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Nr. 205.
Montag, 3. September 1923.
71. Jahrgang.
Eine Warnung vor Pessimismus.
Reichskanzler Dr. Stresemann hat am Sonn- tag seinen Aufenthalt in Stuttgart dazu benutzt, um vor den Mitgliedern der württembergischen Regierung und vor Vertretern von Industrie und Handel eine hochbedeutsame Rede über die grundlegenden Fragen der deutschen inneren und äußeren Politik zu halten. Der Reichskanzler erklärte, die Lieferungsverhandlungen mit Frankreich könnten eröffnet werden, wenn Deutschland die Sicherheit habe, daß auf den Grundlagen der deutschen produktiven Pfandleistungen die Lösung des Ruhrkonfliktes möglich sei, die der Sinn des passiven Widerstandes wäre. Ganz besonders ausführlich ging Dr. Stresemann auf die innerpolitiichen Probleme ein. Er besprach die ungeheuere wirtschaftliche Notlage Deutschlands und wies auf die Notwendigkeit der Wehrpflicht des Besitzes und der Arbeit, für die die größten Opfer zu bringen feien, hin. Zur Stärkung der Staatsautorität werde das Möglichste geschehen. Auch die Steuerfrage streifte der Kanzler und warnte vor Steuersabotage, die aufs schwerste bestraft werden müsse. Dr. Stresemann gab die Versicherung ab, daß die Regierung alles zur Schaffung eines wertbeständigen Geldes tun werde, damit man in Deutschland wieder den Eoldpfennig zu ehren lerne. Nachdem der Leiter der deutschen Politik noch auf die Gefahren der kommenden Arbeitslosigkeit hingewiesen hatte, warnte er vor Pessimismus und forderte das Volk auf, dem Staate zu geben, was er brauche.
Wir wollen hoffen, daß die von tiefem Verantwortungsgefühl erfüllten, aber trotzdem nicht pessimistischen Worte Dr. Stresemanns im Lande den nötigen Widerhall finden und das deutsche Volk aufrütteln, damit sich niemand Illusionen darüber hingibt, wie schwere materielle Lasten wir in Zukunft im Interesse der Wiedergesundung Deutschlands auf uns zu nehmen haben.
Auch P o t n c a r 4 hat gestern wieder eine politische Rede gehalten und zwar bei der Einweihung eines Kriegerdenkmals in Pontrieux. Er ging aber weder auf die Reparations- noch auf die Ruhrfrage ein, sondern sprach ausschließlich zu seinen Landsleuten!
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Stuttgart, 2. Sevt. Zu der Rede, die der Reickskanzler Dr. Stresemann heute im dichtbesetzten Saale des Sieglebauies hielt über die grundlegenden Fragen der inneren und äußeren Politik, waren außer den Mitgliedern der württembergischen Regierung zahlreiche Vertreter von Industrie und Handel Württembergs sowie zahlreiche Vertreter aus württembergischen Arbeitnehmer- und Arbeitgeberorganisationen erschienen. Bevor der Reichskanzler das Wort ergriff, sprach
Staatspräsident v. Hieber
folgende Begrüßungsworte' Ich habe in den letzten Jahren keine Gelegenheit vorübergchen lassen, um immer 'wieder mit größter Entschiedenheit zu betonen, daß in Württemberg kein halbwegs ernst zu nehmender Mensch daran denkt, an der
Einheit des Reiches
zu rütteln. Wir wissen uns «in- für allemal mit dem Reiche auf Gedeih und Verderben verbunden. Nur durch das unbedingte Bekenntnis zur deutschen Einheit und nur durch unbedingte Treue zu der diese Einheit verbürgenden Verfassung können wir überhaupt hoffen, wieder zu der Stellung als Staat und Volk zu gelangen, auf die wir nach unsere: Cesch'chte im Kreise der Völker einen Anspruch haben Wer an dieser Einheit und wer an dieser Verfassung rüttelt, bedroht die Zukunft des deutschen Volkes, der leistet bewußt und unbewußt der Politik unserer Gegner und im Innern der Verzweiflung Vorschub, der entzieht den Massen des deutschen Volles den Glauben an unser geschichtliches Recht und die Hoffnung ans unsere Zukunft. Jede Außenpolitik des Deutschen Reiches kann nur das Ziel haben, stets die Souverän-tät über die Gebiete an Rhein und Ruhr zu haben. Wir sind bereit, auch
die schwersten materiellen Lasten auf uns zu nehmen, um zu diesem Ziele zu gelangen. Wir sind Bereit, uns auf den Boden der Stellung produktiver Pfänder zu stellen und haben Reichsbesitz und Privateigentum als unsere faktischen Reparationsleistungen angeboten.
