Einzelbild herunterladen
 

Verlag Langgasse 21

^agblatthau»".

®«MSftsjett: 8 Uhr morgens bis 6 Uhr abend», nutzer Sonntags. Vostsch«klont»: Frankfurt M. S!r. 7105.

k/ Fernruf:

.Tagblatthm»' Nr. 6650 - 53.

Stow 8 Uhr morgens bis 6 Uhr abends, außer Sonntags Postzcheckkonto: Frankfurt a. M. Nr. 7405.

Wöchentlich

6 Ausgaben.

«njeigcnpreife: örtliche Anzeigen Mk. 1500.—, Mnanz- und Lustdarkeits-Anzeigen Mk. 2360.—. auswärtige Anzeigen Mt. 2300.—, örtliche Reklamen Mk. 450«.—, auswärtige Reklamen Mk. 6800.— Mr die einspaltige Kolonelzeile oder deren Raum. — Alle Zeilenpreise sind stets freibleibend; Erhöhungen mit sofortiger Wirkung auch bei allen laufenden Aufträgen, ohne besondere Mitteilung. Platz, und Datenvorschriften für Anzeigen und Reklamen ohne Verbindlichkeit. — Schluß der Anzeigen-Annahme: 10 Uhr vorm.

Bezugspreise: Im Berlag abgeholt: Mk. 13400.—, in den Ausgabestellen: Mk. 19700.—, durch die Träger ins Haus gebracht Mk. 20000.— monatlich. Die Bezugspreise sind freibleibend. — Bezugsbestellungen nehmen an: der Berlag, die Ausgabestellen, die Träger und alle Postanstalten. — In Fällen höherer Gewalt, Betriebsstörungen oder Streiks haben die Bezieher keinen Anspruch auf Lieferung des Blattes oder Erstattung des entsprechenden Entgelts. soosovssoo oewoooooovoooooooooooo o oo G Ovvo

Berlin» Abteilung des Wiesbadener Tagblatts: Berlin-Wilmersdorf» Lanbacherstratze 35, Fernsprecher: Rheingan 2186.

Nr. 174.

Samstag, 28. Juli 1923.

71. Jahrgang.

Und dennoch: Anttsaszistentag?

Das Organ der Kommunisten »Me Rote Fahne" beantwortet das für morgen Sonntag von dem Preußi­schen Ministerium des Innern und von anderen Lärrderregierungen ausgesprochene Verbot mm Demon­strationen und Versammlungen unter freiem Himmel» * indem es mit der Faust auf den Tisch schlägt und schreibt: Nun gerade! „Am 29. Juli — so erklärt das Blatt — „haben die Arbeiter beschlossen, gegen den Faszismus zu demonstrieren. Sie werden stch von 'iHefern Vorhaben durch keinerlei Verbote abhalten lassen. Sie werden die Mittel und Form der Kund­gebungen finden, die ihnen in den verschiedenen Städten und Jndustriebezirken Deutschlands am zweck­mäßigsten erscheinen." Dieser letzte Satz hebt einiger­maßen die Entschiedenheit der vorausgegangenen Sätze auf, indem er erkennen läßt, daß die Kommu­nisten voraussichtlich nicht offen wagen werden, dem Verbote Severings entgegen zu handeln. Aber die ganze Fassung des Aufsatzes in der flöten Fahne" läßt doch den Schluß zu, daß die kommuinstifche Parteileitung erwartet, daß die Organisationen im Reiche versuchen werden, die ursprünglich geplante Aufmachung der Demonstrationen zur Durchführung zu bringen. Scheinheilig versichert zwar die „Rote Fahne", die in der letzten Zeit gar nicht oft genug mit dem Säbel rasseln konnte, am 29. Juli sei nur „eine friedliche, durch ihre Massenwucht und Ent­schlossenheit imponierende Kundgebung" projektiert gewesen. Das ist um so weniger glaublich, als diese Kundgebung dem „Feinde" sagen sollte: „Da find wir, wagt nicht, die Hand gegen rms zu erheben, durch unsere Masse, wenn notwendig durch Gewalt (0, werden wir euch erdrücken!"

