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Nr. 209.
Freitag, 7. September 1923.
71. Jahrgang.
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Der Reichskanzler hak in seiner Stuttgarter Rede die französische Politik mit einer deutlichen Geste eingeladen, den Ruhrkonflikt und die Reparakionsfrage durch eine wirtschaftliche Einigung der beiden Haupt- inieressenten, Frankreich und Deutschland, zu beenden, also eine Lösung anzustreben, bei der weniger politische Ziele und Gesichtspunkte als die wirtschaftlichen Interessen der beiden großen Kontinentalmächte mitsprechen sollen. Das von Stresemann angeschlagene Thema wird nun in der deutschen und der ausländischen Presse lebhaft aufgegriffen, was an sich schon beweist, daß man auf diesem Gebiet die Möglichkeit einer Entspannung erhofft, die sich politisch bisher trotz aller Bemühungen nicht erzielen ließ. Der Londoner „Daily Expreß" bringt sogar schon eine bisher unbestätigte Meldung über eine bevorstehende Zusammenkunft^ deutscher Industrieller und Fmanzleute mit französischen, belgischen und englischen Wirtschaftlern.
Der EÄmrike an sich ist nicht neu. Schon gleich nach dem Kriege trat in Deutschland eine politische Richtung auf, die unter Führung sozialdemokratischer Wirtschaftspolitiker eine wirtschaftliche Einigung mit Frankreich als einzigen Ausweg aus der Verelendung Europas anstrebte. Die damalige Bewegung nrußte jedoch aus verschiedenen Gründen ergebnislos verlaufen. Einmal deswegen, weil die deutschen Apostel einer Verständigung mit Frankreich diese Politik dadurch kompromittierten, daß sie ihr eine allgemeine Einstellung der deutschen Politik im Sinne der sogenannten Kontinentalpolitik geben wollten, die eine deutliche Spitze gegen England gehabt hätte. Dies konnte sich Deutschland damals nicht erlauben, denn es war klar, daß England ein Deutschland, das sich nach der Niederlage auf feindliche Kombinationen gegen den englischen Handel eingelaffen hätte, in allen politischen Fragen im Sttch gelaffen und völlig vernichtet hätte. Dann aber waren weder in Deutschland noch in Frankreich die psychologischen Vorbedingungen für eine solche Politik gegeben. In Frankreich gab es zwar immer einige Leute, namentlich aus der Industrie, welche aus reinen Vernunftsgründen heraus die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Deutschland wünschten, aber es zeigte sich immer und bis heute, daß die französische Industrie auf die Polittk nicht denselben Einfluß ausübt, wie das bei uns zu manchen Zeiten der Fall war. Dennoch ist der Ruf nach einer Verbindung der deutschen Kohlenproduktion mit der französischen Effenerzförderung nie verhallt, da die Vorteile einer solchen Zusammenarbeit für den Jn- dusttiellen und Volkswirtschastler zu einleuchtend sind, als daß sie nicht gegen die pokttischen Vorurteile, die rm Woge stehen, immer wieder ihr Gewicht beanspruchten. Das Kabinett Wirth-Rachenau hatte den Versuch gemacht, den wirtschaftlichen Gedanken der Konbinentalpolitik ohne politische Folgerungen in die Tat umzusetzen, das heißt, mit Frankreich zu «mer wirtschaftlichen Einigung zu kommen, ohne eine politische Option gegen England damit zu verbinden. Die Sachleistungsverttöge, welche Rathenau mit Loucheur abschloß und denen der Vertrag zwischen Stnmes und Lubersac folgte, liefen in dieser Richtung und sollten weniger letzte Lösungen als Vorläufer einer generellen Einigung sein. Aber es zeigte sich bald, daß der politische Boden dafür noch nicht reif Var. In Deutschland wurden die Bestrebungen Rathenaus und Wirths lahm gelegt, die auf eine einige Volksstimmung und auf die 'Mitarbeit der Industrie und der Wirtschaft angewiesen waren, wenn sie Erfolg haben wollten. Die Ermordung Rathenaus sowie der Sturz und die politische Ausschaltung Wirths haben diese ftühen Versuche, die Reparationsfrage von der wirtschaftlichen Seite ans zu lösen, allzu rasch mrterbrochen. Dann folgte der französisch-belgische Rubreinmarsch, durch den alle Ansätze zu einer Wirtschaftsverständigung wieder zerstött wurden.
