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Samstag, 4L August 1923.

MesVewener Tagviarr.

Nr. 180. Seite 13

Unterhaltung6 Beilage

beS 'Wiesbadener 'ZagölattS.

Dorothea in Hom.

(Reiseb rief einer lljäbr igen.)

Dorothea Schlözer war die Tochter eines berühmten Vaters, des Historikers A. L. Schlözer. Professors in Göttin­gen. Sie war ein ganz ungewöhnlich begabtes Mädchen, wurde von ihrem Vater zu grosser Gelehrsamkeit erzogen und im Alter von 17,Jahren mit dem Doktorhut geschmückt. Einige Jähre später heiratet sie den Lübecker Senator Rodde, schenkt ihm drei Kinder und stirbt im Alter von 55 Jahren. Bis zu ihrer Ehe war ihr Leben von sorgsamen Eltern be­hütet die Stürme begannen erst, als ne Rodde die Hand zum Lebensbund reichte.

Das denkwürdige Leben dieser Frau hat jetzt Leopold von Schlözer. ein Enkel ihres Bruders, ausführlich beschrie­ben weit über di« Briefe und Schriftstücke des Familien­archivs. über mündliche und schriftliche Überlieferungen hin- ausblickvnd. (Dorothea von Schlözer. 1770 bis 1825. Deutsche Derlagsansta.lt. Stuttgart).

Was diese Frau auszeichnete, war ihre Schlichtheit und natürlich« Anmut' sie war ein ganz unverbildeter, natür­licher. fröhlicher Mensch und machte von ihrer Berühmtheit und Gelehrsamkeit gar kein Wesens. Auch nach dem Bankrott Roddes, in Armut und Sorgen, hält sie den Kopf trotz aller Widerwärtigkeiten hoch und bleibt die geistreiche viklbewunderte Frau, vor allem aber auch die trefflichste Mutter. Zweier Kiuder durch den Tod beraubt, unter­nimmt sie, um das letzte kranke Kind zu retten, eine höchst beschwerliche Reise nach dem Süden. Auf der Rückfahrt er­krankt sie und stirbt. So erscheint sie uns in immer neuer ergreifender Gestalt eine wahrhaft ungewöhnliche Frau, von der Goethe sagte:Sie verdient es, dass ihr Andenken erhalten bleibe".

Reich und köstlich war ihr« Kindheit. Der Vater nahm das 11jährige Töchterchen (5 Jahre vor Goethes italienischer Reis«) zum Schrecken aller Göttinger Zöpfe, mit nach Rom. Dort hat sie das reizvollste Schriftstück des Bandes, den Briet an ihre Tante, die Hofrätin Lader in Jena, geschrieben, den wir auszugsweise Wiedergaben.

Zip, »iv. liebe Tante: nun bin ich ja doch in Rom! Bor einem halben Jahr« haben Sie es noch nicht glauben wollen. Ich denke nun wohl, dass wir fast dritthcrlb hundert deutsche Meilen voneinander sind: aber ich kam diese dritthälb hundert Meilen so allmählich durch, wie im Schlaf, ebenso, wie man 18 Meilen allmählich, wie im Schlaf, von Eöttin- gen nach Jena macht.

Heute vor 14 Tagen kamen wir hier. Dienstass. den 15. Januar, an. Dieses wird mir immer der wichtigste Tag in meinem ganzen kleinen Leben seyn.

Das Wetter war ganz ausnehmend schön, wie der herr­lichste Frühlingstag, und es war doch im Januar! Die Gegend war auch, recht hübsch: es war abwechselnd, mit

Hügeln und der Tiber. Die Tiber, meinte ich Wunder, was das Air ein besonderer Fluh wäre: und siebe da. es war ein Fluh wie alle Flüsse, gerade wie' unsere Leine, nur etwas grösser, aber eben so trübe und voller Schlamm.