Der Reichskanzler ergriff hierauf das Wort und ging sofort ans die Besprechung der
außenpolitischen Lage
ein. Er entwarf ein Bild des starken außenpolitischen Druckes, der gegenwärtig durch die Besetzung des größten deutschen Wirtschaftsgebietes auf Deutschland laste. Bei der Besprechung der von Frankreich geforderten Sicherheiten auf politischer Baiis sagte der Reichskanzler' Wenn es sich darum handelt, daß die am Rhein interessierten Staaten sich vereinigen, um die Unversehrtheit des gegenwärtigen Gebietszustandes auf einer noch zu bestimmenden Basis sich gegenseitig zu sichern, so wird Deutschland bereit sein, einem solchen Bündnis beizutreten. Will Frankreich keine Annexionen, dann hat es die Möglichkeit, seine Auffassung in die Wirtlichkeit umzuietzen. Man will
die Eröffnung von Lieserungsverhandlungen abhängig machen von der
Wiederherstellung der Arbeit im Ruhrgebiet. i
Zeder ehrliche Mensch im Ruhrgebiet sehnt sich nach der stunde, in der dieses blühende deutsche Land der alten regen Wirtschaftstätigkeit zurückgegeben wird. Diese Stunde wird gekommen sein, wenn wir die Sicherheit haben, daß aus den Grundlagen oer deutschen produktiven Pfandleistungen die Lmllng des Konfliktes möglich ist. die der Sinn unseres passiven Widerstandes war.
Den zweiten, den innerpolitischen Fragen gewidmeten Teil seiner Rede begann der Kanzler mit einem Hinweis auf den
Zustand höchster wirtschaftlicher Not Deutschlands.
Die Ans fuhr sei in wenigen Monaten von 600 Millionen am 106 Millionen Eoldmark zurückgegangen, während Deutschland vor dem Kriege eine Ausfuhr von 10 Milliarden Goldmark hatte. Das zeige deutlich, daß Deutschland ohne Rhein und Ruhr nickt lebensfähig und ohne die Verfügung über dieses Gebiet zu irgendwelchen Reoarationen außerstande ist. Der Reichskanzler kam dann auf die Wehrpflicht des Besitzes
zu sprechen! die aber auch in gleicher Weise für die Arbeiter und das Beamtentum gelte. Dis oerlangten Opfer feien in den heutigen anormalen Zeiten eine Notwendigkeit. Was die Wehrpflicht der Arbeit anbetreffe, so brauche man da. wo lebenswichtige Notwendigkeiten des Staates vorliegen.
die Überarbeit für das Allgemeinwohl.
Zu irgend einem Eingreifen des Staates in die wohlerworbenen Rechte der Beamten erklärte der Reichskanzler, daß die Reichsregierung der Kritik gegen das Beamtentum fcrnstehe. daß aber der Staat auch in dieser Frage zuerst an sich se lb st denken müsie. Die Staatsautorität müsse gestärkt werden und die Regierung werde die Staatsautorität durchsetzen. Sie sei nicht gesonnen, mit ihr Schindluder treiben zu lasten. — Zur
Stenerfrage
übergehend, erklärte der Kanzler, es sei Vorsorge getroffen worden, daß durch die bestehenden Staatsorganisationen Kredite für die Getreidelieferung gegeben werden. Aus keinen Fall gehe es an. daß Aufrufe gegen die Steuerzahlung erlassen würden. Wer in dieser Zeit eine Eabotierung der Steuern organisiere, gehöre hinter Schloß und Riegel. Mit vollem Recht könne man aber verlangen, daß die Steuern vereinfacht und übersichtlicher gemacht werden. Die
Bekämpfung des Zerfalls der deutschen Währung sei abhängig von der außenpolitischen Lage und von der Lage der inneren Wirtschaft. Wir hätten schon längst ein wertbeständiges Geld schaffen müssen, um aus der Spekulation und der Devisenhamsterei herauszukommen. Wir haben die Absicht, das beißt es ist unsere nächste — und zeit- l-cher gesagt — unsere übernächste Aufgabe, ein solches wertbeständiges Geld in Deutschland zu schassen, so schwer es uns auch fällt, zuzugestehen. daß die Mark Zahlungsmittel ist und nickt mehr eine feste Währung darstellt. Wir wollen die Goldmark wieder schaffen in der Hoffnung, daß man wieder den Goldpsennig in Deutschland ehren lernt.
