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Nr. 212.

Dienstag, II. September 1923.

71. Jahrgang.

MloimMr MfllMrc m» Die Beifuolitif

Das entsetzliche Unglück, das über Japan herein- gebrochen ist, hat zunächst nur die menschliche Teil­nahme der Welt in Anspruch genommen. Noch ist die Katastrophe in ihrem ganzen Umfange nicht zu überschauen, aber es steht fest, daß sie alles hinter stch lägt, was aus der Leidensgeschichte der Menschheit bis­her bekannt war. Viele Städte sind vollkommen zer­stört, durch Erdbeben, Brand und Springflut vertilgt. Etwa eine halbe Million Menschen, also soviel, wie ein blut'ger Krieg von mehreren Jahren kostet, sind in wenigen Augenblicken getötet worden. An Volks­vermögen hat Japan nach Schätzungen, die gewiß noch oberflächlich, aber wahrscheinlich nicht zu hoch sind, etwa 25 Milliarden verloren, was etwa die Hälfte seines Nationalreichtums bedeuten mag. Durch den Brand in den Staatsgebäuden in Tokio ist die ge­samte bursaukratische Grundlage der politischen, wirt­schaftlichen und militärischen Eroßmachtstellung zer­stört, so daß Japan heute einem Neu-geborenen gleicht, der noch nicht sprechen und gehen kann. Der unheim­liche Aufstieg des ostasiatischen Jnsölvolkes, den wir in den letzten dreißig Jahren über den japanisch-chine­sischen und den japanisch-russischen Krieg und über die Teilnahme Japans am Weltkrieg, aber' auch über -den wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Wettbewerb der intelligenten und zähen Rasse an den Fortschritten der Menschheit verfolgen konnten, ist in einer noch unheim­licheren Weise unterbrochen, die Arbeit von Jahr­zehnten in Frage gestellt, und es ist unsicher, ob Japan je imstande fein wird, das Verlorene wieder ein- zuholen.

Die Rückwirkung der Katastrophe auf die politische Weltlage kann heute schon erörtert werden, ohne das freundschaftliche Gefühl zu beeinträchtigen, das in allen Ländern, ob Feind oder Freund, gleich stark ist. Japan war schon vor seinem Sieg über Rußland und durch sein Bündnis mit England in den Kreis der Weltmächte eingetreten. Durch seine Teilnahme am Weltkrieg cm der Seite der Entente hatte es feine Vor­herrschaft m Ostasien befestigt und war p. einem der größten Faktoren in 'der internationalen Gleich- gewichtskalkulation geworden. Es hatte im Weltkrieg, während alle andern Großmächte, mit Ausnahme Amerikas, sich finanziell und militärisch verbluteten, den Vorteil, seine handelspolitische Stellung so- aus- zubauen und seine militärische, vor allem 'aber feine Rüstung zur See, so vervollkommnen zu können, daß es keine Macht allein, sondern nur noch Koalitionen zu fürchten brauchte. Es zeigte sich aber bald, daß seine Zunahme an Macht zugleich auch eine gewisse Gefährdung seiner Stellung in sich schloß. Das Ver­hältnis zu den Vereinigten Staaten spitzte sich zu und näherte sich öfter dem offenen Konflikt. Das Bündnis miit England, das aus den gemeinsamen Interessen beider Länder gegen Rußland entstanden war, wurde nicht mehr erneuert, da Rußland als Gegner der eng­lischen Weltpolitik vorläufig ausgeschieden war und da die neue j-apanische Graßmachtstellung von England mehr als eine Bedrohung, denn als -eine erwünschte Ergänzung seiner astatischen Interessen angesehen wurde. In dieser heiklen Situation, die sich zu einer englisch-amerikanischen Koalition auswachsen konnte, hat Japan dreierlei getan. Erstens zeigte es eine kluge Beschränkung seiner Machtpoli-tik, indem es seine Stellung auf dem chinesischen Festlande nicht übermütig ausnützte und damit die amerikanische Politik be­ruhigte. Zweitens baute es seine gegen die ruffische Sowjetregierung nach der Revolution eingeleitete agreffive Politik in der Mandschurei und in Ostsibirien ab und bereitete ein Einverständnis mit dem künftigen Rußland vor, ein Werk, das unter den Händen des nach Tokio entsandten geschickten Sowjetbotschafters Joffe erst langsam reifen sollte. Endlich aber suchte es idnrch Anlehnung an Frankreich in einem etwaigen neuen Weltkonflikt eine Stütze vor allem gegen Eng­land zu gewinnen, eine Idee, die bei der zunehmen­den Konkurrenz Englands und Frankreichs in Paris auch einen guten Boden finden mußte. Verschiedene Anzeichen deuten darauf hin, daß zwischen Frankreich und Japan feste Bündnisabmachungen bestehen, die freilich sorgsam gehütet werden, über die jedoch wahr­scheinlich in London und Washington kein Zweifel besteht.