Gegen 11 Uhr kamen wir nach dem Dorfe Prima Porta: dieses ist die letzte Station vor Rom. und hier war das säuischste Wirthshaius. das wir auf der ganzen Reife gesehen batten. Wir bestellten Karbonade, weil nichts anderes zu haben, aber die wurde uns auf einem Tisch »urechtgemacht. wo händehoher Staub auflag. Der Kerl, der sie abmachte und auf eben diesem Tisch Bratwürste einfüllte, sah noch un­reinlicher wie sein Tisch aus. So was hatten wir eine Station vor Rom, vor Rom! nicht erwartet! Aber wir schluckten unser Karbonade ein und dachten immer an Rom. und sprachen immer von Rom.

Nach TM um 1 Uhr reisten wir von diesem Nest ab. Das Wetter war ebenso schön wie den Morgen, und der Weg ganz herrlich Wir fuhren mit Postpferden. und es ging so flink, dass die Pferde zweimal stiirzten. Wir waren «bald auf der Ebene, bald auf kleinen Hügeln, die nichts bedeuteten. Nun kamen wir Rom immer naher. Es wurde eine Prämie ausgesetzt, wer es zuerst sähe: allein es ging wie bei der Ent­deckung von Amerika, drei wollten es zuerst gesehen haben, also unterblieb die Austeilung der Prämie. Die Kuppel der Peterskirche erschien uns zuerst, das war ein Anblick!

Nun fuhren wir in einer geraden Strasse, auf der uns fast keine Seele begegnete, bis vor Rom. und zogen hier um 343 Uhr durch das Pappelbaumtor (Porta del Popolo) ein. . .

Wir hatten kaum abgeladen. so bestellten wir uns bei einem deutschen Traiteur, der auch auf deutsche Art kocht und sogar, wenn man verlangt, mit Sauerkohl dient, ein tüchtiges Abendessen. Bis das fertig wurde, marschierte ich nach 4 Uhr mit einigen von der Gesellschaft in die Stadt, um die Peterskirche aufzusuchen. Das war eine Reife, wohl nicht viel kürzer, wie von Köttingen nach Wehnde! Wir batten keinen Wegweiser, fanden uns aber glücklich mit Fragen hist: denn die Leute in Rom haben alle so etwas Höfliches und Treuh»rzigss. Wir kamen Wer die grosse Tiber-Brücke, und dann vor der alten, rostigen Engelsburg vorbei: und nun guckte zwischen einer langen Strasse von ganz mittelmäßigen. mitunter erbärmlichen Häusern die Peterskirche her. Dorn ein ungeheurer grosser Platz, in der Mitte ein ganz anderer Kerl von Obelisk, wie auf der Piazza del Popolo: an beiden Seiten die immer springenden Brunnen (wie die Königin Ehristina von Schweden hier war. meinte sie. sie'sivrängen Vloss ihr zu Ehren und sagte zuletzt: Lasst's man nun gut feyn!) und weiter links und rechts die Kolonnaden! Nu. das allein war eine Reife nach Rom.wert! Doch, was soll ich Ihnen alles das beschrei­ben. es steht ja schon alles im Volkmann.

Wir gingen nun die Treppe hinauf: dann in die grosse Halle, dann durch eine von den fünf Türen in die Kirche W.

Mausestill üb erfassen wir nun dre Kirche in ihrer ganzem Länge, und-gingen langsam vorwärts. Hier ging es mir aber, wie es allen Kindern, und manchmal auch grossen Kin­dern sehen soll, worüber ich,nmh lange nachher tüchtig aus­gelacht worden bin. Ich ,weih selbst nicht, wie mir war: die Kirche und alles, was drin war kam mir nicht mehr so gross vor. und ich meinte zuerst wirklich, sie sei nicht viel größer, wie unsere Johanniskirche. Erst wie ich zum zweiten- und drittenmal in diesem Weltwunder war. kam ich zu mir. Wenn man hineintritt, so stehen auf beiden Seiten Weih- göfässe von gelbem Marmor, die werden von Jüngelchen ge­nasen. die voii weißem Marmor sind. Diese Jüngelchen hatte ich zuerst für btässrig angesehen: nun aber, wie ich sie näher visitierte, waren sic so lang wl-e der grösste Grenadier. Und nun glaubte ich mich, dass der Hochaltar, den ich aus 12 Ellen geschätzt batte, so hoch wäre une einer der höchsten Paläste in ganz Rom: und dass in jeder Seitenkapelle unsere grösste Kirche stehen könnte.

