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Nr 180.

Samstag, 4. August 923.

71. Jahrgang.

Sichert die Ernährung!

Die rasende Geldentwertung hat es dem einzelnen, er mag Gehalts- und Lohnempfänger, er mag Ge­werbetreibender uni> Fabrikant fein, nahezu unmög­lich gemacht, auch nur für Tage hinaus mit einigem Vertrauen zu disponieren. Augenblicklich ist das aber für weite Volkskreise noch gar nicht einmal das schlimmste. Noch schlimmer ist es, daß, wer nicht ge­rade Selbstversorger ist, oder sich infolge ausreichender Geldmittel bereits früher ausreichend eindecken konnte, das Gespenst des Hungers immer näher heranschleichen sieht. Die Kolonialwarenläden sind von den wichtigsten Artikeln entblößt, die Kartoffeln und frisches Gemüse gar nicht oder nur zu Phantasie­preisen zu kaufen, das Fleisch ist knapp, und vor den Fetthandlungen stehen schon längst die aus dem Kriege nur allzu bekannten Polonäsen von Käufern. Und das alles nicht nur in den Großstädten!

Was ist dagegen zu tun? Die Gründe für die Er- nährungsschwierigkeiten sind mannigfaltig, und die Regierung hat auch hier, wie bei der Währungsfrage, die Pflicht, unverzüglich einzugreifen, jedem einzelnen dieser Gründe nachzugehen und, soweit es in ihrer Macht liegt, für Abhilfe zu sorgen.

Zunächst freilich ist darauf Hinzuwersen, daß eine große, wenn nicht die größte Schwierigkeit von der ungünstigen Witterung dieses Jahres herrührt, also von einem Moment, das außerhalb aller menschlichen Einwirkung liegt. Durch das kalte Wetter im Früh­jahr und Frühfommer ist die Ernte etwa um 4 Wochen hinausgeschoben. Aber auch in früheren Jahren haben sich kurz vor Beginn der neuen Ernte Mitzstände für die Ernährung ergeben, die regelmäßig über­wunden werden konnten. Gewiß ist das diesmal schwerer, aber die Ernte hat doch schon in einigen Landes­teilen eingesetzt, und deshalb ist es nötig und möglich, die bereits vorhandenen Vorräte zu erfassen und den Bedarfsgebieten zuzuleiten. Schleunige und einsichtige Anordnungen können hier viel bessern und nützen.

' Eine zweite Ernährungsschwierigkeit dagegen ist ganz auf das Konto der Regierung zu setzen. Das ist die Frage der Beschaffung von Fetten. Diese können, wie die Dinge bei uns in Deutschland liegen, zum großen Teil nur aus dem Ausland bezogen werden. Das Ausland aber läßt sich heute nur in Devisen be­zahlen, und da hat es die verkehrte Devisenpolitik des Reichswirtfchaftsministernlms wie der Reichsbank ver­schuldet, daß gerade für diese so dringend nötige Ein­fuhr von Fetten den Importeuren ausländische Zah­lungsmittel nicht in dem erforderlichen Umfange zu Gebote standen. Jetzt haben wir die Bescherung, und es ist eine der ersten Aufgaben der Regierung, hier Wandel zu schaffen und die Devisen, über die sie ver­fügt, oder die ihr die Privatwirtschaft verschaffen kann, im großen Umfang zum Ankauf von Lebens­mitteln aus dem Auslande zu verwenden, und zwar nicht nur von Schmalz. Speck, Margarine, sondern auch von Gefrierfleisch, von Eiern usw. Hier muß so schleunig wie möglich etwas getan werden, denn es gilt einen Notstand zu beseitigen, der verhängnisvoll werden kann.

