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Samstag. 1. September 1823.

Wiesbadener Tagblatt.

Nr. 204. Sette 15.

Unter Haftung6 s&eitage

beä ‘Wie66aberter 'XagbfattS.

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Das verlorene Gedicht.

(Günther von Goeckingk.)

Skizze von Karl Demmel.

Der Seckretarius Günther GoeckinÄ. beamtet Lei der Grafschaft Hohnstein in der Harzstadt Ellrich, wandert« an einem frischen Morgen eine der Landstraßen entlang, die zum Ort biuansfü-hrten. Sein Hündchen sprang lustig zur Seite. „Ferien" jubelte Goeckingks Herz. .Zerren" ging es in den sommerlichen Baumtronen.

Goeckingk lächelte in den Tag. Blieb stehen und sah ans die Dächer von Ellrich, sagte dabei: „Ahr Dächer seid es. die mich zum E'nsamen werden ließet. Immer nur Arbeit und auch innrer wieder einsam. Sisyphusarlheit gleichet solches. Gut ist es nicht, wenn d«r Mensch so einsam ist."

Goeckingk wandte sich wieder und schritt weiter. Ans seiner Rocktasche lugte ihm ein philosophisches Buch.

An einem Kreuzweg traf Goeckingk einen Wagen. Er fragte den Kutscher: .Löollt Ihr mich mitnehmen. Lieber?"

„Wohin?"

„Will nach Kleinwerther."

„Dann kommt, ich will nach Nordhausen."

Die beiden unterhielten sich gut aus dem Wagen. Der Frchrmann zeigte manchmal mit der Peitsche nach dem Ge­birge, jeden Berg kannte er. Als er wieder etwas zeigen wollte, hatte sich Goeckingk nach der anderen Seit« gewandt und sah. wie der Tag golden aufstivg.

Ein dichterisches Erlebnis ging durch seine Seel«. „Ihr schw«igt ja so? Jst's euch nicht recht?"

„Doch. doch. Ach dachte gerade daran, daß ich vielleicht daheim etwas vergessen haben könnt«: doch habe ich alles besorgt."

Unterdem war das Dorf Kleinwerther herangekommen.

.Lier will ich nun absteigen,"

Der Wogen hielt und Goeckingk stieg hinunter. Griff m seine Tasche und gab dem Fuhrmann ein Zehrgeld als Dank auf den Weg.

Goeckingk hatte schon eine Briefvost an seinen einzigen Freund. den Pastor Gold-Hagen. der ihm die einsamen Tage im Ellricher Exil etwas verschönern hals, geschickt. Oftmals ließ auch der Pastor eine Epistel in Goeckingks Haus schneien, so dan der Sekretarius wieder auf ander« Gedanken kam. Und auch die Frau Pastor batte dann und wann eine Aufmerksamkeit übrig.

Die Ferien sollten nun zum Teil dem Pastorsreund ge­hören. Dann aber nachher mit der Eilpost weiter nach Nord­hausen zu Nantchen. »

Eigentlich schalt er stch. daß er nicht zuerst zu seinem Nantchen fuhr.

Aber es war da zu befürchten, daß dem Glücklichen in Nordhaulen vielleicht keine Stunde schlagen würde — und Pastor Ealdbagen könnte durch die Liebesangelegenbeiten ganz in Vergessenheit gerateir. Besser also so. denn so.

Der Hund sprang fleißig voraus und bellte die groben Dorfköter zur Seite, die den Besuch aus der Stadt nicht recht leiden motzten.

Die Bauern kannten den vornehmen, schlankgewachsenen Sekretarius schon länger und grüßten in aller Zuvorkom­menheit.

Goeckingk schwang seinen Wanderstab schon von weitem, als er des Pastors ansichtig wurde, der vor dem Pfarrgarten stand. Herzlich war wieder »um soundsovielten Mal die Be­grüßung.

„Haben Sie doch Wort gehalten, lieber Freund."

..Gern komme ich zu Ihnen. Herr Pastor, das willen Sie ia. Wenn man so wie ich zur Einsamkeit verdammt ist. freut sich das auf eine nette Plauderstunde und auf ein ge­selliges Veisammen-ein. Nun also haben Sie Ähren woeaingk wieder."

Am Abend des gleichen Tages saß die Pastorfamilie im Garten vor dem Haus. Der Hofhund des Pfarrers und Goeckingks Vello tollten sich auf dem Rasen.

