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Nr. 16«.
Donnerstag, 19. Juli 1923.
71. Jahrgang.
Und doch der Jnderlohn!
Wenn auch das Abwärtsgleiten der Mart zurzeit in ein langsameres Tempo geraten ist, so ist doch einmal das Zutrauen zu der amtlichen Dollarnotierung angesichts der Devisenrepartierungen der Reichsba.lk bis zu fünf oder gar drei Prozent nur gering, und auf der anderen Seite ist die Aufwärtsentwicklung der Preise in der letzten Zeit noch schneller vor sich gegangen. als das Sinken der Mark, so datz sich die Preise auch der Jnlandsprodukte vielfach dem Dollar- stcmd angepatzt haben, wie das beispielsweise für Butter. Margarine, Fleisch, Bier und Kartoffeln gilt.
Angesichts dieser katastrophalen Teuerung, durch ine alle Lohn- und Gehaltsabmachungen, kaum, nachdem sie getroffen sind, wieder über den Haufen geworfen werden, ist die Forderung nach Schaffung wertbeständiger Löhne bezw. Gehälter so dringlich geworden, datz die Arbeitgeber ihren Widerstand dagegen aufgegeben haben. Auch der Wirtschafts- und der Finanzpolitische Ausschutz des Reichswirtschaftsrats haben sich in einer Entschliehung für die Einführung wertbeständiger Löhne ausgesprochen, und zwar haben die Ausschüsse für die Übergangszeit, d. h. bis wir wieder zu einer Goldrechnung der privaten Wirtschaft kommen, eine schnellere Anpassung der Löhne an die Beränderung der Lebenshaltungskosten auf der Grundlage von Indexziffern empfohlen, zu deren richtiger Ermittelung der amtliche Lebenshaltungsindex zu verbessern und wöchentlich aufzustellen ist. Die letztere Forderung ist unterdessen bereits erfüllt, und die neueste Indexziffer, die sich auf 21511 stellt, während der Index für Mai noch 3816 betrug, kennzeichnet die Teuerungswelle auch sihon vor der Reform des Indexverfahrens.
In den Verhandlungen, die zwischen dem Reichsarbeitsminister Brauns und Vertretern der Vereinigung^ deutscher Arbeitgeberverbände stattfanden, haben diese der Entschließung des Reichswirtschafts- rates zugeftrmmt, und seitens des Reichsarbsits- minffteriums soll nun auch das Einverständnis der Gewerkschaften dazu eingeholt werden, datz die zentralen Organisationen Richtlinien ausarbeiten, welche die Grundlage für Verhandlungen innerhalb der einzelnen Darifgemeinschaften bilden sollen. Zunächst wird eine Einigung darüber zu erzielen sein, welche Mengen rwn Lebensmitteln und anderen Bedarfsartikeln der Preisfestsetzung zugrunde zu legen sind, um auf diese Weise eine Unterlage für die Lohnregelung zu schaffen. Auch die Anwendung des verbesserten Index ist noch strittig. Nach den Vorschlägen von Arbeitgeberseite soll sich die Lohnregelung nicht automatisch der Veränderung der Preisfeststellung anpassen, sondern es sollen die Löhne nach wie vor durch freie Verhandlungen in kurzen Zwischenräumen auf Grund des Index vereinbart werden, während dis Arbeitnehmer einen unbedingten Jndexlohn fordern.
Jedenfalls kann kein Zweifel mehr darüber bestehen, datz der Inderlohn in der einen oder anderen Form kommen wird, und im Berliner Einzelhandel ist auch bereits der Anfang damit gemacht worden. Für den Übergang im Juli hat man zunächst Dollar und Goldzollaufgeld als Metzziffern zugrunde gelegt, doch sollen die Lohnrechnunqen für August bereits auf Grund des neuen Inder erfolgen Auch bei der Neuregelung der Bergarbeiterlöhne wurde der Jndexlohn zugrunde gelegt, und die Spitzenorganisationen der Beamten und Arbeiter des Reiches haben im Einvernehmen mit dem Reichsfinanzministerium eine Kommission zur Ausarbeitung von Richtlinien für die „Erhaltung des Lohnwertes" eingesetzt. Der Indexlohn ist trotz aller Schwierigkeiten und Widerstände auf dem Matsche, und strittig ist zurzeit nur noch die Frage, in welcher Gestalt und wann er kommen wird. Gerade mit Rücksicht auf die hemmungslose Teuerung ist die Beschleunigung der Verhandlungen dringend geboten, um eine bedrohliche Verschärfung der Lohn- und Eehaltsbewegungen mit ihren daraus resultierenden innerpolitischen Schwierigkeiten zu verhindern!