Aber auch mit der Währungspolitik überhaupt ist die Ernährungsfrage aufs engste verknüpft. In den von einem Tage zum anderen emporschnellönden Preisen liegt für manche Produzenten ein Anreiz, mit ihren Waren zurückzuhalten, um sie demnächst um so­viel teurer verkaufen zu können. Wie steht es da­mit? Einmal sind diese größeren Gewinne nur ein­gebildet, denn der Wert der Papiermark fällt doch auch in demselben Umfange, wie ihre Passe steigt, und die Produzenten sehen es beim Einkauf, daß sie um einen höheren Preis nach vier Wochen sich nur genau soviel anschaffen können, wie um den niedrigeren heute. Dann aber liegt in der Zurückhaltung der Ware eine ungeheure Gefahr insofern, als dadurch die notleidende Bevölkerung verführt wird, sich gje- waltsam das zu holen, was sie nicht für ihr Geld er­stehen kann. Sind aber erst die Leidenschaften erregt und ist es zu gewaltsamen Vorgängen gekommen, so ist das Ende gar nicht abzusehen. Gegen den Ansturm der hungernden Massen wäre schließlich jeder Selbst­schutz der Landwirte machtlos. Glaube man doch nicht, daß' die Ausschreitungen und Revolten sich auf die Städte, auf die Zerstörung der Kaufläden und ihres Inhalts beschränken würden. Auch das platte Land und seine Schätze würden das Ziel der Plünderer sein, und wenn der Himmel einstürzt, werden die Land­bewohner gsleichfalls betroffen werden. Hierauf die Beteiligten mit allem Ernst aufmerksam zu machen, dazu sind die agrarischen Organisationen ganz beson­ders berufen. Der Reichslandbund wie der Reichs­ausschuß der deutschen Landwirtschaft haben soeben be- Vldte Aufrufe erlassen und den Landwirten aus

idealen, ans vaterländischen Gründen die schnelle und restlose Ablieferung der verfügbaren Lebensmittel zur Pflicht gemacht. Es wäre wünschenswert, wenn in diesem Zusammenhang auch an den Egoismus appel­liert und gezeigt würde, daß die Zurückhaltung der Produkte am letzten Ende den Besitzer selbst schädigt.

Run besteht allerdings vielfach in ländlichen Kreisen die Besorgnis, daß die Lebensmitteltransporte unterwegs angegriffen und beraubt werden könnten. Dem durch Wort und Tat entgegenzutreten, ist nun wieder Sache der Regierung. Und diese hat bisher auch in dieser Beziehung das nötige geleistet. Sie hat vor allem an dem kritischen 29. Juli gezeigt, daß sie ihre Machtmittel in der Hand hat und mit ihnen Putsche, welcher Art auch immer, von vornherein gründlich unterdrücken und hintenanhalten kann. So steht es außer allem Zweifel, daß die Staatsgewalt auch die Erzeuger und die Erzeugniffe, wenn diese sach­gemäß und rechtzeitig zur Ablieferung gelangen, im vollen Umfange zu schützen imstande sein wird!

Die WW WawMokmtie für die Me Koalition.

Darinstadt. 3. Aug. Der Landesvorstand und der Lan- oesausiamtz der Sozialdemokratie Hessens baden nach medr-- i tun dm er Beratung über die inner- und aubeupolitische Lage e-ne Resolution gereist, in welcher die Neubildung der ReiLsxegierung und der Wiedereintritt der Ver- einrgten Sozialdemokratischen Partei in diese für dringend ekiorderlich erklärt wird. Die Sozial­demokratie sei trotz der außenpolitisch vollkommen ver­fahrenen Lage Deutschlands bereit, die Mitverantwor­tung zu tragen. Gefordert wird die Aufstellung eines die derzeitige Lage Deutschlands berücksichtigenden Mindestvro- gramms, Wertbeständigkeit und rascheste Einziehung der Besitzsteuern und der Eintritt Deutschlands in den Völker­bund. Die heutige Lage Hei eine Folge der wirtschafts- und steuiivolitiichen Unterlassungssünden der Regierung Euno- Becker-Herwes. Die von der Regierung Mirth und ihren Vorgängern getriebene Erfüllungsvolitik habe sich als die für Deutschland einzig mögliche und richtige erwiesen.

Besprechungen über die Einführung der Goldrechnung.

