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Nr 173.
Freitag, 27. Juli 1923.
71. Jahrgang.
Markdämmerung.
In dem Kampf der Reichsbank gegen den Dollar — fast hätten wir gesagt gegen Windmühlen — ist wieder errnitel eine neue Phase zu verzeichnen. Das Institut des Herr» v. Hauen st ein hat sich eine Zeitlang den kostspieligen Lurus geleistet, Devisen weit unter New Porker Parität abzugeben. Was man so abgeben nennt. Nämlich durch eine Repartierung, die zum Schluß auf ein viertel Prozent herabgesunken war, so daß die Banken diese Zuteilung zurückwiesen. Dabei ist freilich festzustellen, daß ein Teil der Schuld auf die unter Duldung der Banken getätigten Rekordzeichnungen fiel. Jetzt scheint die Reichsbank ihre Taktik endlich — reichlich spät — als verfehlt erkannt zu haben, und so ließ sie am Montag, den 23 ., den Dollarkurs, den sie bis dahin, freilich nur auf dem Papier, gedrückt hatte, urplötzlich in die Höhe schnellen, so daß die amtliche Notierung an diesem Tage sich mit 350 000, sogar zeitweise über New Porker Parität, stellte, und zwar bei einer Repartierung von 10 Proz. Inzwischen ist die Mark aber stündlich im Eiltempo Weiter gesunken.
Markdämmerung! Unter dem Einfluß der hoffnungslos passiven Zahlungsbilanz und der unheimlich wachsenden Inflation, die in der rapiden Zunahme der schwebenden Schuld ihren beredten Ausdruck findet, ist die deutsche Valuta einem unaufhaltsamen Schwund verfallen. Wenn auf der einen Seite mit dem Ruhreinmarsch das Defizit der Zahlungsbilanz erschreckend zugenommen hat und unentwegt weiter zunimmt, so ist das Anwachsen der inneren Inflation ein nicht minder schwerwiegender Faktor. Sind doch nach dem letzten Dekadenausweis, der freilich durch die Vorauszahlungen der infolge der Geldmarkentwertung fo erheblich gestiegenen Beamtengehälter eine besondere Belastung erfahren hat, nur 2 Proz. der Reichscnrs- gaben durch Einnahmen gedeckt, während dieser Prozentsatz bis dahin zwischen 10 und 20 Proz. schwankte. Dieser unhaltbare Zustand stellt keine Finanzwirtschaft mehr, sondern eine Finanzmißwirt- schaft dar.
Daß die Dinge nicht so weiter gehen können, daß die Reichsregierung bei der jetzigen passiven Finanz- und Wirtschaftspolitik nicht beharren darf, hat auch der R e i ch s w i r t s ch a f t s r a t in fMier bedeutsamen Entschließung betont, in der er den ftbergang von der Papiermarkkreditgewährung zum Eoldkredit und den Übergang des Reiches, der Länder und Gemeinden zur Eoldrechnung fordert, da „die Ausdehnung der Eoldrechnung in der privaten Wirtschaft sich nicht hindern läßt, solange die Inflation fortdauert". Eine Reform des Steuersystems, dessen Hauvtlasten jetzt auf den Festangestellten ruhen, während gerade die Schwerverdiener von dem allzu reichlich gewährten Cteuerkredit zur Ausnutzung der Eoldentwcrtung Gebrauch machen, ist, wie auch der Reichswirtschaftsrat betont hat. die Forderung des Tages. Dadurch, daß die entthronte Mark zwar noch als Zahlungsmittel benutzt wird, aber längst keinen Wertmaßstab mehr darstellt, ist eine sich ständig verbreiternde Kluft zwischen der Preisfestsetzung auf der einen und den Gehältern und Löhnen auf der anderen Seite entstanden. Die Folge davon waren nicht nur chronische Lohnkämpfe, die man nunmehr durch die Indexonwendung zu mildern versucht, sondern auch sehr ernste Lebensmittelkrawalle.