„Was willen Sie wohl Neues sonst. Herr Goeckingk? Von Gleim auch wieder mite Nachricht?"

„O. Dank für die Nachfrage, aber Neues? Könnte höch­stens Ellricher Kleinstadtklatsch erzählen, was mir aber nicht liegt."

. ..Sie kommen mir schon den ganzen Tag fo ganz beson­ders lustig vor. Herr Goeckingk". sagte die Frau Pastor, „darf man den Grund willen? Dielleicht eine kleine blstolrs amoureuse? Na — na I"

Goeckingk wurde rot: .Da Sie. liebe Frau Pastor, durch ih-en zarten, traulichen Sinn gleich das Richtige geraten haben, will icb es Ihnen sagen: Ja. ich bin in wenigen Tagen Bräutigam von Nantchen Popel aus Nordhausen."

.Dreh da. sieb da. Mutter. Bräutigam und ,o schnell?"

..Ich wollte Sie überraschen mit der Mitteilung. — Nun habe ich aber doch au« der Schule geplaudert."

..Dann dar? man also zu der Wahl gratulieren?" fragte der Pastor.

Goeckingk wurde wieder rot: „Dock, ja. recht gern.

Danke herzlichst!" und drückte die dargebotenen Hände der Pastorsleute.

Ich wußte es schon. Herr Goeckingk. wenn Sie auch nichts perraten hätten. Darf ich Ihnen mal etwas vorlesen?"

„Ja. lies mal. Mutter, was du da hast."

Die Frau Pastor las mit zarter Stimme:

Bei Übersendung einer Locke.

Vor meinem Spiegel stand 'ch früh.

Hielt Musterung der Locken, zog von allen

Die Nadeln aus. daß auf die Schultern sie

Wie Bach' herab vom Felsen fallen.

Die schönste sucht ich dir -heraus.

Ich schnitt sie ab mit deiner Vilderschere.

Und weinend stieß ich da den Seuszer aus:

Ach! Daß es eine Krone wäre!

Doch so — nur eine Locke. Freund!

Die nicht verdient, daß sie hinauf sich schwinge.

Wo hell das Haar von Berenicen scheint.

Noch daß ein Pove sie besinge.

Und dennoch bat sie Wert, o Mann!

Denn du erhältst mit ihr mein Herz voll Liebe:

Und böt' ein Fürst für das mir Kronen an.

So glaube, daß die Krön ihm bliebe.

Freund! Nimm denn mein« Locke hin!

Dann werd' ich doch nicht ganz für dich begraben.

Und wenn ich läsisst ein Spiel der Winde bin.

Wirft du von mir den Teil noch haben.

Goeckingk batte ungeduldig gesessen: „Hab ich das Blatt verloren? O. meine Einfalt!"

„ Der Pastor sprach lächelnd: „Sraoo. bravo, ein Herr­uches Poem. H<rr Goeckingk- Ja. ia. ein Dichter steckt in Ihnen. Aber lägen Sie mal. lieber Freund, dichtet denn die Braut auch?^

„Nein, ich bringe ihre Briefe immer in Reime."

„Köstlich, Mutter, was?" , „

„Ja. du hast zwar meine Briefe nicht in Verse gebracht.

„Bin ja auch kein Dichter. Aber Herr Goeckingk. das muß Ihnen der Neid lallen: wirklich fein."

Goeckingk lächelte versonnen. Im Grunde war es ihm peinlich, daß die Frau Pastor das Blatt mit dem Gedicht ge­funden hatte. Doch die Pastvrsleute waren ihm elterliche Berater, und io lackte er fröhlich mit.

„Sie müllen sich auch noch das Pfeifenranchen angewöh­nen, junger Freund", sagt« der Pastor.

„Nein, das tun Cie nur nicht, das macht nämlich die Gardinen blau und schwarz", warf die Hausfrau ein.

„Doch. Mutter, die Pfeife ist ein Lebenselirier. Doch Herr Goeckingk. kommen Sie nicht in Versuchung, meine Tabakspfeife auch noch anzudichten."

Goeckingk lachte herzlich und eine Weile war Schweigen. Die Dämmerung schlich durchs Dorf. Süß dufteten -die Rosem Der Hcrrgott hatte oben die ersten Sternenlickter angezündet.

„Welch wundervoller Abend", sagte Goeckingk versonnen.

„O ja. das Jahr ist herrlich gesegnet."

Dann empfahl sich der Verfa-ller des verlorenen Ge­dichts und träumte in seinem sauberen Giebelstübchen unterm Marrbausdach durch die weiche Sommernacht seinem Nant­chen entgegen.

