen­atem. Die blaue Blume barg er an seiner Brust, da er heimwärtsgewandt den wohlvertrauten Pfad entlangschritt. in Sinn und Herz ein frohes Nacherleben all des Schonen und Wundersamen, das der leuchtende Tag ihm dargebracht. Je i-äher er der Stadt kam. um so ferner und wesenloser schien hinter ihm der sonnenhafte Traum zu verschweben, und es fiel über ihn wie Wehmut und Furcht vor eurem dumvfen und lastenden Zwang, der herrisch fordernd schon Gewalt über seine Seele nahm. Wieder umschloß ihn das steinerne Meer, hallend die gleichgerichteten Strabenfluchten bin tavvte sein müder Schritt. Die letzten Farben des Tages erloschen in trübgedämpftem,. zaghaftem Grau. Um die breiten Mauerstirnen waren Schleier der Dämmerung ge­schlungen. Der Jüngling mit plötzlicher Eingebung faßte nach der blauen Blume, die er noch an seiner Brust ver­borgen bei sich trug. Da seine Hand den welkgewordenen Blutenkelch berührte, zerfielen die kleinen Blätter unter seinen Fingern und flockten wie dünne Aschenreste nieder in den Straßenftaub. den seine Füße traten.

Die Brieftasche.

Von Peter Robinson (München).

..Für sogenannte Belastungsproben ist dis menschlich« Ehrlichkeit heutzutage ein wenig geeignetes Oblekt . sprach der jung« Pinzinger. ..Das heißt: Objekt ist eigentlich nicht das richtige Wort, da es stch ja um einen abstrakten Begrifr handelt, aber immerhin'— na ja. Sie willen schon, was >ch meine. Bielleicht kann man sogar Objekt sagen — ich habe aber keine Lust, weiter darüber nachzudenken. Wenn sie wüßten, wie mir der Schädel brummt! War das wieder mal eine Nacht im Klub! Der viele Sekt und die verdammt vielen Zigaretten und das blödsinnig viele Pech beim Pokern! Mit dem Sekt und dem vielen Rauchen war s m nickt so schlimm gewesen, aber noch das Pech dazu — das zusammen vertrage ick nun einmal nickt. Es muß an meiner Konstitution liegen. Wenn ick so eine hübsche, nette Summe gewonnen habe, dann macht mir alles andere nichts, aber — ja. wovon sprach ich doch? Ach so. von der Ehrlichkeit.^,^,

Ja. ich habe also die Erfahrung gemacht, daß im allge­meinen die Ehrlichkeit während der vierundzwanzig Stunden des Tages ziemlichen Schwankungen unterworfen ist. grade so wie das Fieber. Wenn es ansängt, dunkel zu werdem dann läßt ste nach. Das beißt: ich glaube, ein Fieber, steigt dann gewöhnlich grade. — aber das kann ich letzt nicht so genau überlegen, weil mir doch der Schädel so brummt. Je weiter die Nacht fortschreitet. desto schwächer wird die Ehr­lichkeit, Bloß deshalb ist mir die Geschichte mit meiner Brieftasche passiert. — am bellen, lichten Tag wäre das ganz unmöglich gewesen. Es war aber so zwischen 2 und 3 Uhr in der Nackt. Da kam ick nämlich vom Klub nach Hause. — in einem Auto, das ich glücklicherweise erwischt hatte. Das war das einzige Glück, das ich in dieser Nacht hatte.

Ja. ich steige also vor meinem Hause aus. Die Straße

ist ganz leer, kein Mensch i br

t zu sehen. Der Chauffeur nennt brummend irgend eine Summe, die ich aber nicht ver­siebe. weil der Motor so rattert, denn der Mann will ia leich wieder weiter. Ich nicke aber zustimmend, und dann chreie ich: „Na. schön — aber dann seien Sie doch erst mal ,o gut und leuchten Ste mir ein bißchen! Mir ist nämlich «den meine Brieftasche da in Ihrem Wagen hingefallen — ich weiß nicht, ob sie auf dem Sitz liegt oder auf dem Boden. Sie werden ja wohl ein paar Zündhölzer haben/

Ja. und nun stellen Sie sich vor: kaum habe ich das ge­sagt. was tut da der Kerl, der Chauffeur? Er fährt einfach los. — einen ordentlichen Satz macht der Wagen, und dann fließt er auch schon die Straße entlang und ist gleich um die nächste Ecke verschwunden."

