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Samstag, 11. August 1923.

Wiesbadener Tagblatt.

Nr. 18k. Seite 15.

'Untergattung3 -

bed'Wiedßaöenct 'Zagßtattd.

Lrntesegen und Aberglauben.

Von Karl Meitner-Heckert.

Der Stand, der mit der Mutter Erde in engster und ständiger Berührung steht, der Landmann, hat sich Regeln und Losungen geschaffen, die in ihrer einfachen Fassung hin­ter dem Mantel des Aberglaubens immer einen Kern von Wahrheit und echtem Wert enthalten. Aber /wie man dis guten alten Bauernregeln nicht wortwörtlich nehmen darf, vielmehr versuchen mutz, ihrer Weisbeit auf den Grund zu gehen, so darf man sich auch den Überresten heidnischer Ernte­bräuche gegenüber nicht nur an Äußerlichkeiten halten. Die Erntezeit, die ja auch für unsere bäuerlichen Vorfahren die Zeit der Erfüllung war. hat reichen Stofs zur Entstehung von Erntesagen. Erntemythen und Ernteaberglauben ge­liefert. Hat heute auch das äutzerliche Drum und Dran restlos feine Daseinsberechtigung eingebützt. so verbirgt sich doch, gleichsam als Widerhall iahrhundertealter Überliefe­rungen. dahinter ein Kern eckten und gemütsstarken Empfin­dens unserer ländlichen Bevölkerung.

Wotan, der stürmende Schlacktengott der alten Eer- chonen. der gleichzeitig auch der Geber alles Guten war. wurde in der Erntezeit der Beschützer der Saaten und Fluren. Tr segnete das fruchttragende Feld und hielt Macke, datz keine Freolerband Wachsen und Gedeihen der Fruchte ver­hinderte. Ihn unterstützte, die Halme segnend. Hulda. In der Begleitung der Göttin befanden sich ihre getreuen Dienerinnen, die Elfen. Darum nennen noch heute die Bauern die schmalen Pfade, die die Hasen bei ihrem Lauf durch die Felder treten, in Erinnerung an die heidnischen SckUtzgötter: Glfensteig. Als die deutschen Eichen als Opfer­bäume der Heiden von christlichen Priestern gefällt wurden, verschwand auch der Glaube an die Wundertaten der heid­nischen Götter für die Ernte. Gott, der Herr des Himmels und der Erde, wurde Schutzherr der Felder, der Saaten und der Ernte., Im Volke selbst hat sich der Wotan-Hulda- glauben in mancherlei Bräuchen erhalten. Es wird berich­tet. datz in Niederdeutschland die Malier heute noch beim ersten Senfenbieb laut rufen: ..Wotan! Wotan! Halt deinem Roh Futter'" In dem „Kornw.'ible" verstecken sich, wie der Aberglaube noch in unseren Tagen geht, mit der Göttcrmutter die Elfen und in gewissen Hegenden würde es kein Schnitter wagen diese unsichtbaren Gäste zrl erzürne» oder zu verhöhnen. — Mancherorts, z. B. in Mecklenburg, legt man die letzte Garbe als Feldgabe für Wotan zurück und die Äbrenlsserinnen. die schließlich auch diese geweihte Garbe cm sich nehmen, streuen Brotkrumen als Dankopfsr für den schirmenden Erntegott hin.

Auch der .bösen Geister" wird in mancherlei Gebräuchen zur Erntezeit noch gedacht. Das oielgefürchtete ...Hi-Iwitz"- Mefen. das als Wetterkatze oder heimtück'icher Bösewicht der Ernte schweren Schaden »»fügen kann, hält man durch ge­weihte Kränze, gesegnete Sensen und fromme Zauberfpriich- lein ln Bann. Denselben Zweck verfolgen Reisigbündel und Dornenkränze. die man an die Scheune bängt oder unter die Tenne vergrabt oder mit den Worten ..Dornen für Dick. Korn für mich'" an die Dreschflegel bindet. Ein alter Aber­glaube. der mit dem freien Besitzerrecht des Bauern in Bsr- bindung sieh:. ist der Brauch. Fremde, die beim ersten Seusenhicb das schnittreife Feld betreten, mit Ähren zu binden und die Gefesselten sich durch Freilösegeld loskaufen zu lasten. Dann ist der Zauber, der das Beschreibt an der Ernte hchrvht. gelöst.