Aber auch, wenn die Kommunisten taMchlich die Absicht haben, Ruhe zu halten — es gibt Radikale nicht nur Links, sondern auch Rechts, und diese letzteren warten geradezu auf einen Anlaß, um zur „Tat" zu schreiten. Mit wahrem Vergnügen haben die Rechts­bolschewiken von der Ankündigung' ihrer Brüder aus der linken Seite Kenntnis genommen, den 29. Juli an zahlreichen Orten Deutschlands zu einem Antifaszisten- tage zu gestalten. Wird ihnen dadurch doch will- kornmener Anlaß gegeben, auch ihrerseits mobil zu machen, dazu noch- unter dem täuschenden Stichworte, daß es gegen die Kommunisten gehe. Wie wenig es für die Rechtsbolschewiken darauf ankonrmt, nur die Linksradikalen in ihre Schranken zurückzuweifen, zeigt u. a. einwandsfrer ein Aufruf der vaterländischen Ver­bände in Halle a. 8., der die Staatsumwälzung von 1918 mit beschimpfenden Worten belegt und ankündigt, es werde diesmal nicht geduldet werden, „daß Deutsch­land der Tummelplatz russisch-jüdischer Experimente wird". Das heißt: der Kampf gilt der Republik und ihren freiheitlichen Einrichtungen!

Run hat das Verbot Severings, dem' sich Bayern und andere deutsche Länder angeschlossen hohen, den Rechtsradikalen das Konzept gründlich verdorben, den Kampfruf gegenstandslos gemacht und die Schlacht­gruppierung in Verwirrung gebracht. Und da ist es beinahe ergötzlich zu sehen, wie ein Max Mauren­brecher in seiner „Deutschen Zeitung" mehrere Spalten voll schreibt, um den preußischen Minister des Innern davon zu überzeugen, daß das Verbot des Anti- fafzistentages ein großer Fehler gewesen sei, um ihm damit nahe zu legen, dieses Verbot rückgängig zu machen. Das bedeutet selbstverständlich nicht, daß der wandlungsreiche Maurenbrecher jetzt unter die Bol­schewiken gegangen ist. Nein, so weit sind wir noch nicht, aber es bedeutet: die extremen Richtungen auf beiden Seiten haben in dieser Sache ein gemeinsames Interesse und daher sind beide Teile auch in gleicher Weife gegen die hindernde Verordnung.

De: Streit der beiden Parteien würde aber auf dem Rücken der übrigen Staatsbürger ausgesuchten und diese hätten dabei die Zeche zu zahlen sowohl wirtschaftlich als auch politisch, da der Staat selber in diesen Kämpfen unsehlbar in die Brüche gehen würde. Deshalb ist für die Männer der Regierung ihr Weg von selbst gegeben: vor allem Vorbeugen und jede Ge- legenbeit zu 'Putschen nehmen!

Auch das Verbot der Demonstrationen gegen die Lebensmittelteuerung nutzt natürlich nichts, wenn man nur dieses Symptom kritisiert, das übel selbst aber ruhig weiter wuchern läßt. Die schwankende Wirtschafts­politik der Regierung, die heute auch von Kreisen, die der Regierung Cuno nahestehen, aufs schärfste ge­tadelt wird, muß endlich einer planmäßigen Finanz- und Wirtschaftspolitik Platz machen. Noch immer haben die schweren Niederlagen, welche die Reichs­bankleitung in ihrer Devisenpolitik erlitten hat, nicht zu der entscheidenden Maßnahme einer Änderung der

Leitung geführt. Auch die Leitung des Reichswirt- schastsminrsters hat sich als völlig ungenügend er­wiesen. Und auf die politischen Einstellungen des ReichsjustiMinisteriums haben die noch ungeklärten Anklagen gegen den Justizminifter Dr. H e i n tz e wogen der Behandlüng der Untersuchung gegen Ehr­hardt eigentümliche Schlaglichter geworfen.

Me diese Dinge sind schuld daran, wenn die wirt­schaftliche und politische Atmosphäre in Deutschland so schwer belastet ist, daß sie nicht mehr länger ungeklärt bleiben kann. Dies wird Aufgabe der Parteien sein. Nur durch eine gemeinsame Aktion der staatserhalten- den Parteien im Sinne der Konzentrierung ihrer wirtschaftlichen und politischen Kräfte kann das äußerste abgewandt werden. Es ist deshalb bedauer­lich, daß in Organen der Volkspartei gerade in letzter Zeit wieder die überflüssige Frage diskutiert wurde, ob die Volkspartei länger in der großen Koalition mit der Sozialdemokratie in Preußen verbleiben kann. Der volksparteiliche Führer Dr. Strefemann hat gegen diese politische Zersetzung in Ausführungen Stellung genommen, die gar nicht ernstlich genug be­achtet weiden können. Nicht ihn das Auseinander­streben der Parteien zur Verfolgung ihrer prpzram- matischen Anschauungen handelt es sich jetzt, sondern im Gegenteil, um Zusammenschluß zur Erreichung des gemeinschaftlichen Zieles: Deutschlands innere Ord­nung und Kraft solange aufrecht zu erhalten, bis in den großen politischen Fragen Klarheit geschaffen ist.

