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Nr. 157.
Montag, 9. Juli 1923.
71 . Jahrgang.
Warmmgszeichen.
Es P ohne weiteres verständlich, dah die noch Ammer ansteigende Teuerungswelle Lohn- und Ge- haltsftWgen wieder in den Vordergrund treten läßt. Es hat ja auch von der Regierung nicht an Mahnungen gefehlt, bei der Regelung dieser Fragen nicht die schwierige außenpolitische Lage des Reichs außer Acht zu laßen, denn es ist ohne weiteres einleuchtend, daß jede große Lohnbewegung, sobald sie zu ulnfangreichen Streiks führt, die Hoffnungen Frankreichs auf einen wirtschaftlichen Zufaurmendruch Deuffchlcmds nährt und so die Lage Deutschlands noch weiter verschlechtert. Bislang konnten auch größere Lohnkänrpfe dank eines gewissen Verständnisses auf beiden Seiten vermieden werden. Zudem bestand die Hoffnung, durch die Einführung wertbeständiger Löhme die Gefahr großer Lohnkämpfe wesentlich zu vermindern. Optimisten glaubten, daß auch der schon seit einigen Tagen drohende Streik der Berliner Metallarbeiter sich schließlich doch noch werde vermeiden laßen. Dieser Optimismus fand Nahrung in der Tatsache, daß von den Führern der Metallarbeiter, nachdem sich die Arbeiterschaft bereits in einer ersten Abstimmung für den Streik ausgesprochen hatte, eine zweite Nrcrbstimmmrg angesetzt wurde, um so, wenn möglich, den offenen Kampf zu vermeiden. Auch die Tatsache, daß der Schiedsspruch, der nunmehr von den Arbeitern abgelehnt worden ist, imter Zustimmung der Arbeitnehmervertreter zustande gekommen war, ließ die Hoffnung aufkermen, daß schließlich die Arbeiterschaft nicht ihre eigenen Vertreter deswoomeren würde. Aber die Optimisten behielten in diesem Falle nicht recht. Die endgültige Abstimmung ergab eine außerordentlich große Mehrheit für die Ablehnung des Schiedsspruchs und damit für den Streit. Ein erstes Warnungssignal flammt auf, denn nichts wäre verkehrter, als diesen Streik als Berliner Lotal-rngslegenheit zn betrachten. Sehr klar spricht der „Vorwärts" aus, um was es diesmal geht, wenn er schreibt: „Es handelt sich bei diesem Kampf nicht mehr um eine einmalige Lohnerhöhung, sondern um die prinzipielle Frage der w e r t b est ä n d i g e n Löhne. Das Ergebnis dieses Kampfes wird grundlegend sein für alle übrigen Arbetterftttegorien." Das sichert den streikenden Metallarbeitern von vornherein die Unterstützung der übrigen Arbeiter, und die Gefahr, daß dieser Streik an Ausdehnung gewinnt, ja, sich zu einem Eener a l ft r e i k miswächst, fft leider nicht von dm Hand zu weisen. Eine solche Gefahr liegt Um so näher, als heute zur Durchtämpfung eines solchen Lohnkam-psts. wie er jetzt in der Berliner Metallindustrie beginnt, gewaltige Summen erforderlich sind. Auf lange Dauer dürften die Kaßen der Gewerkschaften den Anforderungen nicht gewachsen sein. Es liegt daher außerordentlich nahe, den Druck ans die Unternehmer dadurch zu verschärfen, daß wettere Arbeiterkategorien in den Streik hineinMzogen werden. „Unternehmer und Reichsregierung mögen sich darüber klar sein", fefagt auch der „Vorwärts", .haß dieser Kampf eimDkewegung fft, die, aus der Tiefe der Arbettevschaft geboren, sich noch M wetteren Wirtschaftskämpfen auswachsen kann, deren Folgen gerade in der jetzigen wirtschaftlichen Lage unübersehbar sind." Man darf dabei nattirlich auch nicht übersehen, daß dunkle Kräfte am Werk sind, um die Bewegung für ihre Zwecke auszunutzen. Schon nach der ersten Abstimmung der Metallarbeiter schwelgte die kommunistische „Rote Fahne" in der Hoffnung, daß ein Streik dieses als besonders radikal bekannten Teils der Berliner Arbeiterschaft sich zu einer Einleitung des großen Entscheidungsknmvfes auswachsen werde, der Moskaus Triumph in Deutschland besiegeln sollte, und sie meinte, daß diese. Tage außen- und inner- politischer Hochspannung als ein besonders geeigneter Zeitpunkt für die Entfesselung von Lohnkämpfen zu betrachten seien. Die Ziele der Kommunisten liegen mithin klar auf der Hand, und die Jünger Moskaus werden zweifellos nichts unversucht lassen, diesen Kampf zu schüren, um im Trüben zu fischen.