Roch mannigfache Sitten und Gebräuche gibt es. die aus der Zeit des tiefsten Aberglaubens stammen, hegte aber nichts anderes mebr bedeuten als gefühlsmäßige Anhäng­lichkeit an althergebrachte Gewohnheiten. Die Kränze von Himmelsfahrtsblümchen, die die Ernte gegen Wetterschaden beschützen, die drei hinter den Spiegel gesteckten Kornähren, die den Hagelschlag bintanbalten sollen. — wohl heihen sie noch Sckreck- oder Schutzmittel. Aber sie sind's nicht mebr Sie sind Symbole für die Bitten um Segen, die der Land- mann gläubigen-Herzens in der Form des alten Brauchs bewahrt hat. _

„Aräriterweibe."

(Eine volkskundliche Studie zu Mariä • Himmelfahrt.)

Das Feist der Himmelfahrt Mariä, das die katholische Christenheit am 15. August begeht, soll nach einem Bericht des heiligen Bernhard schon zur Zeit der Apostel eingesetzt worden sein. Es wäre demnach das älteste christliche Fest. Nachweislich kam es zuerst im Morgenland auf. und zwar gegen Ende des 6. Jahrhunderts: im Abendland wurde es 813 von der Synode zu Mains und später vom Konzil zu Aachen allgemein als Fest anerkannt. Die Einführung in Nom fand erst unter Papst Leo IV. (847 bisR55) statt. Im Anfang wurde das Fest in der fränkischen Kirche und wahr­scheinlich auch in Deutschland am 18. Januar gefeiert, später wählte man auf Erund der Legende, die den Tod der Maria auf den 13.. die Himmelfahrt auf den 15. August festfetzt, dies Datum. — Die Sitte, auf Mariä Himmelfahrt die Kräuter- weihe vorzunehmen. ist uralt. Wenn sie auch niemals eine allgemeine kirchliche Einrichtung war. sp hatte sie doch nach­weislich schon im Mittelalter eine weite Verbreitung. Leider besitzen wir darüber nur spärliche geschichtliche Nachrichten. Die älteste Erwähnung findet sich in dem Werk des Durandus ..Rationale dirinorum officiorum" aus dem Jahr 1286. — Obwohl es nicht feststeht. so scheint die .Kräuterweihe doch heidnischen Ursprungs und von der christlichen Kirche über­nommen zu sein. Der Kräuterbüschel wurde vermutlich einst im Erntefest der Freya. Der Mutter des Wettergottes Donar (Thor), dargebracht. — Der Brauch, am 16. August in den Kirchen Ähren der verschiedenen Getreidearten sowie gewisse Kräuter weihen zu lassen, die vor Krankheit. Blitzschlag und bösen Geistern schützen sollen, wird auch auf eine alte Legende zurückgeführt. Darnach fanden die Apostel und Jünger Jesu 3 Tage nach der Bestattung der Maria, als sie den Leichnam noch einmal sehen wollten, die Gruft leer und dafür» eine Fülle von Blumen und Kräutern. — Wenn auch zweifellos ursprünglich ein Zusammenhang zwischen Ernteisest und Kräuterweibe bestanden hat. so ist dock kaum anzunehmen, datz bei letzterst in alter Zeit eine allgemeine Weihe der ErntefrUchte stattgefunden hat. Die Kräutermeihe auf Mariä Himmelfahrt, die früher am Simmelliahrtstag Ebrisii vor- genommen wurde, ist heute noch in vielen Gegenden Deutsch­lands üblich, am großartigsten wird sie in Köln und Würz- bürg (Paris. Antwerpen. Rom) begangen. Wogen der glän­zenden Feier, die früber in Würziburg stattfand, erhielt die Stadt im 17. Jahrhundert den Namen Kräuterstadt. ihren jetzigen Namen leitet man von der Wü'»weihe ber. — In SüddenMIand heisst däs Fest Unserer Frauen Würz- oder Kräutermeibe in einigen Gegenden Bayerns BUchelfrauen- toa. — Jede fromme Haushaltung liefert ein Bündel Blumen und Kräuter, am Rhein Marienwisch. in Bayern KräufevbUchel. in der RÄeinpfals Unserer Frauen Würi-