Dis wertbeständigen Löhne.
Berlin. 18. Juli. In seiner Schlußsitzung vom 17. 7. batte sich das Reichsarbeitswinisterium mit der Frage der wertbeständigen Löhne beschäftigt. Dabei bezeichaete der Reichsarbeitsminister Brauns die energische Durchführung dieser Angelegenheit als eine der wichtigsten Ausgaben seines Ministeriums. Das Reichsarbsitsministerium bat nunmehr eingehende Richtlinien über die Erhaltung der Kaufkraft der Arbeitseinkommen ausgearbeitet, die auf den Verhandlungen mit den Sp'tzenverbänden und einem einstimmiam Beschluß des vorläufigen Reichswirtschaftsrats beruhen. Diele Richtlinie,: lind heute den Schlichtungsstellen und Demobilmachungs- stellen zugeaangev. und üe sollen oei dm immer häufiger werdenden Verhandlungen über wertbeständwe Löhne einen Anbaltpunlt geben. Außerdem wird eine Veröffentlichung in der nächsten Nummer des Reichsblattes erfolgen
Ae mIWe Alilmtt io MM».
London. 18. Juli. Wie Reuter erfährt, ist der Entwurf ri r .Antwort an Deutschland noch nicht fertig. Wahr- Icheinlich wird er morgen vom Kabinett besprochen werden. . London. 18. Juli. Dem ..Star" zufolge erwartet man. dah Lord Curzon morgen in der Lage sein werde, den anderen Ministern den Entwurf der Antwort an Deutschland und den Mantelbrief an die Älliier- wn vorzulegen. Es verlautet, daß eine Veröffentlichung der Note nicht in Frage komme, bevor die Antwort in den Händen der deutichen Regierung fei. Die Veröffentlichung des Mantelbriefs werde dem „Manchester Guardian" zufolge höchstens im Falle des völligen Abbruches der Verhandlungen erfolgen.
London. 18. Juli. Der Parlamentsberichterstatter der ..Times schreibt: Der Entwurf der Antwort auf die deutsche Note wird in England wohl nicht veröffentlichl werden, bevor er von den Alliierten erwogen worden ist. Valdwrn habe seinerzeit die zweite Lesung der Consoli- dative Bill als die geeignete Gelegenheit zur a l l g e * meinen Debatte Wer die Lage bezeichnet. Es sei jedoch n.cht sicher, ob zur Zeit dieser Beratung, nämlich am Mstt- noch oder Donnerstag, sämtliche Alliierten bereits geantwortet haben.
Die englischen Vorschläge.
Paris. 18. Juli. Der Londoner Berichterstatter des „Petit Journal" will erfahren haben, datz das. was d i e Engländer vorschlagen. Rücksicht nehme auf. den komplizierten Mechanismus der wirtschaftlichen Tätigkeit Deutschlands, der zusammengebrockzen sei. Aus diesem Grunde werde man nicht mehr von einem Moratorium sprechen, sondern viel eher von einer kollektiven Internenierung der Alliierten an die Geschäfie Deutschlands. Die Revarationskommisston solle vergrößert und eine Art große Kontrollkommission werden, an deren Spitze man sehr gerne einen Amerikaner sehen werde. Es bandle sich nicht nur um das Ruhrgebiet, sondern um ganz Deutschland, nicht um es zu zerstückeln, nicht um es zu ruinieren. sondern um berauszuholen. was es nicht freiwillig geben will und das werde sicher leichter sein als Österreich auf die Beine zu bringen.
Der deutsche Botschafter bei Lord Curzon.
London, 18. Juli. Lord Curzon hat heute nachmittag den deutschen Botschafter im Foreign Office empfangen.
Die veränderte Haltung Frankreichs.
London, 18. Juli. Der diplomatische Berichterstatter des „Daily Telegraph" begrützt die seit 24 Stunden eingetretene Änderung in der Haltung der französischen Regierung, gleichviel, ob diese rein taktischer Natur oder als rin Zeichen eines grötzeren Entgegenkommens zu deuten sei, sowie die Zugeständnisse Frankreichs an die Alliierten. In der Frage der Zusammensetzung der Körperschaft zur Festsetzung der deutschen Zahlungsfähigkeit werde es kein starres Festhalten an bestimmten Doktrinen geben. In der Frage der Regelung der Reparationen würden die Schwierigkeiten nicht unüberbrückbar sein,' das würde aber nicht bedeuten, datz ein Staatsmann wie B a l d w i n, der das Schuldenfundierungsabkommen mit Amerika abgeschlossen hat, die Verpflichtungen der Alliierten Englands als etwas Nebensächliches behandele, und die Verminderung der deutschen Aktiven seit Januar, wo der Vorschlag auf einen Erlatz von 70 Proz. der alliierten Schulden gemacht wurde, unberücksichtigt lasse.
