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Nr 193.

Montag, 20. August 1923.

71. Jahrgang.

Möglichkeiten einer Lösung.

Die Auseinandersetzung über die Repa- vations- und Ruhrsragen wird vielleicht am meisten dadurch erschwert, daß sie eine Unterhaltung zu dreien ist. Um die Besetzung und Räumung des Ruh r - g e b i e t s fechten Frankreich und Deutschland Kämpfe aus. an denen sich England nur begutachtend und be­urteilend, also mittelbar, beteiligt: auf dem Gebiete der Reparationsfragen wieder haben Eng­land und Frankreich Auseinandersetzungen, an denen Deutschland nicht teilnehmen kann. Dieses Dreieck der Abhängigkeiten an einem seiner Winkel zu öffnen, scheint der Wunsch des Reichskanzlers Stresemann zu sein: sicherlich, wenn auch naturgemäß aus anderen Gründen, ist es der Wunsch Frankreichs.

Beide Staaten aber müssen, wenn sie nicht samt dem grollenden England in der Verklammerung bleiben wollen, den Hebel bei den Reparationen ansetzen. Denn der Versuch, den Abstand der grund­sätzlichen Meinungen über das Ruhrgebiet zu ver­ringern, scheint aussichtslos. Deutschland und Frank­reich werden von ihrem Urteil über die Rechtmäßig- keit oder Unrechtmäßigkeit der Besetzung nicht abgehen: und auch zwischen England und Frankreich scheint nach dem abschließenden Gutachten der britischen Juristen, auf diesem Gebiet ein Kompromiß nicht möglich.

Es bleibt der rein praktische Ausweg, über das Reparattonsabkommen zum Räumungsabkommen zu gelangen. Für den heutigen Stand der Reva- rationsfragen ist es aber kennzeichnend, daß sie nicht so sehr zwischen Frankreich und Deutschland, als zwischen Frankreich und England erörtert werden. Das ist auch nach Lage der Dinge durchaus begreiflich. Deutschlands Leistung ist begrenzt imrch das Maß seiner Leistungsfähigkeit: bis zu dieser Grenze tatsäch­lich zu gehen, hat das Reich sich wiederholt bereit er­klärt. Andererseits stellt Frankreich mit unbeirrbarer Zähigkeit die Forderung, daß ihm nicht nur die Summen vergütet werden, die es als Wiederaufbau- koften betrachtet, sondern auch die Beträge, die es für Kriegszwecke von seinen Verbündeten entlieh. In Zahlen ausgedrückt, sind das 26 und 27, im ganzen 53 Milliarden Goldmark, die Frankreich unter allen Amständen fordern zu müssen behauptet. Da, wie man auch in Paris nicht leugnet, Deutschland nur einen Teil dieser Summe zahlen kann, kommt tatsächlich alles auf die Frage hinaus: Wer für den Rest aufkommt. England ist der Meinung, daß Frank­reich nur eins von beiden fordern kann, also, wenn es den Wiederaufbau von Deutschland bezahlt erhält, seine Knegskosten selbst tragen mutz; Frankreich wieder erklärt sich nur dann bereit, auf einen Teil seiner grundsätzlichen Gesamtforderung cm Deutschland zu verzichren, wenn England, in Form der Schulden­streichung, das Fehlende znlsgt.

Indessen find diese finanziellen Meinungsver­schiedenheiten zwischen den beiden Verbandsmächten praktisch nicht so unüberbrückbar, wie sie auf dem Papier wirken. Denn England dürfte bereit sein, für die Wiederherstellung seines mitteleuro­päischen Marktes beträchtliche Opfer zu bringen, während Frankreich von seiner Pfandpolitik immerhin etwas Nachlassen würde. Das ist wohl auch der Sinn der neuesten französischen Andeutungen, man könne — vielleicht — das Ruhrgebiet doch schon räumen, bevor „alles" bezahlt sei.

PoincarS-Reden in Charleville.

Paris, 19. Aus. Während feines Aufenthalts in Charleville ergriff Poincarö zweimal das Wort. Nach Havas Hai er zunächst beim Empfang im Rathaus zu Charleville an die Schrecknisse der deutschen Besetzung er­innert und u. a. erwähnt, daß die Stadt der Sitz des deut­schen Hcnwtcwartiers gewesen ist. Der Kaiser, der Kaum von Sachsen, der Reichskanzler, viele Generale und Admirale hätten sich hier vier Jahre lang aufgehalten. Das seien Erinnerungen, di« man nrchl vergessen könnte. Behalten wir die Erinnerung daran, näht um zu schmähen, nicht nm zu Imssiu. sondern um besser zu verliehen, besser zu begreifen und um besser auf der Hut zu fern.