Zu den von der Negierung geplanten neuen Maßnahmen gehört neben der unumgänglichen Finanzreform die Ausgabe einer langfristigen inneren Eold- anleihe. Diese sowie die gleichfalls in Aussicht genommene Einführung eines Eoldgiroverkehrs, die Festsetzung wertbeständiger Cisenbahntarife ab 1. September und die Wertsicherung der Löhne und Gehälter bedeuten letzten Endes die Depossedierung der Mark, die ja im internationalen Verkehr kaum noch als Zirkulationsmittel gilt und auch im inländischen Zahlungsverkehr ihre Rolle über kurz oder lang aus- gefpielr haben wird. Es hat keinen Zweck, sich über diese Tatsachen, die nichts mehr und nichts weniger als die Präliminarien zur Schaffung einer neuen Währung darstellen, auf dem Wege der Vogel-Strauß- Politik hinwegzutäuschen!
Die wertbeständige Reichsanlekhe.
Berlin, 27 Juli. Die „VoM.be Zeitung" hört, daß das Netchsfinanzministerium der Vorlage über die Schäftung einer wectbe sti ndigen Reichs- anIeihe eine etwas andere G e st a.l t u n g geben wird, als urfvrüngllch geplant war. Das kleinste ^tllck ?cll auf den Mirdestwert von zwei Dollar und nicht auf fünf Dollar lauten. Auch koll die Subfkrivt'on nicht au* eine bestimmte Glimme eröffnet werden, ländern vielmehr fall der Betrag der gesamten Reichsavleihe auf .10 0 Millionen Koldmark begrenzt fein, und zwar soll dieser Betrag ferienweile aufgelegt werden. D>e im August aufgelegte Serie ioll 25—26 Millionen Goldmark umfassen
«msm «es WWW im Am«.
Berlin. 26. Juli. Wie der „Vorwärts" meldet, ist es nach den Besprechungen, die der Reichstags- Präsident gestern mit der Regierung und den Parteiführern gehabt hat, sicher, daß der • Reichstag int Laufe des Monats August einberufen wird. Der Tag läßt sich noch nicht genau bestimmen, weil die gesetzgeberischen Maßnahmen, die zum Schutze der Währung geplant sind, in dieser Woche erst das Reichskabinett und den Reichsrat beschäftigen müsien, ehe sie für den Reichstag beratungsreif werden. Mit dieser Beratung wird sich dann selbstverständlich auch eine Aussprache über die äußere und innere Lage verbinden.
Bis zum Zusammentritt des Reichstags wird auch innerhalb der Sozialdemokratischen Partei wahrscheinlich eine Klärung über die weitere Haltung der Partei zur Regierung E u n o erfolgt sein. Abgeordneter Paul Levi, der Führer des linken Flügels der Partei, hatte vor einigen Tagen in einer von ihm herausgegebenen Korrespondenz einen Artikel veröffentlicht, in dem er unter Hinweis darauf, daß die Arbeitermassen wegen der zu schwächlichen Hallung der Partei in immer größeren Scharen zum Kommunismus abwandern, eine entschiedene Opoo- sition gegen Euno verlangt. Bei der politischen, Aussprache im August wird es sich zeigen, ob der linke Flügel der Sozialdemokratischen Partei mit seiner Auftastung durchdringt. Die Entscheidung darüber dürfte in der für den 30. Juli einberufenen Sitzung des Vorstandes der Sozialdemokratischen Partei fallen.
GeWitterstimmung in Berlin.
Berlin, 27. Juli. Die Berliner Stadtverordnetenversammlung . beschäftigte sich gestern mit einem dringenden Antrag der Sozialdemokraten, der die Reichsregierung auffordsrt, sofort Maßnahmen gegen die Not der Berliner Bevölkerung zu treffen. In der Begründung des Antrags fiihrte in der Versammlung der Stadtverordnete Herz aus, daß in Berlin Eervitter- st i m m u n g herrsche. Wenn die Regierung nicht den völligen Zusammenbruch und Vorfälle erleben wolle, wie sie sich in Breslau und Frankfurt a. M. abgespielt baben. so müsse sie sofort eingreifen. Don dem Schicksal Berlins bange das Schicksal Deutschlands ab. Die Sozialdemokratische Partei richtet einen letzten Mahn- und Warnungsruf an die Regierung.