Der Expretzzug.

Bon Hans Heidsieck.

Die Schienen glühen im Mittaasglast. Der Semav-bor steht auf .freie Fahrt". Unter dem Licht der Sonne hat sich der kleine Bahnhof wie ein Kinderfpielzeug geduckt.

Da jagt der Expreßzrig vorüber. Hundert wilde Tiere scheinen entfesselt. — Eisen brüllt auf Eisen, der Boden bebt.

Die großen, langen, schwarzen Wagen huschen wie Ge­spenster vorüber. Die Scheiben des Stationsgebäudes Kirren, ein pfeifender Luftzug packt an die Hüte der Leuts. Ein Kind kreischt auf.

Ist es des Menschen Geist, der hier, in tausend Räder gebannt, vorüberrollt — entfellelt — aller Schranken bar?

Heißgieri« stürzt er in die warme Sommerluft. Schmale Fensterreiben zeichnen sich wie lange Streifen ab.-

Dort steht ein junger Mensch ganz nah am Gleis. Müh­sam hält er sich aufrecht bei dem Luftdruck, den das Untier erzeugt.- _

In seinem Innern klingt's von tausend Stimmen. Er versteht die Sorack« dieser heulenden Eisenmassen. und wie Jubel stetst es in ihm auf. Berauschendes hat dieser Augen­blick für ihn. Es ist kein fahrender Zug mehr, was da an

ihm vorüberschwebt. Es ist die Arbeit-das Leben-

die Menßchenkrafi — — die Urgewalt eines Willens, der keinen Widerstand kennt. — —

Vorwärts! —

Wer das beschreiben, in Verse fasten, in Musik sehen könnte! — Nein, das konnte man nicht, das mußte erlebt sein! —

Ach. wie ihn der klein« Bahnhof bei diesem Gedanken mitleidig anschaut! _ „

Ein Gepäckträger schiebt gelasien ernen Berg von Koffern vor sich her — der Schaffner lautet aus: ..Bevsouenzug nach Dachsenheim — Backbausen — — FrarMadt — —", weiß Gott, was er für Namen nennt! Dabei drückt er der Hihe wegen die beleidigend rote Mühe weiter ins Genick. Ein großer, gedunsener Wasierkopf kommt zum Vorschein.

Die letzte Rauchfahne des Ervreßzwgs -ist längst im Wind zerflattert.- . , .

Immer noch steht der lunge Mensch nachdenklich da.

Er war der einzige, der den Ervreßzug erlebt hatte.

Sprache nnd Tierreich.

Welch eine Unmenge von Bezeichnungen aus dem Tier­reich in der deutschen Sprache zur Bezeichnung eines fest- steherdcn Begriffes dienen und gedankenlos von uns ge­braucht werden, seht aus einer kleinen Auslese hervor. dre. wenn auch wohl kaum vollständig, so doch sicher nicht ohne Interesse ist ^ . ,, ,, . ...

So haben wir z. B. eine ganze Anzahl aus dem Tier­reich abgeleiteter Zeitworte. Von den Dieben heißt es: sie mausin' beim Kartenspiel wird oft gekiebitzt: was Hamstern ist. weiß jeder: lohnt es,,ick nicht, so wurmt es einen: man suchst sich, schlängelt sich an remand heran und sucht ibn zu beluchsen. Leider äfft einen manchmal das Geschick, man bockt und mopst sich m der Stille, laßt andere kälbern und ochst und büffelt für sein Examen. Daß aus ein-m Affe-, meist der Kater sitzt, ist bekannt, bei manchen genügt sogar schon ein kleiner Spitz, um einen Katzen­jammer hervorznrufen: man schilt sich selbst ein Rindvieh oder einen Esel, der leicht vor die Hunde gehen kann.

Der Salonlöwe ist ebenso bekannt wie der Hecht im Karpfenteich und der Hahn im Korbe, der aber ja kein Stockfisch sein darf, da ihn sonst sogar die Backfische^ diese Eä"se nickt für voll nehmen. Wir sprechen von Pferde-

arbc't' Bärenkälte und Wolfsbunger. und. wenn wir jemand einen Fuchs nennen, so halten wir ihn für keinen

lieber sein toll als die Taube auf dem Dach. Daß Menschen auch Krokodilträneu weinen, ist nicht schon und kann ein lammfrommes Gemüt empören: auch l^r Zeitnngsiiger. die Ballettratte und der tm, Reichstag beliebte Hammelsprung dürften keinem fremd sein. . „ . . .