PoincarS begab sich dann in den Generalrat des Ardennendepartements, wo er nach einer Be- zrüßungsarsivrache das Wort ergriff. Die Rede schloß mir oen Worten: Die Regierung und der Staat haben die

Pflicht. euch bei eurer fruchtbaren schwierigen Wiederaub bauaufgabe zu unterstützen, damit sie den Dank verwirk­lichen. den sre euch schuldig sind. den sie euch bis zum letzten Ende angedeihen lassen wird. Deshalb müssen wir von Deutschland Zahlungen orbalten, denen es sich bisher lvsiematifch entzogen bat. Wir sind deshalb hart ent- ichlcssen. die Politik, die wir e-noeschlogen baden, die d'e Billigung der Kammer erhalten bat und die — diese Ge­wißheit haben wir — dem allgemeinen Wunrch des Landes cnt-vrickt. ohne Schrecken weiter zu verfolgen.

Zu einer ausführlichen Rede nahm Poincarb das Wort bei der Einweihung des Kriegerdenkmals in

Charleville. In dieser Rede schilderte er die Kämvie um Charleville. die schließlich -,ur Wiederbefreiung der Stadt führten. Er sagte: Welche Tage drohen noch heute für dce befreiten Gebiete? Der Steg stand vor ihren Augen in vollem Glanze, sie sahen und fühlten ihn. sie dielten ihn in Händen und sie sind überzeugt, daß er niemals mehr ent­schwinden würde. Die Alliierten schienen so einig, so stolz aufeinander. ! o selbstbewußt ihrer Solidarität und gegenseitiger. Grundsätze, die sie sich versprochen haben. Es ichicn auch offensichtlich, daß die Alliierten, nachdem, sie zu­sammen für die gemeinschaftliche Sache so langwierige und schwere Opfer gebracht haben, sich nicht mehr trennen lassen könnten, daß sie Seite an Seite das Werk, des Friedens vollenden würden, dessen Grundlage sie auf den Schlacht­feldern gelegt hätten. Sie verkündeten Grundsätze, die die Verantwortlichkeit Deutschlands aussprachen und das Reckt der Verkündeten, insbesondere der vom Einbruch betroffenen Länder auf Reparationen der erlittenen Schäden wurde feierlichst bekräftigt.

Die Bündnisse überlebten den Krieg. Die Alliierten konnten hoffen, daß das Monument, das sie mit ihrem Blute errichteten, zu Recht weiter bleiben würde, unzer­störbar und nicht zu erschüttern. Die Nationen aber und die Menschen begreifen bei großen Zusammenbrüchen und moralischen Krisen die Notwendigkeit einer Einigung besser, als wenn sse sich im Bunde herzlicher Freundschaft und der Wiedergenesung befinden. Die Italiener haben ein Sprich- wert, das auf die ganze Menschheit angewandt werden könnte • Passato un perieolo gabbato un saato. Das be­deutet. man könne von Freundschaft sagen, daß sie, selbst wenn sie feierlichst verkündet werde, bisweilen ein wenig vernachlässigt werde, wenn der erste Rauhreis daraus falle. Die ganze öffentliche Meinung der Welt muß sich gegen einen derartigen Egoismus auflehnen, denn er ist unheilvoll bür ihre wahren und ständigen Interessen. Wenn der Bund uns das Leben gerettet bat. wenn er nicht mrr das Leben Frankreichs allein, sondern das Leben aller Alliierten insgesamt und jedes einzelnen gerettet hat. so ist es nicht möglich, daß. wenn das Laben gerettet ist. de: Bund vernichtet werde. Was rms curbetrifft. so würden wir jedes Wart und jede Tat, die daraus ausgingen, diesen Bund zu zerstören, verurteilen.

