I
Samstag. 7. JE 1323.
Wiesbadener Tagblatt.
Nr 138. Sekte IS.
m
m
'Untergattung6 *T5eUage
bt6 'Wiedöabenez 'Zagßfattd.
mm
ÜH
Vsnr ssilgerführer }um Vaedecker.
Der „BM>erer" ist für uns «loichbedautvnd mit dem modernen Reisehandbuch überhaupt, denn dieser Verlas hat in jahrzehntelanger Arbei t mustergültige MH rer geschaffen, ohne di« auch nach dam Krieg das Ausland nicht anskommen kann. Davor dieser Höhepunkt erreicht wurde, der durch die anher ordentlich« Entwicklung des Reifens im 19. Jahrhundert bedingt wurde, hat der ReffeWhrer aber eine lange Entwicklung durchsemacht. die mit den mittelalterlichen Pilgerfahrten und Kreuzzüsen, eiwsetzte. Die ersten Reisebandbücher. die uns erhalten sind. stamme« aus dem 13. und 14. Jahrhundert und sind sehr dürftige „Unterweisungen an einen jungen Kreuzfahrer" oder „Ratschläge für «ine Pilgerfahrt nach dam Orient". Diese Pilgerfübrer gaben die beste Jabressoit rum Reijan. die wichtigsten Stationen, die be- quenfftrn BeWcherungsmirttal an. entbalten AmoeWunven über Ausrüstung und meÄirinische Schuhmittel gegen das Troperrklima. nennen auch schon einige Kuriöfitäten. die an den berühmtestem Orten zu finden find. Ein solcher primitiver Baedeker, der 1436 von Johann BastenheiNier versaht wurde, führt den Titel: „Das ist die Ordnung, wie man sich halten soll über Meer und auch die heiligen' StM»te bchmben." Er ist nur handschriftlich erhalten. Ein gedruckter Führer derselben Zeit gibt sich als ./in huibsch Traktat, wie durch Gotfrid von Pullen das «lobte landt gewonnen ilft." Allgemeiner gebalten find die ausKhrkichen „Walltzahrtsbücher" des 18. und 16. Jahrhunderts, di« für die frommen Pilger- reifen jede Einzelheit genau angeben. Als das Reifen im Lauf des 16. Jahrhunderts nicht nur zu heiligen Zwecken, sondern auch aus Reiselust und geschäftlichen Gründen niehr in Aufnahme firm, entwickelt« sich di« Wissenschaft der so«. Apodomik. d. h. .die Anleitung, wie man aus Reifen das Nützlich« mit dem Angenehmen und Bequemen verbinden kann." Die ersten Werke der Apodemik. wie das des Italieners Drataoli von 1862. die von Pictorius und Zwinger waren lateinÄch «Mrieben und nur gelehrteren Kreisen verständlich: sie haben stch um 1609 schon eingebürgert, werden schön gedruckt und mit fein gestochenen Landkarten versehen. Diese Auszählungen von verschiedenen, oft mehreren hundert Reiferouten wurden bald auch ins Deutsche übersetzt.
Das eckte deutliche Reisehandbuch, das mehr als dürftige Angaben enthält und fich als ein wirklicher Führer davbietet. war das 1832 in zwei- Bänden eckchionene „Reifeüuch" des Topographen Martin Zetller. Er bot hier zunächst ein« ..Deischveilbmns Deutschlands und angrenzender Lander", der dann ähnliche Bücher über Frankreich. Großbritannien. Italien. Spanien folgten. Aus all diesen Werden veranstaltete er 1651 einem Auszug unter dem von dem treuen Begleiter des Äneas heistammenden Titel „Fidus Achates oder getreuer Reisgefährt", der in verschiedene Sprachen übecketzt wurde und die größte Derbveitun« fand. In diesem Reisehandbuch. das bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts maßgebend war. werden neben gelehrten Abhandlungen über Geschichte. Bolk. Staat ufw. des betreffenden Landes auch genaue praktische Angaben gemacht. Zeillers Anordnung berührt uns merkwürdig modern, denn er unterrichtet bereits über die beschwerlichen Pah- und Ziollverhältniste. spricht einzelne Reiserouten genau durch und nennt auch gute Herbergen mit HinweNen über die Preise. Freilich. Zeiller. der Sohn des barocken Zeitalters, hatte für wichtig« Dinge noch kein Verständnis, auf di« uns beute das Reisehandbuch binweist. Kunst und Natur spielen bei ihm keine Rolle. Es muhte eckt mit dem Anbruch des Zeitalters unserer klassischen Dichtung der Sinn für künstlerische und Naturschönheit geweckt weiden. Damals beginnt die Epoche der Jtal-iemreisen- den. und