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Nr 162.

Samstag, 14. Juli 1923.

71. Jahrgang.

Der Kampf um die Mark.

Es ist eine gewisse Ironie der Geschichte, daß der vom Reichstag eingesetzte Untersuchungsausschuß zur Ergründung der Ursachen, die zum Zusanmnenbruch der Stützungsaktion für die Mark im April führten, als nämlich der Dollarkurs von etwa 21 000 auf 00 000 smporschnellte, die öffentlichen Verhandlungen gerade an dem Tag beendete, als der New 3)orfer Markkurs, auf deutsche Parität umgerechnet, schon die Grenze von 300 000 streifte. Liegt auch der amtliche Berliner Dollarkurs noch wesentlich unter diesem Stand, so kommt doch jenem Aprilunwetter, das den „stabilen" Kurs von 21 000 fortfegte, heute eigentlich nur noch historisches Interesse zu, und die. ganze Arbeit des Untersuchungsausschusses würde praktisch nur verwert­bar sein, wenn man aus den Vorgängen des April die Lehren ziehen würde. Leider bestehen aber berechtigte Zweifel, ob das der Fall sein wird.

Da der Untersuchungsausschuß noch in nichtöffent­lichen Sitzungen das Material auswerten und dann erst Bericht erstatten wird, so wäre es unzweckmäßig, diesem abschließenden Bericht vorzugreifen. Trotz­dem erscheint es aber angebracht, einige Ergebnisse der Verhandlungen jetzt schon herauszugreifen. Ganz kurz ließe sich das Resultat vielleicht dahin charakterisieren, daß man mit allen künstlichen Mitteln eine Währung doch eben immer nur auf kurze Zeit „stabilisieren" kann, wenn nicht Grundlegendes geschieht, um den Zer­fall der Währung zu bekämpfen. Das war allerdings in diesem Falle nicht möglich, denn der Ruhreinmersch machte alle derartigen Versuche von vornherein zu­nichte, wie denn auch an eine Besserung des Mark­kurses nicht eher zu denken ist. ehe nicht Deutschland wieder frei über seine Wirtschaftskräfte verfügenMnn. Inzwischen können wohl Maßnahmen ergriffen wer­den, die das Hinabgleiten der Mark verlangsamen, aber keine, die es völlig aufzuhalten vermögen. Be­hält man rm Auge, daß. stränge die Ruhrbesetz-mg andauert, eine endgültige Gesundung der Mark un­möglich ist, so erledigt sich eigentlich auch die Schuld­frage ganz von ielbst, denn die Verschlechterung des Markkurses mußte unter den gegebenen Umständen zwangsläufig erfolgen. Man hat eine Zeit lang ge­glaubt, die.Firma Stinnes für den Marksturz im April verantwortlich machen zu müssen, eine Behaup­tung, gegen die sich die Vertreter der Firma in den Verhandlungen des Ausschusses mit aller Energie ge­wandt haben. Zweifellos läßt sich heute dieser Bor­wurf auch nicht mehr aufrecht erhalten, wenn aller­dings auch das Verfahren, das die Firma einschlug, als sie den plötzlich eintretenden Devisenbedarf der Reichs­bahn außerhalb der Börsenstunden am freien Markt zu decken versuchte, nicht gerade als sehr glücklich be­zeichnet werden muß. Mit Recht betonte in der letzten Sitzung der als Sachverständige geladene Chef­redakteur der „Vossischen Zeitung". Georg Bern­hard. daß sich um jedes Geschäft dieser Art ein „Dunstkreis" bildet, der Veranlassung zu weiteren Devisenkänfen gibt. „Dieser Fall", so erklärte Bern­hard, „hat zweifellos die Spekulation angeregt, ich glaube aber nicht, daß durch diesen einzelnen Fall der Zusammenbruch der Stützungsaktion erfolgt ist."