Diese Skizzierung der bisherigen Stellung Japans genügt, um die nötigen politischen Schlußfolgerungen aus der Katastrophe zu ziehen. Sie bedeutet eine Ent­lastung der englischen und amerikanischen Politik zu­nächst in Ostasien, dann aber auch in ihrer gesamten weltpolitischen Situation, weil Japan auf lange Zeit hinaus als Bundesgenosse eines Gegners der angel­sächsischen Mächte nicht in Betracht kommt. Frank­reich dagegen verliert in Japan die maritime Rücken­

deckung gegen England und ist von nun ab genötigt, seine Politik einzig auf die eigenen Machtmittel und feie seiner europäischen Freunde auszubauen. Aus dieser Verschiebung den Schluß zu ziehen, daß Frank­reich in seiner deutschen Politik zu Veränderungen ge­zwungen wird, wäre voreilig. Dies wäre viellelcht der Fall, wenn wir weiter von dem letzten Weltkrieg entfernt und näher an den nächsten gerückt wären. Aber England wird auch nach der Stillegung Japans den Weg weiter gehen, die Gegensätze zu Frankreich durch die Aufrechterhaltung «der Entente auszu­gleichen. Es ist jedoch nicht wusgeschloffen, daß man in London im Rahmen dieser Politik etwas zuversicht­licher und in Paris etwas vorsichtiger und entgegen­kommender wird. Wenn darin vielleicht für Deutsch­land ein Vorteil liegen könnte, so besteht dagegen die Gefahr, daß er dadurch wieder ausgeglichen wird, daß der internationale Geldmarkt, auf den Deutschland bei Regelung der Reparationsfrage -angewiesen ist, durch die notwendige Hilfsaktion für Japan noch knapper werden wird als er schon ist!

Stresemanris Antwort an Poincar^.

Berlin, 10. Sevt. Der Reichskanzler wird vor­aussichtlich am Mittwoch auf die gestrigen Reden Poin- caräs in einer öffentlichen Rede antworten. Die ..Zeit" schreibt zu den gestrigen Ausführungen Poincares: Es fällt schwer, in der letzten Leistung Poincards eine neue Rote zu entdecken. Immerhin ist es auf den ersten Blick erkennbar, dah sich die übliche Sonntagsrcde diesmal wenigstens äußer­lich von den früheren Reden a b b e b t. Sie ist nicht so un­freundlich und etwas gemäßigter im Ton. Poincar« hat davon gesprochen, daß die ietzte Reichskanzlerrede einen Fortschritt darstelle. Ob man die Änderung in seinem Ton auch als einen Fortschritt bewerten kann, wird sich erst noch zeigen müssen. Irgendwelchen sichtbaren Anhalt dazu bietet d'e französische Politik nicht. Man hat aber doch den Ein­druck. daß Poincar« es vermeiden wollte, durch seine Aus­führungen die in Gang gekommene Unterhandlung zu stören oder zu erschweren.

Direkte deutsch-französische Verhandlungen?

Berlin, 10. Sept. Ein Berliner Mittagsblatt meldet aus Paris, man sei dort der Ansicht, daß vor Ende dieser Woche entscheidende deutsche Schritte zur Herbeiführung einer Entspannung zwischen Deutschland und Frankreich erfolgen würden. In Pariser politischen Kreisen versichere man, zwischen der Reichsregierung und der französischen Botschaft in Berlin sei bereits eine gewisse F ü h l u n g n a h m e zustande gekommen.

Ein Besuch Baldwins bei PoincarS.

London. 11. Cent. Der „Eoening Standard" berichtet, nach der Regelung der griechischen Frage trete die Reva- rationssrage während der nächsten Tage wieder in den Vordergrund. Es werde daher nicht überraschend sein, wenn BaIdwin während seiner Rückreise nach London P o i n - care einen kurzen Besuch abstatte und danach in der Lage sein werde, dem britischen Kabinett, das unverzüglich nach seiner Rückkehr einberufen werde, endgültige Vor­schläge LU machen. Wenn auch bisher nichts vereinbart worden sei. werde es nicht für unmöglich gehalten, daß eine Konferenz der Alliierten bald in Paris stattfinden werde

Eine Zusammenkunft zwischen Robert Cecil und Baldwjn.

