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Verlag Langgasse 21

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Nr. 206.

Dienstag, 4. September 1923.

71. Jahrgang.

Grundzahlen und Schlüsselzahlen.

Wertbeständige Löhne, wertbeständige Gehälter, wertbeständige Verkohrstarise! Schön, ihr Anmarsch ist nicht mehr aufzuhalten. Die Entlohnungen laufen jetzt in festem Verhältnis hinter den Preisen her. Werden sie sie einholen? Der Lohn- und Gehalts­empfänger kümmert sich fürs erste nicht viel darum. Er denkt: werden die Waren teurer, so steigen ja auch meine Einnahmen ganz von selbst. Was habe ich für ein Interesse an den Preiserhöhungen! Wirklich? Ist es nicht vielmehr so, daß selbst die ausgeklügeltsten Vorsichtsmaßnahmen nicht verhindern können, daß die Lohnsteigerung immer bedenklich hinter der Preis­steigerung hinterherhinkt und dass einmal der Zeitpunkt kommen mutz, wo die Kaufkraft der Verbraucher ge- läbmt wird? Und was geschieht im Verlauf dieser Steeplechase mit dem immerhin nicht ganz unbeacht­lichen Teil der Bevölkerung, der nicht in der glück­lichen Lage ist. durch höhere Löhne oder durch Auf schlage auf die Warenpreise der Teuerung ein Schnippchen zu schlagen? Man denke an die geistigen Arbeiter, an die Rentner, ganz zu schweigen von den Arbeitslosen. Schließlich aber und vor allem: Was wird sich ereignen, wenn die deutschen Preise die Welt- marktpreise überschreiten? Unsere bisherige Ausfuhr- Möglichkeit beruhte doch hauptsächlich darauf, daß der innere Wert der Mark immer noch höher war, als der Dollarkurs anzeigte, Ändert sich das, erhöhen sich die Produktionskosten zuungunsten Deutschlands, so ist unsere Stellung auf dem Weltmarkt dahin und eine schwere Krisis ist da.

Indessen, diese Betrachtungen haben zurzeit wenig Sinn. Die Wertbeständigkeit des Lohnes ist nun einmal die Forderung des Tages, und darum mutz man sie so zweckmäßig gestalten, wie nur irgend möglich ist. Eben jetzt haben die Spitzenverbände der Arbeitgeber und Arbeitnehmer in emsigem Bemühen die Richtlinien vereinbart, die den künftigen Lohnver­handlungen (d. h. den Verhandlungen über wert­beständige Löhne) als Grundlage dienen sollen. Es fft anzuerkennen, daß bei der Festlegung des Multi­plikators, zu deutsch der Schlüsselzahl, so ziemlich alle in Betracht kommenden Momente Berücksichtigung ge­funden haben. Insbesondere ist zu billigen, daß zur Metzzahl nicht der Dollarkurs oder der Großhandels­index genommen werden soll, sondern eine möglichst genaue Anpassung an die tatsächlichen Lebenshaltungs­kosten, wie er etwa im Kleinhandelsindex vorlisgt. Auch die Vorkehrungen, die getroffen sind, um die Scblüsselzahl eng an den Geldwert der Verbrauchs­woche anzuschließen, lassen die nötige Sorgfalt nicht vevm issen.

Run kommt aber die andere Seite, die Grund­zahl, über die man aus den Richtlinien auch einige Andeutungen erhalten möchte. Doch davon schweigt des Sängers Höflichkeit, über sie müssen sich also die einzelnen Organisationen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern bei den konkreten Tarifverhandlungen einigen. Manche Optimisten setzen diese Grundzahl dem Friedenslohn gleich aber ist daran zu denken? Selbst viele Arbeitnehmer sind der Überzeugung, daß das verarmte Deutschland als Erundlohn nur etwa die Hälfte oder % des Vorkriegslohnes zu zahlen im­stande sei.

