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Nr. 215.

Freitag, 14. September 1923.

71. Jahrgang.

Die Verhandlungen mit Paris.

Die Regierung Stresemann hat die 'deutsche Öffent- sichkeit langsam und vorsichtig daraus eingestellt, datz ch nächster Zeit nach vorausgegangener Fühlung­nahme direkte Verhandlungen mit Paris oingeleitet weiden sollen, zn dem Zweck, über das Haupthindernis einer friedlichen Vereinbarung, den passiven Wider­stand, hrnwegzukommen und dann zu versuchen, über eine Lösung der Reparationsfrage das Ziel der Be­freiung des Ruhvgebiets und des Rheinlandes zu er­reichen. Ob diese Aktion Aussicht auf Erfolg hat, lätzt sich heute noch nicht erkennen. In der Pariser Presse wird indessen die Tatsache, daß der französische Bot­schafter in Berlin de Margerie mehrfach im Aus­wärtigen Amt mit Stresemann Rücksprache genommen hat, als ein günstiges Symptom angesehen.

Es liegt unter diesen Umständen nahe, die Frage aufzuwerfen, ob der gegenwärtige diplomatische Zustand zwischen Frankreich und Deutschland noch länger bss stehen bleiben kann. Die Regierung Euno hat bei Beginn des Ruhrkonflikts den Botschafter Dr. Mayer in Paris und den Eeschüftsträ-gsr in Brüssel Dr. Landsberg abberufen und damit die Möglichkeit diplomatischer Verhandlungen mit den beiden Ländern freiwillig eingeschränkt. Die von der deutschnationalen Presse damals erhobene Forderung auf Abbruch der diplomatischen Beziehungen wurde zwar vom Kabinett Tuno nicht vollzogen, aber in der Praxis kain die Abberufung der beglaubigten diplomatischen Vertreter einem Abbruch sehr nahe. Daß 'dieser Schritt unseren Interessen sehr förderlich gewesen fei, wird honte kaum jemand behaupten. Es mutzte gerade in der Zeit des Ruhrkonflikts Deutschland daran gelogen sein, über Vorgänge und Stimmungen in Paris und Brüssel genau unterrichtet zu werden und die Möglichkeit zu haben, durch einen mit dem politischen und diplo­matischen Milieu der beiden Hauptstädte vertrauten Mann die politische Entwicklung zu überschauen und wtl. fördern zu können. Dieser Möglichkeiten hat sich das Kabinett Euno durch seinen Schritt in Brüssel gänzlich beraubt, wo nur ein erst seit kurzem von Lon­don nach Brüssel versetzter diplomatischer Beamter Mrückblieb, während in Paris wenigstens der seit längerer Zeit eingoarbeitete und erfahrene Botschafts­rat Dr. Hoesch weiter verbleiben konnte. Aber es ist klar, datz auch ein sehr brauchbarer zweiter diplo­matischer Vertreter in seiner Wirksamkeit mehr als be­schränkt ist, wenn fein Thef nnter solchen Umständen von seinem Posten adberrrfen wurde. Die Folge dieses Zustandes war es, datz wir acht Monate lang von Paris urtd Brüssel fast »bgeschnitten waren und >Nr das RoKmrstigste und dies aus oft nicht «nwand- fleäen Quellen hörten.

Die EirckeiAmg mm Verhandlungen rmt Frankreich und Belgien macht es nötig, die Frage der Besetzung dieser Posten rasch ins Auge zu fasten. Wir sagen »«ht. daß dies heute oder morgen geschehen mäste, aber « m«tz sofort geschehen, wenn es sicher ist, datz Ver- PMdlungen in Gang kommen. Der Parffer Boffchafter- posten ist auch persönlich dadurch frei geworden, datz oer Botschafter Mayer kurz nach seiner Abberufung mrb. Der Sozialdemokoat Dr. Landsberg wird nach Brüstel nicht mehr zurückkehren wollen und können, wo er bei aller persönlicher Tüchtigksft fn tznem ausfichtslosen Kampf gegen die in Brüssel herrschende nationalistische und Klerikale Stimmung MMd. Die Öffentlichkeit wird aWr gut tun, sich um diese wichtige Personalangelegenheit zu kümmern, da »re Perfonalpolitrk des Auswärtigen Amts keine Ee- Dähr dafür bietet, datz unter Hintansetzung interner Interessen das politisch Nützliche getan wird.