Mull« »er MihiMm ftofs »es 8etMi

Berlin. 28. Juli. Die kommuirkshsche Partei Grob- Berlins kielt gestern 17 Versammlungen ab. in denen zu dem Verbot des Antffaszistentaaes Stellung se- nonnnen wurde. In allen Versammlungen wurde eine E n t - schließung angenommen, welche die Aufhebung des Verbots hadert und sin der gesagt wird, daß die Veran­staltung trotz des Verbots absebalten werde und faszillische OrganNationen dort, wo sie angetroffen würde», niedergeschlagen würden.

Berlin. 27. Juli. Die kommunistische Parteiorganisation des Ruhrgebrctes gab gestern, nach einer Meldung des „Verl. Tageblatts" bekannt, daß sie entgegen dem Verbot der vreubischen Negierung am 2 9. Juli demonstrieren werde. Die französischen und belgischen V e - satzungsbebörden haben dagegen jede Demonstration verboten und mitgeteilt. bah alle Ansammlungen ver­hindert werden würden.

In Thüringen genehmigt.

Berlin. 27. Juli. Nach einer Meldung des „Tage­blatt" aus Weimar genehmigte heute das thüringische Staatsministerium die Antifäszistenkund- gebungen am Sonntag. Es sind jedoch Vorkehrungen getroffen, um Ausschreitungen bei den Kund­gebungen zu verhindern.

WsW ßtoÄgierung uni) MchMMung.

Berlin, 27. Juli. Aus Dresden wird folgende aufsehenerregende offizielle Erklärung der sächsischen Staatsregierung gedrahtet: Die Reichs­

regierung hat am 18. Juli durch die Presse eine Er­klärung veröffentlicht, in der sie zu den Möglich­keiten eines Bürgerkrieges Stellung nimmt. Am Schluß dieser Erklärung heißt es: Daß die Reichs­regierung bemüht ist. mit den Länderrogierungen von Sachsen und Thüringen im Interesse der ruhigen Ent­wicklung unserer inneren Verhältnisse ein Einver­nehmen zn pflegen, ist bekannt. Sie würde es auch in dieser Beziehung nicht an pflichtgemäßer ernster Aufmerksamkeit fehlen lassen. — Diese Erklärung hat hier außerordentlich überrascht. Die Öffentlichkeit muß stch angesichts der sonderbaren Formulierung fragen, soll damit gesagt sein, daß die sächsische und thüringi­sche Regierung einer besonderen Oberaufsicht be­dürfen? Soll in dieser Beziehung behauptet werden, in Sachsen hätten die inneren Verhältnisse derartige Formen angenommen, daß von Sachsen aus ein Bürgerkrieg drohe? Die sächsische Regierung darf die Reichsregierung um eine Erklärung darüber bitten, ob dies der Sinn ihrer Erklärung ist, und was sie zu einer derartigen Stellungnahme gegen dis sächsische Regierung veranlaßt hat. Für den Fall, daß die Reichsregierung behaupten will, von Sachsen aus drohe die Gefahr eines Bürgerkrieges, darf die sächsi­sche Regierung um Mitteilung der Tatsachen bitten, auf die die Reichsregierung eine solche Annahme stützt.

Der Wiederzusammcntritt des Reichstags.

Berlin. 27. Juli. Der Wiederzusammentritt des Reichs­tes erfolgt, soweit sich bisher übersehen läßt. nicht vor m 1. August. svätestens am 17. August.

Beratungen der Reichsregierung über die gegenwärtige Notlage.

Berlin, 27. Juli. Dis Reichsregierung beriet auf Grund der Besprechungen, die in den letzten Wochen beim Reichskanzler stattgesunden Haben, über die Maßnahmen, die angesichts der gegenwär­tigen Notlage zu ergreifen sind. Verabschiedet wurde der Gesetzentwurf über die Erhebung des Opfers an Rhein und Ruhr. Der Finanzminister legte den Gesetzentwurf über die Änderung- des Ver­mögens st euergesetzes, hetz Er b sch afis­st e u e r g e s e tz e s und der Umsatzsteuer vor, durch welche Maßnahmen insbesondere eine An­passung an die Geldentwertung erreicht werden soll. In einoin Telegramm an die Minister­präsidenten der Länder hat der Reichskanzler darauf hingewiesen, daß die Beratung dieser Gesetze im Reichsrat beschleunigt werden mußte, so daß sie dom Reichstag am 8. oder 9. August vorliegen. Weiter wurde über die Ausgabe einer wertbeständigen Anleihe beraten. Genauere Mitteilungen hierüber werden in den nächsten Tagen veröffentlicht werden. Über weitere Maßnahmen der Reichsbank zur Lösung der Frage des Geldkredits werden in den nächsten Tagen Mitteilungen erfolgen.