Berlin. 3. Aug. Gestern fand im Reichssinanz- minifterium eine Besprechung mit Sachverständigen aus den Kreisen der WissenWa.fi. der Praxis und des Par­laments über die Frage der Einführung und Erhebung der BeMteuern auf Grund eine: Festmark und im Zusammen­hang damit über die Frage der Einführung der Goldrech­nung (Goldmarkbilanz und EÄdmarkbuchsübrung) statt. Die Möglichkeiten, Voraussetzungen und die Wirkungen der Gold­rechnung auf dem Gebiet der Steuern wurden eingebend er­örtert. Bei der Besprechung, bei der das Für und Wider sorgfältig abgewogen wurde, wurde es schließlich von den Sachverständigen als notwendig bezeichnet, zunächst durch Gutachten von Wirtschaftlern und Prak­tikern prüfen zu lassen, ob und in welcher Weise etwa eine Eoldmarkbuchiführung und Goldmarkbilans von den Steuer­pflichtigen durchgeMrt werden können. Der Retchsifinam- minffter erklärte sich bereit, diese Gutachten sofort einzuholen Und behielt sich vor. nach Eingang der Gutachten, spätestens aber in zwei Wochen, die Besprechungen wieder sortzusetzen.

Die Wiederzulassung des freien Devisenverkehrs.

Berlin, 4. Aug. Die Anwendung der Verordnung über die Wiederzulaffung des freien Devisenverkehrs ist für die n ä ch st e Woche zu erwarten.

Neue Kohlenpreise.

Berlin, 3. Aug. Zur Regelung der Löhne im Stein­kohlen- und Braunkohlenbergbau trat am 2. August im Reichsarbeitsministerium ein Schlichtungs- ausfchuß zusammen, der rnit Wirkung vom gleichen Tage an für die besetzten Gebiete eine Lohn­erhöhung von 110 Proz., für die Bezirke Ibbenbüren und Niedersachsen von 95 Proz. und für die übrigen Bezirke von 90 Proz. durch Schiedsspruch festsetzte. Hiernach beträgt die Erhöhung der Löhne der Berg­arbeiter einschließlich des Hausstand- und Kinder­geldes, für den Durchschnitt der Gesamtbelegschaft be­rechnet, im mitteldeutschen Braunkohlenbergbau 197 736 Mark, für den Ruhrbezirk 304 820 Mark je Schicht.

Den bereits mitgeteilten Beschlüssen des Organs der Kohlenwirtschaft entsprechend, stellen sich die neuen Kohlenpreise wie folgt: Rheinisch-west­fälische Förderkohle 5158 000 Mark, mitteldeutsche und ostelbische Braunkohlenbriketts 2 555 000 Mark, ost- elbische Rohkohle 757 000 Mark, mitteldeutsche Roh­kohle 742 000 Mark, niederschlesischer Gießereikoks 7 349 000 Mark, oberschlesischer Preßkoks 7 318 000 Mark, oberschlesische Stückkohle 4 074 000 Mark und oberschlesischer Stückkoks 6 502 000 Mark pro Tonne.

Passive Resistenz der Ruhrbergarbeiter

Berlin, 4. Aug. Nach einer Meldung der ..Boss. Ztg." 'st die Streikbewegung unter der BergArbeiterschaft im Ruhrgebiet nahezu allgemein geworden. Sie kommt vorläufig in der sogenannten passiven Resi- sienz zum Ausdruck, d. b. die Bergleute erscheinen auf ihrir Arbeitsstätte. aber sie fahren nickt ein und verweigern die Arbeit. Die Notstandsarbeiten werden ausgefübrt. Es wirs im allgemeinen eine W ir tjch af tsb e ib i ls e von fünf Millionen Mark gefordert.

Die französische Antwort.

.... Paris, 3. Aug. Die französische Regierung ver­öffentlicht heute mittag die Instruktionen, die sie am 14. Juni ihrem Botschafter in London über­mittelt hat und von denen bisher Lord Curzon am 6. Juli eine Abschrift als Antwort auf den englischen Fragebogen in der Reparations- und Ruhrangelegen­heit überlassen wurde. Die französische Regierung ver­öffentlicht heute nachmittag ferner den Text oer an die englische Regierung am 30. Juli gerichteteir Ant­wort in extenso. Aus dem Text der französischen Rote an die britische Regierung auf die Dokumente vom 20. Juli sind folgende Stellen bemerkenswert:

Die französische Regierung hat auf die verschie­denen Fragen, die ihr von der britischen Regierung gestellt worden sind, in bestmöglicher Weise geant­wortet. Wenn die englische Regierung noch ändere Fragen zu stellen hat, ist die französisch^ Regierung bereit, aufs neue zu antworten, aber wir müssen schon jetzt an den Grundsatz erinnern,-den die britische Re- # gierung übrigens seit der Ruhrbesetzung kennt, näm- ' lich, daß Frankreich und Belgien

das Ruhrqebict nur gemäß den von Deutschland geleisteten Zahlungen räumen werden.

