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Nr. 168.

Samstag, 21. Juli 1923.

71. Jahrgang.

Dollarstand und Preisbildung.

Das Verbot des freien Devisenhandels und die Tatfache, daß für den Dollar nur noch ein amtlicher Einheitskurs festgesetzt wird, dessen Notierung Sams­tags auch bereits unterbleibt, haben dazu geführt, daß die Frage, die eine zeitlang auf aller Lippen war, nämlich, wie steht der Dollar, heute weniger oft er­hoben wird. Es wäre ein Irrtum, anzunehmen, datz der Tyrann Dollar deswegen weniger Macht ausübte. Es ist leider keine Frage, datz der Kurs, der amtlich an der Berliner Börse festgestellt wird, kein klares und einwandfreies Bild der Lage gibt, und daß ihm daher keine große Bedeutung zukommt. Die Dinge liegen doch so, daß, wie der Abgeordnete Gothein un­längst mit Recht in einem Artikel ausführte, die Valuta eines Landes sich als Barometer seiner politi­schen, finanziellen und wirtschaftlichen Lage erweist. Ist diese Lage gut, so steht dies Barometer hoch, d. h. die Valuta ist vollwertig und stabil. Und gerade in Deutschland hat man ja an der Verschlechterung der Valuta auch die Verschlechterung der Gesamtlage ab­lesen können. Allerdings hinkt dieser Vergleich wie jeder andere, denn es ist zweifellos, daß durch Speku­lation und Machenschaften die Valuta eines Landes, wenn freilich auch nur vorübergehend, nicht unwesent­lich beeinflußt werden kann. Einem solchen gemein­gefährlichen Verfahren Riegel vorzuschieben, ist Pflicht jeder Regierung. In Deutschland dienen die verschie­denen erweiterten und verbesserten Verordnungen über den Verkehr mit Devisen dieser Aufgabe. Aber es wäre ein verhängnisvoller Irrtum, änzunehmen, daß man durch Verordnungen und Verfügungen der Wurzel des Übels Herkommen könnte. Und es wäre ein ebenso verhängnisvoller Irrtum anzunehmen, daß man durch Verordnungen und Verfügungen den Dollarknrs künstlich aus die Dauer auf einer be­stimmten Höhe halten kann.

Will man daher im Augenblick wissen, wie die Lage Deutschlands, an der Valuta gemessen, bewertet wird, so muß man zu diesem Zwecke nicht den an der Berliner Börse notierten amtlichen Dollarkurs heranzishen, sondern tue Notierungen der New Parker Börse oder der Danziaer Börse, da ja auch Danzig nicht den deutschen Devisenverordnungen untersteht und hier also eine freie, d. h. von den einengenden Bestimmun­gen ungehinderte Bewertung der deutschen Mark vor- genommen wird. Wer die Danziger und New Parker Kurse mit den amtlichen deutschen Kursen vergleicht, wird feststellen müssen, daß die Spanne zwischen den Kursen oft recht beträchtlich ist, ja, daß sie vorüber­gehend 80 000 und mehr Punkte betragen hat. Es ist selbstverständlich, daß eine so verschiedene Bewertung der Mark die Stützungsaktion der Reichsbank nicht gerade erleichtert, da naturgemäß kein Ausländer, der Mark zu kaufen gezwungen ist, seine Devisen an der Berliner Börse gegen Mark einwechseln wird, sondern an einem Börsenplatz des Auslandes, wo er. um ein Beispiel herauszugreifen, bei einem Dollarstand von 250 000 gegen 200 000 als Berliner Einheitskurs be­reits an jedem Dollar bei dem Verkauf in Berlin 50 000 Mark verlieren würde. Besonders fühlbar macht sich diese Erscheinung naturgemäß im Erenz- verkehr. So wird u. a. auch von der Schweizer Grenze gemeldet, daß dort nicht mehr wie früher die schweize­rischen Roten auf deutscher Seite gewechselt werden, da hieraus ihren Besitzern ein Verlust entstehen würde, sondern Geschäftsleute und Fremde gehen über die Grenze, um dort ihre Devisen einzutauschen. Das be­deutet aber wiederum, daß. der Reichsbank weniger Devisen zufließen, und daß sie dadurch immer weniger in der Lage ist, den an sie gestellten Anforderungen gerecht zu werden. Es müssen also bei der Zuteilung immer größere Einschränkungen vorgenommen werden, und tatsächlich sind in den letzten Tagen die Haupt­devisen in denkbar kleinstem Ausmaß zur Verfügung gestellt worden, d. h. es sind meist nur etwa 2 Proz. zugeteilt worden. Run stelle man sich vor, was es für einen Kaufmann bedeutet, der für Importwaren 100 Dollar benötigt, wenn er nur anstatt dieser 100 Dollar 2 Dollar erhält. Ein solches Verfahren muß schließ­lich jeden Geschäftsbetrieb, der auf Einfuhr auslän­discher Waren angewiesen ist, zum Stillstand bringen. So sind dann auch bereits Eroßhandelsfirmen bei den zuständigen Stellen vorstellig geworden, da infolge der geringen Devisenzuteilung die Lebensmittelver­sorgung ernstlich gefährdet wird. Man wird hier also, wenn man nicht das gesamte deutsche Wirtschafts­leben gefährden will, ernsthaft auf Abhilfe sinnen müssen.