wisch genannt. Der Büschel wird nach der Segnung durch den Priester neben den geweihten Palmen ambewahrt. Bei Gewitter verbrennt die Hausfrau einige Halme des Straußes und verbreitet den Rauch möglichst im ganzen Haus, um dadurch ihr Eigentum vor Blitzschlag zu schützen. — Für den Kräuterbüschel waren von jeher bestimmte Blumen und Kräuter vorgeichrieben. Meist bandelt es, sich um solche, welche seit alter Zeit als Heil- oder Ge nutz mittel Verwendung fanden und in der Volksmedizin in hohem An­sehen standen, wie: Schafgarbe. Fuchsschwanz. Löwenmaul. Wermut. Knoblauch. Sturmbut. Akelei Benutz. Eberwurz. Glockenblume. Felddistel. Fingerhut. Tausendgüldenkraut. Dill. Kümmel, Stechapfel. Reiherschnabel. Labkraut. Hart­heu. Leinkraut. Kamille, Pfefferminze. Majoran. Sonnen­blume. Königskerze. Eisenkraut. Baldrian. Rainfarn. Saus­lauch. Fetthenne. Salbei. Wegerich ufw. — Die Zahl der Pflanzen, welche in einem Kräuterbüschel enthalten sein müssen, ist verschieden, sie schwankt zwischen 9 und 77. In Köln nimmt man 9: Johanniskraut. Thymian. Gundelrebe. Meisterwurz lJmoeratoria). Teufelsabbiß. (Scabiosa). Liobedstöckl (Levisticum). Eberraute. Mauerraute. — Nack altem Brauch müssen ani Rhein die Kräuter am Donners­tag vor Mariä Himmelfahrt bei Sonnenaufgang gepflückt, nickst geschnitten werden. — In der Holdau (Oberbavern) enthält der Büschel 77 Kräuter. Königskerze und Himmel­brand dürfen niemals fehlen. In Schwaben muh unbedingt Johanniskraut dabet sein..— Vielfach, enthält der Kräuter­büschel neben den Heilkräutern auch die verschiedenen Ge­treidearten. was wieder einen Zusammenhang mit dein vor­christlichen Erntefest vermuten lötzt. — Im Meinland wie in Westfalen, wo sie heute noch in vielen Orten vorgenom­men wird, war die Kräuterweihe schon vor der Reformation bekannt. alte Kirchenagenden geben darüber manchmal in­teressante Auskünfte. In einer Schrift des Daniel von Soest aus dem Jabre 1537 ist von einem Verbot der Kräuterweibe die Rede: „Dat len wiHkrut uv hemelwart Marien fold« bi groter Strafe ut oder in de stat to br engen gestat oder ver- gunt werden". — Mariä Kräuterweihe war ebeimals ein Hauptfost der Apotheker und Drogisten, der Gärtner und Blumenhändler. Da man weiterhin die meist aus Kräutern hergestellten Spezereien. Gewürze und Parfüms als unter besonderem Schutz der Gottesmutter stehend ansab. betrach­teten auch die Eewürzkrämer und Parfümeure dieselbe als Schutzpatronin und feierten Mariä Himmelfahrt als ihr be­sonderes Fest. — Es ist inanckmal mit Schwierigkeiten ver­knüpft. die für den Kräuterbüschcl nötigen Pflanzen rusam- menzubekommen. weil verschiedene ihrer Seltenheit wegen nicht leicht zu finden sind. Die Kinder, denen das Sam­meln obliegt. haben daher oft große Mühe davon und müssen stundenlang die heimatlichen Fluren, abstreifen, bis keins der vorgeschriebenen Kräuter in Krem Büschel fehlt. 15. E. R.