Den zweiten Tag nach unserer Ankunft iahen wir Maria Maggiore, eine der Hauptkirchen.in Rom. Nicht weit davon war eine kleine Kirche namens E. Antonio Abbate Dieses

Heiligen fein Fest war just heute. Da wurde ein Stück von »einem Arm herumgetragen in Prozession: das sah aus, als wenn man den Kehraus durch alle Stuben tanzt, nur ging es hier etwas langsamer. Es wurden auch wirklich englische Tänze in der Kirche gespielt, eben dieselben, die wir in Gotha getanzt hatten. Sie können leicht glauben, dass mir hierbei das Tanzen in die Beine kam: aber di« Musik war in der Kirche.

Ich hätte Ihnen, beste Tante, nach sehr viel zu schrei­ben: denn nun erst fällt wir ein. dass ich Ihnen noch nichts von unserer Reise zwischen Göttingen und Rom erzählt habe: nichts von dem Ball in Gotha, den Reichs-Insignien rn Nürnberg, der Schüleicken Fabrik und dem Rathaus in Augsburg, dem Marienbild zu Etthal (wo es schon sehr italiänerte. deni Regelhaus in Innsbruck, dem allerliebsten Herrn Fürst Bischöfen von Brixen. dem heiligen Anton von Padowa, von Casars Känzel in Rimini (auf der eben Rudeln getrocknet wurden), und dem heiligen Haus in Loreto. Nichts davon, wie herrlich sich im Amphitheater zu Verona Kaffee trinken lässt: nichts davon, wie stolz meine Harren Reisegefährten auf dem St. Markus-Turm in Vene­dig und hier auf den tarpejiichen Felsen ihre Pfeife Tabak rauchten, üiw. ulw. usw. Aber das Schreiben und Arbeiten wird mir feit einigen Tagen unaussprechlich sauer: ist der Schiroko-Wind schuld daran, oder habe ich einen Ansatz, eine römische Dame zu werden? Auch frierts mich so an die Pfoten, denn deutsche Ören passieren hier nicht. Also Adieu, liebe Tante! Künftig, wenn ich wieder deutsch weide, will ich. will's Eott. auch fleißiger sein."

Der Garten.

Von Walter v. Rummel.

In NMo, mitten m der schönen Bergwelt Japans, fügen sich mächtige Zedern zu dunklen Wäldern und schatti­gen Alleen zusammen. Über den grünest Fluss springt lustig und übermütig, knallrot eine Holzbrücke hinüber. Hier, nahe dem klaren Wasser, nahe dem Berg, dessen Steilbang schwin­delfreie Föhren und Ähornbäume rüstig zu erklimmen ver­suchen. ist uralter, geweihter Tempelgrund. Breit die Tor­bogen und hoch die Pagoden. Biel feierliche Stufen führen zu ihnen empor. Schimmernde Hallen, stärkste Farben, über­raschende. unerhörte Formen.

Als ich freilich nach Nikko kam. entschleierte es mir kaum die Hälfte seiner ringsum oevschw ende risch gestreuten Reichtümer. Ein einziger schwerer WoWenbruch rasselte und prasselte unaufhörlich nieder. Der grüne Fluss unter der roten Brücke war zum gelben, reißenden Strom geworden, dar Tempelgrund zu einem See. selbst in die Gebäude flutete das Wasser hinein. In den Heiligtümern war kaum etwas zu sehen, so tief hingen die Wolken und die Nebel herab. Bis <mf die Haut durchnässt, suchte ich mittags wieder mein Hotel auf.

Als am Nachmittag das Unwetter noch schlimmer tobte und der Regen so dicht niedersprlühte. dass 'sich das aus der Ferne fast wie ein winterliches Schneetreiben anfäh. kehrte ich nicht zu den Tempeln zurück, verschob das alles ans den nächsten Tag. Da ich in meinen winddurchwehten. leichtge­fügten Hölzwänden fröstelte, lieb ich mir ein Kohlenfeuer ins Zimmer tragen, hüllte mich in eine Decke, legte mich neben der glimmenden Urne auf 'den Boden zu einer Siesta nieder. In Reiselangeweile und behaglicher Wärme war ich bald eingöfchliäfen.

