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Nr. 200.

Dienstag, 28. August 1923.

71. Jahrgang.

Der Fall Havenstein.

Die Ehrfurcht vor dem Alter und die Achtung vor einem Mann, deffen Loben strenger Dienst und reiner Wille gewesen ist, sichern jedem Wort der An­klage gegen den Präsidenten des Reichsbanldirek- toriums engere Schranken als sie für irgendeinen anderen Mann der deutschen Öffentlichkeit gelten würden. Sie können uns aber, schreibt Kurt Singer im Hamburger „Wirtschaftsdienst", nicht von der trau­rigen Pflichr entbinden, wieder und wieder festzu­stellen, daß dieser Mann den Aufgaben nicht gewachsen ist, die ein dunkles Geschick auf seine Schultern gehäuft. So wenig es angeht, ihn allein für den unsagbaren Zustand verantwortlich zu machen, in dem sich die deutsche Währung, genauer: die Reste der deutschen Währung befinden, so wird doch der finanzielle Zu­sammenbruch des Reiches für immer mit seinem Namen verknüpft bleiben und mit gutem Recht. Es gibt keine Person, der eine solche Macht über die Gestaltung der Reichssimmzen und der Wirtschaftsführung ge­geben wäre, wie dem Präsidenten des Reichsbank- direktoriums. Wenn er sie nicht ausübt, so ist das Versagen seine Schuld, ebenso gut und mehr als die der Reichsfinanzminister und der Wirtschaftsinteres- senten, die über seinen Widerspruch hinweggeschritten sind und ihn genötigt haben, ihre Schuld mit seinem Namen zu decken. Wenn das Reich sich nicht ent­schließen konnte, die nötigen Steuern zu erheben, so hätte Havenstein gehen muffen. Und wenn die In­teressenten sich einer verständigen Kreditpolitik nicht fügen wollten, so wäre es an Havenstein gewesen, das gleiche zu tun. Der Appell an die Öffentlichkeit hätte ihm freigestanden, und dieser Appell wäre in jedem der beiden ftäüc von der größten Wirkung gewesen. Aber vielleicht war es gerade das, was er gescheut hat. Ein vorbildlicher Beamter des nachbismarckifchen Reiches, mit hochgespanntem Pflichtgefühl, aber ohne irgend­welche Bereitschaft zu ftaatsmännischer Tat, hat er cs vorgezogen, zu schweigen und anders zu können. Er mag sich oft gesperrt und gewehrt haben: aber am Ende muß er jedem Druck wieder und immer wieder nachgegeben haben. Wir stünden sonst nicht, wo wir heute stehen.

Ein solches Urteil mag schlecht zu dom Bilde paffen, das man sich von Havenstein nach seiner Amts­führung in der Vorkriegszeit machen mußte. Der Mann, der das Reichsbankportefeuille von den Prolon- gationswechfeln reinigte, der die umlaufenden Gold­münzen planmäßig durch Banknoten ersetzte, die Ver­öffentlichung der Zweimonatsbilanzen erzwang und den Liquiditätsfeldzug gegen die Großbanken unter­nahm, schien hart und mutig. Seine Gedankenwelt war eng, seine Argumentationen oft unzulänglich und widerspruchsvoll. Niemals ist die Politik eines Zen­tralbankleiters heftiger angegriffen und glänzender widerlegt worden als Zielsetzung und Begründung der Politik Havensteins in den Schriften von Johannes Menge und Friedrich Bendixen. Aber es schien da­mals, man könne dem Reichsbankpräsidenten eher Störrigkeit und Taubheit gegen gute Gründe nachsagen als Weichheit gegen jeden äußeren Druck und allzu große Bereitschaft umzulernen. Wenn der Havenstein der Nachkriegszeit ein anderer geworden scheint, so mag man nicht vergessen, daß der Beamte des nachbismarckifchen Deutschland verlernt hatte, imutig zu sein ohne Deckung. So lange Havenstein die kaiserliche Autorität hinter sich fühlte, war er Mutig. Als diese Autorität in sich zusammenstürzte, verlor er die Sicherheit des Handelns.