Man sieht daraus, daß die heutige Regulierung des Devisenverkehrs mancherlei Nachteile hat. Dabei läßt sich leider auf der anderen Seite nicht einmal zu ihren Gunsten anführcn, daß sie die Preisbildung

wesentlich beeinflußt, vielmehr richten sich die Preise weit eher nach den New Parker Notierungen als nach dem Berliner Kurs, wofür die „Deutsche Allgemeine Zeitung" durch Vergleich dös Roggenpreises mit den Berliner und New Parker Notierungen einen ein­wandfreien Beweis lieferte. Das Blatt schreibt zu seiner Statistik u. a.:' „Die Tatsache, daß, während der amtliche Dollarkurs in Berlin vom 5. bis 10. Juli sich um 20 000 M. erhöhte, gleichzeitig der Zentner Roggen- von 300 000 auf 530 000 stieg, ist darauf zu­rückzuführen, daß sich die Produktenpreise nicht nach dem amtlichen Berliner Dollarkurs, sondern nach dem Weltkurs reguliert haben. Am 12. Juli gingen plötz­lich die Getreidepreife an der Berliner Börse um ca. 100 000 M. zurück, während der amtliche Dollarkurs unverändert 187 000 notierte. Der Rückschlag ist, ab­gesehen von den besseren Ernteaussichten, darauf zu­rückzuführen, daß die Mark in New Pork am 11. eine bedeutende Besserung erfuhr, die sich am 12. fortgesetzt hat." Es ist wichtig, dies Moment in Zukunft bei der Beurteilung der weiteren Preisgestaltung nicht aus dem Auge zu verlieren, Hier allerdings wird man sich auf ein weiteres Emporschnellen aller Preise ein­stellen müssen. Es ist selbstverständlich, daß sich die große Erhöhung der Kohlenpreise, der Bahntarife ufw. m starkem.Maße auswirken wird, und es ist ferner zu berücksichtigen, daß die Kleinhandelspreise noch immer hinter den Großhandelspreisen zurück- bleiben. So sind denn die Aussichten alles andere als erfreulich und selbst wenn es gelingen sollte, den amt­lichen Dollarkurs einigermaßen stabil zu halten, sind Preissteigerungen auf der ganzen Linie nicht zu ver­hindern, während andererseits die politische Lage leider vorläufig keinen Anlaß zu einer günstigeren Beurteilung der deutschen Währung im Auslande geben dürfte! ._ _

Für eine provisorische Lösung.

. Baris. 20. Juli. Der ..Matin" tritt mit Nachdruck für seinen gestrigen Vorschlag einer provisorischen L ö - s» n g ein. Der tschechoslowakische Autzenminister B e n e s ch nabe erklärt, ein Einverständnis könne erzielt werden, aber nur in Etappen. Man sage in England. Europa stehe vor der Katastrophen das sei eine tendenziöse These, aber er sei Ücker, datz Europa wirtschaftliche Bedingungen teile, die der Politik unterworfen seien und in jedem Augenblick sich andern könnten. Man dürfe also nicht behaupten, datz man so beängstigende Fragen schon jetzt endgültig- regeln müsie. Man müsse im Gegenteil einen Modus vivendi suchen, der es gestatte, den dringlichsten Bedürfnissen zu genügen uno was durch die Gerechtigkeit und den gesunden Menschenver­stand anempfehlen werde, nämlich einen Wiederaufbau der verwüsteten Gebiete auf Kokten der Nation, die für den Krieg verantwortlich sei und von den Alliierten besiegt wurde.