Was hier zum Fall Stinnes ausgeführt wurde. Kilt zweifellos insgesamt auch für den Devisenbedarf der Reichsbahn. Die Bahn mußte, um den Ausfall an Ruhrkohle zu ersetzen, bis zu 700 000 Tonnen eng­lische und amerikanische Kohle kaufen, was natürlich einen außerordentlich hohen Devisenbedarf bean­spruchte, so daß bekanntlich die Firma Stinnes ein- springen mußte, um die Devisen zu böschaffen. Zweifel­los hat es nun bei den Käufen der Bahn an dem nötigen Zusammenarbeiten der Ressorts gefehlt. Nach­dem die Verträge abgeschlossen waren, stellte sich mit erschreckender Deutlichkeit heraus, daß sie Devisen in einer Höhe beanspruchten, die keinesfalls in kurzer Zeit zur Verfügung gestellt werden konnten. Ja. vom Finanzministerium wurde sogar vorgeschlagen, Kohle wieder zu verkaufen, um die nötigen Devisen zu be­schaffen. „Wir haben festgestellt", so erklärte der Vor­sitzende des Untersuchungsausschusses, „daß die Zu- sammenhanglosigkeit und mangelnde Zusammenarbeit auf die damalige Stützungsaktion der Mark in er­schreckendem Maße eingewirkt haben."

So haben zweifellos Unachtsamkeiten — um keinen schärferen Ausdruck zu gebrauchen — zusammenge- wirkt, aber die eigentliche Ursache für den Zusammen­bruch der Stützungsaktion bilden sie nicht. Es ist mög­lich. daß der Zusammenbruch bei etwas mehr gutein Willen und etwas bedächtigerer Haltung später erfolgt wäre, aber ein Dollarkurs von etwa 20 000 war über» l augt auf die Dauer unhaltbar. Bernhard hat in diesem Zusammenhang vor allem auch auf den Noten­umlauf der Reichsbank hingewiesen. Nach seinen Be­

rechnungen ergibt sich, daß in letzter Zeit die Kurs­verschlechterung der Mark fast genau der Zunahme der Inflation entspricht, wofür Bernhard einige Zahlen anführte.' 'Nun bedenke man, daß der Reichsbankaus- weis der letzten Woche eine Zunähm^tzes Notenum­laufs um über 4 Billionen ausweist, so Hatz ddr'Lkdten- umlauf nunmehr 17 Billionen 291,1 Million Mrägt; während' sich in der gleichen Berichtswoche der im Aus­lande hinterlegte Goldbestand der Reichsbank durch Aufnahme eines neuen Darlehns in Höhe von vierzig Millionen Goldmark verminderte. Man kann danach leicht ermessen, welchen Weg die Mark weiter nehmen muß. Man muß sich überhaupt darüber klar sein, daß es auf die Dauer unmöglich ist, den amtlichen Kurs in Berlin durch allerlei künstliche Mittel um 60 000 oder noch mehr unter dem New Porker Kurs zu halten, wo­durch verhindert wird, daß in Berlin Devisen auf den Markt kommen, während umgekehrt der hohe Kurs im Ausland zu Markabgaben reizt.

Das darf natürlich nicht dazu führen, daß man nun die Hände in den Schoß legt. Bei allen Maßnahmen soll man jedoch nicht übersehen, daß eine erfolgreiche Stützungsaktion nur dann möglich ist, wenn eins ge­sunde Finanzwirtschaft getrieben wird und wenn vor allem die Reparationsfrage in einem befriedigenden Sinne gelöst ist. Das scheinen die wesentlichen Ergeb­nisse der bisherigen Verhandlungen des Untersuchungs­ausschusses zu sein!

M ojHiAfc Miaus Mer Hie »Me Dole.

London, 13. Juli. Lord ©reg führte gestern im Ober- h a u s e m einer Rede aus, die letzte deutsche Note be- deute hmsicktllch der finanziellen und wirtschaftlichen Seite der Reparationsfrage eine Kapitulation Deutsch­lands. Di- Regierung fyzrfieh c'-cht-s, wenn sie erkläre-, daß diese Note nicht zn rückgewiesen werden sollte. Die deutsche Regierung werde in eine unmögliche Lage ge­bracht. wenn man von iibr die Aufgabe des passiven Wider­standes verlange, bevor die Erörterungen beginnen könnten und gleichzeitig erkläre, das deutsche Angebot sei keiner Er­örterung wert. Der einzige Einwand Englands gegen Frankreich sei, daß Frankreichs Politik geeignet lei. Repara- tionszablungen unmöglich zu machen.

Rach Lord ©reg sprach Lord Birke »bead. welcher wagte, was geschehe, wenn die französische Regierung mit ' der britischen Antwort nicht einverstanden sei. was anzu- rtef.men sei. Sollte das Parlament auseinandergehen. ohne naß die Regierung auch nur die leiseste Andeutung in dieser Einsicht gemacht habe? Wie siebt ss m-t den britischen Re­parationsansprüchen? Die Aussichten wurden mit jedem Tage der Ruhrbesetzumg immer mehr zerstört. Eine B e r = ständigung mit Frankreich müßte angestrebt werden.