Wir müssen mithin abwarten, welche Ergebnisse die Tarifoerhandlungen haben weiden. Aber eins läßt sich heute schon sagen: die gesamten Grundzahlen und auch die Schlüsselzahlen müssen in einem festen Verhältnis zu einander stehen in der Weise, daß ihre Produkte, also die wertbeständigen Löhne, Gehälter, Tarife, ungefähr dem derzeitigen Stande der Wirt­schaft entsprechen. Der Tischler kann nicht als Grund­zahl den Friedenslohn berechnen, wenn der Maurer nur mit % des Friedenslohnes zufrieden fein soll Und nicht minder müssen sich die Verkehrstarife auf ungefähr demselben Niveau halten, wenn nicht das ganze wirtschaftliche Leben durcheinandergeworfen und start derBeständigkeit" eine fortwährende Unruhe in unsere ganze Lebenshaltung getragen werden soll.

Wie aber entwickeln sich die Dinge? Die Eisen­bahn will die Schlüsselzahl nach den gesamten effek­tiven Ausgaben berechnen. Sie hat daher, da diese Ausgaben noch in den letzten Tagen außerordentlich ae- stieaen sind, die Schlüsselzahl noch kurz vor ihrer offi­ziellen Verlautbarung bei den Personentarifen von 150 000 auf das Vierfache, bei den Gütertarifen von 1,2 Millionen um die Hälfte gesteigert. Die Post will ihre Schlüsselzahl bis auf weiteres nach einem an­deren System berechnen, nämlich nach den Gehältern für ihre Beamten, und begann am 1. September mit dem Multiplikator 750 000, also ungefähr dem Ncichs- ittdex. Beide Verwaltungen aber verkünden mit einem gewissen Stolz, daß sie als Grundzahl den un»

gefahren Friedenspreis in Rechnung stellen. Wie aber reimt sich dies damit zusammen, daß man von den Lohnempfängern und den Beamten erwartet, daß sie sich mit der Hälfte oder % ihrer Friedensentloh nun« (multipliziert natürlich mrt der jeweiligen Schiüssel- zahl) bescheiden sollen? Es ist jetzt schon mit einiger Sicherheit zu sagen, daß das Zurückgehen der beiden großen Verkehrsverwaltungen auf den Friedens­grundpreis ein Anreiz dafür sein wird, daß man nun­mehr auch für die Gehälter und Löhne ans den Status vor dem Kriege zurückgeht. Und alles dies soll die an allen Ecken und Enden gepeinigte deutsche Wirt­schaft aufbringen!

Es ist schon nicht leicht gewesen, die Arbeitgeber und Arbeitnehmer auf den Boden von Richtlinien zu den Lohnverhandlungen zusammenzuführen. Die größten Schwierigkeiten aber beginnen erst bei diesen Lohnverhandlungen selbst. Und wenn auch diese Barriere genommen ist. dann mutz sich erst noch Heraus­stellen, wie diese wertbeständigen Löhne wirken werden. Es werden da Erfahrungen gesammelt werden, die manches Lehrreiche enthalten. Aber das ist bis auf weiteres eine spätere Sorge. Vorläufig muh man erst einmal die Wertbeständigkeit bei der Entlohnung in die Praxis einführen, und es ist nur zu wünschen, daß die großen staatlichen Monopol- belrieke hier keine Sonderpolitik betreiben, die nur dazu führt, die ohnehin delikate Frage noch schwie­riger zu gestalten!

Die Umänderung der Zahlung der Beamteugehälter.

Berlin, 4. Sevt. In der Frage der Umänderung i et Ä,"",lung der Beamtengehälter fand gestern eine Beratung rm Reihsfinanzministerium mit den SBer* Iretcrn der Lander statt. Auch die einzelnen Spitzengewerk- schaitcn sprachen sich dabei noch einmal über diese Angelegen- ueit aus. Das ReichsfinanöMinisterium bat die Svitzen- arganifationen der Beamten zu einer Besprechung einge- m ^ er Gewerkschaftsvertretern die endgültigen Beichlune der Re-chsregierung über die Beamteugehälter- frage mitgeteilt werden sollen.

Nach der ..D. N. Z." wird heute auch über die Er­hob un g de r Staatsarbeiterlöbne für die laufende Wach? und auch über die Erhöhung der Sevtemberbezüge der Beamten verhandelt werden. __

SleHnMxc Snrilelemnm-Me in Stnntreidi.

