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Nr. 160.

Donnerstag, 12. Juli 1923.

71. Jahrgang.

Die Rettung der Türkei.

Wie wir gestern gemeldet haben, hat die- Regierung von Angora Jsmet-Paschcr ermächtigt, den Lausanner Friedensoertrag zu unterzeichnen. Damit steht dem Abschlrrß des Friedens zwischen der Türkei und Angora und den europäischen Mächten der Entente nichts mehr im Wege. Wir können ben langen und mühsalvollen Gang der Verhandlungen, die sich über viele Monate hinzogen und mehrere Male unterbrochen werden muhten und oftmals scheinbar zmn Scheitern ver­urteilt waren, hier nicht rekapitulieren. Aber die Be­deutung dieses Ereignisses für die europäische politische Entwicklung und darüber hinaus für die Konstellation der internationalen politischen Kräfte kann heute schon kurz skizziert werden, obwohl man den neuen Frieden in allen seinen neuen Bestimmungen nicht genau kennt.

Dieser Friede, den sich die Türkei mit beispielloser Hartnäckigkeit und Zähigkeit erkämpft hat. macht durch den ersten FrlÄen, den von Saures, durch den die Türkei als selbständiger politischer Staat vernichtet und auf eine Scheinexistenz in Klein-Afien beschränkt worden war, einen Strich und setzt an dessen Stelle ein völkerrechtliches Instrument, das an vielen Punk­ten zwar der Ausdruck dafür ist, daß die Türkei im Weltkrieg an der Seite der unterlegenen Mittelmächte gekämpft hat, das aber doch, verglichen mit dom Frie­den von Stores, eher einem Sieg-Frieden als einem Niederlage-Frieden ähnlich sieht.

Man erinnert sich, wie sich dieser Umschwung zu­gunsten der Türken vollzogen hat. Das entscheidende Moment war, dah es der nationalen Regierung, die sich unter Kemal-Pascha nach Angora in Klein-Asien zurückzog und die Kalifenhauptstadl Konstantinopel preisgcgeben hatte, gelungen war, den griechischen Ein­fall nach Klein-Asien nicht nur siegreich abzuwehren, sondern die Griechen unter einer katastrophalen Rück­zugsniederlage nach Smyrna auf ihre europäische Basis zurückzuwerfen. Erst unter dem Eindruck dieses gewaltigen Ereignisies, das einen Höhepunkt in der nicht ganz undramatischen Geschichte des türkischen Reiches darstellt, gelang es der türkischen Diplomatie in den bald nach der griechischen Niederlage beginnen­den Friedensverhandlingen auch die Grundlage der europäischen Stellung der Türkei, nämlich die thra- zische Frage, und damit die Frage Konstantinopels günstig zu lösen. Der Friede von Sävres hatte näm­lich ganz Thrazien den Griechen zugeteilt. womit diese das Vorgelände von Konstantinovel bis dicht cm die alte Hauptstadt beherrschten. Der Kalkfatsttz in Kon­stantinopel war damit eine rein religiöse Formalität geworden und hatte politisch keine Bedeutung mehr, da die Hauptstadt durch einen griechischen Bormarsch in einem halben Tag zu erreichen gewesen wäre. Jetzt ist der größte Teil Thraziens, nämlich Ost-Thrazien, vor Türkei zurückgegeben worden und damit ist ihr wenigstens der karge Nest ihrer europäischen Herr­schaft etwa so, wie sie ihn am Ende der Balkankrioge gerettet hatte, verblieben. Sie wird also weiter in dem Konzert der europäischen Mächte sitzen und nicht, wie es ihr die Sieger im Weltkrieg und die Kllernnutz- nießer dieses Siegers zugedacht hatten, als barbarischer asiatischer Staat M einer Jnteressenzone der in Klein- Asien um Einfluß und Vorteil mit einander kämpfen­den europäischen Mächte herabfinken.