Geheinrsprachen.

Alle bekannten Gehermsprachen haben ursprünglich keinen anderen Zweck gehabt als Unverständlichkeit für Nichteinge- wcchte. So erklärt es sich ohne weiteres, datz die als ..Gaunersprache" oder ..Rotwelsch" hezeichnete Wart in Deutschland und über die deutschen Grenzen hinaus die weiteste Verbreitung gefunden hat. Alle Geheimsprachen haben eins gemeinsam' Sie finlb aus den niedrigsten Ele­menten zusammengesetzt, aus denen eine Sprache überhaupt gebildet werden kann. Ihr Wortschatz besteht ans einem Hunten Gemisch fremder, mundartlicher und sclbstgeschaffener Wörter.

Die deutsche Gaunersprache wird schon im 14. Jahrhun­dert urkundlich nachgewiesen und ist sicherlich noch viel älter, wenn sie nicht sogar völlig zeitlos ist. Man wird ihren Ursprung wahrscheinlich in dem menschlichen Svieltrieh zu erblicken haben, der sich noch heute in Verdrehungen und Umschreibungen gefällt. Und das durchaus nicht nur bei Kindern. So wissen wir. datz in Goethes Elternhaus eine Scherzsprache gesprochen wurde, die Goethe in Dichtung und Wahrheit selbst als ..Rotwelsch" bezeichnet, obwohl sie sicher wenig oder nichts mit der eigentlichen Gaunersprache zu tun batte. Auch Johann Peter Hebel hat mit seinen Freunden in einer für Uneingeweihte unverständlichen Sprache ge­sprochen.

Bekannt sind die kindlichen Sprachs-melereien. wie z. B. die bo-Svvache. Derartige Bildungen sind ums in alten Urkunden des 16. und 17. Jahrhunderts überliefert, und wenn man sich in ihr Wesen vertieft, so sieht man überrascht, datz sie sich von den Gehrimsprachen unserer Jugend durch nichts unterscheiden.' Ein direkter Zusammenhang zwischen diesen Spielereien und den Gebeimsvrachen unserer Tag« läßt sich nicht Nachweisen. Wohl aber gibt es noch heute eine Sckülersprache. die -nichts anderes ist als regelrechtes Rotwelsch. Sie wird von der Berner Schuljugend ge­sprochen und als Matten-Englisch -bezeichnet. Es ist aus- -geWoffen. datz die Berner Jugend sich diese Sprache im Verkehr mit Gaunern anse-e-isne-t hat. und ihre Verwandt- fchast mit dem Rotwelsch 'labt keinen anderen Scklutz zu. als datz beide unmittelbar auf dieselbe Quelle zurückgehen: Spielerei in Verbindung mit üppiger Phantasie und Freude an der Sprache.

Neben der ausgesprochenen Gaunersprache sind als Ee- heimsvrachen sowohl die mit ihr eng verwandten Soldaten- und Dirnensprachen anzusehen als auch di« Seemanns- und Jägersprache, die sich aus ihrer Umgebung, aus den Dingen, mit dienen sie täglich und stündlich in Berührung Hammen, einen eigenen Wortschatz • geschaffen haben. Auch di« Studentensprache gehört hierher, ist aber in ihrer Entstehung den kindlichen Schulsprachen ähnlicher, ist vielleicht nichts anderes als die Schulfprache Halberwachsener, die sich ihrer lateinischen Sorachkenntnis rühmen wollen.

Wenig bekannt isst es. datz im südwestlichen Deutschland Nock eine Gebeimsprache verbreitet ist, die man als Händler­oder Hausierer-Sprache bezeichnen kann und die im wesent­lichen hebräische Bestandteile aufweist, obwohl die. die sich durch sie verständigen, auch Christen sind. Andere, ähnliche Sprachbildungen sind im Aussterben begriffen. So finden wir im Rheinland und in, Westfalen, nahe der holländischen Grenze, noch die Reste zweier alter, mit dem Rotwelsch innig verwandter Sprachen, die einstmals die Verkehrssprachen mächtiger Kaufherren gewesen sind. Und jenseits der deut­schen Grenze, im westlichen Flandern, lebt noch heute eine Svmche. die mit der westfälischen Krämerfprache eng ver­wandt ist. An klänge finden sich auch in Schweden.