Aus all diesen Gründen heraus muß von der Reichsregierung das Möglichste geschehen, um die hier drohenden Gefahren abzuwenden. Es ist außerordentlich bedauerlich, daß die Verhandlungen über den wertbeständigen Lohn, die im Reichsarbettsministerium geführt wurden, nicht zu einer Einigung geführt haben, da man sich über den Schlüße!, nach dam die Auf- ' Wertung des Lohnes berechnet werden soll, nicht einigen' konnte. Nunmehr wttd sich mit der in der Tat keineswegs einfachen Materie das Reichskabinett zu befaßen haben, und auch dem Reichstag ist inzwischen "in entsprechender Antrag der sozialdemokratischen Fraktion zugegangen. So wenig man nun auch solche Dinge über das Knie brechen kau», so ist die
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Sag« doch so gespannt, daß lange „Erwägungen" und endlose Besprechungen heute nicht mehr möglich sind. Auf beiden Seiten, d. h. sowohl auf Seiten der Arbeit- geber wie der Arbeitnehmer, wird man sich sagen mäßen, daß der Staat höher steht als die eigenen privaten Interessen. So gewiß dem Arbeiter der ehr- nche Lohn zuteil werden soll — denn eine weitere Herabminderung der Lebenshaltung verträgt das deutsche Volk in der Tat nicht — so soll man auf der anderen Seite aber auch nicht übersehen, daß auf Lohnerhöhungen automatisch Preiserhöhungen folgen. Der „Vorwärts" bezeichnet die jetzt beginnenden Kämpfe als den Beginn einer Gesundungskrise. Er sollte aber nicht übersehen, daß die deutsche Volkswirtschaft nicht durch Mehrlöhne gesundet, sondern durch Mehrarbeit. Rur dieses kann das ständige Minus an Kaufkraft ausgleichen, das letzten Endes der Urgrund aller Lohnstrcitigleiten in Deutschland ist!
Einigungsverhandlmigen.
Berlin, 8 Juli. Den Müttern zufolge wurden die Barteten im Berliner Metallarbeiterstreik vom Vorsitzenden des Kewerbegerichtshofes für Montag zu Ei n igungsv e rh and l un gen eingeladen. Der Reichsarbeitsminifter hatte gestern eine Unterredung mit dem Führer der Berliner Metallarbeiter, Ullrich, in der er sich nochmals die Gründe darlegen ließ, die zur Ablehnung des Schiedsspruchs und zur Prokla- mierung des Streiks führten.
Der „Vorwärts" schreibt zu dem Berliner Metall- arbeiterstreik, daß der Bergleichsvorschlag der Unternehmer mit überwiegender Majorität abgelehnt wurde. Der Streik im Berliner Hoch-, Beton- und Tiefbau dauert fort.
Die Mertbeftändigkeit der Löhne.
Berlin, 7. Juli. Nachdem die Verhandlungen zwischen den Verbänden der Arbeitgeber und Arbeitnehmer^ über die Einführung der Wertbeständigkett der Löhne gescheitert waren, fanden in der Reichskanzlei Besprechungen Mischen Mitgliedern des Reichskabinetts und Vertretern der Arbeitgeber statt. Diese wiesen darauf hin, daß die von den Arberi- nehmern vorgeschlagene Art des Jndexlohnes ihrer Ansicht nach unmöglich sei, und daß sie die Verantwortung für die Folgen, die sich daraus ergeben würden, abkehnten. Die Arbeitgeber erklärten sich grundsätzlich mtt der Einführung der wertbeständigen Löhne einverstanden, jedoch müsse d i e s e W e r t - b estän di gkei t aus dem Go ldg o ll au f g e l d berechnet werden.
Eine Einigung über die ReichsarSeiterlöhne.
Berti«. 7.. Juli. Die heutigen Verhandlungen im Reichs nnanzuttnmerrum mit den Svitzenorgarrffationen be Reichsarbeiter führten in später Abendstunde zu eine Einigung. In Ortsklasse A soll der Stundenlohn obn< die Ortszulage für Handwerker 8208. für ungelernte Ar bester 7680 ab .1. Juli betragen. Die Höchstgrenze der Orts zutage beträgt künftig 50 Prozent. Die Verhandlungen übe dre Reichsoeamten und -Angestellten werden morgen vor mittag geführt. Die eingeleiteten Verhandlungen über bi Esthal tu n g des Lobnwer te s sollen baldigst fortge führt werden.