Es uftrd schwer sein, für die beiden schwierigsten Posten, welche die deutsche Diplomatie W besetzen hat, ^eignete Männer zu finden. Der Botschafter Dr. Mauer wurde seinerzeit berufen, da er in der Kali- Nldustrie eine führende Rolle spielte und auch Bezie- wngm zur französischen Industrie hatte. Diese Spekulation war aber verfrüht, weil in der Zeit j seiner Amtstätigkeit die gewünschte industrielle An­näherung nicht möglich war. Jetzt aber könnte dies wichtig werden, und es liegt nahe, nach einem Mann Zu juchen, der neben politischer Eignung als Vertreter des demokratischen und republikanischen Deutschland Ach die nötigen Wirtchaftserfahrungen mit nach Paris »ringt. Jedenfalls wäre es verfehlt, den künftigen Botschafter in Paris lediglich nach diplomatischer Routine auszusuchen und ihn in der Vsamten- d'lreaukratie des Auswärtigen Amts finden zu wollen. Wnlich liegen die Dinge in Brüssel, nur niüt der Wui'nce, datz dort auf die klerikal gefärbte Tonart der Brüsseler politischen Gesellschaft Rücksicht zu nehmen

was auch die Sozialdemokratie einfehen mutz, wenn kIe etwa, was wir für verfehlt halten würden, bei

'der Neubesetzung des Postens auf ihre alten Rechte Anspruch erheben wollte. So wenig wir sonst für die Methode reden wollen, datz die Parteien die wichtigen Posten der Diplomatie unter sich verhandeln und ver­schachern, so haltest wir es im vorliegenden Falle doch für geboten, datz sich der Auswärtige Ausschutz des Reichstags mit dieser Frage beschäftigt, ehe die Vureaukvatie Zeit gefunden hat, uns vor fertige Lösungen zu stellen, welche wir im Interests der Zu­kunft zu bedauern hätten!

Köln, 13. Sept. In einem Artikel mit der Übershrin „Das Fragezeichen der Verhandlungen" schreibt die „Köln. Ztg.". die Äußerung des Reichskanzlers, daß die Lösung, des Rubrkonflikts nicht allein durch Fortsetzung des passiven Widerstandes erfolgen könne, erinnere an das Wort des Staatssekretärs Küblmann, der Krieg könne nicht allein mit militärischen Mitteln zu Ende geführt werden. Dies Wort liabe damals in den toeitcTten Kreisen des deutschen Volkes, die noch in dem guten Glauben lebten, datz der End­sieg uns nicht entrissen werden könne, große Erregung ver­ursacht. heute werde dem Wort Siresemanns keine so lei­denschaftliche Aufregung der öffentlichen Meinung entgegen­gesetzt werden, und der Schrei des Kommunisten Katz im preußischen Landtag, unter Stresemanus Führung versuche eine Schieberbande deutsches Land an den internationalen Kapitalismus zu verschachern, werde nur in den dünnen Reiben der äubersten Rechten zustimmenden Widerhall finden. Denn gerade darin seien Volk und Regierung einig, daß es sich eher um alles andere als um die Verschacherung deutschen Bodens bandeln könne.

Keine deutsche Rote an Frankreich.

Berlin, 13. Sept. Von Varis aus wird die Meldung verbreitet, datz nach Äutzerunyen Poincarös am Montag eine deutsche Note an die französische Regierung gerichtet worden sei. Diese Meldung entspricht durchaus nicht den Tat­sachen. Ein deutsche: Schritt ist bisher nicht erfolgt. Di« Berichte über die letzten Besprechungen der verschiedrrvrv Reichsminister mit fremden Diplomaten und Persönlich­keiten dürften zu mißverstandenen Äußerungen geführt haben.

Optimistische Stimunttq in Berlin.

Berlin. 13. Sevt. über die Stimmung in Berliner diplomatischen Kreisen will ein Berliner Früh­mittagsblatt erfahren haben, die optimistische Auffassung der Lage daure an. Es werde daraus hingewiesen, daß Dr. Stresemann mit großem Geschick vermieden habe!, sich auf ein konkretes Angebot mit konkreten Gegenforderungen iest- zulegen. Er habe es verstanden, eine Atmosphäre zu schaffen, in der unmittelbare Verhandlungen möglich seien, bei denen Abgrenzung und ziffernmäßige Ausfüllung des Rahmenangebots von Dr. Stresemann vereinbart wer­den könnten. Den Gang der weiteren Verhandlungen stelle man sich so vor: P o i n c a r 6 werde noch einmal, wahr­scheinlich am Sonntag, ans die Rede Dr. Stresemanus ant­worten. Werde er feststellen, daß der Fortschritt gewachsen sei. so würden stch die inzwischen weiter laufenden Unter­haltungen zu einer offiziellen Note Deutschlands verdickten. Alles komme ietzt darauf an. di« vierzehn kriti­schen Tage zu Lberstehen. die nach den Äußerungen des Kanzlers zur Vorbereitung der neuen Währung nötig stad.