So kommt.man zu dem Schluß. datz das. was einst kind­licher Spielerei entsprossen ist. in alten Zeiten als Berstän- digungsmitiel zwischen Völkern gedient haben mag. Zwi­schen Völkern vielleicht, die beute trotz aller Erkenntnisse moderner Sprachforschung nicht mehr zusammenkommen können.

Nächtliche Fahrt.

Von Heinrich Leis.

Der Zug stürmt durch die Ebene. Rückgelehnt nr einer Ecke des Abteils kauere ich zwischen Schlaf und Wachen- Schwer schleifende Wolken überschatten das Land. Dunkel­heit liegt prall gegen die Wasenienster. es ist. als fahre man zwischen eng zusammengeschobenen Wänden hin. einen rie-Iew langen Tunnel. Durch das müde Schweigender Stacht stönt Hämmern und Pochen. Blutschlag eines gewaltigen, ehernen Herzens. Zuweilen überdröhnt ein Pfiff, aufschrillend, die Gleichförmigkeit dieses Rasselns: dann wieder das kauende, ruckende Mahlen, mit dem die Maschine das endlos abge- svulte Band des Schienenstrangs in sich hineinfritzt.

Die kleine Lichtfläche des Abteils, ein paar Meter im Geviert, ist nun die Welt, das einzig Sichtbare. Sichere und Begreifliche. Drautzen alles andere bleibt fremd, ins Unge­wisse verfließend.' spukhaft gleich einem Traum flirrt es vorüber. Das Fenster wirft wie ein Spiegel mir das eigene Bild zurück. Schmaler Raum hält eingezwungen. Lichtenge in der Wüste der Finsternis: und es ist zugleich Borwärts- getriebenwerden von fremdwirkender Kraft, entgegen einem Ziel, das m Schläfrigkeit der langen Reefe aufzuckt nur mit der Vorstellung eines leeren, gleichgültigen Namens.

Lichter blinken auf. glitzernde Tropfen im Dunkel, spannen Ketten. Brücken über die Abgründe der Nacht. Sie laufen erregt auseinander, fliehen fort. Es scheint, als klafften kleine Risse in dem dichtgewirkten Manteltuch der Finsternis. Ein Hügel zieht vorbei. Ein Dorf träumt in Erstarirung des Schlafes. Gelbe Bogenlampen bei Statio­nen flammen grell in die Scheiben. Mit flüchtigem Erahnen tasten die schnell verwehten Bilder an -die Seele. ,

Der nächtlichen Fahrt gleicht das Leben: Eingefangen in die Enge von Empfindungen. Möglichkeiten., Wünschen und Taten: in die Wände eines Leibes geschmiedet., enl- gegentreibend vorbvstimmtem Ziel. Vorbei zittern Lichter von nie erfüllten Hoffnungen, nie zu Klarheit gegorenen Ge­danken. lockend, reizvoll, zurücktauchend ins Nichts. Die Fahrt reißt vorwärts auf dem dunkel überschatteten Schienenweg des Schtckials. Nur das Wesen des eigenen Innern spiegeln die Fenster der Seele, von der Nacht, ge­trübt. Und in der Seele ist das ewig gleiche Bild einer spärlich durchhellten Enge.