Das Erlebnis des jungen Pinzinger erregt Kovf- schütteln, „Donnerwetter! Und wie viel war denn in der Brieftasche drin?"

„In welcher Brieftasche? ..

„Na. die im Auto lag. — mit der der Cbauneur durch- bicnnte.

„Ach Unstnn. es lug ja gar keine Brieftasche im Auto", sagt da der iunge Pinzinger, „Das war mir nur grade io «-»gefallen Warum hätte ich denn überhaupt meine Briei- tasche rausziehen sollen? Da hatte ich ja nichts mehr drin, aber auch gar nichts mehr. — ich batte ia alles verspielt."

Obhut ihres Kindes einer Mondfran. einer weißen Wolke, überlassen. Die war mehr um die Falten ihres. Gewands als um das Kind bekümmert. Da beugte sich der junge, auf­blitzende Stern voll Neugier zu sehr, aus der Walke und fiel ins Tal. Durch die offenen Fenster des Doms sah die Nacht die Äugen ihres Kindes immer näher den Erdenfeldern entgegenfunkeln. Selbst die WiNde hielten erschrocken inne und wagten kaum. Atem zu holen. Wie versteinert stand die Nacht an den offenen Fenstern des Doms und hörte, wie ihr Kind mit einem ieltiam leisen Lallen, aus dem sich wohl noch tm Tod die Liebe zur Mutter rang., in di« spitzen Arme eines Wipfels sank. Da nahm die Nacht sich mit ihren anderen Kindern einen dunklen Trauerflor, und sie hüllte sich ein. So verharrte sie lange schluchzend, und nur die weißen, betauten Blüten des Tails wußten von ihren Tränen.

Tragödien iiu Urwald.

Zn seinem Reisebuch „Im Lande des Dju-Dju" (Verlag Aug. Shell. Berlin) gibt Hermann Dctzner, der kurz vor dem Kriege die Steppen und Urwälder des nordöstlichen Kamerun durchforscht hat, Kunde von den erschütternden Tragödien in jenen unerschlossenen Bezirken, wie sie von Sklaoenjägern und einander grausam bekämpfender Eingeborenenstämme heraufbeschworen worden sind.

An den Abhängen des Schebschi-Gebirges am oberen Kamfluß fand Detzner völlig entvölkerte Gebiete, und wo Niederlassungen von Eingeborenen noch vorhanden sind, ver­mag sie nur das bewaffnete Auge wohlverst-eckt zu entdecken. Die Dörflein und die sie' bindenden Hütten sind auf ein Min­destmaß der Bewohnbarkeit zusammengeschrumpft. Der auf den Dorfplätzen herrschende S-b-mutz wird noch durch den des Hüitentmiern überteoffen. H-er im Kamfluhgebiet hat sich eine Tragöd> * von den erschütterndsten Ausmaßen vollzogen. Sowohl im der Kamebene. auch östlich des Grenzwalls bat der Mensch seine Herrschaft wieder an die Tierwelt, und die Vegetation abtreten müssen. Auf Schritt und Tritt stößt der Forscher auf die Ruinen der einst von Menschenhänden aufgeführten Werke, bet jedem Schritt stöbert er gewaltige Rudel aller Antilovengattungen auf. wie sie in einer solchen Massenanlkammlung nicht so leicht wieder anNutreffen sind, und jeden Schritt muß er dem pfadlos-en. überwucherten Ee- länide abkämvfen. Kein Pfad dringt mehr in die Wald­savanne ein. so daß Detzner große Trupps Träger und Sol­daten. mit Haumessern und Äxten bewaffnet. vorMchjcken mußte, um das Vordringen in den Busch schrittweise zu er­kämpfen. Auch ihre Kraft versagte in dem außerordentlich breiten, urwaldähnlichen Galeriewaldland. das den Mao- Lumen nahezu 50 Kilometer stromaufwärts begleitet. Der Blätterdom. der sich über den 25 Kilometer breiten, rasch fließenden Fluß wölbt, schneidet den Fluten jedes Sonnen­licht ab. wodurch das Wasser so abgcküblt ist. daß auch die paar Europäer der Kolonne, die nach der unerträglichen Hitze des Savannenwaldes nach' Abkühlung lechzten, das Schwimmbad in döm krokodilfreien Fluß nach einem ein­maligen Versuch wieder aufgaben.