Der Oberbürgermeister Ritter teilte darauf mit, daß heute eine Abordnung des Magistrats zum Reichskanzler gehen werde, um die Not der E r - nährung sl age der Stadt zu schildern und auf die schrecklichen Folgen hinzuweisen, welche die furchtbare Not haben könnte. Die Reichsregierupg dürfte sich diesem Warnungsruf nicht länger verschließen.
Die Stadtverordnetenversammlung schloß sich einmütig dem Antrag an.
Weitere Steigerung der Großhandelspreise um 38 Prozent.
Berli«, 26. Juli. Die erneute starke Aufwärtsbewegung des Dollars steigerte b : e Grohhandelsoreife um weitere 38 Prozent auf das 79162fache der Vorkriegszeit. Die Einfuhrwaren allein find um 60 Prozent auf das 115188fache. die hauptsächlich im Jnlande erzeugten Waren um 33 Prozent auf das 72 377fache. gestiegen. Lebensmittel stiegen durchschnittlich auf das 71597fache, Industriestoffe auf das 91IkOfache der Vorkriegszeit. Im gleichen Zeitraum stieg der Dollar von 218 060 auf 114 000 Mark, also um 90 Prozent Damit ist das Geldniveau der Großhandelspreise von dem ungewöhnlich hohen Stand von 111 am 17. Juli auf 81 Prozent herabsefunken.
Beseitigung der Geldknappheit.
Berlin, 27. Juli. Zu der durch die Ultimo-Zahlungen hcrvrrgerufenen Geldknappheit teilen die Blätter mit. kost die Reichsbank noch im Laufe dieser Woche der Lage Herr werden wird. D>e augenblickliche Rotenvroduk- tioi beträgt mebr als zwei Billionen räallch. Am Freitag treffei !o gewaltige Summen be> der Reichsbank ein. dag jede Möglichkeit einer weiteren Geldknippheit ven da ab eusgeicklofsen ist.
Banknoten von S Millionen.
Berlin, 26. Juli. In den nächsten Tagen wird die R e i ch s b a n k Banknoten von 5 Millionen Mark in den Verkehr bringen. Diese Banknoten können bis 1. Sevt. aufgerufen oder unter Umtausch gegen andere gesetzliche Zahlungsmittel «ingezoaen werden.
Die neuen Steucrvorlagen.
Berliu. 27. Juli. Rach einer Mitteilung des „Lokal- anzelgers" letzen sich die S t e u e r o o r l a g e n. die beule dem Reichskabinett zugehen, aus einer Erhöhung der Vermögens-, Erbschaftssteuer, aus einer Erhöhung der Vorauszahlungen auf Einkommensteuer und Körverichaftsfteuer !owi« aus einer Erhöhung der Ausfuhrabgaben zusammen.
Der Antifaszistentag.
Berlin, 27. Juli. Die Zentrale der kommunistischen Partei veröffentlicht in der „Roten Fahne" einen Aufruf zu dem Antifaszistentag, in welchem die Parteigenosien aufgefordert werden, überall da, wo Demonstrationen unter freiem Himinel verboten sind, Demonstrationsversammlungen in geschlossenen Räumen abzuhalten. Außerdem soll der 29. Juli zu einer großzügigen Propaganda für die Ziele der kommunistischen Partei benutzt werden.
Nach dem ,.B. T." fanden gestern im preußischen Staatsmini st erium und auch im Berliner Polizeipräsidium Besprechungen über die für den kommenden Sonntag zu treffenden Sicherheitsmaßnahmen statt. Es wurde befchlosien, mit aller Schärfe gegen etwaige Ruhestörer vorzugehen.
Der Bor ft and des Deutschen Gewerk- schaftsbundes richtet an feine -'Mitglieder einen Appell, in dem er sie ersucht, in der gegenwärtigen Zeit von öffentlichen Kundgebungen adzu- sehen und vor allem sich nicht an den kommunistischen Demonstrationen zu beteiligen.