Genf. 11 Sevt. Lord Robert Cecil batte gestern in Annecy (Savoyen) und nicht, wie zuerst gemeldet, in Evian. eine Zusammenkunft mit B a l d w i n. Gerüchtweise ver­lautet. daß auch Salandra gestern in Annecy war.

Ein Moim mit dem ReiHsmillister Mmm.

Berlin. 10. Sevt. Reichsminister Sollmann empfing eine Deputation des Vorstandes der Internationalen Frauenliga für Freiheit und Frieden (Sitz Genf) und machte dabei im Laufe des Interviews Ausführungen, die. wie er sagte, auch die Ansicht des-Reichskanzlers Wiedersehen. Der Kernpunkt der augenblicklichen Lage, so führte der Minister aus. ist eine Verständigung zwilchen Frankreich und Deutschland-, selbstver­ständlich unter Mitwissen der übrigen Ententestwaten. Die französische Politik bat besonders seit der Rubrinvasion nicht Sozialisten und Pazifisten, sondern die Nationalisten gestärkt. Eine Verständigung zwischen Frankreich und Deutschland muß gefunden werden, sonst wird ganz Mitteleuropa gefährdet sein. Die Kundgebungen der Reichsregierung. besonders des Reichskanzlers Dr. «tresemann. haben der Welt gezeigt, daß i n d e r A u ß e n Politik Deutschlands eine entscheidende Wendung eingetreten ist- Wir sind bereit und gewillt, iede Vereinbarung mit der Entente rnd besonders mit Frankreich einzugehen, die uns die Sicher­heit gibt, daß das Rubrgebr-et und die Rheinlands nicht nur nicht von Deutschland losgetrennt werden, sondern kn absehbarer Zeit wieder vollkommen der deutschen Ver­fügungsgewalt zu Gebote stehen. .Mir sind uns bewußt, daß dies nicht durch Reden und Vertrage, sondern nur durch eine große Anspannung der deutschen Wirtschaft geschehen kann. Wir sind bereit, dies zu tun. aber nicht — und keine deutsche Regierung kann das — auf irgend eine Bindung einzugehen, die eine Zerstückelung des Reiches be­deutet. Wir wollen Frankreich neben Reparationen auch jede für uns erträgliche Sicherbeit gegen einen neuen Krieg am Rhein gewähren, n-cht aber eine Sevaratlon ln irgend einer Form zulassen. Wir, wallen unser deutsches Vaterland und Europa befrieden.

Die neue Währung.

Eine Goldnotenbank.

Berlin, 11. Sept. Das Reichskabinett beschäftig.e stch in seiner gestrigen Nachmittagssitzung mit der W ä h r u n g s f r a g e. Einstimmig' würde beschlossen die Lösung dieser Frage aus dem Woge der Eoid- Notenbank zu suchen, die bei vollständiger rccht- tichor Selbständigkeit und unbedingter Unabhängigkeit von den Reichsfinanzen in organischer Verbindung mit der Reichsbank ihre Tätigkeit ausüben soll. Die Ar­beiten zur Errichtung einer Goldnotenbank sollen s o - fort in Angriff genommen werden, damit die Bank so bald wie möglich in praktische Tätigkeit treten kann.

Berlin, 11. Cept. Zu den gestrigen Beschlüssen des Reichskabinetts über die Errichtung einer besonderen Goldnotenbank erfährt die „Voss. Zeitung", daß als Grundlage der neuen Währung nur Gold. Devisen und Warenwechsel dienen sollen. Die von verschiedenen Seiten vorgeschlagene Notenausgabe auf Grund einer Erfassung der Sachwerte komme nicht in Frage. Ebenso sei der Helfferische Plan einer Ro ggen w äh rung sallengela ssen worden. Die neue Goldnotenbank werde in stärkerem Maße den Charakter einer Privatbank tragen als die ' Reichsbank. Die Reichsregierung glaube jedoch aus­reichende Sicherheiten dafür schaffen zu können, daß 'die neue Notenbank nicht in Abhängigkeit von ac- wissen prioatwirtschastlichen Kreisen gerate. Über die Höhe -des Kapitals sowie über die Organisation der neuen Bank seien endgültige Beschlüsse noch nicht gefaßt worden. Die P ap i e rm a r k w ä h r u n g werde vorläufig beibehalten werden. Durch die Wäh­rungsreform werde also zuerst eine Parallel- wöhrung in Goldnoten geschaffen werden. Ein all­gemeiner Umtausch von Papiernoten gegen die neuen Goldnoten sei vorerst nicht geplant, da­gegen hoffe man möglichst bald eine Kontingentierung der Papiernotenausgabe eintreten kaffen zu können.