Dies ist in kurzen Zügen der Werdegang der Idee einer deutsch-französischen Wirtschaftsverständigung, die Stresemann jetzt wieder aufnimmt. Die Anssichten für ein Gelingen sind heute vielleicht bester als zu Zeiten Rathenaus. Der Kanzler sprach in Stuttgart von der wirtschaftlichen Verbundenheit der Völker,' die er anstrcbt und die nach seiner Überzeugung eine beffere Überbrückung politischer Gegensätze zu bringen vermöchte, als es polittfche Formeln tun könnten. Schon Bismarck vertrat die Auftastung, daß Politik und namentlich Wirtschaftspolitik nicht allein mit dem Gefühl gemacht werden darf, sondern daß die wohlverstandenen Jntereffen der Länder entscheiden muffen. Kann aber jemand daran zweifeln, daß Ruhe und Wiederaufbau in Europa auf die Dauer nur möglich sind, wenn zwischen den beiden großen kontinentalen Mächten Deutschland und Frankreich eine mirtshnft-
liche Verständigung statftindet, die noch befestigt werden kann durch die militärischen Sicherheitsgarantien. die schon Cuno Herrn Poincars oorge- schlagen hatte und die jetzt Stresemann wiederholt hat? Es ist sicher heutzutage beguemer, im Stile der „Krsrtzzeitung" und der „Deutschen Zeitung" jede Lösung der Reparationsfrage abzulehnen und sich für alle ewigen Zeiten auf den Standpunkt zu stellen: keinerlei Verhaudlungen, keine Leistungen, keine Reparationen! Mit dieser Politik aber' kommen wir nicht weiter,
Stresemann sagt sich mit Recht: Deutschland uiuß produktiv werden, sonst wird es untergehen. Bei der Wahl, entweder Deutschlands Produktivität wieder herzustellen und zu diesem Zweck dem Gegner sogenannte „produktive Pfänder" zu überweisen oder, dies letztere abzulehnen und damit auch Deutschland in ein dauerndes Siechtum zu versetzen, hat sich der neue Kanzler für den ersten Weg entschieden. Wie er ihn ausgestalten wird, darüber enthält feine Stuttgarter Rede naturgemäß nur Andeutungen. Sie ist ja überhaupt an vielen Stellen nur aufzufaffen als ein Auftakt für die diplomarischen und gesetzgeberischen Vorschläge, die nunmehr kommen sollen. Es wird abzu- watten sein, wie die in Aussicht genommenen Maßnahmen im einzelnen ausfehen werden. In dem allgemeinem Sinn aber wird man dem Kanzler zustimmen müssen, daß von uns aus Mittel und Wege gezeigt werden sollen, um das Chaos zu beseitigen und zu einer Vereinigung zu gelangen!
Me ftajMle M «WMWMWe MM.
Berlin, 6. Sept. Dich verschärfte Devisenverordnung, die bereits fertigg-stellt ist, wird «in Kürze veröffentlicht werden. Es soll ein Deviseukom- m i s s a r ernannt werden, der mit besonderen Vollmachten und Vefugniffen ausgestattet sein wird. Damit wird die finanzielle und währungspolitische Diktatur, von der mehrfach gesprochen wurde, in der Tat eingeleitet.
Berlin, 7. Sept. Wie verlautet, wird beute eine Verordnung erscheinen, die dem Reichskommissar für Devisenerfassung weitgehende Befugnis verschafft. Der grundlegende Gedanke ist dabei, daß keine Devisen, die nickt produktiven Zwecken dienen, in privaten Händen bleiben dürfen.
Zur Ablieferung ausländischer Bermögensgegenstände.
Berlin, 6. Sept. Die in der Verordnung des Reichspräsidenten über die Ablieferung ausländischer Vermögens- gegenstände vom 28. August auf den 5. September festgesetzt« Frist für bevorzugte Gutschrift auf Steuerkonto ist bis zum 10. September verlängert wordÄr. Gutschriften am Steuerkonto erfolgen also bis rum 10. Sept mit der Maßgabe, daß auf je 100 eingezahlte Mark eine Gutschrift von 128 erfolgt.
Die neue Wahrungsforn.