Wir haben alle Anstrengungen «macht, um unsere eigrnen Leiden zu erleichtern, und wir werden auch daran Mitarbeiten, daß die Leiden unserer Verbündeten erleich­tert werden. England beklagt sich z. B. über eine lange und schmerzliche Arbeitslosigkeci. Wie sollten wir nicht den Wunsch haben, daß England seine wirtschaftliche Tätigkeit in vollem Umfang wieder aufnimmt Wir erlauben uns nur deu Gedanken, daß die englische Regierung sich täuscht, wenn sie sich einbildet. daß diese Arbeitslosigkeit eine direkte oder indirekte Folge der Wrhrbesetzung ist. Als ich im ver­gangenen Jahre um diese Zeit mich in London befunden habe, standen wir nicht im Ruhr«Ästet. Es gab aber da­mals in England und in Schottland mehr Arbeitslose als gegenwärtig. Greifen wir nach der letzten Handelsftatisiik. die die englische Regierung veröffentlicht hat. Sie zeigt, daß seit unserem Einmarsch ins Ruhrgebiet. akfo seit Januar, b>s Ende Juli die Ein- und Ausfuhr Groß­britanniens an Gewicht und Wert gegenüber der Ein- und Ausfuhr der ersten sieben Monate des vergangenen Jahres zugenommen bat. ja noch mehr, daß der Transitverkehr durch England d. b. das. was für die enslrsche Schiffahrt das größte Interesse hat. im Vergleich zu dem Jahr 1922 um 13.5 Prozent gestiegen ist. Ich will daraus durchaus nicht schließen, daß England aus der Ruhrbefetzun« Nutzen ge­zogen hätte, 'ch wollte, daß England aus dieser Besetzung Nutzen gezogen hätte, und z>war an unserer Seite. Aber ich habe das Recht es auszu sprechen. daß. wenn es in England Arbeitslosigkeit gibt, dies durchaus nickt di« Schuld des Generals Dcgoutte ist.

Ebensowenig ist es möglich, an Hand irgend welcher Dokumente die Rechtmäßigkeit unlerer Kamvf- ergreifung zu bestreiten. Es ist zu einfach, mit ver­schiedenen Artikeln des Versailler Vertrages und früheren gemeinschaftlichen Abmachungen unter den Alliierten dcrrarü zu antworten. Aber statt Streitigkeiten dieser Art zu ent­fesseln. würden wir besser,daran tun. eine praktische Lösung 3ii finden, die für jeden Alliierten von großem Interesse ist. Europa wird sein wirtschaftliches und fein moralisches Gleichgewicht erst an dem Tage wiederfinden, an dem der Friede Europas auf solider Grundlage aufge­baut ist und die Gerechtigkeit, die unsere Armeen zur Füh­rung des Krieges bewaffnete, darin herrschen wird.

Wir Unterzeichneten Verträge, und die Gerechtigkeit er­fordert. daß der angerichtete Schaden in voller Höhe bezahlt wild. Frankreich verlangt nichts anderes und kann nichts anderes wollen. Wir werden uns also — habe ich nicht reckt? — schließlich verständigen müssen. In­dem wir auf unserem Wege fortschreiten, hoffen und wün­schen wir uns durchaus nicht von unseren Verbündeten zu trennen. und wir sind sicher, daß wir nicht nur für das Wohlergehen Frankreichs, sondern auch kür deu Wiederauf­bau ganz Europas handeln.

Die öffentliche Meinung der Unzen Welt begreift täg­lich besser die Aufrichtigkeit von Frankreichs Absichten und wird in steigendem Maße für Frankreich günittg. Der Vor­wurf des Imperialismus »et lächerlich. Ein auf die Unge­rechtigkeit begründeter Friede irr immer gefährlich und un- etträglick. Ein Friede aber, den man auf die Gerechtigkeit hätte oninden wollen und den man darum aus dem Rahmen herauskchne^den lasse, ist nock unbeständiger. Rühren wir nickt an dem Friedensvertrag und, fassen wir den Entschluß der final, vernünftig und Trtcoferha Ut, nämlich: den Frie- densverträßen die erforderliche Achtung zu verschaffen.

Bor einer Zusammenkunft zunsche« Balbwin und Poincarch.

Baris, 18. Aus Der Londoner Berichterstatter des „Echo de Paris" bestätigt aus bester Quelle die gestrige Meldung des ..Petit Par-sien . daß der englfiche Premier­minister Baldwin den Wunsch habe, bei seiner Fahrt durch Paris in ein'gcn Tagen eme Zu s a m m e n ku n k t mit PoincarS zu haben. Dr« Bedingungen dieser Zu­sammenkunft würden augenblicklich besprachen.

Der Kreislauf der Billionen.