Eine helle Mädchenstimme weckte mich. Sie rief irgend jemand einige freundliche Worte zu. Eine andere jugend­liche Frauenstimme antwortete lachend. Dann war es wieder still und ich hätte ruhig weiteischlafen können. Aber neu­gierig geworden, wer denn da so dicht neben mir sein mun­teres Wesen treiben mochte, stand ich auf und machte mir an .meiner der eben gehörten Stimme zugekehrten Tapetenwand unnütz zu schaffen. Es gelang mir auch, sie leise um einen Spalt aufzuschieben.

Überrascht sab ich in einen kleinen, engen Sofraum. der durch «in Vordach vor dem Regen geschützt war. Aus diesem Geviert von nur wenigen Quadratmetern aber etwas ganz Erstaunliches: der Garten, der Park eines Königs! Weite Wiese Mächen und grosse Wälder. Die bizarre java­nische Föhre wirst ihr abenteuerlich phantastisch geschweif­tes Gezweigs, wirft den breiten Grundton ihres satten Nadelgrüns dem bereits sich rot verfärbenden Geblätter des Ahorns im FarbenweMtreit entgegen. Lauter Bäume, voll­kommen alle in ihrer Art und dennoch keiner die Höhe kaum eines halben Fingers überschreitend. Rote Brücken, ganz genau so wie die. die ich am Vormittag gesehen, spannen sich in freiem, gefälligem Bogen über ruhig dastehende Fluss­arme. Teiche und Seen breiten sich, bemooste Felstrümmer liegen dazwischen. Ein Fischerboot ruht am Strand. Dunkle Holz temp eichen stehen am Ufer, der Torbogen badet seine morschen Pfosten noch im Wasser. Pagoden streben still und feierlich empor. Gepflegte Sandwege laufen zwischen blühen­den Blumenbeeten dahin. Ein Lustgarten. wie er sich nicht schöner denken lässt. .

Bor diesem, ihrem Garten kauert auf dem blankeu Holz­boden. noch in der Haushalle, ein« junge Javanerin. Wohl jene, deren frohe Stimme mich aus schwerem, mehrstündi­gem Schlaf geweckt. Liebevoll beugt sie sich zu ihrem wunder­samen Park hinab, ist ganz versunken in seine Schönheit. Ab und zu greift ihre schmale Hand vorsichtig und behutsam hinab, irgend eine Kleinigkeit zu ordnen, ein abgebrochenes Reis, ein welkes Blättchen zu entfernen. Nun wirft sie ein Atom Reismehl auf das Wasser vor dem Tempel. So­fort beginnt es dort lebendig zu werden. Junge, im Sommer erst ausgeschlüvfte Fischbrut glitzert empor und hascht nach den Stäubchen. Wer diese Fischlein, nicht länger als ein Fingernagel, wirken in ihrer Umgebung, unter den Zwerg­weiden und dem Liliputiemvel wie schwere Riesenkarpfen.

Tiefer neigt das Mädchen sein schwarzes Haar, ferne dunklen Augen nnd Wimpern über seinem See. als ob es in der ruh'gen Flut sein Bild näher ^besehen. den Spiegel unter ihm fragen wolle, ob es wirklich zu den Schönsten im Lande Nippon gehöre. Es la-chett. Der Spiegel muss gute Antwort gegeben haben. Auf sein Lächeln fällt ein Strahl der in wasserfeuchtem Glanz das, Wettergewö'lk durchbrechen­den Abendsonne. Sern Haar, lein loses, lichtes Kleid schim­mert. der Sc idengürtel leuchtet. Wie eine grosse Lotosblume ruht es träumend am Rand des Teichs . . ,

Ich aber habe heut« noch nicht den Königsgarten im engen, dunklen Hofraum vergessen. Mehr als je denke ich in diesen Tagen an ihn zurück. Denn jetzt, wo uns alle Weiten verlbaut, die w-rkliche Welt zugeriegelt und ver­schlossen ist wie noch nie. sollten vielleicht auch wir daran gehen, jeder in seinem Haus und Hofraum. Traumgärten und Märchenschlösser in irgend einen freien Winkel zu bauen, «rosse, weite Welten des holdesten Scheins, schöner -und verklärter als alle wirklichen «um Trost unserer Luge uns erstehen m lassen'

Zu verkaufen: Einige gute und nützliche Reime.