Paris, 3. Sevt. Die Morgenvresfe bringt die Rede Dr. S t r e s e m a n n s in Stuttgart recht ausführlich. Da­gegen liegen Kommentare bisher nur sehr wenig vor. Auch eine offizielle Stellungnahme zur Rede Strese- manns ist vorläufig noch nicht erfolgt und die matz- sebcnden Kreise halten mit ihren Äußerungen zurück. Die Blatter nehmen die Rede im allgemeinen mit großem Entgegenkommen auf.Figaro" charakterisiert die Aussubrungen des Kanzlers dahin, er habe versöbn- Absichten, als j« zuvor geäußert. Aber hin­sichtlich der unmittelbaren Verwirklichungsmöglichkeiten habe er kerne neuen Wese gewiesen. Zum erstenmal habe W ein deutscher Kanzler gewagt, eine wirtschaftliche Entente zwischen Deutschland und Frankreich herbeizn- wünschen In der Überschrift sagt derFigaros Niemals hat ein deutscher Kanzler eine so gemäßigte Sprache geführt.

DerMatin" betont die Stelle über die eventuelle deutsch-französische Wirtschaftsvcreinigung als be- lcnders interessant, bebt aber gleichzeitig hervor, daß eine Derartige Einigung ohne Erfüllung der Reparationspflicht nicht möglich sei.

DasPetit Journal" will in der Rede den Eindruck finden, daß Strefemann geneigt fei. in direkte N-r

Die von Strefemann angebotenen Z u g e st"ä n d"n i ffe ge­nügten aber noch nicht zur Befriedigung der Forderungen Frankreichs und Belgiens, aber der Reichskanzler betone ja. daß sie nicht das letzte Wort Deutschlands darstellten.

- ... in Rede Stresemanns nicht das

letzte Wert Deutschlands. Das Blatt glaubt sogar, daß Deutschland bereit sei, e ne höhere Summe als die von Euno angebotenen 30 Milliarden anzuerkennen.

Die kommunistischeSumanitd" wirft dagegen Strese- mann vor. daß er Deutschland den Kapitalisten der Entente anbiete und sein Land einem interalliierten Konsortium überliefere.

Eine Falschmeldung.

Berlin. 3. Sevt. daß ein Vertreter des redung mit Sti Unterredung m-t Dr. die Blätter, daß ein den bade. Es seien die als Vertreter des

Fu der Nachricht derDaily Mail". Comtts des Farges zu einer Unter- nnes eingetroffen sei und auch eine i ri m ? n n gehabt habe, erfahren solcher Empfang nicht stattgesun- kemerlei Personen empfangen worden. ComltS des Forges anzusehen wären.

Eine französische Derorduung über Notgeld.

Mainz. 3. Sept. Die französischen Behörden haben milteilen lassen, daß demnächst eine Ordonnanz erlassen wird, die die Ausgabe von Notgeld regelt. Danach soll in allen Städten des besetzten Gebietes das Notgeld gleiche Größe und das gleiche Aussehen haben und sich nur durch die Städtenamen unter» cheiden. Sämtliche Städte sind verpflichtet. Dieses Notgeld anzunehmen und auszugeben.

Men mm nnf seine« stnnonnni

Paris, 3. Sept. Nach einer Havasmeldung aus Nom ist die italienische Regierung den Blättern zu- so.ge nach wie vor fest entschlossen, bei ihrem Stand- piE zu verharren, daß der Völkerbund n i ch t » *£* n k *0 Hi, um über den italienisch-griechischen Konflikt zu entscheiden, da es sich um eine Angelegen­st handle, bei der die E h r e I t a l i e n s. d i e nationale Würde und das Leben der italienischen Staatsangehörigen auf dem Spiele stehe. Es scheine indessen, daß die italie­nische Regierung, falls diese Auffassung im Völker­bund keine Annahme fände, es nicht ablehnen würde, datz der internationale Gerichtshof im Haag mit der Prüfung der Kompetenzfrage betraut würde.