Der Berichterstatter kommt dann aus die Frage des passiven Wider st andes zu sprechen und schreibt, es sei nicht gleichgültig, ob Baldwin den passiven Widerstand als unmoralisch verurteilt oder dessen beklagenswerte Folgen bedauert und Berlin zur Einstellung des Widerstandes aus Zweckmätzigkeitsgründen -auffordere.
Beneschs Vermittlertätigkeit.
Paris. 18. Juli. Der tschechoslowakische Außenminister B e n e s ch batte, wie Havas berichtet, gestern noch einmal eine Unterredung mit PoincarS. Nach dem „Petit Journal" habe diese Unterredung sehr lange gedauert. Benesch begibt sich heute nachmittag nach Brüssel. Einem Pertreter des ..Figaro" gewährte ec eine Unterredung. Für Benefch — so schreibt das Blatt — lassen sich die Schwierigkeiten in folgende Kategorien einteilen'
1. In Fragen, über die die beiden Länder einig oder sich zu einigen geneigt seien.
2 . In diejenigen Probleme, in denen die Meinungsverschiedenheiten auf der Hand liegen und die entweder verschiedender Art des Interesses oder verschiedener Art der Auffassung der anzuwendenden M'ttel sind.
Pasitsch kommt nach Paris.
Paris, 18. Juli. Nach einer Havasmelünng aus Belgrad soll Mlnistrrvräsident Pasitsch die Absicht haben, sich Ende dieses Monats nach Parrs zu begeben.
Zwei deutsche Proteste.
Berlin. 18. Juli. Wie die Blätter melden, wurde gegen die anläßlich der Explosionskatastrophe auf der Rheinbrücke bei Duisburg erfolgte Fe ft nähme von 26 deutschen Geiseln seitens der deutschen Regierung Vorstellung erhoben, um das Los der Festgenommenen zu erleichtern. Weiter erhob die Reichs- rsgierung gegen die Verlängerung der Verleb rssperre Protest.
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Paris, 18 Juli. Die „Journöe industrielle" schreibt zu oer diplomatischen Lage, die Kombination der englischen Diplomatie bestehe nicht darin, daß England seine Ünter- mmn unter dem Versailler Vertrag zu verleugnen gedenke, loenn Frankreich es ablebne. mit ihm zu verhandeln, werde England darauf ausgehen, zwei Interpretationen oes Versailler Vertrages zu schaffen: eine eng
lische Interpretation. der sich die Mehrheit der übrigen -taaten anschließe, und eine französische Interpretation, mit der Frankreich allein dasteben würde. Ergebnis' Die Unstimmigkeiten hinsichtlich der Auslegung des Friedensvertrages wurden vom französischen Standpunkt aus gesehen diesem Vertrag die Kraft einer kollektiven, gemeinsamen Uk.ion entziehen, ohne deshalb England um den Nutzen zu bringen, den es aus dem Friedensvertrag gezogen habe, vier werde die ungeheuere Schwäche eines internationalen Aktes erkennbar, der auf einer juristischen anstatt auf eine: politischen ^>dee aufgebaut sei. Es bedürfe nur einer Meinungsverschiedenheit zwischen den Rechtssachverständigen vmchiedener Nationen, um einen solchen Akt hinfällig zu wachen. Die von der Mehrheit der Signatare des Versailler Vertrages mißbilligte Besetzung des Ruhrgebietes wurde so zu einem Unternehmen. das jeder anderen Grundlage als der rranzöstschen Macht entbehrt. Angesichts der von England entwickelten Propaganda gegen die Polit-k Porncarss. die einen wesentlichen Bestandteil des englischen Planes darstelle, appellierten die WortfWrer der franzö- lischen Diplomatie immer stärker an die festländische Solidarität derjenigen Alliierten und Neutralen, die von der englischen Regierung bearbeitet würden. PoincarSs Schwäche iei es stets, daß er nicht mit den Jmvon-dera- brl-en manövriere, das heißt in diesem Falle mit der öffent- lrchcM Meinung Englands. Wenn niemand imstande sei. an den Traditionen des Foreign Office etwas zu ändern, so könnte man — dies sollte man meinen — durch Entgegen- kimmen ihnen doch diejenige Stütze entziehen, die das Empfinden der englischen Masie 'hnen biete. Andernfalls sctze man sich selbst der Gefahr aus. unter dem Druck ses internationalen Willens nachgeben zu müssen.