Dies ist die prinzipielle Bedeutung des Friedens von Lausanne, über den im einzelnen noch zu reden sein wird. Deutschland kann sich des Glückes seines alten Freundes und Waffengefährten nur von Herzen freuen. Es hat sich wieder einmal gezeigt, daß es an sich nicht falsch war, die diplomatischen Karten auf diese Macht zu setzen, die schon so oft totgesagt wurde und immer wieder wie ein Phönix aus der Asche zu neuem Leben erblühte. Die Türkei verdankt dieses zweifellos ihrer nationalen und religiösen Zähigkeit und der Vegeisterungsfähigkeit, mit der sie stets auch dem Sieger gegenüber auf ihre Rechte pochte, und dem Um­stand, daß sie auch in den schwersten Momenten ihrer Geschichte nie ganz den Mut verlor. Viele haben diesen großen Zug des türkischen Rationalcharakters mit

einer Nutzanwendung auf Deutschland gepriesen und gemeint, daß auch wir die schwersten Folgen unserer Niederlage hätten abwenden können, wenn wir gleich den Türken öfter und entschiedener nein gesagt hätten. Man darf jedoch die Parallele nicht zu weit treiben. Deutschland, inmitten von Europa gelegen, von

Gegnern rings umgeben, und einen großen koinpli- zierten Wirtschaftskörper mit 60 Millionen Menschen darstellend, dessen Leben nach einer Uhr geregelt ist, kann nicht verglichen werden mit der Türkei, die, schwach bevölkert, von der berrschenden Oberschicht der Alttürken geleitet wird, und die in Asien eine große

Rückzugslinie besitzt, in der sie, je schlimmer es ihr

ergeht, um so unangreifbarer für europäische Heere

wird. Daß ein solcher Staat besonders günstige diplo­matische und taktische Voraussetzungen seiner Politik hat, ist klar, besonders wenn seine Gegner naturgemäß durch entgegengesetzte Jnteresien gespalten werden, während nach dem Weltkrieg die Interessen aller Mächte zunächst darauf gerichtet waren, das ge­fürchtete Deutschland so klein und schwach zu machen, daß es keine Gefahr mehr darstellen konnte. Man kann also die türkische oder russische Methode der Politik und Diplomatie der deutschen Regierung nicht empfehlen und darf aus dem Glück der Türkei keine Vorwürfe wegen unseres eigenen Unglücks erheb:n, wie dies oft geschieht. Jedes Land hat feine eigenen Gesetze der Entwicklnng und des Schicksals. Hoffen wir, daß auch wir auf unserem Wege zu gleichen erfreulichen Ergebnissen gelangen werden wie die Türkei!

Einberufung der türkischen Rationalverfam-mlnug.

Paris, 11. Juli. Nach einer Havasmeldung ans K o n st a n t i n o p e l wird in offiziellen türkischen Kreisen die Einberufung der neuen Nationalversamm­lung für den 2. August und die Ratifizierung des Friedensvertrages für den 15. Awgust erwartet. Demnach wäre die Räumung K o n <r stantinopels wahrscheinlich Anfang Oktober durchgeführt. In der Stadt wurden große Vorbe­reitungen zur Feier der Friedensvertragsunterzeichnung getroffen. Die Presse begrüßt in ihrer großen Mchr- heit die dsmnächstige Unterzeichnung des Friedens- vertrages, der für die Türkei eine Aera der Freiheit eröffnen werde.

Bestürzung in Griechenland.

Mais. 11. Juli. Nach einer Havasmeldung aus A t b e r bekunden die Blätter eine gewisse Bestürzung wesen der Rückerstattung der türkisch-"-: Flotte und namentlich der .Eoeden . Griechenland werde nach ihrer Ansicht genötigt s«m. sein eigenes Flottenvrogramm zu erweitern.

6 Monate Ruhrbefetznng.

London, 11. Juli. Zur halbjährigen Wiederkehr des Tages des Einmarsches ins Ruhrgebiet schreibt Pall Mall Gazette", die von den Franzosen erzielten Ergebnisse seien keine Barzahlungen, wenige Sachgüter und teilweise eine Entfremdung von Groß­britannien.

Der KölnerTimes"-Berichterstatter «brr die Regelung der Ruhrfrage.