Es ist schwer zu sagen, was ihn bestimmen konnte, in einer ihm so wenig gemäßen Welt sein Amt weiter zu führen, es sei denn die von Bethmann Hollweg her bekannte Meinung, man müsse bleiben, es sei eben kein besserer Nachfolger da — eine Selbsttäuschung, an der nur so viel richtig ist. daß in der einmal ver- iahrenen Lage auch eine stärkere Kraft auf kaum überwindbare Widerstände stoßen müßte. Diese Lage ist nicht von heute und nicht von gestern. Ihre An­fänge reichen tief in die Kriegszeit zurück, und es ist für die Erkenntnis der Zusammenhänge nicht un­wichtig, daß der Grund des Versagens von heute schon aus dem Grund des Versagens von damals er­kennbar wird, vor allem das Fehlen jeder Voraussicht zum Großen.

Dem Sturz der Mark hat die Reichsbank nach der ihr abgerungenen Aufhebung der Devisen-Krisgsver- ordnunaen mit verschränkten Armen zugesehen. Sie war nicht von der Meinung abzubringen, daß das un­benutzte Gold im Reichsbankausweis größere Wirkung haben müßte als das auf den Devisenmärkten benutzte. Als sie schließlich zu Stützungsaktionen gedrängt wurde, tat sie es lange mit halben Mitteln, ohne Ge­schick und ohne rechten Glauben an sich selbes Di«

Sachverständigen, die man in Berlin zu hören pflege, erhoben nicht viel Einspruch, denn die meisten waren in Personalunion mit Interessenten verbunden, denen dieser Gang der Dinge nicht unlieb war. Die andern waren leicht entweder als Theoretiker oder als Sozial­demokraten abgetan. Erst als die von der Reichs­regierung im Herbst 1922 berufenen ausländischen forscher und Bankleute ein Gutachten erstatteten, das trotz seiner höflichen Form für die Leitung der deutschen Keldverfaffung und Finanzpolitik beschämend war, begannen einige aufzuhorchen. Die gedanken­lose Führung der Ruhrkriegsfinanzen und die dilet­tantische Devisenhandelspolitik der letzten Monate haben diese kleine Minderheit zur großen Mehrheit gemacht. Als der Mann der Straße die bunten Mil­lionenscheine mit dem Namen „Hawensteinrubel" be­legte, konnte der Kredit des unglücklichen Mannes als aufgezehrt gelten!

M Mefeftn; Oer msMettig.

Bttlin, 28. Aug. Laut „Vorwärts" beschäftigte sich gestern ein engerer K a b i n e t t s r a t mit der Neubesetzung der Reichsbankleitung. Wie dem Blatte zufolge verlautet, soll als Nachfolger Havensteins eine Persönlichkeit ausersehen sein, die auf Grund der bisher von ihr geführten Reparations­verhandlungen einen guten Ruf hat und auch Gewähr für eine befriedigende Zusammenarbeit mit dem Reichskablnett biete.

Wie das Blatt weiter schreibt, besteht die sozial­demokratische Reichstagsfraktion auf dem Rücktritt Havensteins. Auch der Reichskanzler und die hinter ihm stehenden Regierungsparteien sollen sich einmütig gegen Havenstein erklärt haben. Da Havenstein nicht freiwillig von seinem Posten scheiden will, wird die Einberufung des Reichstags notwendig sein, um den Konflikt zu lösen.

Die Maßregelung Eroßmanns.

Berlin, 28. Aug. Die Abstimmungen unter den Reichsbank-An ge st eilten über die Frage des Streiks wegen der Maßregelung des Be- triebsratsobmanns Eroßmann sind in den Provinz­filialen noch nicht ganz zu Ende. Die bisher vor­liegenden Ergebniffe sollen nach Angabe der Streik­leitung eine Mehrheit von 90 Prozent ergeben haben für den Streik, in Berlin hätten sich über 75 Proz. für den Ausstand erklärt. Auf Grund der vorläufigen Abstimmungsergebnisse hat der Hauptbetriebsrat der Reichsbank beschlossen, das Reichsarbeitsministsrium um erneute Intervention zu ersuchen, die bereits heute erfolgen soll.

Der LeSensmittelhandel tut seine Pflicht.