ihnen allen, einem Goethe so gart wie Leffsing und Herder war der Hamburger I. I. Volkmann in feinen ..Histovisch-kriKschen Nachrichten aus Italien" der gelehrte Begleiter, der für die Herrlichkeiten der Kunst bereits ein« lebendige Begeisterung zeigt. Die Freude an der Natur entfaltete sich mit den damals ebenfalls in Aufnahme kommenden Reifen nach der Schweis, und zwar schuf hierfür das Musterhandbuch I. E. Ebel in seiner «reckt 1793 erschienenen „Anleitung, die Schweiz zu bereisen". Ebel ist der eigentliche Begründer des Weltruhms der Schweiz, der in der Einleitung zu seinem Buch herooihebt. daß eine Schweizer Reille .die körperliche und moralische Gesundheit fördere." Dem zu Anfang des 19. Jahrhunderts anbrechenden Reisestrom gaben die praktischen Reiseführer der Gothaer Kriegsrats H. A. O. Reichard in die Hand. Seine französisch geschriebenen „Guides des Voyageurs en Europe“ wurden überall benützt: noch praktischer und handlicher war fein ..Passagier auf der Reise nach Deutschland und d«n angrenzenden Ändern". der innerhalb von 30 Jahren 7 Auflagen erlebte und in der Anlage das Vorbild aller foäteven Reisehandbücher, auch Baedekäs. wurde.
Das Ende der (andstreicherrom<rntrk.
Bon Peter Prior.
Wenn der Sommer im Lande war und die Sonne lockte und gleißte. dann -traf man sie überall auf der Walke, die Faulenzer und Parasiten der Landstraße. Die dem lieben Herrgott, die Tage Miehlen. die vom Wandertrieb ruhelos von Ort zu Ort getrieben werden, und di« stch dabei redlich durch Betteln zu ernähren mutzten. Das war in den Zeiten, als das Brötchen noch 3 Pfennig kostete. . .
Heute ist es vorbei mit der Landstreicherherrlichkei t. und was beute bettelnd an unsere Düren klopft. das hat nichts mehr mit der Romantik und Poeste der fonnenüberglühten oder regenzerveitschten Landstraße zu tun. Sie sind ein Omer der Zeit geworden, find ausgestorbem. di« „Kunden", wie st« sich selbst zu bezeichnen pflegten. Denn wer «in richtiger Kunde war. der war nicht gewöhnt, nur notdürftig fein Leben zu fristen. Wenn er auch keine hohen Ansprüche stellte, so wollte er doch nicht allzu sehr heruntergekommen aus- fehen und schließlich nicht fortwährend „Kohldampf schieben" (hungern). Heute aber kann er kein«. „Trittchen" (Stiefel) oder sonstigen Kleidungsstücke mehr fechten, und iu puncto „Unvernunft" und „Lorchen" ist es meistens auch schlecht bestellt. Unvemunft bedeutet in der Kundenivrache Wurst. und Lorchen stnd Brötchen.
Diese Kundensprache ist überhaupt ein Kapitel für sich. Es finden sich in ihr Ausdrücke, die aus dem EamrerwEch stammen, vielfach auch aus d«m Hebräischen, und diese Redensarten sind recht drolliger Natur. Ein Kunde geht nicht, er .zittert". Er schnürt im Frühling seinen „Berliner" oder steckt auch nur die Hände in die Hosentaschen, und zittert, den „Stenz" (Stecken) in der Hand, fort nach dem Äakobinerland. zu den Gelbmatinern, ins blau« oder Schwarzm'atmerland, d. h. nach Württemberg. Baden, ins Bäuerische oder nach Österreich. Auch das heilige Land (Tirol) war früher sehr beliebt, »eil die Handwarksburlchen
bei den guten Leuten dort zumeN Nachtquartier im Stall erhielten und auch mittags nicht lange noch Essen zu Achen brauchten. Der Kunde bleibt nachts entweder auf einer .Heiligkeit" über Nacht, womit die Herbergen zur Heimat gemeint find, oder er „reißt Platte", er bleibt drauhen bei Mutter Grün. Manchmal übernachtet er auch auf einer .Milden Penne" (armseliges Gasthaus) zum Unterschied von der Heiligkeit und macht dott „Raucher" oder „Knacker", d. h. er schläft, im Stroh oder auf der Pritsche. Monds kommt der .Bizebos". der Hausknecht, und „spannt die Stauden nach", d. h. er untersucht die Hemden der Gäste, ob stch keine .Deutschen ReichsWer" oder .Lienen" darin befinden. Manchmal besorgt dieses Geschäft auch „die Krone" selbst, die würdige Herbergsmutter unterwirft sich selber dieser Arbett.