Lsudon, 11. Juli. Der Kölner Berichterstatter der Times" übermittelt in einem Telegramm das Ergeb­nis von Besprechungen, die er mit örtlichen hervorragenden politischen und industriellen Persön­lichkeiten aus dem rheinisch-westfälischen Jndustrie- bezirk hatte. Es sei betont worden, keine Regierung könne den passiven Widerstand bedingungslos anfgeben, da sie sowohl von der Rechten wie von den Gewerkschaften des Verrates bezichtigt werden würde. Hierdurch könne auch leicht der Bürgerkrieg zum Ausbruch kommen. Die Regelung der Frage des Rührgebietes könne nach Ansicht des Berichterstatters in drei Stadien vollzogen werden:

Erstes Stadium: Die deutsche Regierung nimmt alle Weisungen, betreffend den passiven Wider­stand, zurück. Gleichzeitig lassen die Franzosen die politischen Gefangenen frei, gestatten die Rück­kehr der Ausgewiesenen, geben die Eisenbahnen frei und heben die Verkehrsbeschränkungen auf.

Zweites Stadium: Deutschland muß sich ver­pflichten, binnen 3 bis 4 Wochen die nötigen Änderungen der Gesetzgebung zustande zu bringen, um den in feiner Rote angebotenen Garantien Gesetzeskraft zu verleihen, und gleichzeitig Vorbereitungen zur vollen Wieder­aufnahme der Kohlenliefsruugen treffen. Frank­reich nimmt gleichzeitig die militärischen Streit­kräfte aus dem Ruhrgebiet zurück, unter Zurück­lassung einer unsichtbaren Besetzung cm wichtigen Punkten.

Drittes Stadium: Deutschland nimmt die Kohlen- und Kokslieferungen wieder auf. Gleichzeitig werden die letzten französischen Truppen aus dem Ruhrgebiet zurückgezogen. Im Rheingebiet wird der statu» qno ante wieder hergestellt.

Der Berichterstatter schließt, überall sei betont wor­den, es sei unmöglich, die Bevölkerung durch be­dingungslose Kavitulation in einen Zustand der Ver­zweiflung zu stürzen.

Die Thyssensche« Werke freigegeben.

Esten. 11. Juli. Wie aus Mülheim an der Ruhr gemel­det wird, sind die Tbustenschen Werke wieder freige - geben worden. Die Arbeit wurde wieder ausgenommen Die ZecheHumboldt ist heute vormittag von den Fran­zosen besetzt worden.

Sie raMen Me nsierMert.

London, 11. Juli. Reuter teilt mit: Wenn es auch möglich ist, daß die gestern abend zwischen Lord E u r z o n und dem französischen Botschafter startge­habte Unterredung einiges Licht auf die französische Auffassung warf, so kann doch zuverlässig angenommen werden, dah die Pläne der britischen Regie­rungunverändert bleiben. Es ist jetzt sicher, daß diese morgen im Parlament ausführlich zur Dar­legung gelangen werden. Mit Befriedigung wird festgestellt, daß die französische Presse eine freund­schaftlichere Tendenz zeige und daß Anzeichen für ein Verlangen nach engerer Zusammenarbeit vor­handen zu sein schiene, ein Gefühl, das in London vor­herrsche.

London. 11. Juli Den Blättern zufolge beschäftigte sich das Kabinett heute nochmals mit der R u h r - Politik unter Berücksichtigung der jüngsten Ereig­nisse. Wie weiter gemeldet wird, war der tschechö- slowakische Außenminister Den es ch heute von Lord Curzon ptit Frühstück geladen.

Die Ansicht der französischen Presse.

Paris, 11. Juli. DasJournal des Debcrts" be­müht sich, die Zwecklosigkeit einer Abschätzung der deutschen Zahlungsfähigkeit durch eine internationale Kommission darzutun, die nach feiner Meinung nur die Verlängerung des passiven Wider­standes zur Folge hätte. Echan triumphiere Enno und feiere die Niederlage der Franzosen und Belgier. Die Erfahrung werde den Beweis erbringen, daß die Besten Deutschlands nicht diejenigen seien, die ihn zum Widefftand riefen. Weder die Franzosen noch die Belgier würden sich von den Konsequenzen des deut­schen Zusammenbruchs einschüchtrrn lassen. Der Zu­sammenbruch stehe keineswegs fest.