Berlin, 27. Aug. Vom Reichsverband des deutschen Nahrungsmihtelgroß Handels und vom Reichsverband deutscher Kolo­nialwaren- und Lebensmittelhändler, der den weitaus größten Teil des Lebensmittel- Groß- und Kleinhandels umfaßt, wird mitgeteilt, daß sie den Veröffentlichungen über eine droherrde Schließung der Lebensmittelgeschäfte fern stehen. Der Lebensmittel-Groß- und Kleinhandel werde seine Pflicht gegenüber dem Vaterlande erfüllen, um auch für seinen Teil den Zusammenbruch abzuwenden und dem Wiederaufbau der Wirtschaft zu dienen.

Weiteres Steigen der Leoensmrttelpreise.

Berlin. 27. Au« Nab der ..B. Z." hält die Preisent­wicklung auf allen Gebieten der Lebensmittelversorgung noch immer eine beängstigende steigende Ten­denz Die Großhandelspreise in der Berliner Zentral­markthalle betrugen für Butter 1.6 Millionen Schmalz 950 000. Margarine 735- bis 780 000 M. Ein Schock Ei-r das am Samstag noch 6 Millionen kostete, mußte beute mit 7.2 Millicnen Mark bezahlt werden.

Die neuen Eisenbahn- und Gütertarife.

Berlin. 27. Aug Die B. 3 .“ will wissen, daß noch beute der neue Multiplikator für Guter- und Personen­tarife festgestellt wird. Was die Gütertarife betrifft io wird eine Verdoppelung für angemessen erachtet. Die Versonentarffe würden um 400 Prozent gesteigert )ie neuen Tarife würden am Freitag in Kraft treten.

Die Kasseler Metallindustrie küudigt alle« Arbeitern.

Kaffel, 27. Aug. Der Verband der Metalliudu- striellen Kaffels und der benachbarten Zndustriebezirke teilt mit, daß die Betriebe Kaffels sich gezwungen sehen, zur Abwehr unberechtigter' Lohn­forderungen allen Arbeitern und Arbeiterinnen bis zun: IS. September zu kündigen. Heute nach­mittag finden unter dem Vorsitz des Regierungspräsi­denten Einigungsverhandlunaeu statt.

Ser Miilmiin Her We MM».

...München, 27. Aug. Der Reichskanzler gewährte anläßlich feines Besuches in Mittenwalde dem HauvMrift- leiter der ..Münchener Neuesten Nachrichten" eine Unter­redung bezüglich der den Ländern verbleibenden L^beitsrechte. Der Kanzler verwies dabei auf seine Erklärung, die er bei der Vorstellung des Kabinetts im Reichstag abgegeben hatte. Der Reichskanzler erklärte, daß diese als Auffassung des Gesamtkabinetts zu betrachten seien.

o, ' eT,r überrascht gewesen, als er in der bayerc- ]T cn . stresse Befürchtungen darüber laut werden hörte, daß die retzige Regierung eine starke Zentralisierung erstrebe. Die gegenwärtige Koalition bezeichnet« der Kanzler als " l k r U-„ e Zusammenfassung parlamentari­sch er Kräfte. Sie habe ausdrücklich den Vorteil, daß me Negierung der großen Mehrheit des ganzen Parlaments sicher sei und deshalb ungestörter arbeiten könnte.

. ., Eine Rerbe von Fragen sei nur auf dem Wege sogen, diktatorischer Maßnahmen zu lösen. Solche Maß- nahinen waren bei einer Minderheitsregirrung außerordent­lich schwierig, wenn nicht unmöglich. Was die Mitarbeit o e r-r o z l al de m o k r a t i e in der Regierung anbelange. - a es * unrichtig, wenn angenommen werde, daß nunmehr ein starker Einfluß der Sozialdemokratie eingetreten sei. w:e er bisher nicht bestanden habe. Es gelte, das Volk z u sa in in e nzu i ch rye i ß en. und darum habe auch die gegenwärtige Regierung ausdrücklich alle itaatserhaltenden Kräfte außerhalb der großen Koalition zur Zusammen­arbeit aufgefordert. Dies gelte insbesondere auch für die V an er r f ch e Volkspartei, die sich bisher abwartend verhalten habe, sich aber nunmehr durch ihren Führer zu- ftrmmend zu dem Programm der Regierung ausgesprochen hake.

