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Ne. 161.

Freitag, 13. Juli 1923.

71. Jahrgang.

Sie KM« «M im Mos.

England hofft auf eine Ver­ständigung mit Frankreich.

Nachdem die Ruhrbesetzung jetzt gerade 6 Monate dauert, hat der englische Ministerpräsident Stanley B a l d w i n am gestrigen Donnerstag endlich im Unterhaus seine mit Spannung erwartete Rede über di« Reparationsfrage gehalten. Es zeigte sich wieder, wie recht wir hatten, als wir in unserem Leitartikel, „Die Auseinandersetzung zwischen London und Paris" in Nr. 156 des „Wiesb. Tagblatt" vom 7. Juli davor warnten, allzu große Hoffnungen auf die englische Unterstützung zu setzen. Gewiß hat sich unsere außen­politische Situation gebesiert. In der öffentlichen Meinung Englands hat sich langsam, .aber stetig «in Umschwung vollzogen. Man betrachtet die deutschen Verhältnisse mit anderen Augen als früher. Man sieht, wie sich die wirtschaftliche Lage Deutschlands von Tag zu Tag verschlechtert, und man weiß, daß ein Zu­sammenbruch Deutschlands auch England stark in Mit­leidenschaft ziehen würde. Neben diesen wirtschaftlichen Gesichtspunkten spielen politische mit. England läuft heute Gefahr, in seiner Weltstellung überflügelt und in Europa einflußlos zu werden. Daher der Wider­stand gegen alle Versuch«, die Reparationsfrage politisch zu lösen. England möchte vor allem eine engere Fühlungnahme zwischen Deutschland und den Ostvokkern verhindern. Die raschen Fortschritte, die die gegenwärtigen Unterhandlungen ikber ein ruffffch- japanisches Abkommen in Tokio rnachen, erwecken in den maßgebenden Kreisen in England die Befürch­tung, daß sich aus den Annäherungsbestrebungen zwischen Sowjetrußkand und seinen Nachbarn in Mitteleuropa wie im nahen mrd fernen Osten schließ­lich ein fester Block entwickeln könnte, der vor ollem Rußland, Japan und Deutschland auch zu einer ge­meinsamen Außenpolitik verbinden würde. Man möchte Deutschland nicht gerne Sowietrußland „in die Arme" führen, ohne deswegen ernsthaft gewillt zu fern, mehr für Deutschland zu tun, als möglich ist, ohne selbst dabei viel zu riskieren. Nichts wäre .ver­hängnisvoller für Deutschland, als wenn seine verant­wortliche politische Führung sich dadurch täuschen ließe.

Auch die gestrigen Erklärungen Baldwins im Unterhaus brachten keine bestimmten Zusicherungen über ein tatsächliches Eingreffen Englands zugunsten Deutschlands. Baldwin teilte mit, England habe die Alliierten dahin informiert, es sei bereit, die Ver­antwortung für die Vorbereitung des Entwurfs der Antwort auf die deuffche Note zu übernehmen. Die Antwort solle den Alliierten zur Beratung unter- breitet werden. Baldwin sprach die Hoffnung aus man möge hinsichtlich der Fassung der Antwort zu einer Einigung gelangen. Die in der deutschen Ant­wort enthaltenen Vorschläge, ob sie angenehm wären oder nicht, diirften nicht ignoriert werden. Der eng­lische Ministerpräsident wies nachdrücklichst auf die wirtschaftlichen und anderen Gefahren der Lage bin und erklärte, ein« Ruhrbesetzung von unbestimmter Dauer ser eine bedauerliche Erscheinung, für die so bald als möglich ein ehrenhafter Abschluß gefunden werden muffe. Die englischem Vorschläge wollten nichts anderes als zur Befriedung der Welt und zur Wieder­herstellung Europas beitragen. Baldwin stellte noch­mals fast, Deutschland müffe bis pro vollsten Umfang seiner Zahlungsfähigkeit Reparationen leisten Aber der wirtschaftliche Ruin Deutschlands treffe die ganze Welt. Daher könne England nicht untätig zufehen. Baldwin machte dann Vorschläge zur Beendigung des Konflikts und zur Festsetzung der Summe, die Deutsch­land zu zahlen habe. Ganz besonders wertvoll war die Feststellung am Schluß seiner Rede, grundsätzlich seien die Alliierten überhaupt nicht viel von einander getrennt.

Man sieht affo, Baldwin hat sich sehr geschickt aus der Affäre gezogen. Er hat den englffchen Standpunkt klargelegt, aber alles vermieden, was in Frankreich Anstoß erregen könnte. Für Deuffchland heißt es, auch nach der Rede Baldwins, sich weiter in Geduld zu faffen, denn die englischen Vorschläge machen neue langwierige Besprechungen unter den Alliierten not­wendig und verschleppen die Regelung des Ruhr- konflikts und des Reparationsproblems weiter. Wenn nicht alles täuscht, dürfte schließlich auch diesmal wie­der die Einigung zwischen England und Frankreich durch ein Kompromiß hergestellt werden, deffen Kosten Deutschland allein zu tragen haben wird!