Paris, 3. Sept. Wie die Blätter aus Athen melden, hat sich der italienische Botschafter am Sonn­tag vormittag in das Ministerium des Äußern be­geben und hat dem Minister des Äußern mitgeteilt, daß Italien es ablehn et dem Völkerbund eine Angelegenheit zu unterbreiten, die die Ehre de- italienifchen Staates angehe.

Der Mord an den Mitgliedern der italienischen Militärmisiion.

Athen, 3. Sept. Entgegen den Veröffentlichungen der albanischen Gesandtschaften im Ausland stellt die Agence d'Athenes" fest, datz nicht nachgewiesen sei, daß die Mörder der Mitglieder der italienischen Militärmission Griechen seien, und daß Griechen­land den albanischen Präfekten nicht davon in Kennt­nis gesetzt habe, datz an der griechisch-albanischen Grenze in letzter Zeit Banden ausgetaucht seien. Die griechische Regierung habe zu wiederholten Malen die Aufmerksamkeit der albanischen Regierung auf diese Tatsache gelenkt. Tatsache sei es ferner, daß der albanische Vertreter in I a n i n a vor der Ermordung der Mitglieder der italienischen Militärmission auf Grund eines Telegramms des albanischen Gesandten in Athen den griechischen Präfekten ausgesucht und genaue Angaben über das Erscheinen albanischer Banden erbeten habe. Der Präfekt übersandte dar­auf eine Aufstellung mit Angaben über die Stärken der Banden und ihrer Führer. Diese Nachrichten, deren Massgeblichkeit außer Zweifel ständen, genügtes um die Haltlosigkeit der verleumderischen Behaup­tungen der albanischen Gesandten zu beweisen.

Antiitalieuische Kundgebungen in Saloniki.

Paris, 3. Sept. Rach einer Havasmeldung aus Saloniki erfährt die Agentur Stefan!, die Bevölke­rung fei seit gestern in großer Erregung. In den­jenigen Stadtvierteln, in denen die Griechen in der Mehrzahl seien, hätten Kundgebungen stattgesunden gegen die Italiener. Mehrere Italiener seien miß­handelt worden. Man habe versucht, das italie­nische Konsulat anzugreifen. Die Hafenarbeiter weigerten sich, die Dampfer unter italienischer Flaoge zu entladen. Es sei vorgoschlagen worden, den ita­lienischen Handel zu boykottieren.

Ein italienischer Faszist in Paris ermordet.

Poris. I. Sept. Wie die Blätter melden, wurde gestern m Paris ein italienischer Anhänger der Faszisteu- Partei von italienischen Kommunisten er- SL°.. ri, e Ein zweiter italienischer Faszist wurde in der Rabe seiner Wohnung überfallen und schwer verjetzt Auch hier haben die polizeilichen Ermittlungen ergeben, daß der Täter ein italienischer Kommunist war. der von der Regierung Mussolini ausgewielen worden war. Der Pariser Posizeivräfekt hat. wie die .Liberia" meldet, den Beschluß gefaßt die Gebäude, wo Italiener arbeiten, einer beson­deren Bewachung ' " ~ * - -

einzuleiten um ! decken, in denen die

Lord Eurzon wieder in London.

London, 3. Sept. Rach einer Reutermeldung traf Eurzon gestern abend wieder in London ein Eurzon wollte sich über die italienisch-griechische Krise nicht äußern, bevor er Gelegenheit gehabt habe die Akten durchzusehen. Der Völkerbund habe die Frage in die Hand genommen. Dies scheine der un­vermeidliche und präliminare Schritt zu sein Jeder­manns Anstrengungen müßten daher dahin gehen d i e Macht des Völkerbundes zu unterstützen

Die Lebensmittelkouferenz in Koblenz.

. . Sep i DieRheinische Runüshau"

teilt mit: Wie wir erfahren, hat gestern mit den Or­ganen der Besatzungsbehörde eine Lebensmitte l- tonferenz stattgefunden. Während dieser Sitzung wurde lediglich beschlossen, die angeschnittenen Fragen: Transport mit der Regie und anderes mehr noch- m«!§ zu erörtern und zu prüfen und dann spater wieder zusammenzutreteu.

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