Berlin, 7. Sept. Die Beratungen innerhalb der Reichsregierung über die neue Währungsform wurden gestern fortgesetzt. Die verschiedenen vorliegenden Projekte und Ausführungen wurden durchge- arbeitet. Dabei ergaben sich vorläufige Grund- züge für ein Währungsbankprojekt, das Gesichtspunkte aus dem Helfferichfchen Plan einer Roggen Notenbank und Teile aus dem Vorschlag des Reichsverbandes der deutschen Industrie über die Schaffung einer Goldmarkbank enthalten soll. Den Blättern zufolge will man die neu zu schaffende Mark auf Eow stellen. Der Helfferichsche Plan wird ganz in das Regierungsprogramm, insbesondere die Heranziehung von land- und forstwirtschaftlichen, aber auch von industriellen Goldhypotheken zur Fundierung der neuen Währung herübergenommen.
Eine Besprechung über die Notgeldfrage bei Der Rheinlandkommission.
Mainz, 7. Sept. Wie das „Echo du Rhin" meldet, hat gestern in Koblenz bei der Rheinland- komMission eine Besprechung mit den Vertretern der Gemeinden, des Handels, der Industrie und der Banken des besetzten Gebietes über die Notgeldfrage und die Lage am Geldmarkt stattgeftutden. Anwesend waren die Bürgermeister von 30 rheinischen Städten, darunter die von Wiesbaden, Mainz, Koblenz, Aachen, Krefeld, Trier ufw., ferner 40 Bankiers und Industrielle. Bei der Aussprache wurden Maßnahmen erörtert, um dem Geldmangel abzuhelfen. Im einzelnen wurde auf die nicht genügende Deckung einzelner der Notgeld-Ausgaben hingewiesen und Maßnahmen zur Abhilfe erörtert. Man beschloß dle Bildung eines Ausschusses, dem Vertreter der Städte, der Banken und der Industrie angehären sollen. Dieser wird ae- mein'sam mit dem Finanzausschuß der Rheiniand- kommission die Frage erledigen.
Eine neue Reichskanzlerrede.
'■ Sevt. Auf einem gestern abend zu Ehren des Ae.chskanzlers von dem Verein der ausländischen V re s, e gegebenen Abendessen im ..Hotel Adlon", an dem ?• r or ü 1 Reichskanzler ^er Staatssekretär im Ausmär- neen Amt rnhr. v. M a l tz a h n . der Staatssekretär in der Reichskanzlei, Frhr. v. R h e i n b a b e n . der Leiter der Preheabteilling der Reithsregierung. Ministerialdirektor Ci a U e - und Legationsrat Stohrer teilnabmen. dielt - /"ä^bkanzler nach einigen herzlichen Begrüßungs- worten des Vorsitzenden des Vereins, d e l Va » o. voii leb- haftem Händeklatschen begrübt, eine längere Rede in der er als Sinnbild der Politik, die er »u sühren habe. Goethes Worte hivstellte' ..Nachgiebigkeit bei großem Wollen." Ein Volk sei nur groß durch die sittlichen Kräfte, die es auf- brmge. Nachgiebigkeit wohl in materiellen Dingen, aber UnnachgiebiLkelt in der Verteidigung deutschen Badens und Herbeiführung eines endgültigen Friedens sei die Politik, die er welle. Er schäme sich der stolzen deutschen Vergangenheit nicht, denn in den Ahnherrn liege deutsche Kultur, deutscher Geist und deutsche Hingabe.
Fm einzelnen, führte Dr. Stresemann aus: Seltsam verengt haben srch die Grenzen der Völker, seitdem zum erstenmal die großen Nationen erschüttert wurden. !®cmt beute das deutsche Volk das Loiährige Regierungs- lubllaum der Königin von Holland mrtfeiert. die £■■■!, von ihrem Volk und geachtet auch von den anderen Rollern zuruckblickt auf ein Menschenalter der Liebe und Wohlfahrt für ihr eigenes Volk, so ist dieses Mitgedcnken fus, Bedenken der Freude, des Mitempfindens und tiefen Mitgefühls. Soll dieses Gedenken unseren Blick nicht auch auf andere Lander lenken lasten? Wir sind Miterlebende eines Ereignisses. das. so glaube 'ch — so oft auch dieses Wort in der Welt scson mißbraucht worden ist — die Welt noch nickt gesehen hat. Das furchtbare Unglück, das über Japan gekommen ist. lehrt, wie klein der Mensch m, gemessen an dem Geschick, das über ihn bereinbricht. Vn'IIeichl beginnt sich da der eine oder andere zu fragen, ick wir angesichts dessen, was hier an Menschen werk zerstört worden ist. nicht wenigstens erbalreu sollen, da. wo es uns noch an die Hand gegeben fft. In einem stnd wir noch Herr unseres Geschickes, nämlich in dem
Verhältnis der Völker miteinander.