Richtige Kunden mieden ans ihren Wanderfahrten die Städte. I« fühlten fich bei dem „Kaffern" besser aufgehoben. Die Stäote batten schon ihre Sonderart von Bettlern, und allenthalben an den Ecken standen „Kundensanger". auch die „Polente"' war stets stark vertreten und die ..Schmiermichel" liefen nur so auf den 2kratzen umher. „Das Ladenstotzem". das Wbfechton der Läden, brachte zwar allerhand Geld, aber man konnte dabei m leicht ..verschütt" gehen. Auf den Dörfern war's bester. Man konnte erkunden, ob der „Teckel" der Gendarm, zu Haufe fei. War er fort, konnte das ganze Nest abgeklopft Werden. Der „Eallach". der Pfarrer, wurde nicht awsgelasten. und auch beim ..Plauderer", dem Lehrer, gab es etwas. In vielen Dörfern und kleinen Städten 'gab's ..Ortsgeschenke" oder Nachtverpfflegunig. Dafür mutzte man -manchmal frühmorgens die „Straße kitzeln", d. h. die Straße fegen, was manchen Kunden nicht patzt«, deshalb wurden auch sülche Gelegenhetten zur Arbeit möglichst umgangen. Auch „DerreMationen" (Verpflegungsstatianen) gab es. wo es vier Stunden arbeiten hieß und von wo man mit gebundener Marschroute auf die nächste geschickt 'wurde, ein trauriger Zwang für das Reisen in manchen Gegenden. Besonders Österreich war groß in diesen Verreckstationen.
Katholische Gegenden waren sehr beliebt wegen der vielen Klöster, die immer offene Tafel hielten für Kunden. Im Kloster Scheyern beispielsweise war der Kunde glän- rfgehoiben. Dort gab's bei der Ankunft in der rerei „Schöps" (einfaches Bier mit geringem Alkoholgehalt) nach Belieben, auch ein Stück Hanf (Brot) dazu. Dann wurde das Nest anigefochten: Ertrag unter Garantie 80 Poscker (Pfennig). An der Klosterpforte gab's einen Maser, oder auch mal «inen Groschen (Kuofovgeld nannte man rote. Nickelgeld weiße Asche: Selber bekam der Kunde selten zu sehen). Dann ging's in die Kssche. Dort war ein 'besonderer Raum für die Herren Kunden, und ihrer viere mutzten aus einer Schüssel essen. > Wer kennen ..Reisepaß" (Löffel) batte, konnte stch eine« «rusborgen. mutzte aber seinen Hut als Pfand lassen. Hier futterten manche Kunden so viel, datz st« nicht mehr schnaufen konnten. Manche wurden trotzdem nicht satt und eitten noch tn den Wttt- schaftshof. wo sie noch drei oder vier Knödel verdrückten. Dann wurde verdaut und abends in 'der Herberge des Klosters Wr 10 Pfennig gepennt. Manche Kunden blieben so lange in Kloster Scheyern, bis sie der Gendarm auf den Trab brachte. And derartige gute Klöster gab's mehrere.
Der Winter war für 'die Kunden nicht so gut wie der Sommer. Die älteren Register machten sich in die „Tee- winde". ins Krankenhaus, andere wieder zitterten ins „Mickedepick". nach Italien: gearbeitet wurde nach Bedarf. Beliebt als ReKeaenossen waren Köppchen (Metzger), oder Lorchenischmiede (Bäcker). Weiterhin traf man unterwegs Katzoffs (Schlosser) oder Stichler (Schneider). Rumtreiber (Böttcher) oder auch mal einen Roller (Müller), die stch wieder in Luftschitz und Klapverjchi-tz (Wind- und Wassermüller) teilten. Auch Sucher (Kaufleute) wurden ange- troffvn. die meist feine „Gwsverbände" (Kragen) um den Hals hatten. W und zu gab's auch mal „Kittchen", und manch einer trog auf die ..Echinckelswinde". das Arbeitshaus. Hatte ein Krauter (Bauer) schöne Arbett. dann wurde mal angefangen. meist aber bald wieder „in den Sack gehauen".
So ging's dahin, jahraus, jahrein, bis einmal ein hübsches Mädchen den Burschen festhielt und die Kinder kamen, die den losen Gesellen nicht mehr loslietzen. Dann war es auch schon früher vorbei mit der KundenberrK-chkeit.
Aus verstaubten Schubfächern der Historie.