Paris. 18. Juli. Der „Matin" versucht seinerseits die Schwierigkeiten auseinanderzusetzen, die einer Per- ständigung unter den Alliierten in der Revarations- frage entgegenstehen. Er spricht deshalb von der Auffassung, die offenbar in den srauzöstschen Kreisen vorherrscht, die noch vor Festsetzung des Textes der von der englischen Regierung porzuschlagenden Antwort auf die deutschen Vorschläge einwirken soll. Er schreibt, eine der Bemühungen des englischen Kabinetts gebe darauf hinaus, die deutsche Schuld fest zu st eilen, damit Kreditoverationen möglich würden. Eine britische Lösung würde darin befteben, daß mau sich für den Augenblick nur um die Summe kümmere, die für den Wiederaufbau nötig sei. d. h. um 26—30 Milliarden Eoldmark für Frankreich und 4 —5 Milliarden Goldmark für Belgien und die anderen Länder. Hierzu würden die Jahreszahlungen kommen, die England für seine Zahlungen an die Vereinigten Staaten notwendig habe. Man würde also im ganzen für die Dauer von 10 bis 15 Jahren zu einer Summe von 30 bis 10 Milliarden Gold mark kommen und erst nach Ablauf dieser Zeir würde man die Finanzlage der verschiedenen Machte orüfen. um zu entscheiden, in welchem Maste Deutschland an den Zahlungen der verschiedenen europäisch >n Staaten an die Vereinigten Staaten und England beteiligt werde.
Paris, 18. Juli. (Havas.) Der „Temvs" schreibt: Der diplomatische Redakteur des „Daily Telegraph" spricht beute morgen von zwei Regelungsmögl'chkeiten:
1 Sollte die französisch-belgiiche Besetzung des Rubrgebietes zu einer unsichtbaren werden, sobald Deutschland den passiven Widerstand aufgegeben habe.
2. Würden die französisch-belgischen Truppen das Rubr- gebiet ganz räumen, wenn Deutschland die beiden ersten Jahresraten bezahlt haben würde, wie sie von einer Sachverständigen - Kommission vorgeschrieben würden.
Der. der diese Regelung anregt, fragt, wie man darüber denke. Wir zögern nicht darauf zu erklären, daß sie uns geradezu wie eine Ablenkung vorkommt. Eine Debatte über die Räumung des Ruhrgebietes auf den ersten Plan stellen beißt alle Blicke auf die Frage lenken, durch die Frankreich und Deutschland vor allem gespaltet sind, und die Aufmerksamkeit von den Problemen abwenden, die man zuerst lösen muß um Frankreich und Deutschland zu einer Einigung zu führen. Um jedoch diese Probleme lösen zu können, muß England zunächst bekannt geben, was es von Deutschland fordert.
Verlängerung der belgischen Dienstpflicht während der Ruhrbesetzung.
Brüssel, lg. Juli. Die Kammer genehmigte mit 76 gegen 69 Stimmen bei 8 Stimmenthaltungen den Artikel des Militäraesetzes. welcher eine Verlängerung der D i e n st v f l i ch t um zwei Monate während der Dauer der Rubrbesetzung vorsieht. Der Senat nahm mit 71 gegen 65 Stimmen bei 5 Enthaltungen den Gesetzentwurf über die Universität Gent an.
Ein Begnadigungsgesuch für die sieben zum Tods Verurteilten.
Karlsruhe. 18. Juli. Der Gastwirt Mar Pladt aus Kehl hatte vor einiger Zeit zwei französischen Soldaten. die bei einer Pontonübung ins Wasser gefallen waren, unter e-oener Lebensgefahr vom Tode des Ertrinkens gerettet. Wie wir weiter hierzu erfahren, wurde einige Tage nach diesem Vorfall di"-ch den Delegierten der Rhernlandkommission. Oberstleutnant R e y. und den Kommandanten von Kehl. General Michel. Pladt Dank und Anerkennung ausgefvrochen. Auf die Aufforderung des letzterem, einen Wunsch zu äußern, nannte Pladt ein Begnadigungsgesuch für die sieben zum T ode verurteilten Deutschen Das hieraus aus Anraten General Michel von Pladt geschriebene Geiuch bat der erstere befürwortend sofort an die zuständige Stelle in Koblenz weiteraeaebeu.
