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Nr. 170.

Dienstag, 24. Juli 1923.

71. Jahrgang.

Hfltii »er AerreiWi kt nilif den Mimik.

Über den Inhalt des den Ententeregierungen am Samstag überreichten englischen Antwortenentwurss rorrd von den offiziellen Stellen noch völliges Still­schweigen bewahrt. Trotzdem glauben einige Blätter in London unb Paris in der Lage zu sein, über den wesentlichen Inhalt einiges mittsilen zu können. Wie weit diese Angaben richtig sind, ' mutz abgewartet werden. So berichtet der „Daily Telegraph", das Hauptmoment liege in dem Vorschlag, die deutsche Zahlungsfähigkeit durch ein internationales und un­parteiisches Sachverständigenkomitee prüfen zu lassen, über den passiven Widerstand fei in der Antwort an Deutschland nichts enthalten. Eine Frist zur Beant­wortung des Entwurfes sei den Alliierten nicht ge­setzt worden: der Entwurf sei in Einzelfragen ab­änderungsfähig.

Zunächst werden sich nun die Alliierten gegenüber England zu dem Antwortentwurf, der dann erst seine endgültige Fassung für Deutschland enthält, äußern. Wann dies der Fall sein wird, steht noch dahin. Die heutigen Nachrichten lassen vermuten, daß die Rück­äußerung der alliierten Kabinette noch geraume Zeit in Anspruch nehmen wird. Für Deutschland heißt es also, weiter sich in Geduld zu Lassen und abzuwarten, was bei den diplomatischen Verhandlungen zwischen London, Paris und Brüssel herauskommt. Amerika scheint auch weiter beiseite stehen und jede aktive Be­teiligung an den Verhandlungen ablehnen zu wollen!

NitMmW Ner Sk« «litt.

London, 23. Juli. Reuter meldet, es werde als unwahrscheinlich angesehen, daß während der nächsten Tage irgendeine Antwort aus die britische Rote von den Allrierien zu erwarten sei- Angestchts der großen Bedeutung der britischen Note werde eine sehr sorgfältige und lange Prüfung durch die Alliierten erforderlich sein. Bezüglich des Jrchalts der britffchen Note werde Zurückhaltung be- obcuhtet, doch verlaute, daß der Entwurf der Armoort an Deutschland in seiner gegenwärtigen Form keine Verurteilung des passiven Wider­standes im Ruhrgebiet enthalte. Der Grund dafür fei, daß die britische Regierung niemals in irgendeiner Weise an der Ruhrpolitrk aktiv beteiligt gewesen sei.

Paris, 23. Juli. Das „Journal" teilt mit. daß, wenn auch der Text des englischen Dokumentes streng geheim gehalten wird, der Inhalt doch allgemein bekannt sei.

England nehme den deutschen Vorschlag an, wo­nach eine Sachverständigenkommission mit der Prüfung der deutschen Zahlungsfähigkeit beauf­tragt werden solle. England wird zulassen, daß neu­trale Sachverständige an dieser Prüfung teilnehmen- Es sei der Ansicht, daß die vön Deutsch­land angebotenen Garantien einer Prüfung würdig seien. Sie würden zwar nicht als genügend, aber doch als erster Schritt zur Lösung be­zeichnet. In bezug auf den dritten Vorschlag Deutsch­lands, die Einberufung einer Sachverständigen- konferbnz, mache England Vorbehalte. Der Be­gleitbrief gebe an, daß das Kabinett Baldwin die fundamentalen Forderungen Frankreichs und Belgiens über die Einstellung des passiven Wider­standes und die Haltung Englands zu versöhnen gedenke. Das Memorandum entwickele die Argumente der Erklärung Baldwins im Unterhause. Es weise auf die Gefahren der französisch-belgischen Methode hin und auf die Vorteile einer raschen Lösung. Das Memorandum enthält keine neuen Vorschläge über die Annullierung der alliierten Kriegsschulden.

Vollkommene Zurückhaltung in Paris.

Paris. 23. Juli. (Havas) Im Außenministe­rium fand beute morgen eine wichtige Konferenz statt zur Prüfung der britischen Schriftstücke über die Reparationen. Der Außenminister,. Peretti della Rocca und S - ydoux. haben daran teilgenommen. Es wird auch weiterhin im Quai d'Orsay vollkommene Zurück­haltung über diesen Gegenstand bewahrt. Man bat allen Grund zu glauben, daß Poincars auf dem gewöhnlichen diplomatischen Wege die Reflektionea mitteifcn wird, welche ihm das Londoner Schriftstück angeregt bat.