Italienische Schritte in Berlin und Paris.

Berlin. 13. Sept. Wie aus Rom gemeldet wird, ver­sichert man in römischen unterrichteten Kreisen, der italie­nische Votsckafter in Berlin werde in den nächsten Tagen in Rom erwartet, um Mussolini Bericht zu erstatten. Aus den Erklärungen des Ministerpräsidenten im Minifter- rat geht hervor, daß die italienische Regierung in b«m letzten Wochen bei der deutschen Regierung offizielle Schritte unternommen habe, um Deutschland eine andere Haltung iu der Frage des passiven Widerstandes anzuraten. Gleichzeitig habe der italienische Botschafter in Paris mit PoincarS ges»rochen, der ihm versichert haben soll, daß nach Durckfübrung des Abbaus des deutschen Widerstandes im Ruhrgebiet Frankreich dis Neuanknüpfung von er- folgverheihenden Verhandlungen in der Revarationsirage nicht mehr verhindern würde.

Bor neuen Reden Poincarös.

Paris, 13. Sevt. P o i n c a r 6 wird am nächsten Sonn­tag im Departement M o s e l l e zwei Reden halten. Ob er bei dieser Gelegenheit au, die gestrigen Ausführunlgen des deutschen Reichskanzlers eingehen wird, steht noch nicht fest.

m illleMWM WWMülche ff MWM?

Frankfurt. 13. Sept. Nach einem New Parker Funk­spruch der „Franks. Ztg." haben die auch nach New Bork ge­drungenen Meldungen über eine deutsch-französische Fühlungnahme dort aus allen Märkten eine be- lebende Wirkung ausgeübt. So ist es nicht erstaun­lich. daß in manchen Finanzkreisen die Möglichkeit einer in­ternationalen Mi l l i a r d e na n l e i h e für den Wiederaufbau der deutschen Finanzwirt- schüft besprochen und von Optimisten bejaht wird. Im Falle einer solchen Anleihe würde Amerika nach der Meinung dieser Leute leicht ein Viertel des Bettass aufbringen können. Die Optimisten meinen, daß sich alle Großbanken an einem solchen Unternehmen beteiligen würden.

London. 13. Sept. „New, Bork Times" glauben zu wissen, daß das Projekt einer Dollaranleihs in den Grundsügen festgelegt fei. Man bringe mit der Dollaranleibe Eunos Besuch in den Vereinigten Staaten in Zusammenhang. Amerika würde 250 Millionen Dollar übernehmen. Deutschland würde große Aufkäufe in Roh­materialien und Fabrikaten machen. Der englische Anteil würde mindestens 350 Millionen Dollar betragen. Die Be­dingungen für Deutschland würden schwer sein.

Madrid. 13. Sept. (Havas.) Die Garnison von Barcelona und mehrere andere befinden sich in Rebellion gegen die Regierung.

Barcelona, 13. Sept. (Havas.) Der Belage­rungszustand ist verhängt, worden. Die Stadt biete den gewohnten Anblick. General L o f f a d a unter dem Oberbefehl des Generalkapitäns hat sich der Regierung der Provinz Barcelona bemächtigt und die früheren Gouverneure der anderen Provinzen ihres Amtes entsetzt. In den katatonischen Provinzen hat sich das Militär der Regierung bemächtigt. Wie die Bewegung im übrigen Spanien vor sich geht, wejtz man noch nicht. Die Polizei und die öffentliche Gewalt scheint sich in die neue Lage der Dinge gefunden zu haben. Die Gemeindebehörde und die Provinzdepu- tatjon sind von dem Militär nicht besetzt worden.

Paris, 13. Sept Aus Barcelona meldet Havas, um 7 Uhr vormittags war die Lage in Barcelona voll kommen normal Mehrere Garnisonen, namentlich Madrid und Saragossa, haben sich der Bewegung angefchlossen. Es wird behaiwtet. daß bereits ein Prozeß gegen den Außenminister und den Ministerpräsidenten eingeleitei sei. und daß eine Reg-erung unter dem Schutz der Militärbe­hörden gebildet werde. Diese habe die Televhotzverbindun- gen unterbrochen und übe die Zensur aus. Aus den Doku­menten. die sie veröffentlicht hat. gehe hervor, daß die Be­wegung nicht gegen den König gerichtet ist. sondern lediglich gegen die Regierung Ein.