Leute die eine Hühnerbrust, einen Karofenmund und L chsenaugen baben. haben sicher kein Schwein bei jungen Mädchen: obgleich sie keine Schmetterlinge sind, kräht kein Hahn nach ihnen. Angstaugen hat noch immer das Kar­nickel und der Esel gebt neckt nur im Wenter aufs Eis. wenn'>bm zu wohl ist; auch von frechen Wanzen hat man Ickrn oft gelört. und ein Hühnerauge kann ochsig wehe tun. Wer aem wie eine Kirchenmaus ist. kann einen Hund jäinmern. keine Katze kümmert sich um ihn. er bat nickt so viel daß cs eine Mücke aus dem Schwanz halten kann: da be-ßt die Maus keinen Faden ab. Daß uns jemand einen Floh ins Obr setzt, kam schon oft vor. und hiermit iei diese kleine Betrachtung geschlossen. denn sie könnte sonst der reine Bandwurm werden und dem Leser dabei eine Laus über di« Leber lausen. Oskar Klein.

Segler und Schlepper.

Von Hermarm Toelle.

Wie prächtig die Sonne scheint! Aus den Wiesen grM es blau und rot. gelb und weiß. Die Luft ist erfüllt von Jauchzen und Fröhlichkeit. Die alte Doefkircke schaut vom anderen Ufer wie eine ehrbare Matrone in alle Lust und ollen Jubel. Der Rhein zieht dabin wie ein gemütlicher alter Wanderbursche.

Die Sonne lacht ja. die Blumen blühen Merscken sind froh.

Auf den Wellen des Rheins zeigt sich ein eig- Bild. Ein Boot mit blendendweißem Seael und Wimpeln, schnei-det vornehm-lästig die schönsten

und die

mutiges

frischen

Kurven.

Stromaufwärts — stromabwärts gleitet der Segler, wie es ihm gerade vaßt. Er ist ja ein vornehmer Kerb "

ivlchc Sckcrze leisten kann. Ihm ist alles gleich. Er ist der Snob, der die Hände in die Hosentaschen steckt und,

. der sich Er ist wie

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Zigarette im Munde, mit mokantem Lächeln durch die Welt geht. Aber er will doch ernst genommen werden. Darum schneidet er alle möglichen Kurven.

Bon seinem sanften Gleiten aber merkt man nichts. Auf dem Master zeigt sich kaum eine Svur.

Da keucht es heran. Schwer und mastig. Mit cwalmen- den Schornsteinen. Ein Schlepper zieht eine gewaltige Last stromaufwärts In dem Schlepper kocht und brodelt es. Das Klopfen der Maschine erinnert an den Herzschlag eines Menschen, der schwer kämpfen muß. Wie der Kiek des Schiffes stch in das Wasser frißt. Wie die Schrarrbe die Wegen peitscht.

Nur vorwärts! Das Herz muß schlagen oder breche,!.

Und der Segler zieht seine eleganten Kurven. Er kann sich sogar herrlich auf die Seite legen. Der schwarze Schlepper kann das nicht.

Aber wo das Herz des Schleppers pocht, da ist Leben, da wirft das Master Wellen, die klatschend gegen das Ufer fliegen. Immer wieder, als ob sie eine Sturmflut an­künden wollten.

Ter Segler lächelt über die Wellen. Jetzt steuert er hinein. Elegant.

Wie die Wellen ibn packen und schütteln. Bald hätte er

eine

linst. . __ _

'eine Artisienstückchen vollführen kann.

Der Schlepper aber keucht vorwärts. Und das Klopfen der Maschine erinnert an den Herzschlag eines Menschen, der schwer kämpfen muß.

wie man im alten Babylon einen Brief schrieb.