Das gegenwärtige Zeitalter ist ein Zeitalter der Revolutionen. Nie wurde so um den Gedanken der Staatsform und die Staatsführung gerungen. Wir sehen den Kampf, m dem ern« Klasse versucht, allein zu regieren entgegen dem Gedanken daß die Kulturvölker nur aufbauen können im Zusammenwirken aller Klaffen. Wir sehen den Kampf der Demokratie gegen die Aristokratie, wir sehen den Kampf des Bolschewismus gegen die Monarchie.
Das deutsche Volk hat wie kaum ein anderes Volk der Erde Schmerzen und Leiden ertragen muffen, aber es verdankt feine Siege seiner großen Vergangenheit, und es hat ein Recht dazu. Schämen würde ich mich heute, wenn ich nickt stolz wäre auf di« Vergangenheit meines Volkes. Wer mir zumutet.
die große Vergangenheit «eines Volkes
zu schmähen und seine Größe nicht zuzugestehen. würde ebenso verächtlich sein als jemand, der mtt zunrutet. mein« Eltern zu verleugnen und nicht sehen zu sollen, was in meinem Blut, meiner Familie und meinem Namen an Großem ist. Wir wissen wohl, 'daß heute viele Deutsche tief niedergedrückt find: aber der irrt sehr, der glaubt seine Augen von dem ganzen Geschlecht wenden ,u können, weil er in dev Enkeln die forterbenden Züge der Ahnherrn zu sehen vermeint. In diesen Zügen der Ahnherrn liegt deutsche Kultur, liegt deutscher Geist, liegt deutsches Staatslcben. liegt deutsche Hingabe gebreitet. Ihre Eigenart ist für d'c Menschheitsgeschichte ebenso notwendig wie die Eigenart anderer Völker. Heute bandelt es stch kür das deutsche Volk darum.
zu einem wirklichen Frieden;u kommen
oder ob der Friede für das deutsche Volk nur die Fortsetzung des Krieges mii anderen Mttteln sein soll. Wir sind be- reir. zu leisten, was man dilligerweise von uns verlann>n kann. Der Welt und stch den Frieden wiedergeben wollen, wenn ste ihn ehrlich wünscht, ist das Zeichen dieses großen Zeitalters. Es geht nicht nur um die Beziehungen von einem Volk zum andern, sondern um die Idee der Menfch- heiiscntwickluns. Dann wird der Staatsmann, der seine Zeit begreift und weiß, worum es sich handelt auch de.n Gedanken sich zuneigen. Frieden zu schließen. Die Hand dazu zu bieten, diesen endgültigen Frieden hekbeizuführen. betrachte ich als die allererste Aufgabe des Kabinetts, das meinen Namen trägt.
MMlMAWN Mt MM MMMfUMM l.
Von der Interalliierten Rheinlandkommission sehen Uns nachstehende amtliche Bekanntmachungen zur Veröffentlichung auf Grund der Verordnung 97 Artikel 15 ru:
Bekanntmachung,
Die Hohe Interalliierte Rheinlandkommission hat die Bedingungen geprüft' unter welchen gegenwärtig di« deutsche Regierung die Ausgabe einer Toldanleihe vornimmt. Der Ertrag dieser Anleihe ist. nach der Erklärung des Neichsfinanzministers selbst, bestimmt, den politischen Widerstand zu stützen.
Außerdem hat die Reparationskommiffiow. durch Entscheidung vom 14. August 1923. ausdrücklich erklätt. daß sie eine Anleihe nicht glutheißen würde, die sich auf dieientarN Werte stutzt, auf denen schon eine Hypothek zu ihren Gunsten lastet.
„ 3" der.198. Sitzung hat die Hohe Jnteralliiette Rhein-
landksmmisswn beuhloffen daß. da das Gesetz zur Ausgabe der Geldanleihe nichts ihrer Genehmigung unterbreitet worden fft- b^Eeu Gebieten ferne Anwendung finden
darf. Infolgedessen darf in den besetzten Gebieten eine Zeichnung weder voraenommen. noch angenommen werden: auch dutten kenn: Veröffentlichungen auf dem Weg« des Anicklages oder durch' die Presse erfolgen: eckenfo darf kerne Bank Ze'chnunsen entgezennehmen.
Die Zuw'Äerhan^inden sich frtti Strafen nus. bft