Der Reichskanzler a» die Landwirtschaftsserdände.

Berlin, 27. Juli. Reichskanzler Dr. Cuno hat an die 4 führenden Landwirtschaftsverbände folgendes Telegramm gerichtet:

Die Städte find infolge der Verspätung dSr Ernte von Kartoffeln entblößt. Auch sonst wachsen die Ernährungsschwierigkeiten der breiten Verbrauchermassen. Ich richte daher /an die deutsche Landwirtschaft den dringenden A rr f* ruf. alle Kräfte einzusetzen, um die Erträge der Frühkartoffelernte möglichst bald den Verbrauchern zuzuführen, um die Notlage der Städte zu erleichtern.

Die Beschickung der Märkte.

Berlin, 27. Juli. Der amtliche vreußische Pressedienst schreibt. es gingen Gerüchte um. Latz in einigen Gegenden des Landes aus Furcht vor bevorstehenden Unruhen die Beschickung der Märkte durch die Landwirte unter­lassen werde. Es ist selbstverständliche Pflicht all derer, die Lebensmittel erzeugen, diese aus den Markt zu bringen, da neben der allgemeinen wachsenden Teuerung eine ungenügende Versorgung der Bevölkerung mit Nah­rungsmitteln außerordentliche Gefahren im Gefolge haben könnte. Zu unserer Gemistuung können wir Mitteilen dag die ländlichen Organisationen auf ihre Mitglieder dahin einwirkeni. die Märkte nach wie vor regelmäßig zu be­schicken Die Produzenten mögen wissen, daß die Polizei­behörden angewiesen sind. Lehensmittel au» dem Transvort zu dem Markt ausreichend zu schützen.

Die schwere Nst Berlins.

Berlin, 27. Juli. Wie das Nachrichtenblatt der Stadt Berlin- mitteilt, hatten Oberbürgermeister B o e ß, Bürgermeister Ritter, Stadtrat Richter und Stadträtin W e y l mit Vertretern des Rsichs- ernährungsministers, Staatssekretär H e n r i c i, sowie Staatssekretär Ramm eine Besprechung. Die Vcr- tteter der Stadt Berlin wiesen auf die schwere Not­lage der Stadt, die allgemeine Lage und die Stim­mung der Bevölkerung hin. — Oberbürgermeister Dr. Boeß hatte anschließend noch eine besondere Besprechung über die Lage mit dem Reichs- m inister des Innern, wobei er auf die unbe­dingte Notwendigkeit der Vergebung von Not­stands arbeiten hinwies. Am Samstag soll noch eine weitere dringende Besprechung mit dem Neichs- wirtschaftsminister, dem Reichsarbeitsminister und dem preußischen Finanzminister stattfinden.

Berlin, 27. Juli. Eine Dev u tc-. tio n des Berliner Magistrats mit Bürgermeister Ritter an der eovitze begab sich heute zunächst mm Reichsernährungsmini st er. um di-rt die Frage der Besserung der Lebens­mittelversorgung Berlins zu üeivrechen. Nack Er­ledigung dieses Besuches soll mit der Reichskanzlei verein­bart werden, wann der Reichskanzler die Dermtat'on enioiangeu wird. Eine stark besuchte Lersammlung des Verbandes deutscher Waren- und Kauf­häuser beschäftigte sich gestern abend mit der durch die Warenknavpheit entstandenen Rai läge. Es wurde eine Resolution angenommen, die sich mit grober Schärfe gege n die. Zwangsmaßnahmen der Devise nvolttik und gegen die einseitig« Jnteressenvolit'k der Kartelle und Konventionen sowie gegen die Wuchergesetzgebunq richtet. Die Resolution fordert., daß es dem Kleinhandel gestattet werde, seine Vre Ne in fremder Währung auszu­stellen und tr, P-unermark lmblen zu lalsen. und droht m-t der Schließung der Geschäfte, wenn nicht noch in letzter Stund« ein Weg zur Erhaltung des Gewerbes des Kleinhandels gefuiisen werde. Die Lebensmittel­versorgung Berlins ick vor einer K a t a - strorbe. Ein großer Teil der Fleischer- und Kokonial- warenladen Lat die Geschaftslokale geschlossen, da sie über keinerlei Waren mehr verfügen.