Wir gewöhnen uns das Brieffchreiben langsam ab. weil es zu teuer ist. und jüngst mußte der Postminister selbst zu- geben, daß die Zahl der Briefe seit den letzten Porto- erbühungen fast um di« Hälfte zurückgegangen ist. So wird der Brief wieder zu einer selteneren und wohlüberlegten Handlung, während er in den Zeiten der billigen Tarife vor dem Krieg etwas ganz Sekbstverständliches gewesen war. Ganz ohne Briese aber werden wir nicht anskommen. denn die schriftliche Mitteilung gehört nun einmal zu den Grund­lagen jedes Verkehrs, und schon im fernsten Altertum, in den Dämmerzeiten der geschichtlichen Anfänge, begegnen wir dem Brief. Diese ältesten Briefe waren aber in ihrer Form von unseren heutigen sehr verschieden, wie Geh. Rat Ed. König in esiier Plauderei über den Brief in Babylon und Ninive in der Leipziger „Illustrierten Zeitung" aus­führt. Di« alten Babylonier, die vor mehr als 4000 Jah­ren ihre Korrespondenz erledigten, verfertigten ihre Briefe aus demselben Ton. aus dem sie ihre Töpfe drehten. Diese Tonbriefe waren aber durchaus nicht roh und plump, son­dern in einer so eleganten Form hergestellt, daß sie heute noch unser« Bewunderung erregt. Man schrieb auf dem weichen Ton mit einem Griffel und darauf ist die eigen­tümliche Schrift der Babylonier, di« Keilschrift. zurückzu-W- ren. Versucht man auf einem Stück weichen Tons, wie ihn die Euphrat-Niederung in reicher Menge darbot. mit dem Ende eines viereckigen Stückes Holz oder Metall eine gerade Linie zu ziehen, so zeigt sich ein keilförmiger Einschnitt in dem Ton. in dem man unwillkürlich die eine Kante de« Griffels in den Ton eindrückt. Die Briefschreiber des alten Babylon -bedeckten mit dieser Keilschrift auch di« Rückseite der Tontafel und im Notfall sogar deren Ränder. Aber da sie nicht wollten, daß jeder Mensch lesen konnte, was sie schrieben, so mußte man auch aus Umschläge sinnen Die weiche Tontafel behielt ja ihre Elastizität kaum so lange, bis der Briefinhali cin-geritzt war. Der Schreiber nahm nach der Fertigstellung des Briefes das zylinderförmige Siegel- Werkzeug rollte diesen Siegelzylinder über den beschriebenen Teil der Tontafel. um so seine Unterschrift zu geben. Dann nahm er den Brief und rollte um ihn eine dünne Schickt von Ton. die ihn ganz bedeckte. Darauf drückte er nock ein­mal mit seinem Siegel leine Unterzeichnung darauf, indem er es über den ganzen Umschlag hinrollte, fügte noch di« Adresse hinzu, und dann war der weiche Tonbrief so weit, um nun getrocknet und gebrannt zu werden. Kam er aus dem Feuer, so war er fast so hart wie Stein, und viel« von diesen Bri-eftafeln sind noch heut« nach Jahrtausenden ebenso lesbar wie damals, als sie aus dem Ofen genommen wur­den. Der Empfänger des Briefes bohrte ein scharf zugespitz- - tes Vronzeinstrument durch den tönernen Umschlag, sprengte ihn Stückchen für Stückchen ab und legte so die Brieftafel ganz frei, um ihren Inhalt zu lesen.

Aus diesen zahlreichen Tonbriefen, die bei den Aus­grabungen gefunden wurden, ersteht nun das Leben der Babylonier und Astyrer vor vielen Jahrtausenden wieder vor uns auf. Unter den politischen Briefen, die einen Ein­blick in den diplomatischen Verkehr zwischen den damaligen Staaten gestatten, sind besonders wichtig die 296 Amarrm- Briefe. die ganz überraschenderweise unlängst in Mittel- ägypten entdeckt wurden und die Beziehungen zwischen dem babylonischen Herrscher Burnaburiasch und den beiden Pharaonen Amenboiev TU. und rv. beleuchten. Unter den kulturgeschichtlich bedeutsamen Briefen sind die Mitteilun­gen bervorzubeben. in denen di« Teilhaber des Bankhauses Murai-cku zu Mvour im mittleren Babylonien sich gegen­seitig ibre aes-ckäftlichen Maßnahmen anzeigten. Ungefähr 730 solcher Schriftstücke sind dort in einem Archivraum ge­funden worden, und als Beispiel sei einer dieser Ban-kbriefe angeführt: ..Am zweiten Tage des Monats Ab (ungefähr unser August) im ersten Jahre des Darius. des Königs der Länder: die Ernte, die als der Anteil des Nimut-Ninib des Sohnes von Murafchu. abgesondert wurde, überließ er dem Niniblddina zur Einsammlung. Wenn er am 2. Tage des Monats Ab im ersten Jabre des Darius diese Ernte nicht vollständig eingesammelt bat. so soll Mnibiddina den Ertrag der Ernte aus seinem eigenen Vermögen ersetzen."

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