Bezüglich der Notwendigkeit der Produk- t l o n § st eigerung und der Anpassung der Löhne und Gehälter an die allgemeine Wirtschaftsentwicklung die nicht schematisch vor sich geben dürfte, berief sich Dr. Stresemonn auf seine Rede auf dem Industrie- und Han­delstag Die Notverordnung über die Devisenbeschaffung sei nur der erste Schritt zur inneren Sanierung. Auf diesem Wege werde man fortschreiten.

Über die Stellung der Reichsregierun« zur Reichs- bank sprach sich der Kanzler in dem Sinne aus. daß die Wirtschafts- und Friedenspolitik des Reiches von der Reichsbank unterstützt und getragen werden müsse. Von der Anerkennung dieser Grundsätze sei auch die Lösung persön­licher Fragen abhängig, die gegenwärtig vielfach erörtert werden.

Lloyd George Wer Strssemmm.

London, 27. Aug. In einem Leitartikel des „Daily Ehronicle" äußert sich Lloyd George wie folgt: „Der einzige neue Faktor in der internationalen Lage, der einen entscheidenden Einfluß auf die Ereignisse auszuüben vermag, ist die Ernennung Dr. Stresemanns zum Reichskanzler. Ich weiß zwar nichts anderes über ihn, als was in den Zeitungen steht. Aber er gilt hier als ein Mann, der klug, geschickt und energisch ist. Wenn das zutrifft. so wird seine Ernennung zum Führer des deutschen Volkes ein Ereignis von größter Bedeutung sein. Deutschland hat mehr als irgend ein anderes Land der Welt in den letzten Jahrzehnten unter schwacher und geradezu falscher Führung zu leiden gehabt. So ist es in den Krieg hineingestolpert, hat es Fehler beim Waffenstillstand und den Fr-ödensoerhandlangen begangen und so hat es seine Angelegenheiten nach dem Krieg in Unordnung gebracht. Aber nemand kann Vorhersagen, was Deutschland unter einer guten

WMniaHUW ki MM. HMMmWiM.

Don der Interalliierten Rbeinlandkommisiion geben uns nachstehende amtliche Bekanntmachungen zur Veröffent­lichung auf Grund der Verordnung 97 Artikel 15 zu:

Bekanntmachung.

In Anbetracht der in den besetzten Gebieten verübten Anschläge und Sabotageakte' in Anbetracht ferner der in gewissen Bezirken der besetzten Gebiete hervorgerußenen Unruhen beschließt die Hohe Interalliierte Rheirrlandkom- mission unter den von ihren früheren Beschlüssen vorge­sehenen Bedingungen und Vorbehalten, daß die Überschrei­tung der Ostgrenze der besetzten Gebiete den deutschen Staatsangehörigen bis zum 15. Sevtember 1923. 12 Uhr nachts, verboten ist.

Für die Nahriingsmittelversorgung der besetzten Gebiete werden Erleichterungen gewährt werden, so oft dies not* wendig erscheint.

Koblenz, den 17. August 1923.

Die Hohe Interalliiert« Rheinlandkommission.

Es:ft bekanntgegeben worden, da-' gewisse 1-Millionen- Geldscheine von ne: RerchseisenLahnverwaltung zwecks Lobn- auszahluiig ausgegeben würden.

-interalliierte Rheinlandkommission, der ^rgens nicht unterbreitet worden ist. ist

dieser Beschluß _ .

der Ansicht, daß Eden besehen" Gebieten'die'Verwendung solcher Noten nur den Zweck haben könnte, den Eisenbahnern, welch« gegen die im besetzten Gebiet eine Eisenbahnregie l.-irrichtrttden Verordnungen verstoßen haben. Cubsidien aus­zuzahlen.

Demzufolge ist die Verwendung dieser Noten in den brkevten Gebieten verboten und wird mit den für Zuwidee- bai'dlungen gegen die Verordnungen der Hohen Kommission

vorgesehenen. Strafen geahndet. Überdies wird die Ein, ziebung der Noten verfügt werden.

Koblenz, den 17. August 1923.

Dt« Hohe Interalliiert« Rheinlandkommission