Ein Interview mit Benesch.

Paris, 20. Juli. Der tschechoslowakische Autzenminister Benesch scheint während seiner Anwesenheit in Brüssel Dutzende von Interviews gewährt zu haben. In einem dem Brüsseler Berichterstatter des „Oeuvre" gewährten Inter­view erklärte er u. a.. alle Welt sei sich darüber einig, datz die Schuldziffer Deutschlands auf 50 Milliar­den festgesetzt weiden müsse, und man sei beinahe auch schon darüber einig, datz die interalliierte. Schulden gestrichen werden sollen. Die gröhte Schwierigkeit biete die Frage, in welcher Form Frankreich die Besetzung des Rubrgebretes modifizieren könne. Darüber sei man noch nicht klar. Es lieg« auf der Hand, datz Frankreich unter den gegenwärtigen Umständen nicht aus dem Ruhrgebiet herausgehen könne, ohne dafür etwas als Gegenleistung zu erhalten. Diese Frage werde übrigens eiirigit zwischen London und Paris beraten. In England trete im Augenblick eine Stimmung auf. deren Anhänger wünschten, datz Deutschland zur Ein­stellung des passiven Widerstandes veranlatzt werde aber man möchte dafür auch, datz Deutschland eine Besserung des gegenwärtigen Besetzungsregimes erhalte. Auch darüber werde oerkfandelt. v

Eine Zusammenkunft zwischen den alliierten Premier­ministern?

London. 20. Juli. Der diplomatische Berichterstatter der ..Daily News" bezeichnet es als möglich. Latz es vor der Absendung der britischen Antwort an Berlin zn einer Zusammenkunit zwischen den alliierten Premier­ministern kommen werde.

Bor einer neuen Rede Poincarös.

Paris. 21. Juli. In Villers Votieret wird Poin- car6 morgen wiederum aus Anlatz der Enthüllung eines Kriegerdenkmals eine Rede halten. Dis Blätter kündigen an. datz diese Rede angeftchts der Llber- reichung der englischen Antwortnote auf die deutschen Vor­schläge eine besondere Bedeutung haben werde.

Reise des französischen Ministers für öffentliche • Arbeiten ins Ruhrgebiet.

Paris, 21. Juli. Der Minister für öffentliche Arbeiten bat sich gestern in Begleitung des Generaldirektors der Bergwerke van Lens, Gute teile, und einigen Beamten seines Ministeriums nach dem Ruhrgebiet begeben. Einem Vertreter des „Echo de Paris" erklärte er. seine Reise nach dem Ruhrgebiet werde sich nicht nur darauf beschränken zu inspizieren, sondern in Eemeiruchast mit den Behörden, alle Matznahmen zu Irenen, die geeignet sind, die Aus- b-e u t u n g zu verstärken. Er werde mehrere Tage im Ruhr- gebiet bleiben und glaub« nicht, datz er vor Mittwoch in Paris zurück lern «erde.

Ar eagiiMe Ankmrl fetfiggefieilt.

London, 20. Juli. Das Reutersche Bureau erfährt, daß der Entwurf der Antwort an Deutschland u> d die Mantelnote an die Alliierten nunmehr oom Kabinett fertig ge st eilt sind und sobald als mög­lich nach Paris, Brüssel, Rom und Tokio und zur Information nach Washington gesandt werden können. Man hält es für möglich, daß dis Note bereits morgen in den Händen der französischen Regierung sein wird.