Dir englische Antwort an Deutschland.

London, 13. Juli. Das Reuterbnreau meldet: In amt­lichen britischen Kreisen wird über die Fassung der britischen Antwort auf das deutsche Memorandum, deren Fertigstellung bis 19. Juli erwartet wird, allerseits vollständige Zrrriickhaltung geübt. Als sicher kann jedoch an­genommen werden, daß die britische Antwort den Vorschlag enthalten wird, eine internationale Kommission einzusetzen die Deutschlands Zahlungsfähigkeit zu Repara­tion szahlunsen bestimmen soll. Weiterhin wird auch die Frage der Beendigung des passiven Widerstandes im Ruhr­gebiet berührt werden. — Die Note wird wahrscheinlich der Regierung der Vereinigten Staaten zur In­formation übermittelt werden.

Die Stellungnahme der Reichsregierung.

Berlin, 13. Juli. Wie die Blätter erfahren. kann die endgültige Stellungnahme der Reichsregierung zu der Rede Baldwins im llnterbau5e.erst erfolgen, wenn der Wortlaut der Rede vorliegt. Die Blätter betonen!, daß die Rede des Premierministers für Deutschland keine E n t t ä u s chu n a bedeute.

Befriedigung in Belgien.

Brüssel. 13. Juli. (Havas.) ..Etoile Belge" schreibt zu der Rede Baldwins. daß diese einen günstigen Ein­druck gemacht bube. In Ministerkreisen stelle man mit Be­friedigung fest, daß Baldwin nachdrücklich darauf binge- wiesen bube, daß das einzige Ziel der Alliierten sei. Repa­rationen zu erhalten. Die Möglichkeit einer Gesamt- antwort an Deutschland bleibe daher bestehen. „Nation Belge" schreibt. England wünsche vor allem, daß Frankreich und Belgien das Rubrgebiet räumen, doch Jasvar und Poin- carö seien fest entschlossen, das Ruhrgebiet erst zu verlassen, wenn Deutschland sich gebeugt habe und wenn es dann seinen Verpflichtungen nachgekommen sei.

Günstige Aufnahme in Amerika.

Paris. 13. Juli. Die „Chicago Tribüne" meldet aus Washington über die Besprechungen zwischen Staats- . sekretär Hughes und dem amerikanischen Botschafter in London. Harvey. es verlaute, daß die Bereinigten Staaten gewisse Elemente der neuen englischen Revara- tionsvolitik. die in ihren ©rundzugen bekannt sei. g ü n st i g beurteilen werde. Hughes habe bereits den Gedanken der Abschätzung der deutschen Zahlungsfähigkeit durch eine internationale Kommission in die Debatte ge­worren. Dieser Teil der Baldwinschen Erklärung werde in Washington günstige Aufnahme finden, vorausgesetzt, daß der englische Premierminister zu gleiärer Zeit die Aus­gabe des passiven Widerstandes verlange.

9« einotntf tet VMM BaiMas.

Die Erklärung des englischen Ministerpräsidenten B a l d w i n im Unterhaus hat in Paris eine über­wiegend günstige Aufnahme gefunden. Trotzdem die französischen Blätter die ernsten Meinungsverschieden­heiten Mischen England und Frankreich betonen, hoffen sie doch, daß sich eine Einigung erzielen lassen wird. Man weiß in Paris zu gut, daß die englische Politik von jeher darauf ausgegangen ist, in erster Linie die Verständigung zu suchen und erst in letzter Linie gesonderte Wege zu wandeln. Allerdings be­mängelt man, daß Baldwin kein Wort über die Aust gäbe des passiven Widerstandes und über die Spreng- attentate gesagt hat. Die französische Regierung soll nach dem „New York Herold" zu Konzessionen bereit sein, während von anderer Seite behauptet wird, es sei Poincar« nicht möglich, seine Entschlüsse in der Ruhrfrage zu ändern. Das Ruhrpfand werde Frank­reich behalten, bis es sicher sei, bezahlt zu werden. Auch über eine bevorstehende Zusammenkunft zwischen Baldwin und Poincarö wird erneut berichtet.