Nach der Schaffung einer wertbeständigen Anleihe gibt es kein Recht mehr auf Devisenbesitz im deutschen Volke. D-e Devisen gehören dem Reiche, das der Wirtschaft die notwendige Zahl zur Verfügung stellt. Die private Devisenspekulation. die mit zur Zerrüttung der Mark beigetragen hat. muß anfhörcn. Wir brauchen die Devisen zur Lebens- mitteleinfuhr. für die Stärkung und Fortführung des Ruhc- kamvfes. — Wir stehen
vor einer großen Arbeitslosigkeit in Deutschland, die uns neue finanzielle Lasten in der Erwerb slosenfürsorge bringen wird. Es darf nur eine produktive Erwerbsloienfürsorge geben. Im Hinblick aus d>e Beschaffung von Hausbrand im kommenden Winter regte der Kanzler an. eine Überstunde im Bergbau zu leisten und gleichzeitig die Erträgnisse daraus als Kohle für den Winter den Bedürftigen zu geben, damit einmal in dieser Beziehung das Volk dem Volke etwas gibt
Im weiteren Verlaufe seiner Rede wandte sich der Reichskanzler
gegen jede Art von Schlemmerlsben
und betonte die Wichtigkeit der sittlichen Kraft, die für den Aufstieg des deutschen Volkes maßgebend sei. Deutschland gebe sehr schweren Zeiten entgegen, so daß man sich ein müheloses und arbeitsloses Einkommen in Deutschland nickt mebr zu denken vermöge. Deutschland müsse entweder ein Volk der Arbeit sein oder untergeben. Er warne vor jedem Pessimismus. Deutschland st ehe allein in der Welt, es habe keinen außenpolitischen Sekundanten. Bundesgenossen bekomme Deutschland nur dann, wenn die Welt einsähe, daß es den Mut habe, von dem Volke zu verlangen, was der Staat brauche.
Zum Schlüsse seiner Ausführungen begrüßte der Kanzler alle Bestrebungen in Deutschland, die zur Aufklärung über die Entstehung des Weltkrieges verbreitet werden sollen und forderte die Wahrheitssucher aller Staaten aus darauf zu dringen, daß alle Archive so geöffnet werden, wie Deutschland seine Archive im Bewußtsein seines guten Rechtes und Gewissens geöffnet habe.
Nach der Rede Dr Stresemanns. die an zahlreichen Stollen von lebhaftem Beifall unterbrochen wart, dankte der wvrttemüerg'sche Staatspräsident Dr. o. Hieber dem Reichskanzler für feine Ausführungen und schloß darauf die Versammlung _ „ . „ „
Stuttgart, 3. Sevt. Der Reichskanzler, der am Sonntagnachmittag im engsten Kreise beim württembergischen Staatspräsidenten in Privatangelegenheiten in Tübingen weilie. hat sich am Abend in herzlichster Weife von dem württembergischen Staatspräsidenten auf dem hiesigen Hauvthahi-hof verabschiedet. Er wird heute vormittag wieder in Berlin eintretten.
Der italienisch-griechische Konftilt.
Eine Proklamation an die Bewohner Korfus
Rom, 2. Sept. Nach einer Meldung des Oberbefehlshabers der Flotte in Korfu hat sich die Landung ohne Schwierigkeiten vollzogen.
Rom, 2. Sept. Nach der Besetzung der Insel Korfu richtete der Oberbefehlshaber der Flotts, Admiral Salari, an die Bewohner eine Proklamation, in der festgestellt wird, dass die Besetzung infolge der Ermordung der italienischen Militärdelegation auf griechischem Boden und der Weigerung der griechischen Negierung, die Forderungen Italiens auszuführen, erfolgte. Die Besetzung sei keine kriegerische Handlung, sondern solle lediglich die feste Entschlossenheit Italiens bekunden, die ihm geschuldeten'Reparationen zu erlangen. Die Besetzung trage einen vorübergehenden, friedlichen Charakter und werde diesen behalten, so lange die Haltung der Bewohner der Insel die italienische Kommandobehörde nicht nötige, be- svnoere Maßnahmen zum Schutze der italienischen Truppen zu ergreifen.
Eine Depesche Mussolinis an die Auslandsvertretungen.