London. 20. Juli. Das Reutersche Bureau erfährt aus autoritativen Kreisen, daß es nicht zutriffi, daß irgendwelche neuen Vorschläge von eng­lischer Seite gemacht worden sind. Als der deutsche Botschafter vor einigen Tagen Lord Eurzon be­suchte, sei lediglich die allgemeine Lage er­örtert worden. Deutschlands Stellung, wie sie in der letzten Note dargelegt worden sei, bleibe unverändert, bis die Antwort eintrsffe. So sei bekannt, daß Deutsch­land durchaus bereit sei, zu verhandeln. Es könne aber den passiven Widerstand, nicht auf- geben ohne die Garantie, daß Frankreich sich zurück- ziehen werde, und bevor man wisse, zu welchem Zeit­punkt dies der Fall sein werde.

London, 20. Juli. Das Reutersche Bureau erfährt von zuständiger Seite, daß die meisten Meldungen, die wieder über britische Vorschläge veröffentlicht werden, reine Mutmaßungen darstellen. Z. B. ist keine Rede von Vorschlägen bezüglich einer Annul­lierung der Schulden an Großbritannien. Die Frage der interalliierten Schulden ist keine An­gelegenheit, die in der Antwort an Deutschland zu behandeln wäre. Sie ist ein Gegenstand fiir eine Konferenz. Im gegenwärtigen Augenblick wer­den Bemühungen ins Werk gesetzt, um festzustellen, wie diese Konferenz zustande gebracht werden kann.

London, 20, Juli. Der politische Korrespondent der „Morning Post" schreibt: In der Kabinetts- s i tz u n g sei dem Wortlaut des Mantelbriefes natür­lich große Sorgfalt gewidmet worden. Die Vorbe­reitung des Antwortentwurfes fei keine einfache Sache, denn es handle sich um die Klarstellung nicht nur der britischen Politik, sondern auch der Argumente, die für diese Politik sprechen. Aus diesem Grunde be­schäftigten sich die Minister so eingehend mit diesem Schriftstück. Eine Meinungsverschieden« heit innerhalb des Kabinetts über die Politik oder die Methoden, mit denen diese Politik wirksam ge­macht werden solle, bestehe nicht.

Die „Times" schreibt in einem „Entente" betitelten Leitartikel über die gestrige Kabinettssitzung, es sei nicht leicht, einen Schritt zu unternehmen, der viel­leicht die europäische Lage wesentlich ver­ändern werde. Es sei möglich, daß die Regierung sehr ernsthaft an die Zukunft jener Vereinigung denke, die als Entente bezeichnet werde. Die jüngsten Ereignisse machten die Frage akut, ob dieses intime Verhältnis als Instrument des Friedens gebraucht werden könne oder nicht, mit anderen Worten: Der Fortbestand der Entente zwischen Frankreich und Großbritannien werde jetzt ernstlich erörtert.

Die „Times" gibt nochmals eine Übersicht über die bekannten Meinungsverschie­denheiten zwischen Frankreich und England. Ein großes Hindernis für die Wiederaufnahme der Be­sprechungen über die grundlegende Frage der deutschen Gesamtverpflichtungen, der Zahlungsmethode und auch der Regelung der interalliierten Schulden bilde die Forderung Frankreichs, daß die Alliierten gemeinsam mit ihm von Deutschland verlangen sollten, daß es den passiven Wider st and nicht mehr unterstütze. Die britische Regierung wünsche die Verhandlungen im Interesse einer allgemeinen Lösung zu erneuern, das heißt zu dem Zwecke, den die französische Negie­rung im Ruhrgebiet ebenfalls zu verfolgen erkläre. Es sei Sache der französischen Regierung, die gemein­same Aktion fruchtbringend und wirksam zu gestalten. Es sei an der französischen Regierung, ihre Sonder­aktion dem gemeinsamen .Ziele unterzuordnen. Die Entente, deren weitere Wirksamkeit jetzt in Frage stche, sei kein einseitiger Pakt, sondern eine groß­zügige Verständigung auf der Grundlage des freiwilligen Zusammenschlusses. Eine gemeinsame Aktion sei immer noch möglich. Sie werde gefördert werden, wenn Frankreich anerkenne, daß die britische Meinung die von Frankreich im Ruhrgebiet ange­wandte Methode weder mit Worten noch in der Tat billige oder billigen könne, und wenn gleichzeitig klar- gemacht werde, daß Großbritannien ebenso wie Frank­reich entschlossen sei, zu erreichen, datz Deutschland fest ne fS&fcu tt-ö-e« e-rHffik-kt.