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Nr. 208.

Donnerstag, 6. September 1923.

71. Jahrgang.

Das Stuttgarter Programm.

Die Äußerungen, welche aus dem Ausland über die Progrccmmrede des Reichskanzlers in Stutt­gart vorliegen, zeigen, daß sie den gewollten Eindruck nicht verfehlt hat. Diesen charakterisiert man nach der Absicht Stresemanns zweifellos richtig dahin, daß er in die internationale Krise neue fruchtbare Gedanken werfen und aufs neue betonen wollte, daß die deutsche Regierung innerpolitisch zu den äußersten Anstren­gungen und außenpolitisch zu jedem vernünftigen Ent­gegenkommen bereit ist. Auch die französische Presse erkennt die „versöhnliche Disposition" des Kanzlers an und bezeichnet seine Rede als „Bestätigung des Be­ginns einer neuen Politik". Stresemann hat in seiner Stuttgarter Rede wiederholt, was er schon vor dem Berliner Handels- und Industrietag ausgesprochen hakte, daß Deutschland zur Befreiung des Ruhrgeoiets als Pfand zu einer Sicherheitsleistung durch den ge­samten deutschen Staats- und Prlvatbsfitz bereit sei und er hat hinzugefügt, daß die deutsche Regierung in der erzwungenen Arbeitslosigkeit im Ruhrgebiet nicht nur eine Verschleuderung der Wirtschaftskraft, sondern auch eine Quelle moralischer Infektion erblicke. Aus der letzten Bemerkung kann man im Ausland den Schluß ziehen. daß der neue Kurs in Deutschland eine Erledigung der Ruhrfrage herbeiwünscht und daß für Frankreich jetzt der Moment gekommen ist, Deutschland durch entsprechende Konzessionen den Wog zur Besei- trgung des passiven Widerstandes zu ebnen und damit die Grundlage für eine allgemeine Regelung der Repa- rattonsfrage zu schaffen. *

Gs ist ganz klar, daß neben diesen öffentlichen Er­klärungen der Staatsmänner interne und vertrauliche Versuchs laufen, die Gegensätze zu einem Ausgleich zu führen. Die Rede Strefemanns soll hierfür die psycho­logische Basis schaffen und sowohl im Ausland, vor allem aber in Deutschland selbst, die Stimmung für eine positive Fortführung der Politik reff machen' Das innerpolitifche Programm, das der Reichskanzler zur Stützung seiner auswärtigen Politik entworfen hat, enthielt sachlich nicht Neues; aber er hat die Forde­rungen. welche die Not des Reiches an den Besitz, an die Beamten und an die Arbeiterschaft stellt, in so eindringlichen und glücklichen Prägungen wiederholt, daß man vielleicht die Hoffnung haben darf, daß die Widerstände, welche sich in der letzten Zeit der Durch- ftchrnng des fiMrnziellen und währungspolitischen Reformprogramms entgegenstellten, vor der besseren Einsicht und dem Patriotismus der angerufenen Kreise zusammenbrechen werden. Ist dies nicht der Fall und werden die Versuche fortgesetzt, offene Steuersaüotage zu treiben, so muß man erwarten, daß das Kabinett Stresemann die Stuttgarter Ankündigung, daß es mit der Staatsgewalt nicht Schindluder treiben lasse in die Tat umsetzt und nicht zögert, die Prediger' des nackten Egoismus hinter Schloß und Riegel zu setzen ^ Es wird für die gutwilligen Elemente in den be­sitzenden Klassen, die zweifellos durch die notwendige radikale Steuerpolitik schwer belastet werden und die deshalb leicht der Versuchung unterliegen, den Schlag­worten der extremen Rechtsparteien ihr Ohr zu leihen eine gewisse Erleichterung bedeutet baben daß S^refe- mann Opfer nicht rpr von ihnen, sondern auch von der Arbeiterschaft fordert, die nicht weniger als der Besitz an der Aufrechterhaltnng des Staates, an der Fort­führung der Wirtschaft und an einer Besserung der unhaltbar gewordenen Zustände interessiert ist' Ge­lingt es dem Kabinett Stresemann, durch Verhand­lungen mit den Organisationen der Arbeftevschaft hier ^schnell positive Resultate zu erzielen und praktisch ge­sprochen, die Arbeiter der wichtigsten gemeinnützigen Produktionsbetriebe, vor allem des Kohlenbergbaues zur Leistung von llberschichten zu bestimmen, so wird ' damit sehr viel für den sozialen Frieden und für die Verwirklichung jenes allgemeinen Opfersinns gewonnen sein, den wir brauchen, um die schwere auf Deutsch­land lastende Krise zu überwinden.