Rsm. 1. Sevt. Mussolini richtete an die italienischen Auslandsvertretungen folgende Depesche:
Auf die gerechten Forderungen Italiens infolge der barbarischen Ermordung der italienischen Militärdelegation auf griechischem Gebiet bat die griechische Regierung mit Worten geantwortet, die tatsächlich einer vollständigen Zurückweisung der italienischen Forderungen gleichkommen. Diese ungerechtfertigte Haltung versetzt Italien in die Notwen- digke-t. in der griechischen Regierung das Gefühl für ihre Verantwortlichkeit wackzurufen. Infolgedessen bat sie den Befebl erteilt, eine Abteilung italienischer Truppen aus Korfu zu landen. Durch diese Maßnahme, die nur zeitigen Charakter bat. beabsichtigt Italien nicht, kriegerische Handlungen auszusühren sondern nur. sein Ansehen zu wahren und seinen unerschütterlichen Willen zu bekunden. Miedergutmachungen zu erhalten, di« Griechenland ihm nach Herkommen und Völkerrecht schuldet. Die italienische Rigiernng wünscht, daß Griechenland keine Handlungen begebe, die die friedliche Natur dieser Maßnahmen ändern könnte. Das soeben angeführte Vorgehen schließt nicht die Sanktionen aus. die die Botschafter kon- f e r e n z ergreifen wird auf Grund der Tatsache, daß dir ermordete italienische Delegation einen Teil der Grenz- ok.sieckungskimMission bildete, und daß der Vorsitzende. General P e l l i n i. Beauftragter der Votschafterkon- fercnz war.
Der griechische Protest.
Paris, 1. Sept. Die Agence d'Athene veröffentlicht folgende Note: Auf den Schritt des italienischen Gesandten hat der Minister des Äußern erwidert, daß die Besetzung des Gebietes eines unabhängigen Staates nur als feindseliger und vollkommen ungerechtfertigter A k t betrachtet werden könnte, der eine offensichtliche Verletzung der von Italien eingegangenen Verpflichtung darstellt. da Eriechenland sich bereits an den Völkerbund gewandt und ibn geboten habe. die Frage einer Prüfung zu unterziehen. Die griechische Regierung hat ihren diplomatischen Vertretern den Auftrag gegeben, bei den Mächten gegen das Vorgehen Italiens zu protestieren. Die griechische Regierung bat nicht die Mstcht. diesen provokatorischen Akt zu beantworten, da sie davon überzeugt ist. daß der Völkerbund, an den sich die griechische Re->>erung unter Berufung aus Artikel 11 des Völkerbunldsvertrages schon gewandt bat. das Vorgehen der italienischen Regierung verurteilen wird. Man stellte vor allem fest, daß. nachdem die italienische Gesandtschaft um 12 Uhr mittags 'das Ministerium des Äußern benachrichtigte, daß sie um 5 Uhr eine neue Note überreichen würde, dis eine fünfstündige Frist gebe die italienische Flotte schon um 4 Uhr nachmittags zur Besetzuns von Korru geschritten ist. Man hebt werter hervor, daß die italienische Flotte gegen eine offene, unverteidigte und außerdem durch den Vertrag von 1364 unter dem Garantierecht stehende Stadt gefeuert habe Eriechenland. obschon klein, hätte diesen feindseligen Akt Italiens beantworten können und müssen. Es habe es aber vorgezogen sich an den Völkerbund zu wenden, an den Areovag. der zur Hütung der Unabhängigkeit, der Souveränität und der Ehre aller Länder, gegen jeden Zwang eingerichtet worden fei, -Wenn aber die Intervention des Völkerbundes sich als ohnmächtig Herausstellen sollte dann wird Griechenland durch die verzweifelte Lage gezwungen! sich gegen die italienische Invasion zu verteidigen.
Griechenland unterwirft sich der Entscheidung der Votschafterkonferenz.
Athen, 3. Sept. Die griechische Antwort aus die Note der Votschafterkonferenz ist gestern mittag dem französischen Geschäftsträger übergeben worden. Die Antwort weist auf die bereits von Griechenland ergriffenen Maßnahmen hin und schlägt eine Untersuchung durch eine internationale Kommission vor. die die Verant- wortlichkert an dem italienisch-griechischen Zwischenfall festsetzen soll. Die Note schließt mit der Erklärung, daß Griechenland sich jeder Entscheidung der Bot- schcnterlonferenz über die Frage der Wiedergutmachung unterwerfen werde.