Erhöhung der Buchdruckerlöhne.
Berlin. 7. Juli. Der Deutsche V u chd r u ck e r v e r e i i teilt mtt, das Zenttalschlichtungsamt der deutschen Buch druckerstallte gestern im später Nachtstunde einen Schi cds sprach, der die Erhöhung der fetzigen Löhne für die Woch ab 7. Juli um 50 Prozent, für die folgende Woche um T. Prozent der gegenwärtigen Lohnsätze vorsieht. Diese Lohn erhöhung bedingt in Verbindung mit der weiteren Mate rialpreissieigerung eine Erhöhung des gegen war tigen.Druckpreises um 70 Prozent vom 7. Juli ab.
Vor dem Eintritt Deutschlands in dsn Völkerbund?
Berlin, 8. Juli. Die englische Regierung bat nach Blättermeldungen in Berlin einen Fühler ausge- ktreckt. um festzustellen. ob die Reichsregierung unter Umständen geneigt sei, in den Völkerbund eiuzutretcn Mit den Führern der bürgerlichen Arbeitsgemeinschaft wurde bereits hierüber gesprochen. Unter ihnen besteht grundsätzliches Einverständnis unter der Voraussetzung, daß an einen Eintritt Deutschlands irr den Völkerbund nicht etwa ein deutsches Zugeständnis darüber geknüpft wird, daß die Verwaltung der Rheinlande durch den Völkerbund übernommen wird. Weiter verlautet, die Reichsregierung habe 'hre Zusage zu einem Eintritt in den Völkerbund von folgenden zwei Punkten abhängig gemacht:
1. dürfe kein neues Schuldbekenntnis gefsr- dcrt werden, und
Die Landtagswahlcn in Mecklenburg-Strelih.
Berlin. 9. Juli. Der ..Montagsvoit" 'zufolge fanden gestern im Frwstaat M e ck l e n b u r g - S t r e l r tz die Land- tagswablen unter ziemlich, .chwacher Beteiligung statt. Soweit die bis jetzt vorliegenden Teilergebniße erkennen lassen, haben vor allem die radikalen Parteien der Rechten und der Ltt-kem L rt»L«L^u verzeichnen.
Eine srßnzjjsWMMe Note Wer die Gßöotßpüß.
k. ■9? ( i r i 5 ' . 7. Juli. Havas berichtet aus London, das Gerücht laufe dort um. die belgische Regierung hätte der deutschen Regierung eine Note überreicht, in der der .Reichskanzler aufgefordert werde, die Attentate, me gegen die Vcsatzungstruvven im Ruhrgebiet und in den bhemlanden begangen worden seien, zu tadeln. Die s r a n - r i r it e Regierung habe sich dieser Demarche ange- > chIossen., Wenn die deutsche Negierung keine Genugtuung gebe, wurden die Botschafter von Belgien und Frankreich Berlin verlassen und die Führung der Geschalte wurde Geschäftsträgern übertragen werden.
Berlm. 8. Juli Der französische Botschafter und der Vertreter Belgiens haben vom Staatssekretär des Auswärtigen, Herrn v. Rosenberg, verlangt, daß er eine amtliche Mißbilligung des Duisburger Anschlages erläßt, und daß die deutsche Regierung Anstrengungen macht, die Täter zu entdecken. Herr v. Rosen- oerg antwortete, er habe von dem Anschlag nur aus Zei- tlingsmeldungen Kenntnis, da die deutschen Behörden an Ort und Stelle keine Nachforschungen unternehmen könneii. Der Staatssekretär erklärte weiter, daß e'ne Verantwortlichkeit des Reiches nicht in Frage käme. Die Regierung habe ein derartiges Vorgeben nicht unterstützt. Herr von Rosenberg bemühte sich dann noch, die Beileidstelegramme der Regierung anläßlich der Hinrichtung von Schlageter zu rechtfertigen. Zu dem Duisburger Anschlag werde sich die deutsche Regierung erst äußern, wenn sie die genauen und bestimmten Ergebnisse der ange- stellten Untersuchung vorgelegt bekommt.
Paris, 8. Juli. Die Morgenblätter begnügen, sich in der Mehrzahl damit. die kritischen Kommentare ihrer Berliner Berichterstatter zu denr Schritt der diplomatischen Vertrete: Frankreichs und Belgiens in der Frage der Sabotageakte wiederzugeben. So schreibt der „Matin" von einer derartigen Anmaßung des deutsch-en Außen- ministers. es sei klar, daß Herr v. Rosenberg keine derartige Sprache führen würde.ßwenn seine Beziehungen zu London ihm nicht Grund gäben, einige Hoffnung ans d e englische Regierung zu setzen.