Paris, 11 Juli. Zu der Reuter-Rote und der Lage Ichreibt dieEre Nouvelle". man versuch«. Frankreich durch einige unerwartete Brutalitäten einzuschüchtern und es mit -ympathre-Erklärmmen zu beschwichtigen gerade in dom Augenblick, in dem die französtsche Eigenliebe sich auibäume. Das sei das gefährliche Sviel der Diplomaten. Aber hierüber dürfe man stch weder erregen, noch boun- ruhigeu, Lord Curzon habe begriffen, dah das Jnsquau bout Pomcark-s für ihn bedeute: Bis zum Ende der eng­lischen Ungeduld. und er gebe stch den Aasckrern. als glaube er nicht daran. Die Resse von B e n e s ch erwecke stcherlich den Arischem einer Vermittelung. Wenn es wahr sei was man behaupte daß der tschechoslowakische Außenminister greifen der Revaratiouskommission wünsche, dann werde das Foreign Office sich wohl hüten, von vornherein jede Phase für eine Einigung zu verderben. Alles sei also noch nicht verloren. Die Entente cordiale könne wieder aufloben, wenn man in Paris einiges Entgegenkommen in der Form zeige und einige Konseinonen tti der Sache mache. Die französtsche Sache sei gerecht: die Frage ser aber falsch gestellt worden.

. DerQuotidien" sagt, so unvorsichtig und eigenwillig PomcarS auch sei. er werde es nicht wagen, das Land im Frieden zu stören, zudem er nicht die Unterstützung der öffentlichen Meinung habe. Man könne also sagen, daß d i e Derstä n digung noch in hohem Grade von Ensland ab­hange. Wenn man sich aber auch in London außerstande zeige, diese Klugheit aufzubringen, so bleibe immer noch ein letztes Mittel, um den Bruch zu vermeiden, ein sehr einfaches Mittel: den ganzen Prozeß vor den Völker­bund zu bringen, damit er sein Urteil spreche.

Die .Zournöe Industrielle" erklärt, in der Aufregung der Engländer sei ein gut Teil Aufrichtigkeit. Wenn das nicht der FM sei. wäre es übrigens möglich, daß Eng­land den Deutschen in die Karten spiele, die aus die fran­zösischen Wahlen von 1924 zählten. Die Frage sei also nicht so zu stellen, wie-man es häufig tue: Wird Frankreich Nach­sehen oder nicht? Die Frage sei. ob die französische Politik, ohne stch in ihren Grundsätzen zu ändern und ohne etwas von ihren Pfändern aufzugeben. ergänzt werden könne durch ein Bemühen um neue Begriffe, die der Erregung mid den Bedürfnissen Englands, soweit sie aufrich­tig seien. Genugtuung gewährten. Diese Ergänzung der französischen Politik ist nach Ansicht des Blattes auf wirt- schaftlichem Gebiet geboten.

Der ..Matin" will diesmal erkennen, daß die Deusschen unrecht gehabr haben, die Londoner Pressepole­mik zu ernst zu nehmen: das sei aus der Reuter-Note zu erkennen. Alle Nachrichten ließen erkennen, daß die Er­klärung Baldwins ein Expose von,Enolands besonderen Ansichten sein werde: ste werde vielleicht auch die vo» der französischen These abweichenden Gedanken umschreiben. Aber es sei außerordentlich unwahrscheinlich. daß ein so kluger Mann wie der englische Premierminsster so weit gehen könne. Doritschland einen Vorwand zu geben, seinen Widerstand gegen die Verttäge bis zum äußerstemm treiben.

Der Sturz des Franken.

Paris. 11. Juli. Ein in Paris erscheinendes englisches Blatt schrieb gestern morgen, wenn der Sturz des Franken andauere und sich verschärfe, so würde die fran­zösische Regierung Vorkehrungen tteffen. um die Einfuhr ausländischer Wahrungen zu verbieten oder mindestens zu kontrollieren. Nach demWattn" habe ma» hierzu in Fmanzkressen erklärt, die Nachricht sei unbe­gründet: es >ei vielmehr für das Land von Vorteil, hoch- valutarifche Werte bereinznlaffen. Maßnahmen betr. die Spekulation im Handel seien in keiner Weise vorgesehen. Dar sensationelle Wiederansteigen des Franken an der aestrigen Borle laste ste weniger angebracht erscheinen als ie.