London. 12. Juli. In Erwartung der Er­klärung der Regierung war heute das Unter­haus und der Znfchauerraum dicht beisetzt. In der Diplomatenloge saßen zahlreiche Botschafter und Ge­sandte, darunter der deutsche Botschafter Dr. S t h a - m e r und der französische Botschafter Graf St. A u l ai r e.

Der Premierminister verlas eine Erklärung in Er­widerung einer Anfrage des Führers der Arbeiter­partei, Rwnffay Macdonald. Seine Ausführungen wurden häufig durch lebhafte Äußerungen der Zu- stinrmung und Hört! Hört!-Rufe besonders von seilen der Oppositionspartei unterbrochen. Seine Schluß­worte, daß die britischen Vorschläge kein anderes Ziel verfolgten als die

Befriedung der Welt und die Wiederherstellung Europas,

ernteten stürmischen Beifall.

Minister Baldwin schickte seinen Bemerkungen über die Antwort ans die deutsche Note eine Erklärung voraus, in der er die Tatsache hervorhob, daß der einzige Gegenstand einer möglichen Meinungsver­schiedenheit zwischen den Alliierten die wirksamste Methode zur Erreichung der Endziele beträfe. Diese Endziele seien für alle von vitaler Bedeutung, worin alle wohl übereinstimmten. Diese wären:

Reparationen und Wiederherstellung der Sicherheit in Europa.

Nachdem Baldwin auf die Gemeinsamkeit im Denken und Handeln, die die Alliierten in der gegenwärtigen Not verbinde, hingewiesen hatte, erklärte er, die Alliierten könnten ftei miteinander sprechen, mit dem vollen Verständnis von Teilhabern, die durch das gleiche Geschick an die gleiche Aufgabe gebunden sind. Das Geflüster in irdgendeinem Teil Europas könne man nicht gestatten, urtb von dieser Pflicht können uns keine irgendwelchen ^Vorbehalte oder sorgfältig ge­nährten Mißverständniffes aiblenken. In allem, was wir zu sagen und zu tun bereit sind, wird die britische Regierung wie das Herz Frankreichs von dem einzigen Wunsche beseelt, daß der gute Wille der Nationen, die zusammen gelitten haben, aufrecht­erhalten werden soll, und daß jeder erhält, was ihm gebührt. Wir sind entschlossen, ebenso wie irgend­einer unserer Verbündeten, daß

Deutschland bis zum vollsten Umfange seiner Zahlungs­fähigkeit Reparationen leisten

soll. Wir sind bereit, jede Maßnahme zu ergreifen, um Deutschland zu zwingen, bis zur Grenze seiner Leistungsfähigkeit zu bezahlen. Wir sind uns aber als eine Nation von Geschäftsleuten bewußt, daß. wenn wir von Deutschland eine übermäßige Leistung fordern das keinen Erfolg haben wird, daß wir, wie unsere Verbündeten, die Hauptleidtragenden sein werdm Viele von den Folgen, die wir als

Ergebnis der Ruhrbesetzung vorausgesehen haben, beginnen sich jetzt zu verwirk­lichen. Wir sind überzeugt davon, daß eine unbe­grenzte Dauer dieses Zustandes von schweren Ge­fahren belastet ist

Deutschland selbst treibt schnell einem w i r t - schaftlichen Chaos zu, das von einem sozialen und industriellen Ruin gefolgt sein kann Der Minister betonte, daß diese Lage nicht Deutschland selbst allein angehe, und daß mehr und mehr dadurch die öffentliche Meinung Europas und nicht Zuletzt diejenige Großbritanniens über die Fortdauer dieses Verhältnisses beunruhigt werde.

Die Notwendigkeit des Eingreifens

habe sich deshalb der britischen Negierung in wachsen­dem Maße aufgedrängt. Es zeige sich, daß über die Haltung der hauptsächlich beteiligten Parteien mehr Klarheit geschaffen werden muß. Im allgemeinen wird man folgenden Vorschlägen zustimmen-

daß die Periode des Konflikts fo bald'wie »möglich beendet werden soll,

daß die Besetzung eines Landes in Friedenszeit eine für sich etwas ungewöhnliche und eine b e - d a u e r l i ch e E r s ch e i n u n g ist, für die so bald wie möglich ein ehrenhafter Abschluß gefunden werden muß,

daß der Schuldner nicht lediglich aufgefordert werden soll, seine Schulden zu bezahlen, sondern daß er in die Lage versetzt wird, dies tun zu können,

daß die Zahlungsfähigkeit des Schuld­ners, insoweit Zweifel darüber bestehen, geprüft

und festgestellt werden muß, und daß gemeinsame Anstrengungen gemacht werden müssen, um dieses Ziel zu erreichen.

Der Friede wird erst dann gesichert sein, wenn die Frage der Reparationen und der interalliierten Schulden und der Sicherheit des pazifizierten Europas gelöst sind.