Die ..Libertö" schreibt zu dem französisch-belgischen Schritt in Berlin über die Sabotagefrage: Ministerpräsi
dent Poincarß sei der Ansichr gewesen, daß diese Demarche von guter Wirkung aus Deutschland lein und auch aus Belgien einen guten Eindruck macken wurde. In französischen Kreisen hätte man ihn wohl nickt vor den Kovi stoben wollen. Man könne sich nagen, ob diese Maßnahme die richtige gewesen sei und ob man nicht die Dinge damit in Verwirrung brächte. Belgien und Frankreich hätten ja doch den Grundsatz aufgestellt, daß sie mit Deutschland nicht in Verhandlungen eintteten würden, solange dieses nicht den passiven Widerstand anfgebe. Nebenbei bemerkt, bätte mit dieser Erklärung die Abberufung des französischen Botschafters Hand in Hand geben müssen was bei weitem würdiger gewesen wäre. Denn es sei ia allgemein bekannt daß Herr de Margneirie in Berlin in einer ganz und gar schiefen Lage sei. ohne Beziehungen zu Behörden und Privatpersonen allein, um nicht zu sagen, boykottiert lebe, wie der französische Gesandte in Bauern. Besser wäre es gewesen. Rosenberg keine Gelegenheit zu geben. Geschichten über den passiven Widerstand zu erzählen. Da aber Frankre-ck und Belgien dielen Schritt nun unternommen hatten, müßten auch die Konsequenzen gezogen werden. Wenn man nicht rasche und völlige Genugtuung erhalte, werde man nur noch einen Geschäftsträger in Berlin zutticklasien können. Da Deutschland auch seit Januar nur einen solchen in Paris habe, werde es am besten sein für den französischen Botschafter und für Frankreich selbst. So zu verfahren. Frankreich könne stn Berlin nicht einen Vertreter halben, den Deutschland in eine schwierige Lage zu bringen bereit sei. eine Lage, die eine Demütigung wäre, wenn nicht der Botschafter und sein Mitarbeiter Me Wurde bewahrten. _
Die Besprechungen des Reichskanzlers titlt dein Nuntius.
Berlin, 7. Juli. Die Besprechungen zwischen dem Reichskanzler und dem päpstlichen Nuntius sind gestern ab ge- l ch l o s s». n worden. Das Ergebnis wurde in einer gemeinsamen Kundgebung festgelegt.
Berlin. 7. Juli. Die Unterredungen des Reichskanzlers mit dem apostolischen Nuntius werden in einem uns zugehenden Kommunique folgendermaßen dargestellt: Der Nunttns Pacelli bat im Auftrag der Kurie die Sabotageakte im besetzten Gebiet zur Sprache gebracht und die Ansichten und Wünsche des Heiligen Stuhles eingehend dargelegt.
Berlin. 7. Juli. Der .päpstliche Nuntius Monsignore Pacelli hat Berlin verlassen, da die Besprechungen mit dem Reichskanzler gestern ihren Abschluß gefunden haben. Dic Reichsregierung dürfte auf diplomatischem Wege das Schreiben des Papstes beantworten und ihren Standpunkt in der Sabotasefrage entwickeln. Im Lauf« des gesttigen Tages war übrigens beim Nuntius Pacelli e i n Kurier des Papstes mit neuen Instruktionen einge- trosfen. die als Antwort auf bestimmte Rückfragen au.fzn- fasien waren, die sich aus den Besprechungen zwischen dem Reichskanzler und Monsignore Pacelli ergeben hatten Man nimmt an. daß die Reichsregierung im Augenblick' feine weiteren Erklärungen abgeben wird.
Berlin. 7. Juli. Der päpstliche NunttUs Pacelli bat im Auftrag der Kurie die Nuntiaturen in Baris und Brüssel aufgeserdert. bei den Regierungen vorstellig zu werden, dahingehend, daß weitere Sanktionen n - r - mieden werden möchten, da die Erbitterung in der Bevölkerung sichtlich wachse.
Befriedigung im Vatikan.
Nom, 8. Juli. Ein Vertreter des Wolff-Vureaus glaubt in der Lage zu sein, mitzuteilen, daß das von der Reichsregierung über die Unterredung des Reichskanzlers mit dem Nuntius Pacelli herausgegel'.".e Kommunique im Vatikan mit großer Befriedi- gung angenommen wurde.