Die belgische Regierung wird zweifelsohne auch ihre Ansicht nach Paris sehen lassen- Die beiden Regie­rungen werden sich schließE über die Antwort einigen, weiche man dem Foreign Office zu geben bat.

Eine französische Kritik.

pr AmtMM Wimms.

Äenntms zu setzen und über seine Absichten, bezüglich der weiteren Schritte, die zu erfolgen haben.

Paris, 24. Juli. Trotz des großen Stillschweigens, das über den Inhalt der englischen Dokumente gewahrt wird, ist der Außenpolitiker des ..Echo de Paris in der Lage, folgende Kritil zu veröffentlichen, die sicher in Kenntnis der Dinge geschrieben wurde. Er sagt, es sei klar, daß man kerne authentische Auskunft über die Konklusionen haben könne, zu denen mau gestern nachmittag in den Beratungen Pom- carös mit seinen hauvtsächlichsten Mitarbeitern am Oua: d'Orsay gelangt sei. jedoch wäre es zwecklos zu verheim­lichen. daß man gefunden habe, daß die Ansichten der Dow­ning Street nur schwer vereinbar seien mit denen der französischen Politik vom 1t. Januar. Frankreich könne nicht sagen lassen, daß das Ruhrunternebmsn bankerott ge­macht babei. weil eine derartige Behauptung den Tatsachen zuwiderlaufe. Die Engländer seien offenbar ern.wenig be­eilt auczuruien. es ist unnütz, etwas derartiges langer fort­zusetzen. denn es verurteilt Euch! Ferner könne man den Handel nicht annehmen. der hinsichtlich des vassrven Widerstandes vorgeschlagen werde. Was den Zah- lungsvlan vom 5. Mai 1921 anbetresfe. so sei Frankreich gezwungen. ihn solange aufrechtzu erhalten als das Damoklesschwert der englisch-amerikanischen Forderungen über Frankreichs Haupt ausgehängt bleibt. Wenn man an diesem Zahlungsplan rühre, so müsse zugegeben werden, daß Frankreichs Schuld gegenüber Amerika und England bas Schicksal der Obligationen der Serie 6 erdulden wurde. Frankreich sei bereit, das von Deutschland vorgeschlagene Zahlungssystem, das man G a r a n t i e.n nenne, zu prüfen, aber deshalb dürften die Pfänder, die Frankreich heuU in Händen habe, nicht aufgsgeben werden.

Was wird die belgisches sagt der Außenpolitiker weiter. Sie hat uns gegenüber zwei Verpflichtungen übernommen: das Ruhrgebiet nicht vor

vollkommener Reparationszahlung zu. räumen und nicht mit Deutschland zu verhandeln, solange der passive Wtderstand nicht beseitigt ist. Diese beiden Stivulierungen verpflichten sie. in der gleichen Weise hinsichtlich des passiven Wider,tan- des und der Earantiefrage zu antworten. Wird die belgische Regierung sich wegen des Zablungsvlanes von Frankreich trennen? Es steht Belgien frei, eine unabhängige Politik zu verfolgen: aber es muß wissen, daß es in einem Maße, in dem es den Aufforderungen von London folgt, die eng­lisch-französischen Schwierigkeiten, d. h. seine eigenen Ver­legenheiten-erschweren wird.

Entgegenkommen Frankreichs?

Paris. 23. Juli. Die ..Ere Nouoelle". schreibt in Be­sprechung der englischen Note, über die im übrigen die Movgenpresse sich ausschweigt. aus Brüssel treffe die Nachricht ein. daß man in politischen Kreisen stark opti­mistisch üi. und das sei ein Symptom, das nicht vernach­lässigt werden dürfe. In Paris habe das Kabinetten den letzten Tagen seinen Standpunkt erheblich geändert. Man scheine entschlossen zu sein. auf eine belgische Anregung einzugehen. die die Festsetzung der deutschen Schuld au? viel Gäter verschiebe und für ven Augenblick nur ein System von ziemlich niedrig bemeisenrn Annuitäten aufstelle, das

1. die französischen Reparationen .

2. d'e Begleichung der englischen Schuld an Amerna. und

3. die belgischen Reparationen und eine Entschädigung an Italien gewährleisten wolle.