Im Kriege bat der Arbeiterdichter Heinrich L e r s ch das schöne Wort geprägt: „Deutschland muß leben, auch wenn wir sterben müssen." Das Vaterland ist der Haupt- und Urgrund alles unseres Denkens und Handelns und auch die natürliche Basis aller wirt­schaftlichen Erfolge. Wünsche und Bestrebungen der einzelnen Berufsschichten. Deutschland muß leben — erst dann können die Beamten und die Eisenbahner, die Kommerzienräte und die Arbeiter leben. Die Wohlfahrt des Deutschen Reiches als Ganzes genommen geht allen Einzel- und Berufsschicksalen voran. Diese Tatsache batten wir leider in den letzten Jahren unter deni starken Andrängen der Interessenten aller Art ein wenig vergessen. Dr. Stresemann hat sie in präch­tigen, ebenso schlichten wie wirkungsvollen Gedanken- Längen neu herausgearbeitet!

km WrchW mit MMen »ujttMKi uni I !ie Mff« finer nmldeWWeu Mrs». pnuiälßiltn?

London, 6. Sept. (Haoas.) Nach einem Bericht­erstatter des „Daily Expreß" soll eine Zusammen­kunft französischer, belgischer, englischer und deut­sch e r I n d u st r i e l l e r und Finanzleute in einer dicht an der deutschen Grenze gelegenen Stadt stattfinden. Das Blatt fügt hinzu, daß diese Zusammenkunft nach der Stuttgarter Rede des Reichs kanzlers den W^ für bevorstehende Der Handlungen ebnen werde.

Belgien zu einer Berständigung mit Deutschland bereit?

Paris, 5. Sept. Nach einer Havasmeldung aus Brüssel, liest man in der „Derniöre Heure": " politischen Kressen befreundet man sich mit dem Ge­danken, daß die belgische Regierung geneigt wäre, Besprechungen mit den Alliierten zu veran- lasien, um zu einer Verständigung mit Deutschland zu kommen. Das Blatt fügt hinzu, äaß Jasper nach Erhalt dieser Informationen gestern den belgischen Oberkommissar in der Rheinland- kommisswn empfangen und dann mit dem franzö­sischen Botschafter in Brüssel eine sehr lange Unter­redung gehabt hat.

Eine französische Stimme für wirtschaftliche Verständigung.

Mainz, 5. Sept. Rach einer Pariser Meldung des „Echo du Rhin" hat eine der höchsten franzö fischen Persönlichkeiten in Gegenwart von ausländischen Journalisten erklärt: Alles zeigt auf eine dauernde Verminderung des deutschen Widerstandes im Ruhrgebiet hin. So bald wir uns überzeugt haben, daß Franfteich nicht in eine Falle gelockt werden soll, werden wir nicht zögern, mit den offi­ziellen deutschen Industriellen die Verhand- ungen wieder aufzunehmen, um einen Weg ür eine wirtschaftliche Verständigung anznbahnen, wie sie in der Sonntagsrede des Reichskanzlers Strese­mann angedeutet wurde.