Wir hoffen, daß wir für diese Bestrebungen sowie ffir die Beurteilung der Lage die Zustimmung der Alliierten finden. Wir sind nicht der Meinung, daß die in der deutschen Note enthaltenen Vorschläge, feien sie nun angemessen oder nicht, ignoriert werden sollen. Wir können nicht billigen, daß eine schriftliche Aus­einandersetzung dieser Art über Angelegenheiten, die tm Jntereffe aller liegen, nur einseitig geführt Wird, oder daß Vorschläge, von denen es sich zeigt, daß sie eine mögliche Regelung enthalten, gleichgültig behandelt werden. Wir sind der Meinung, daß solche Vorschläge geprüft und untersucht werden, um ausfindig zu machen, ob sich eine Möglich­keit bietet, einen Fortschritt zu erzielen.

In der Annahme, daß die ftanzösffche und belgische Regierung nicht geneigt sind, die Initiative beim Bor­schlagen einer Antwort zu ergreifen, haben wir diese Regierungen und die italienische davon benachrichtigt, daß wir gewillt sind,

die Verantwortung für die Vorbereitungen des

Entwurfes einer Antwort selbst zu öbernehnrea.

Da wir der Auffassung sind, daß ein vereintes Borgehen bester ist als ein getrenntes, werden wir den Wortlaut so bald wie möglich unseren Alliierten zur Erwägung und Rückäußerung unterbreiten, und wir hoffen, daß wir inbegug auf die Faffung zu einer Einigung gelaugen.

Die Regierung ist nicht ohne Hoffnung, daß sie damit die Gefühle der Alliierten ebenso wie ihre eigenen ausdrückt und wir glauben, daß uns grundsätzlich überhaupt nicht viel voneinander trennt.

Wir werden die alliierten sowie die interessierten Staaten vertrauensvoll einladen, dis Vorschläge, die keinen anderen Zweck als die Befriedung Europas und die Erholung der erschöpften Welt herben, in sym­pathische Erwägung zu ziehen.

Baldwin schloß: „Wir hoffen auf die Mitarbeit Frankreichs und Belgiens nicht weniger als die Italiens. Tatsächlich haben wir Men Grund anzu- nehmen, daß sich die Ansicht der italienischen Regierung in wesentlicher Übereinstimmung mit der unseligen befindet."

Lnmourg munarifry osfetzt.

Limburg. 12. Juli, beute morgen 6 llbr wurde laut ..Nassauer Bote" Limburg, das stit dem 15 März uur für besetztes Gebiet erklärt war. m i l i t ä r i s ch b e s e tz t. Die Stadt wurde seitens des, französischen Kommandos seit 11. Jul' ab alsfranzosischc Grrnison erklärt. Als Kaserne.wurde das Gymnasium eingerichtet, auf dem unter Musik die stanzostsche Fahne aufgezogen wurde. Der Schul-, betrieb ruht. Alle Behörden sollen ihre bisherige Tätigkeit werter ausuben. stehen aber unter französischer Gewalt. Der Bost- und Telkgravbeuverkebr wird von den Franzosen über­wacht Der Telegraob- und Fernsprechverkehr ruht zurzeit. Lberstudienrat L o n l s. stellvertretender Direktor des Gym­nasiums. ist von den Franzosen verhaftet worden. In den Babnbetrreb haben da« Franzosen bisher nicht ein- P eg t ■t f f en. Die Blockstelle Rohrbach zwischen Limburg und Diez, die vorübergehend besetzt war. wurde wieder frei- ge-uteu. Der. Zugverkehr wird gegenwärtig noch bis Lim­burg durchgeiubrt.

WMtMkhuilW der Mmll MMlgMmWM.

Von der Interalliierten Rheinlandkommiffion geben uns nachstebende amtliche Bekanntmachungen zur Veröffent­lichung auf Grund der Verordnung 97 Artikel 15 zu:

Bekanntmachung.

Die verschärfte vierzehntäsige Berkehrssverre ist in der Nacht zum 16. Juli, und «war von 12 Uhr nachts ab. wieder

aufgehoben.

- Infolgedessen ist 'den Bewohnern des Stadtkreises Wies­baden. die den roten Bah mit dem Zirkulatronsstemvel oder eine befristete Erlaubnis (roter Schein) haben, die Ein- mrd Ausreise des besetzten Gebiets wieder gestattet, unbeschadet wann die Genehmigung «teilt wurde.

Wiesbaden, den 13. Juli 1923.

Cercle de Wiesbaden-Ville. Le Deiesrue de lg H. C. I. T. R.

vciuuiuiuRajiwg.

. N MÄS'-Attiges Befragen beMglich der Anwendung in den besetzten Gebieten der Rerchsverordnun« vom 22. Juni 192o. sowie der dr« Verordnungen vom 8. Mai 1923. be- trMend dm Svekutatlon in fremden Devisen, bringt di« Hohe Kommission zur Kenntnis, dach ihr diese Erlasse g-niätz Artikel j der Verordnung Nr. 1 nicht unterbreitet worden und und daher in den besetzten Gebieten keine Änweniduns finden.

Die Hohe Jntualliierte RheinlandkommiKo«.