Das Blatt glaubt zu wissen, daß Poincars sich schließlich mit einer Herabsetzung des s r a n z ö > i i ch e.n An­teiles von dreißig Milliarden au? sehsundzwanzig Milli­arden einverstanden erklären wird, und daß er auch nicht west davon entfernt sei. seine Zustimmung dazu zu erteilen, daß eines Tages die AngeMmheit dem Völkerbund unterbreitet wird. Mit einer Revision des Völker­bundes als oberster Schiedsrichter werde allerdings der Ministerpräsident sich nicht einverstanden erklären wollen, wobl aber könne der Völkerbund als Untersuchungs­ausschuß und sväter als E x e k u t i v o r g a n fungieren.

Günstige Aufnahme in Brüssel.

Paris, 23. Juli.. Nach Brüsseler Meldungen des ,Matin" haben die ersten Informationen aus allen Kreisen über den Eindruck des englischen Doku­mentes erkennen lassen, daß dieser Eindruck nicht schlecht ist. Man findet, daß die englische Note in einevt versöhnlichen Tone gehalten sei. Der Begleit­brief läßt außerdem verstehen, daß die englische Regie­rung nicht verlange, daß ihre Note ohne Änderungen angenommen werde, sie verlange sogar Anregungen für eine eventuelle Abänderung. Ebenfalls feien neue Verhandlungen möglich.

Maris, 23. Juli. Dem „Eclair" zufolge wird sich die belgische Regierung vorerst mit Frankreich zu verständigen suchen und sich dann mit London 'über die verschiedenen Fragen unterhalten. Theu- n i s lege Wert darauf, daß in ungefähr 14 Tagen eine direkte FühlUMncchme zwischen ihm und Poincar.; erfolge.

Keine Neantwortung durch Amerika?

Paris, 23. Juli. Einer Meldung der „Morning Post" zufolge w e i g e r't stch das amerikanische Staats­departement npt Rücksicht auf das englische Ersuchen über- &e englische^ Note 'Aue Mitteilung zu machen^Es böscMnkt sich darauf, den Empfang des Schriftstückes durch die amerikanische Botschaft in London z u bestätige n. Das Staatsdepartement teilt außerdem mit, daß eine Inhaltsangabe der Rote an den Präsidenten, der sich zurzeit in Alaska befindet, gekabelt wurde. Der volle Wortlaut wird ihm bei Ankunft in San Francisco zugestellt werden.

Paris, 23. Juli. Zur gestrigen Rede Poincarös schreibt Gustave Hervs in der „Victoire". ihr Thema sir diesmal die verbundenen Augen der Eng­länder gewesen. Tausendmal. bunderttausenoma! kam. Frankreich in der Ruhr- und Revarationsfrage recht^gegen die Engländer, aber gerade deshalb, weil Frankretw klar sehe, gerade deshalb, weil es keine Binde vor den Augen trage und weil es den Abgrund sehe, in den ein vollstän­diger Bruch der Entente Europa stützen könnte. muhe Frankreich unter den gegenwärtigen Umständen semen Ärger hin unterschlucken.

Der ..Eaulois" schreibt, wenn erst Frankreich fern ein­ziges Pfand preisgegeben habe und Deutschland seine Han­delsbeziehungen zu Frankreichs Alliierten und den,Neu­tralen wieder aufnehmen kann, werde sich niemand mehr um die französischen Forderungen kümmern Der geiunde Menschenverstand der Engländer sei für logische Eedamen- gänge keineswegs unzugänglich. Es handle sich hier nur darum sie ihnen in einer Form auseinanderzusetzen.- m der sie sie begriffen. Für den Augenblick sei zwischen beiden Völkern ein vollständiger Mangel an gegensei­tigem Verständnis. Das rühre insbestndere daher, daß die Unterhandlungen stets einen scharfen Ton annäbmsn. sobald man auf eine Unstimmigkeit stoße. Sentimentale Erwägungen würden mit einer wirtschaftlichen Debatte ver­knüpft. Der englische Antwortentwuri sei vielleicht m leiner gegenwärtigen Form für Frankreich unannehm­bar. Man könne indessen schwer annehmen. daß es nicht mit gutem Willen und Geduld gelinssn sollte, ihn derart abzuändern. daß er allen vernünftigen Ansprüchen genug,:. Denn es habe jeder einzelne ein dringendes Interesse daran, einer Lösung Vorschub zu leisten, die den Frieden in Europa wicderherstellt. „ _ .