Paris, 13. Sept. Aus Barcelona wird gemeldet: Die Militärpartei hat eine Proklamation erlassen, in der sie die Regierung beschuldigt. Spanien dem Untergang zu- rufübren. und mitteilt, daß die Mrlitärvartei beschlossen hat. die Regierung zu übernehmen, den Belage­rungszustand zu verhängen und alle Verdächtigen, nament­lich die Kommunistenführer. zu verhaften. Um 4 Uhr mcrgens ist die Telephomentrale besetzt worden. In Bar­celona läuft das Gerücht um. daß eine ähnliche Bewegung in mehreren anderen Städten ausbrechen würde, und daß die Regierung in der vergangenen Nacht in Madrid schleu­nigst zusammengetreten sei.

Baris, 13 Sevt. Nach einer Havasmeldung aus Madrid hat der heute nacht zusammen ge toi e rte Ministerrat bis in die ersten Morgenstunden verhan­delt und nachher folgende Erklärung veröffentlicht: Der

Generalktzvitän von Barcelona hat in der vergangenen Nacht dort von sich aus den Belagerungszustand erklärt. Er hat sich der Nachricktenmittel bemächtigt und die General- kavitäne der übrigen spanischen Landesteile aufgefordert, seine Haltung zu unterstützen. Zu diesem Zweck hat er eine an das Land gerichtete Kundgebung erlassen, in der erklärt wird, die Armee verlange zur Rettung Spaniens vcm König: An Stelle der derzeitigen Minister und aller Politiker der Regierung trete die Mili­tärmacht. Einige Landeste-le feien gleichfalls geneigt, den gleichen Weg zur Auflösung zu geben. Die Regierung, die in Permanenz bleibe, erfülle ihre Pflichten tteu und ge­denke. auf ihrem Posten zu bleiben. Sie werde sich nur durch Gewalt davon abfetzen lassen. — Der König wird heute in Madrid ankommen.

Die Zusammenkunft zwischen Baldwin und Poincarch

Paris, 13. Sept. Der „Pettt Parksten" erklärt, di« gestrige Nachricht des „Zntransigeant" über eine Unter­redung die am 21. September zwffchen Baldwin und Poincarö auf der Durchreise des erfteren stattfinden solle, ist in dieser Form nicht ganz richtig. Die Begegnung zw'schen den beiden Staatsmännern werde sicher stattfinde,r. Man erkläre jedcch au zuständiger Stelle, daß der Zeit- vunkt dafür noch nicht bestimmt fei. Da im übrigen der englische Premierminister genöttgt sei, über Paris zu- nirkzureisem. so werde sein Besuch bei Poincars vielleicht nur ein e-nfacher Höflichkeitsakt fein.

London, 14. Sept Reuter meldet aus Paris, daß der englischen Botschaft in Paris keine Informationen über eine beabsichtigte Zusammenkunft zwischen Baldwin und Poincarö vorliegen.

MnntMchW der Mm\\. HMMmEM.

Von der Interalliierten Rheinlandkommission gebt uns nachstehende amtliche Bekanntmachung zur Veröffent- lichung auf Grund der Verordnung 97 Art. 15 »u: Bekanntmachung^

In Ausfühnlng der Verordnung Nr. 206 der Hoben Interalliierten Rheinlandkommission wird am 1. Oktober d. I. eine Revision sämtlicher Automobil-Erlaubnisscheine vorgcnommen.

Dazu sind sämtliche Erlaubnisscheine, betr. Personen- fahireuge. Krafträder und Fahrräder mit Hilfsmotor, auf Zimmer 59 im Rathaus abzugeben. Für Lastfahrzeuge ihrlcmaunstraße S,

Folgende Taren werden für die Erneuerung erhoben:

5 Goldmark 50

30

15

10

5

Lastauto von 1 Tonne und weniger (leer)

VersonsnfabrzeW. 5 Plätze und mehr . .

Pe'.sonsniabrzeug bis 4 Platze ....

Leichte PersonenfahrreMe (Cycle-car) bis

2 Plätze.20

Krafträder mit Beiwagen Krafttäder . ... . .

Fahrräder mit Hilfsmotor.

Für Auto-Texameter wird die Taxe auf 5 Goldmark herabgesetzt, unter der Bedingung, daß diese nicht außer­halb der Grenzen des Stadt- und Landkreises verkehren.

Am,1. Oktober verlieren sämtliche bisher ausgestellten Bescheinigungen ihre Gültigkeit.

Wer nach diesem Datum sein Fahrzeug zu benutzen wünscht, wird aucsefordert, sobald wie möglich die Erneus- lung seines Erlaubnisscheines zu beanttagen.

Oerels sie lViesbsäeo-Villa. Le Deleeue de la H. C. I. T. R.