Eine Unterhaltung mit Dr. Cuno

Sannov°r, 5. Sept. Der Vertreter der Telegravben- Union in Haimover batte Gelegenheit. den trüberen Reichs­kanzler Dr. Cuno kurz vor seiner Abreilse nach Amerika in Aunrüblc im Sachsenwald zu sprechen. Dr. Cuno erklärte er muffe es sich aus grundsätzlichen Erwägungen versagen irgendwie zu den politischen Ereignissen oder auch nur zu wirtschaitlichen oder finanziellen Fragen Stellung zu nehmen. da zurzeit alles darauf ankonrme. dem neuen Kabi­nett Ruhe zur wirksamen Arbeit zu geben. So wenig er sich jemals nach dem Kanzleramt gedrängt und so sehr er sich jederzeit zu rem wirtschaftlicher Tätigkeit zurückgesebnt hätte so tchr habe er bedauert, daß ihm die Konstellation der Par-' teicn des Reichstags unmöglich gemacht hätte, die vorbe­reiteten Maßnahmen wirtschaftlicher und finanzieller Art auch selber.in Wirksamkeit, zu setzen. Dr. Cuno äußerte dann- Ich beabsichtige, mich nun wieder ganz der wirtschaftlichen Betätigung zu widmen. Um für die nein wirtschaftlichen Fragen die nötige Bewegungsfreiheit ru haben, ist für meinen Eintritt in die Hamburg-Amerika-Linie die Form des Müsliedes im Ansiichtsrat ««wählt worden. Meine Reife nach den Vereinigten Staaten dient aus- schließlich privaten und geschäftlichen Zwecken. Sie siebt in keinerlei Zusammenhang mit meiner letzten Tätigkeit.

Eine weitere Erhöhung der Eisenbahutarife.

Berlin, 5. Sevt. Zur Schonung des Wirt­schaftslebens batte der Reichsverkebrsminister auf Wunsch des Reickskabinetts am 1. Sevt. die Schlüsselzahl der Eilenbahntarife nur in einem Umfang erhöbt, der einen erheblichen Teil der Ausgaben ungedeckt ließ D»e in der Zwischenzeit eingetretene erhebliche Verteuerung der Koblen und anderer Materialien sowie di« Steigerung der Löhne und Gehälter zwingt die Reichsbahn zu einer anae- näberten Deckung ihrer Selbstkosten am 11. S«vt die Schlüsselzahl im Personenverkehr auf 1.5 und im Güterver­kehr auf 4.5 Millionen festzusetzen. Zu berücksichtigen ist b'erbei. daß hiermit eine Abdeckung für die Kosten des Rubreirmarsches noch nicht erfolgt und Reserven in irgend einer Arr nicht angesammelt sind. Auch ist die in Aussicht stehende w-itere Erhöhung der Kohlenvreise nicht berück- sichtint Di« Selbstteuerung ist in den Grundzahlen nickt eingetragen. so daß diese lediglich in der Schlüsselzahl er­scheint und damit di« vergleichsweise beträchtliche Lob« ver­ursacht. Westfälische Stückfettkoble hatte am 4 Sevt Tas 9 . 6 -Millionenfache des Friedenspreises erreicht, während sich sür englisch« Kohle in dieser Zeit das 6.9-MillwnenfaLr ergab. Ter Durchschnittspreis für deutsche Kohle der Reit­bahn betrug das 6 72-Milllonenfache. der Preis für Schienen das 5.4-Mlllumenfache für Stabensen das 5.7-Mill,oneu- facke der Friedenspreis«. Die Steigerung dieser für die Wirtschaft der Reichsbahn ausschlaggebenden Stoffe gegen­über dem Friedenspreis ist auo beute erheblich stärker als die der Tarife.

Der stellvertretende Düsseldorfer Regierungspräsident.

Düsseldorf, 6. Sept. Di« Geschäfte des Regiermiss- vräsidenten bat an Stelle des ausgewiesenen OLersofft- meitters v. Awekunoeu der Oberbaurat Radau tz ftfctv uo Minen.

Berlin, 6. Sept. Im Reichsfinanzmini- sterium fand gestern über die Frage der Schaffung einer wertbeständigen Währung eine Besprechung statt, an der Vertreter der Reichsregierung, des Parla­ments, der Landwirtschaft, der Banken und dpr In­dustrie teilnahmen. Dem „Lokalanzeiger" zufolge war man sich klar darüber, daß in allernächster Zeit etwas geschehen müsse, um den sich aus einer weiteren Markentwertung entwickelnden Verhältnissen entgegenzutreten, da sonst der wirt­schaftliche Zusammenbruch unvermeidlich ist. Die gestrigen Beratungen nahmen einen sehr günstigen Verlauf, und es wird damit gerechnet, daß bereits in wenigen Tagen ein fester Plan über die Währungsform vorliegen wird.