Darmstadt, 26. Juli. Auch die hessische Regierung hat nunmehr wegen der Gefahren für diö. öffentliche Sicherheit bis auf weiteres alle Versammlungen unter freiem Himmel mit Einschluß aller Umzüge für das hessische Gebiet verboten. Die Polizeibehörden sind angewiesen, das Verbot streng durchzuführen. In besonderen Fällen können die Kreisämter z. B. für bereits angesagte Veranstaltungen rein fest- lickten Eharakters, wie Sängerfeste, Ausnahmen zulasten.^
München, 26. Juli. Das Ministerium des Innern bat die kommunistischen Vorbereitungen für die Abhaltung eines Antifaszistentag es für kommenden Sonntag und alle kommunistischen Kundgebungen an diesem Tage verboten.
Destau, 26. Juli. Das anhaltische Staats- Ministerium hat infolge der Tatsache, daß aus Anlaß des Versammlungsverbotes in Preußen am nächsten Sonntag zahlreiche Kommunisten aus den Grenzgebieten Anhalts nach Destau zu kommen beabsichtigen, mit Rücksicht auf die Erregung weiter Volks- kreise alle Versammlungen und Umzüge bis auf weiteres verboten.
Hamburg, 26. Juli. Wie die staatliche Pressestelle mitteilt, hat der Senat zum Schutze der öffentlichen Sicherheit und Ordnung gemäß § '48 der Reichsverfassung sämtliche für. Sonntag im hmnburgischen Staatsgebiet geplanten öffentlichen Versammlungen, insbesondere Umzüge und Versammlungen unter freiem Himmel jeder Art-v erboten.
Zur Behebung der Lebensmittel- schwierigkeltsn im besetzten Gebiet.
Berlin, 26. Juli. Aus dem besetzten Gebiet sind der Reick,sktsnenina in den letzten Tagen Klagen rugeganaen über die Schwierigkeiten der Lebensmittelversorgung aus ocm Grunde, weil die Devisenzuteilung an den Lebensmittelgroßhandel ungenügend fei. Die Reichs- regierung hat sich diesen Klagen nicht verschlossen und in einer Beratung mit den beteiligten Ressorts der Reichsbank^ und dem preußischen Handelsministerium beschlossen, dem Lkbinsmittelgroßbandel des besetzten Gebietes eine lenere Devisenzuteilung zu gewähren. Auf Grund dieses Beschlusses find bereits im ganzen besetzten Ge- h'et B r u f u n g s st e l l e n errichtet worden, die zusammengesetzt aus Vertretern des Lebensmittelgrotzhandels und der Korstimgep.ollenfchaften sowie den Lebtnsm'tteldezernenteir de: großen Städte die Anforderungen an Devisen zu prüfen und d'e geprüften Forderungen in den gegebenen Grenzen mit Vorzug zu behandeln haben.
Neue Preissteigerungen für Kohle.
Berlin, 2k. Juli. Die sprunghaft nach oben gerichtet» Preiskurve hat wiederum eine Erhöhung der Bergarbeiterlöhne erfordert. Im Anschluß daran haben die Organe der Kohlenwirtfchaft heute neue Preis-' steiger'ungen für Kohle vorgenommen. Den Bergarbeitern muhte ab 23. Juli bis l. August eine Lohn- erlclurg um 70 Prozent gegenüber den bis 22. Juli geltenden Löhnen bewilligt werden. Die Koblevpreife werden mit Wirkung ab 27. Juli gegenüber dem bisherigen Preis- den heutigen Defchlüffen entsprechend um 23 Prozent erhöht. Di« ab 27. Juli geltenden neuen Preise werden morgen veröffentlicht. ^
Der Schiedsspruch im Berliner Zeitungsgewerbe.
Berlin, 27. Juli. Nach dem „Vorwärts" wurde gestern im Zeitungsgewerbe der Schiedsspruch gefällt,, der für Iulk eine 3 2 0 v r o z e n t > g e E r h ö h u n g der Juni-Gehälter oorneht Der Schiedsspruch wurde gestern abend in einer öffentlichen Versammlung der Zeitungsangestellten mit grober Mehrheit angenommen.
580 908 M. Tageslohn für Hamburger Hafenarbeiter.
Hamburg. 27. Juli. Für die im Hamburger Hafen beschäftigten Arbeiter steht der Schiedsspruch de« Lchl:chtungsausschusses für die Zeit vom 5. bis 11. AuauS einen Taaesloün von 500 000 Mark vor.