In Berliner,amtlichen Kreisen will man sich erst äußern, wenn die Rede Baldwins im Wortlaut vor- liegt. Indessen ist es nach der englischen Regierungs­erklärung klarer als je, daß für die deutsche Politik das Grundprinzip nach wie vor in einer opferwilligen Erfüllung der Reparationslasten im Rahmen unserer Lerstungsmöglichkeit bestehen muß. Dieses Problem ist nicht nur ein außenpolitisches, sondern in noch höherem Maße eine Frage der deutschen inneren Politik. Trotz der bekannten Erklärungen der Indu­strie über ihre Bereitschaft, an der Loskaufung Deutsch­lands mitzuwirken, besteht der Gegensatz in der inneren Politik, der sich durch die ganze Aera des Kabinetts Wirth bis auf den heutigen Tag zieht, unvermindert weiter. Die scharfe Mahnung des volksparteilichen Führers Dr. Strefemann an die Industrie und Landwirtschaft, nun endlich das Reich mit opferbereiten Händen zu unterstützen, ist in dieser Beziehung ein deutlich sprechendes Symptom. Wir glauben daher, daß die englische Regierungs­erklärung für die Regierung Euno eine Mahnung be­deutet, in dieser Richtung eine größere Aktivität zu entfalten und die Lösung der verwickelten Verhältnisse nicht allein in der engeren Frage der Ruhrbesrtz'lig, sondern auch in der größeren, alles beherrschenden Frage der Reparationen zu suchen!

Ae MM« vr irnMkn sie Mai.

Paris, 13. Juli. Eine Persönlichkeit, die in der Lage sei. die Ansichten der französischen Regierung nicht mißzuveritehen. erklärte einem Berichterstatter des „Echo de Paris"»die wirkliche Höflichkeit Baldwins würde Frankreich nicht über die ungeheueren Mei­nungsverschiedenheiten irreiühren. die Frankreich und England trennten. Es liege nicht in der Macht Po-iu- rares. auch nur das Geringste in der Aktion im Ruhrgebiet zu ändern, solange die deutsche Regierung nicht dem passiven Widerstand und den Sabotagen ein Ende bereitet habe. Poincarö habe immer erklärt, daß Frankreich bereit sei. seine Truppen nach Maßgabe der deutschen Zahlungen z u r ü ck z u z t e h e n. In dieser Richtung sei es der franzö­sischen Regierung, unterstützt von der öffentlichen Meinung, nicht möglich, ihre Entschlüsse zu ändern, um so weniger, als Deutschland in seinem Widerstand durch die Unterstützung Englands ermutigt werde. Solange man nicht sicher sei. be­zahlt zu werden, werde man das P * and dös Ruhrge­biets behalten und nicht ausgeben. Der gleiche Bericht­erstatter meldet, es sei nicht unwahrscheinlich, daß eine Zu­sammenkunft zwischen Stanley Baldwin und Poincarö stattfinde. sobald die Ansichten der beiden Ministerpräsidenten sich so genähert hätten, um zwischen ihnen eine nützliche Unterredung zu erwarten.

Paris, 13. Juli. Nach dem „New Dort Herald" habe man sich in hochstehenden politisch vi Kreisen in Paris gestern abend günstig über den ia der Erklärung Bald- wins angekündigten englischen Plan geäußert, die vorge-- schlagene Antwort an Deutschland als Grundlage einer neuen Verständigung sämtlichen Alli-ecten zu unterbreiten. De" im allgemeinen gemäßigte Ton sei außerordentlich wohltuend empfunden worden, obwohl Poincars kürzlich be­hauptet habe, der letzte deutsche Vorschlag sei unbeachtens­wert. Alle Anzeichen liegen dafür, vor. daß jetzt, wo das Parlament sich vertagt habe. Poincarö zum mindeste» einige Konzessionen und eine formelle Ant­wort an die deutsche Regierung -n Erwägung ziehen werde

Eine hochstehende offizielle französische Persönlichkeit habe gestern.abend den befriedigenden Eindruck i» französischen Kreisen wie folgt zusammenge­stellt:

1. Baldw-n betont durch seine ganze Erklärung hindurch die Loga li tat gegenüber dem Ententegedanke».

2. Er bringt die interalliierten Schulden mit den Reparationen in Verbindung und eröffnet da­durch den Weg zu weiteren Verhand­lungen in dieser Angelegenheit.

3. Frankreich und Belgien sollen mit England bei der Vorbereitung der Antwort an Deutschland mitwrrkc-n.

4 Baldwin stellt die Frage der französischen S icher he i t.wieder in den Vordergrund und betont Englands Absicht, bei der Einziehung der Revara- tione« Frankreich behilflich zu sein, anstatt seine Drohung unabhängig vorzugeheu. auszufübren.