Rach 4 Jahren des Abwartens, der Versuche ver-' schiedener Art, der Ultimaten, die von keinem Erfolg begleitet waren, der Konferenzen, die die britische Regierung vorschlug und deren Konklusionen niemals zur Ausführung gelangten, unid der verschiedenen Moratorien, die man Deutschland bewilligt hat, sind die französische und belgische Regierung zu der Schluß­folgerung gekommen, daß allein die Prozedur ange- wendet werden muß, zu der -auch Deutschlaird im Jahre 1871 geschritten ist. Wir werden das Pfand, das wir in Händen haben,

nur progressiv aufgeben.

Was den passiven Widerstand anbetrifft, so sind wir, wenn Deutschland ihn vollkommen aufgibt, bereit, in unserer Besetzung die Abänderungen zu treffen, die wir mit der Sicherheit unserer Truppen und. der Ingenieure sowie mit der Konservierung des Pfandes, das wir in Händen halten, für vereinbar halten. Wenn wir anders Vorgehen würden, würden wir die öffentlichen Erklärungen verleugnen, dis wir in Brüssel abgeben ließen. Wir haben ein zu großes Vertrauen zu der brittschen Regierung, um anzu­nehmen, daß sie jemals den Versuch machen würde, von uns einen derartigen Widerruf zu verlangen, der einer Demütigrmg gleichkommen und zur Ausbreitung des Revanchegedankens in Deutschland führen würde. Die britische Regierung glaubt, daß die Besetzung des Ruhrgebietes nicht den geringsten Erfolg gehabt habe. Wir teilen diesen Pessimismus nicht. Man darf sich über das Ziel, das wir im Ruhr­gebiet verfolgt haben, nicht täuschen. Es handelt sich keineswegs darum, dort die sofortige und vollständige Reparationszahlung zu suchen. Wir wußten sehr wohl, daß die Ausbeutung des Ruhrgebietes durch die Alliierten an sich nicht die notwendigen Summen er­geben würde, selbst wenn die deutsche Regierung sich gemäß dem Friedensvertrag verhalten und die Kohlen und die Steuern einziehen lassen würde. Was wir wollten, war vor allem und besonders, durch die Pfandnahme und den Zwang in Deutschland den Willen zum Zahlen zu schaffen, das heißt, wir wollten die wirtschaftliche und polittsche Organisation des Deutschen Reiches in eine solche Ver­logenheit bringen, daß sie die Ausführung des Ver­trages schließlich den Behinderungen vorziehen würde. Wir wollten also nach 4 Jahren erlangen die Aner­kennung der Verpflichtungen durch Deutschland, nickt nur allgemein und theoretisch, sondern in praktischer Hinsicht. Der passive Widerstand, den Deutschland uns im Ruhrgebiet entgegengesetzt hat, war nur die Ent­wickelung des Widerstandes, den Deutschland seit vier Jahren, dem Friedensvertrag entgegengesetzt hat, in einer schärferen Form. Die deutsche Regierung hat die Politik fortgesetzt die sie seit 1920 betrieben hat, und wenn

der Marksturz

sich beschleunigte, so hat die Mark nur die Kurve ge­nommen, die ihr von der deutschen Regierung bestimmt war und die den Bestrebungen der Industriellen ent­sprach. um ihr Vermögen dem Fiskus und den Repa­rationszahlungen zu entziehen. Die Auskünfte, die wir besitzen, beweisen übrigens, daß, wenn Deutsch­land nicht auf die Uneinigkeit unter den Alliierten spekuliert hätte,. es sehr rasch nachgegeben haben würde. Es sind die Deutschen und nicht Frankreich und Belgien, die die Ausfuhr der Jndustrieprodukte ver­hindern. Weil die Deutschen sich weigern, Ausfuhr»