Weiter durch Nacht und Schweigen rattert die Fahrt, auffcheuchend die Rübe schlummernder Gehöfte. Müdigkeit zerrt an den Augenlidern. Die Zeit schleppt sich mit gräm­licher Langsamkeit. Mitreisende gegenüber auf den Bänken bocken schlafverkrümmt. Ihre Köpfe pendeln den Takt der Fahrt, ihre Gesichter hängen im kalten Licht der Zuglaimvc wie gelbe Früchte. Etwas Totenstarres hat ihre Reglosig­keit im dumpfen Verfonnenfein. im bleiernen Schlaf der Übermüdung. Dann kommt Auffahren von irgend einem mit einer Bewegung, als löse er sich gleichsam aus lastendem Bann. Papier raschelt, ein Kofferschloß schnappt auf. Gleich­gültige Worte sirren einher, flattern" üerängstet ünter der Lamve. fallen zurück in die Ecken wie Motten, die am Licht ihre Flügel versengt haben. „ , „ ,,.. L±

Dann ein Knirschen endlich, ein Rucken, ichutternd '-ber- stampft die Maschine wrrr verauerte Weichen. Signalmaste recken durch das Dunkel die Arme. Schuppen. Maschinen­hallen. Blockhäuser ducken- sich im jähen -Schein flammender Bogenlampen wie Urweltriesen plump und ungestalt. dar­über her wehen Lrette Schwaden von milchig durchleuchtetem Qualm. Das Glasdach der Bahnb-ofshalle schiebt sich rauschend über die Wagenkenc. fängt ein in Tosen von Lärm. ZMen. Dampf und Knattern. Die Bremsen greifen rn die Räder. Metall singt, die Maschine siebt rchy,ansend still wie ein atemloser Renner mit keuchenden Flanken. Und in den Abteilen ein Emporstraffen. Sich-ZurLckrcrtzen aus wirrem Verdämmern. Recken steiferstarrter Glieder. Wie Befreiung kommt es an. da die Dauer des endlos hingezerrten War­tens fartgenonrmen. In den Reisemüden, die den klirrenden Asphalt des Bahnsteigs unter die Füße fassen.„-ist eine warme Zufriedenheit ihres erreichten Ziels, wie ähnlich sie der Seefahrer empirnden mag. wenn ihn nach früher Einiamkcit auf dem Meer wieder das lockende und vielfältige Treiben eines Hafens umfängt. _

Merksxrüche.

/ Von Eduard Siebrecht.

Einem Eingebildeten:

Dein Schicksal möge freundlich walten.

Es führ' dich hohen. Zielen zu.

Die anderen mögen von dir hallten So viel wie du!

Einem Untätigen: „ .....

Der Mensch darf nie im Leben müßig fern Und lMg sinnen, träumen, tatlos gaffen.

Er mutz der heiligen Arbeit ganz sich weihn.

Dann wird Km Glück im Ringen und -im Schaffen

Einem Künstler: __

Wenn du die Kurift im tiefsten Wesen Ireblt.

Kann sie dich über Tausende erheben. '

Wenn du an dir die strengste Selbstzucht übst.

Wirst reich du und kannst andern davon geben.

Einem Dramatiker:

Der Mime ist oft beitz bemüht.

Toten Gestalten Leben einzu-geben.

Doch deine Menschen schreiten, heltzdurchn.ubr Von deinem Herzblut, mit uns in das Leben.

Einem Dichter: ^ t .

Du sprichst zum stillen Wort rn deiner Seele:

..Ich werb' um dick, selbst wenn ich dran verbren«. Füg' dich zum Vers, zrim Lied aus meiner Kehle.

Ich latz dich nicht, -du segnetest mich denn!"

Einem Kritiker:

Was -i-mmer du als Kr-'-ttker gefchnebsn. —

Zwischen den Zeilen ich den Leitspruch sah:

Nicht mttzuhassen. nein, nur mitzulieben Bin stets ich für di« Kunst und Künstler da.

Einer Lebenskomödiantin:

Am Wend spi-M du.Komödie,

Und spielst sie wahrlich nicht schlecht.

• Doch wird dein Leben Tragödie.

Bist du am Tag auch nicht echt.

Einem Schauspieler:

Den Geist der Dichtung zu durchdring-en. —

Dem Streben sei di« erste Müh geweiht.

Dann bring dein Spielwerk voll zum Klingen.

Heb dich und tausend über Raum und Zeit

Meiner Frau:

Aus neuen Freuden und alten Strahlt dein Bild ungetrübt.

Ms hätt' ich in vielen Gestalte»

Immer nur dich geliebt