Bon Peter Robinson (München).

Damals, als wir noch Goldwährung hatten, habe ich einmal etwas gekauft, wofür ich eigentlich gar kerne Ver­wendung hatte. Ich wünsche es jetzt wieder zu verkaufen. Mid möchte es hiermit anbieten. Warum auch nicht? So viele Leute verkaufen heute entbehrliche Sachen, ja manche sogar ziemlich unentbehrliche. Der Artikel, dessen Veräuße­rung ich anstrebe. ist ke-ne Alltagsware. Es sind einige schöne und für Leute mit bestimmten Vornamen zweifellos sehr nützliche Reime. Aber man höre erst, wie ich zu dem Einkauf gekommen bin.

Eine Viertelstunde westwärts von Zoppot liegt am Oit- seestrand die ..Talmühle". Die Bewohner dieser Gegend, soweit sie literarisch gebildet sind, behaupten, dass hier EichendoM sein LiedIn einem kühlen Grunde, da geht ein Mihlenrad". gedichtet habe. Um niemand zu erzürnen, sei m diese Behauptung kein Zweifel gesetzt, wenn es auch merkwürdig erscheinen mutz, dass jenes Lied bereits imDeut­schen Dichterwald für 1813" erschienen ist und Eichendorff erst sieben Jahre später in die Gegend der Talmühle kam.

Die Mühle ist heute nicht mehr zu sehen. Aber ein Lokal befindet sich dort, wohin in den vergangenen fetten Jahren (wie es heute sein ma«. weiß ich nicht) im Sommer viele Leute zum Nachmittagskaffee gingen, weil es dort eine bettihmte Sorte sehr grosser Waffeln gab. Eine war zu wenig, denn sie 'chm eckten gut. und zwei waren beinahe zu viel, und deshalb sagte man nachher gewöhnlich mit Eichen- dorff:Ich möcht' am liebsten sterben! Und dann war man doch überzeugt, dass das berühmte Lied wirklich hier ent­ständen sei.

Nach dieser Talmühle war ich einmal in jenen vergange­nen Zeiten gekommen. Es saßen viele Leute dort, die Kaffee tranken, Waffeln aßen und dazu auf die See hinausschauten. In dieser Beschäftigung wurden sie unterbrochen durch einen Mann, der von Tisch zu Tisch ging und allzu lange nicht ge­schnittenes Haupthaar and einen Kasten mit Ansichtskarten trug, stberoll wurde er eine oder mehrere Karten los. aber jedesmal hielt er sich merkwürdig lange 'dabei auf und schien auf sein« Abnehmer eindringlich einzureden. bis diese noch einmal in die Tasche griffen, worauf der Ansichtskartenmann ihnen etwas anscheinend recht Bedeutungsvolles ins Ohr flMerte.

Schließlich kam er auch zu mir. und ich suchte mir zwei Karten aus. Dann hielt er mir diese Rede: .Bon diesem romantischen Punkt, wo Erchendoriff 'sein herrlichesIn einem kühlen Gründe" gedichtet, werden Sie doch nicht eine nüchtern prosaische Karte abschicken wollen, mein Herr? O nein hier muss jode Ansichtskarte ein Gedicht erhalten. Zum mindesten einen Zweizeiler, mit Reim auf Ihren Vor­namen. Ich berechne nur 50 Pf. dafür. Sie werden doch nicht nein sagen wollen?"

Dies wäre allerdings meine Absicht, erklärte ich ihm. Er wies auf die Menge ringsum. ..Sehen Sie. mein Herr' alle diese Väter, Mütter. Söbne. Töchter. Onkel. Tanten u%>. haben sich von mir Verie für ihre Karten angeben lassen. Wollen Sie das einzige unvoetische Gemüt hier sein? Wollen Sie allein die Dichtkunst nicht unterstützen?"