Der sozialistische „Povulaire" ,chr>r:bt. Poincare habe gesprochen, als ob es sich lediglich hier um die Feststellung bandle, was jedermann wisse, daß das Ai.sne-Devartement zerstört und das RulirgsLiet unversehrt sei. als ob es sich ntchk nanz und gar um verschiedene Probleme handle, nämlich um die Mittel zum Wiederaufbau des Aisne-Departements auf Kost-m Deutschlands, aber unter der unerläßlichen Mitwirkung der ganzen Welt, aus­findig zu machen. „ , v , „

Die ..Revubliaus Franecnse" sagt, das wahre Problem d-r Stunde sei von Poincars klar formuliert, als handle es stch darum, ob oie industrielle Feudalwirtschaft, die jenseits des Rheines absolut souverän sei, imstande sein werde, mit großer Aussicht auf Erfolg den alldeutschen Eroberungsvlan wieder aufzunehmen, dem Europa 1918 wie durch ein Wun­der entgangen fei. oder ob die vereinigte Demokratie der Alliierten, imstande sei. die Mächte der Zerstörung in Schach zu halten dadurch, daß sie sie der Revaration der Schäden, des Wiederaufbaues der zerstörten Gebiete und der wirt­schaftlichen Wiederherstellung des befreiten Europas dienst­bar machen. ___

Unruhen in Frankfurt a. M.

Frankfurt a M.. 24. Juli. Eine von der vereinigten sozialdemokratischen Partei und den Kommunisten gemein­schaftlich veranstaltete Demonstration begann mit einer Versammlung au? dem Römerberg, wo eine Reibe von Reden gehalten wurde. Die Läden. Kaffeehäuser. Wirt­schaften waren von 3 Uhr an geschlossen. Die Versammlung unter freiem Himmel verlief ruhig ohne jeden Zwischenfall. Nachher bildete sich ein großer 3mg. der an der Hauvtwachc und am ..Frankfurter Hof" mit der Polizei zusammen- stietz: diese wurde jedoch bald Herrin der Lage. Ein Trupp drang hierauf in den Palmengarten ein.^M. das Publikum belästigt wurde. Ein Teil dieses Trupps , bog dann in dis Schwindstraße ein. Da die Menge joW.e und schrie, ließen die Bewohner die Rolläden herunte^Wl? im ersten Stock eines Hauses wohnende Staatsanwaltschaftsrat Dr. Haas wollte die Vorgartentüre schließen, als die Menge sich näherte. Plötzlich fielen zwei Schüsie. Die Menge stürmte in das Haus, das Mobiliar wurde zertrüm­mert und viele wertvolle Gegenstände geraubt. Die Menge schlug mit Stöcken und eisernen Gegenständen'"

Dr. Haas ein. Dieser wurde schwer verletzt in die Apotheke gebracht, wo er nach kurzer Zeit starb. Die und der Vater des Ermor deten wurden mißhandelt. :

MMMchung Dsr Meral!. HMMMNiijjM.

Von der Jntcralliieiten Rheinlandkommts, ton gebt uns nachstehende amtliche Bekanntmachung zur Veroneiit- lichung- auf Grund der Verordnung 97 Art. Io zu:

Bekanntmachung.

Infolge der sich kürzlich in der, Umgehung von. Barm e.n zugetragenen Vorfälle, nämlich die Verhaftung einer^franzö­sischen Patrouille durch die Schutzpolizei wird der Beschluij der Hohen Interalliierten Nhe-.nlandkommMon vom 39 Juni 1923. wodurch die den Deutschen vor dem 2. Juli Mitternacht erteilten Passierscheine als ungültig erklärt wurden, für einen Zeitraum von 10 Tayen verlängert. Von diesem Tage ab unterbleibt daher das Überschreiten derEreuze der besetzten Gebiete für aste deutschen Untertanen für iro- neden Verkehr, auch für den Erenzoeckehr nach beiden Rich­tungen hin. ausgenommen für den VerpflegunLsverkebr unk» für dringende besondere Familienangelegenheiten unter der Verantwortung der betreffenden Gemeindebehörde, für welche das durch die Verordnung Nr. 167 vorgesehene Ver­fahren -n Kraft bleibt. Vom 26. Mitternacht ab können neue PaRcrscheine ausgestellt werden und eie Grenzpnssiersckeine ihr? Gültigkeit wieder erlangen. Die Bestimmungen be- treffcnd den Transitverkehr durch die besetzten Gebiete bleiben unverändert

Die Hohe Interalliierte Rheinlandkommission.

Lorels de Wiesbaden-Ville. Le Deletruö de la H. C. I. T. K.