Der „Temps" zur Währungsreform.

Baris. 9. Sevt. (Havas.) Der „Temps" schreibt. D«e Währungsreform in Deutschland kann nicht ohne vorherige Vereinbarung zwischen der Reichsregie­rung und ihren Eläub'igern erfolgen. Aber man kann weder dieses Abkommen verwirklichen, noch es durch Verhandlun­gen vorbereiten, so lange der Widerstand im Ruhr­gebiet andauert. Das Aufhören des Widerstandes ist die Vorbedingung jeder Gesundung des deutschen Haushalts­planes. Es ist also vorher nötig, daß der Widerstand aus- hört. Brs dahin ist es überflüssig, daß sich Herr Streb mann bemüht.

Dr. Zimmermann über die Finanzlage Deutschlands und Österreichs.

Paris. 10. Sevt. Im Anschluß an die gestrigen Ver­handlungen der zweiten Völkerbundskommission über die Finanzreform in Österreich bat der vom Völkerbund in Wien eingesetzte Finanzkommissar Dr. Z i m m e r m a n n in be­deutungsvoller Weis« über die Finanzlage in Österreich und Deutschland gesprochen. Dr. Zimmermann, der an den Ver­handlungen in Genf keilnimmt, empfing einen Mitarbeiter der Pariser „Information", dem er sagte:

„Die vom Völkerbund in Österreich unternommene Aktion übertrifft in ihrem Erfolg unsere Erwartungen. Es zcigt sich, daß unsere Auffassung zu pessimistisch war. Die völlige wirtschaftliche Wiederherstellung Österreichs wird stch. wie wir jetzt sehen, ohne Zuhilfe nähme der vom Völkerbund verlangten oder von den Mächten gegebenen Garantien vollziehen. Der Erfolg de: internationalen Anleihe für Österreich beweist. welchen Kredit -das Land heute bereits -wieder genießt. In der Tat ist der Voranschlag für das Erträgnis der staatlichen Pfän­der (Zölle und Ta'bakmonopol) übertroffen worden. Ebenso hat das Steuerergebnis das Dovvelte dessen erreicht, was bei Beginn der Stabilisierung veranschlagt war. Dr. Zimmermann rühmte den Mut des Kanzlers Seipel, dem es gelungen fei. die Staatsausgaben in einem für das Budget entscheidenden Maße einzuschränken. Der Zinsen­dienst für die internationale Anleihe komme innerhalb des Budgets nur wenig in Betracht, zumal Österreich ebenso, wie Deutschland durch die Entwertung seines Geldes und des Wegfalles militärischer Ausgaben von seinen inneren Staatsschulden fast völlig befreit wurde."

Auf die Frage, ob die für Österreich angewandte Methode auch auf Deutschland Anwendung finden könne »r- widerte Dr. Zimmermann: „Zweifellos. Nur kann von

einer Stabilisierung der Mark bei ihrem heutigen Stande nickt mehr die Rede sein. Eine Stabilisierung der Krone war möglich bei einem Stande des Dollars von 70 000 Die Mark ist aber bereits zu sebr entwertet. Trotz­dem erklärte, Dr. Zimmermann, daß eine ähnliche Operation, wie sie in Österreich vorgenommen wurde, in Deutschland noch v-el schncAeren und überraschenderen Erfolg haben würde. Abgesehen von den großen natürlichen Reichtümern Deutichlands ,ei bedenken, daß der deutsche Staat durch die Entwertung des Geldes völlig amortisiert wurde und daß die-Lander und Städte in Deutschland tatsächlich ohne Schulden iMstehen. Die finanzielle Lage Deutsch- la-r-ds sei ,n Wirklichkeit heute besser als im Jahre 1911. Entscheidend sei die Frage, wie weit man die Abwanderung des Kapitals aus Deutschland aushalten könne. Dr. Zimmer mann erklärte, er glaube nicht an die Wirksamkeit von Drohungen gegen die Kapitalflucht, sondern nur die Wie­derherstellung des Vertrauens eines Landes 'zu sich iE könne darrn Wandel schaffen.