Berlin, 5. Sept. Das „B. T." berichtet: Die Be­ratungen über die Schaffung eines wertbeständigen Zahlungsmittels sind in vollem Fluß. Die Er­örterungen beziehen sich nach den Informationen des Blattes hauptsächlich auf zwei Projekte: einmal auf ein auf der Schaffung einer Roggen­note aufgebautes Projekt, ferner auf die Ausgabe von Goldvoten durch eine neu p errichtende Goldmark bank, deren Kapital auf etwa 200—250 Millionen Gcldmark, zahlbar in Gold oder Devisen, be­messen werden soll. Die Deckung der auszugebenden Roten soll, abgesehen von den das Kapital bildenden Devisen, durch Eoldwechsel kreditfähiger Kresse erfolgen. Ferner wird auch an eine Subsidiärgarantie industrieller und landwirtschaftlicher Kresse in einer bestimmten Höhe gedacht.

Eine Verschärfung der Devisenverordimng.

Berlin, 8. Sevt. Wie die ..B. 3" hört, finden heute Ressortbesrrechungen mit den einzelnen Ministern über die Verschärfung der Devisenverordming statt, deren Ergebnisse nock im Verlaufe dieser Woche in Form einer Ergän- zungsverordnung bekannt werden dürften. Di« Be­mühungen sollen stch hauptsächlich in der Richtung auf eine verschaffte Form der Erfaffung und auf ein« Erweiterung des Kreises der kontrollvilichtigen Devisen Interessenten bewegen.

Betriebsstillegungen und Demobilmachungsvorschristen.

Berlin, 5. Sept. Der preußische Minister für Handel und Gewerbe ersucht, wie der amtliche preußische Pressedienst mitteilt, in einem Erlaß vom 4. September, die Demobilmachungs-Kom­missare darauf aufmerksam zu machen, daß alle Vorschriften über die Stillegungsverordnung vom 8. November 1920 seitens der Betriebsunternehmer sorgfältig einzuhalten sind. Nötigenfalls sind die Unternehmer nachdrücklichst darauf hinzu­weisen, daß eine Stillegung des Betriebes ohne di« Erstattung der vorgeschriebenen Anzeige oder vor Ab­lauf der Sperrfrist ohne die Zustimmung der Demobil­machungs-Kommissare gerichtliche Bestrafung zur Folge hat.

Die Reichsindexziffer.

Berlin. 6. Sevt. Die Reichsindexziffer für die Lebens­haltungskosten (Ernährung. Kleidung. Wohnung, Heizung und Beleuchtung) beläuft sich nach den Feststellungen des Statistischen Reichsamtes auf 1645 261 für den 3. Sept. Tie Steigerung gegenüber der Vorwoche beträgt somit 55,9 Prozent. Für den Durchschnitt des Monats August be­rechnet stch die Reichsindexziffer auf 586.045 gegenüber 37.651 im Monat Juli.

Kein Abbau der WohnungszWangswirtfchaft.

Berlin. 5. Sevt. Gegenüber den in der Presse auf­tauchenden Nachrichten, die von einem bevorstehenden Abbau der Wobnunosbewirtschaftung svrecken. wird dem amtlichen vreußischen Pressedienst von zuständiger Seite mit­geteilt. daß eine solche Maßnahme nicht in Erwägung gezogen wird.

Der Teuerungszuschlag für die Reichsbeamten.

Berlin. 6. Sevt. Auf Grund von Verhandlungen mit den Svitzengewerkschaften wurde vorbehaltlich der Zustim­mung des Reichsrats und des Reichstags der Teue­rungszuschlag zu den Bezügen der Reichsbe­amten. Pensionäre usw. mit Wirkung vom 1. Sevt. av auf 28.840 Prozent und der Frau-nzuschlag auf zwanzig Millionen Mark r-utgesetzt. Die stch hieraus ergebenden Nachzahlungen werben ausberahlt für 1. bis 15. Sevt, rbald die Zustimmung der zuständigen Ausschüsse des! Reicksrats und des Reichstags erteilt ist. Die näheren Einzelbelten sind aus dem Reichsbefoldungsblatt zu ersehen.

Monatliche Borauszahlnug der Beamteugehälter.

Berlin, 5. Sevt. Das „B. T." berichtet' Heute nach- mfftag w-rd die Änderun g der Ee baltszahlnng M“. durchgeiorocken. Der 3keichsfinanzmiilisier

Ä?^"N«N Gesetzentwurf über «ine vor- ^Ergehend« Aufhebung der Drerteljahresrablunaen zugehen.

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