Glaubte Detzner zuerst, daß Epidemien, vor allem dir Pocken, die Bevölkerung ausgerottet haben mußten, so zwang ihn der Anblick der menschlichen Trümmerstätten aus dem Grenzgebirgswall, dieses Urteil als voreilig zu ändern. Denn was bedeuten die zahlreichen konzentrischem Ring­mauern. aus die die Expedition nahezu auf jeder Kuppe, oft auch aus dem unerste-i-glichsten Gipfel traf? Diese Funda­mente. auf denen noch teilweise der brüchig gewordene Auf­bau stand, die hier noch aufgetürm-ten Felsblöcke, dort schon eingefallene Mauern, zeigten nur zu klar, daß sich auf diesen Felskuppen der letzte Derzweiflungskampf von Mensch gegen Mensch abgespielt hatte. Hinter diesen konzentrisch angeleg­ten. nach der Mitte des ehemaligen Dorfes sich verengen­den Ringwällen suchten sich die unglücklichen Heiden, nach­dem sie aus der äußerst fruchtbaren Kamebene vertrieben worden waren, der vollständigen Vernichtung zu erwehren. Einen Derteidigungswall nach dem anderen mußte der über­mächtige Angreifer >erobern. bis sich das rusaiminense- schmolzen« Häuslein der Verteidiger gezwungen sah. in dem innersten Berteidigungsring. dessen Durchmesser oft 5 Meter kaum überschritt, im hartnäckigen Nahkarnpf stch abschlach­ten oder in die Sklaverei ab-fiihren zu lasten.

Die herrlichen, mit ihrer Fruchtbarkeit zum Siedeln ein­ladenden Hochlandschaften, die man bis weit nach Kamerun hinein übersehen konnte, waren entvölkert. Nur die Ruinen größerer und kleinerer Ortschaften, von Wällen und Gräben umzogen, legten Zeugnis ab. daß auch hier vor nicht allzu langer Zeit der Mensch gehaust, Felder angelegt und im, friedlichen Verkehr zum Nachbar gestanden hatte. Die kläg­lichen Überreste der diesem Zerstörungskamvf Entronnenen bilden zähn kleine verschmutzte Dörfer, die so versteckt ange­legt sind. daß der Unkundige unzäbligeinal an ihnen vor­übergeht. ohne die ärmlichen, im dem urwwldähnlichen Guleriowald verborgenen Rundhütten zu entdecken. Un­endlich kläglich ist mich das Leben und Treiben dieser letzten lebendigen Zeugen einer ehemals reichen Bevölkerung. Scheu und Verzweiflung malten stch auf den Gesichtern der wenigen schwachgebauten Männer, deren die Expedition nur mit List habhaft werden konnte. Die traurige Vergangenheit ihres Stammes hat die überlebenden so mißtrauNch ««Macht, daß ste sogar in dem Nachbar ihren Todfeind sehen und den Ausrottungskampf unter sich nun weiter führen. Die Kennt­nis der Welt reicht für diese Menschen kaum bis an das Nachbardorf herab, mit dem sie in einem notdürftig«n Marktverkehr stehen. Was weiter abwohnt. ist der ge­schworene Feind. >

Die mächtigste Person ist der Ortsetnwohner. der die Geheimnisse des Diu-Diu kennt, der .iaulberer. Seine Ge­walt über die äußerst abergläubische Dorfgemeinde hängt von seiner Fähigkeit ab. mit ihrer Leichtgläubigkeit sein Spiel zu treiben. Jede Krankheit, jede Seuche, jeden Unfall, den plötzlichen Tod eines Einwohners weiß er dem Men Blick eines unliebsamen Stammesgenossen zuzuschreiben. Er bringt es oft fertig, bald einen Nachbardörfler. bald einen eigenen Dorfbewohner zu verdächtigen. Sofortiger Tod oder Verkauf als Sklave an die durch die Ebene ziehenden Hausta- Händler ist -seine Forderung, die stets durchdringt, So voll­zieht stch unaufhaltsam der auch durch Pockenepidem-ren und andere Seuchen beschleunigte Untergang dieses Dakka- Tschamba-MMvolkes. dessen Blüte einst in gemeinsamer Abwehr gegen die ortsfremden Eindringlinge gebrochen wor­den war. Vesten karge Überbleibsel stch Heute selbst zer­fleischen. _^

Sternschnuppe.

Von Artur Silbergleit.