Dieser Appell machte mich nachgiebig, denn ick bin aller­dings der Ansicht, dass man. wo es irgend angeht. etwas mr die Dichter tun muh.Also schön", sagte ich.ich heisse Peter."

, Er besann sich keinen Augenblick: sofort deklamierte er:

..Bin ich entfernt auch viele Kilometer.

Ich denke dein und grüße dich. Dein Peter,"

Das ist freilich 50 Pf. wert". sagte ich. denn ein Dich­ter will auch gelobt stin, und bezahlte das Gedicht, was die Dichter meistens auch wollen. Er bedankte sich.Diesmal war's nicht so schwer", meinte er.aber hei manchen Namen muß ick mich doch gehörig anstrengen."

Das kann ich mir denken. Aber was machen Sie. wenn es überhauvt keinen Reim auf einen Namen gibt?"

Das kommt bei mir sticht vor", erklärte er mit einigem Stolz.

Da ich hin und wieder auch reime, glaubte ich das be­zweifeln zu dürfen. Er nahm diele Andeutung aber beinahe übel.Obo. mein Herr! Sie können mich auf die Probe stellen. Für 50 Pf. liefere ich jeden Reim!"

Seine Sicherheit imponierte mir. Es ist ein unange­nehmes EeMl. wenn einem ein Reimkollege imponiert. Ich musste ihn vor eine unüberwindliche Schwierigkeit stellen.Was meinen Sie zu Hermann?" fragte ich.

Ich hör' des Meeres schreckliches Gelärm an

Und denk' an dich, mein Frauchen. Eruss. dein Hermann."

Donnerwetter. Sie haben recht! Aber Otto?"

Gewänne ich. mein Kind, im Lotto.

Kämst mit du auf die Reife. Otto."

Das war verdriehlich. diesen Reim hatte ich selbst wissen müssen. Jetzt mußte ich was ganz Schweres suchen.Warten Sie mal ja. Paula, wir ist es damit?"

Er zuckte die Achseln.Paula - Aula! Das ist doch ganz einfach."

.Das gilt nicht, damit bringen Sie noch keinen Vers zu­stande. Eie können doch nicht gleich voraussetzen. daß die betreffende Dame studiert öder sonst etwas mit einer Aula zu tun bat."

Er sab mich sehr von oben herab an.Sind Cie aber schwerfällig! Die Natur ist jedes Menschen Aula. das passt doch wahrhaftig für eine Ansichtskarte."

Ich war Sachlagen.Und Gustav? versuchte ich es »ach einmal.

Jetzt musste er doch Nachdenken. Aber er fand es :

. Der Weg war weit. Ick sagte mir: Du muht. Af?'!

Jetzt sitz' ich hier und denk an dich. Dein Gustav."

Bravo!" sagte ich. Er aber streckte die Hand aus .Lwei Mark bekomme ich. Hermann. Otto. Paula. Gustav." .,, .

Fällt mir gar nrcht ein. was soll ich mit den Reimen?"

Da wurde er energisch. .Sie haben sie ja von mir ge­fordert. Das gebt doch nicht, daß Sie jetzt davon'laufen und meine Reime nachher ausnutzeu. ohne sie bezahlt zu haben,"

Ich vroteft'.erte. Er wurde wild und rief die anderen Gäste zusammen. Und alle die Väter. Mütter. Söbne. Töch­ter. Onkel. Tanten ulw.. die bei ihm Karten gekauft batten, standen am seiner Seite. Denn sie hatten Reime bezahlen müssen, also mußte ich auch bezahlen, das war ihre begreif­liche Ansicht.

Ich habe also damals die 2 Mark bezahlt. 50 Pfennig für. jeden Renn. 50 Goldpfennig. woWgemerkt. Da ick die Reime aber selber gar nicht verwenden kann, stelle ich, sic hiermit wieder zum Verkauf. Preis pro Stück 1 Goldmark. Denn ein bißchen muß ich doch auch daran verdienen.