Kaum ist es der deutschen Öffentlichkeit zum Be­wußtsein gekommen, daß diesmal mit den geltwert- entsprechenden Steuern und Tarifen, dem Anlauf zur „Wertbeständigkeit" auf allen Wirtschaftsgebieten und der Rücksaugung möglichst großer Papiermassen Ernst gemacht werden soll' regen sich die Bedenken. Besonders die Steuern, heißt es, sind zu spät, zu schnell und zu un­überlegt bemessen worden. Was in Jahren versäumt ward, wolle man in Wochen nun plötzlich nachholen: Daher vielhundertfache Vorauszahlung auf die Ein­kommensteuer, Sonderfteuern, Ruhropfer und Eoid- anleihe auf einem Haufen. Wie denke man sich die Aufbringung von hundertfünfzig Billionen Steuer­geldern in einem einzigen Monat, da doch in bar be­zahlt werden müsse, und da die gesamte vorhandene Menge des Zahlungsmittels,- also der Papiernotrn, noch nicht entfernt diesen Betrag erreicht? Wer führt das mathematische Zauberstück aus, das umlaufende Papiergeld um mehr zu vermindern, als überhaupt da ist? Wer zahlt die hinter heutigen Verhältnissen immerhin gewaltigen Steuersummen gleichzeitig mit der „Betriebssteuer", die jedem Unternehmen für jeden bei ihm beschäftigten Arbeiter das Doppelte des Lohnabzugs abfordert, und mit dem Ruhropfer — und behält noch flüssiges Geld für die Goldanleihe? Und wenn dies alles, bei betäubend raschem Aufstieg der Löhne und aller sonstigen Kapitalbeanspruchungen mögjlich gemacht werden sollte: wird es ohne ent­sprechend gewaltige Kreditaufnahmen, das besagt: ohne neue Riesenarbeit der Notenpresse geschehen?

In der Tat ist das Reich den Erscheinungen, die sich als erste Folge „wertbeständiger" Rechnung überall einzustellen pflegen, nicht ausgewichen, es hat sogar das Seine getan, sie zu verstärken. Vorläufig gibt es in Finanzen und Wirtschaft nichts, was nicht verteuernd wirkte. Die fast durchweg auf Gold eingestellten, großenteils akfo nicht nur dem Vorkriegsstand, sondern dem wesentlich höheren Weltmarktstand ohnehin ange- paßten Preise sind überdies mit den Schuldnerver­pflichtungen des Deutschen Reiches und mit den plötz­lich vervielfachten Steuerbelastungen gestiegen, stehen daher schon setzt weit über der Goldebene oder sind im Begriff, darüber hinauszagelangen. Den Preisen aber folgen in immer kürzerem Zeitabstand die Löhne, die auf oder über der Goldgleichheit so lange ver­harren, bis Arbeitslosigkeit oder eine neue Entwertung des deutschen Papiergeldes sie wieder hinunterzwingt. Damit nicht genug, wird diese Entwicklung von den Staatsbettteben her geheizt: Die Gütertarifs der Reichsbahn stehen weit über Vorkriogspreis.

Wird also tatsächlich für die Steuerbillionen, die doch besttmmt find, die Abhängigkeit von der Noten- presse zu überwinden, die — Notenpresse aufkommen müssen? In bestimmten Grenzen gewiß. Hundert­fünfzig Billionen Papiermark sind nach dem augenblicklichen Geldstand etwa zweihundert Millionen Goldmark; also nach früheren Begriffen keine über­mäßige Summe. Wenn aber die Menge der um­laufenden Noten hinter diesem Betrage zurückbleibt, so beweist das zunächst nur, daß sie vorläufig zu ge­ring ist. Es ist an sich kein Ungedanks, wenn das Reich zunächst einmal selbst die Noten druckt, die es von den Steuerzahlern zurückfordert: Vorausgesetzt, daß es den Goldwert der gesamten Papiermenge nicht über einen Höchstbetrag, vielleicht Hundert Millionen Dollar, hinausrvachsen läßt.

Die sozialdemokratischen Minister über die Lage, im Innern.

Berlin, 20. Aug. Im „Vorwärts" besprechen die sozialdemokratischen Reichsminister die Aufgaben der Sozialdemokratie in der neuen Reichsregierung. Dabei ' kündigt der Vizekanzler Robett Schmidt an, daß, wenn es der Regierung nicht gelinge, durch die Gold- Anleihe freiwillig größere Beträge an Devisen herauszuholen, zu anderen Maßnahmen ge­griffen werden müsse, um die übermäßige Belastung des Geldmarktes durch die Nachfrage nach ftemden Zahlungsmitteln zu mindern. Der Innenminister Soll mann weist darauf hm, daß alles, was die neue republikanische Regierung ftnanziell und wirt­schaftlich plant zur Hemmung des Marksturzes und zur Hebung der Lebensmittelzuftchr, durch Unruhe« und Streiks gestört werde.

Die Geldanleihe.

Berlin, 20 Aug Der Deutsche Bankverein veröffent­licht einen Aufruf. :n dem er die berufenen Vertreter von Banken und Bankgewerbe zu einer tatkräftigen För­derung der Goldanleihe arrffordert.