Einer, dem genügend Zeitt zur Verfügung stand, um in verstaubten Schubfächern der Geschichte zu kramen, hat svl- gende amüsante Entdeckungen gemacht:
Die erste Konditorei in Berlin wurde 1818 von dem Schweizer Giovanoly eröffnet, das erste Wiener CM 1872 und die erste altdeutsche Bierstube 1879.
Das Sprichwort: „Saure Gurke ist auch Kompott" stammt von einem Gastwirt Franz. der eine Wirtschaft in der Berliner Heiligenstratze besah. Er gab 'seinen Gästen mit Borliebe Rrnderbratsn mit einer halben sauren Gurke: als ihnelr das endlich zuviel wurde und 'sie eine an; deve Beigabe als Kompott verlangten, prägte er voller Entrüstung das 'bekannt gewordene Sprichwort.
Schon 30 Jahre nach dem Einzug der Reformation in England wurden dort, statt mt bisher jährlich 2 00 0 Ve r- brecher, deren „nur noch 2 00 h iwgerich tet.
Königsberg in Preußen erhielt seinen Namen nah dem Böhmenkönig Ottokar, der auf einem Kriegszug nah Preußen 1254 an dieser Stelle verweilte.
Unser Wort „Polizei" rührt von dem italienischen Polliza (— Daumen) her. Um das Jahr 1400 herum wurde in Nürnberg jedem Fremden, der durch die Tore in die Stadt kam. wenn er sich als unverdächtig auswües. mit einem Stempel ein Zeichen auf Len Daumen gedrückt, das „Pollicka" hieß und ihn den Torwächtern gegenüber legitimierte. , „ , ,
Till Eulensviegel hat seinen Namen nicht, wie vielfach» angenommen wird, von einer Eule und einem Spiegel. „Eule" hieß früher — und heißt in einigen Gegenden Nordwiestdeutschlands noch heute — am kleiner Handbesen. und 'Spiegel wird (z. B. beim Mild) der unter« Teil des Rückens genannt. ..Eulenspiegel' bedeutet' also wörtlich: ..Feg mir den Rücken!
Unser Freiherr von Münchhausen hatte be- veits zu Ursay 1300 einen Borläufer, den „Weigger". dessen Liigengeschichten und Abenteuer in den Zechstuben jener Zeit mit Vorliebe erzählt und stets mit Jubel ausgenommen wurden. _ „ . _
Rach einer Berechnung Edmund Burkes in seinem Buch „Vindieaüwi of Natural Society sind seit Beginn unserer Geschichtszähluns bis zur französischen Revolution 36 Tausend Millionen Menschen durch die Kriege der einzelnen Staaten untereinander umaekommen.
Manrachen.
Von L. Winseld.
Der mit köstlichen Schattenringeln gesprenkelte Wald- pfad paßte sich in seinen Windungen den kapriziösen Ausbuchtungen des Sees an. Jede neue Biegung brach'te uns eine Überraschung. Bald war es ein verstecktes Juwel von Denkmal, das irgend einen uns Unbekannten, jedenfalls verdienstvollen Menschen verewigte, bald breiteten sich Blumenanlagen von ungeahnter Schönheit vor uns aus.
Das letzte Drittel des Wegs war überreich mit Bänken ausgestattei. Wir widerstanden der Lockung nicht lange, und machten es uns auf einer aus Bttkenstämmen gezimmerten bequem. y
Die Soimenspiegelun« im E« grüßte recht intensiv herüber. Wir drehten ihr deshalb ein wenig den Rücken zu und schauten verliebt auf die geschwisterlich nebeneinander wachsenden Baumriesen, die raunend die Köpfe Misammen- steckten.
Da legte sich jedem' von uns zugleich eine Hand auf die Schulter. Wir fuhren ä tempo herum. *
Eine Dame stand vor uns. Sie war von imposanten Dimensionen, trug ein dünnes, schwarzes Kleid mit ..Ober-' licht" und etn rotes, seidenes Tuch um die Schultern. Ihr etwas wirres, schwarzes Haar war unbedeckt.
.Haben die Herren nicht zwei junge Mädchen gesehen, eine in einem weiß und lila Kleid, das andere ganz in Rot — ? Meine Töchter nämlich", erklärte sie erregt. ..Ich wollte ihnen entgegengeben. habe aber Angst, daß. ich sie
„Nein, wir haben sie nicht gesehen."
„Das tut wir recht leid", sagte die starke Dame, und setzte sich, als wäre ein Weiterführen der Unterhaltung selbstverständlich. neben uns auf die Barik.
..Mamachen", sagten mein« Töchter zum Abschied. ..Du kannst uns nicht verfehlen. Wir sind um vier am Freisins-
denkmal. Sie sind sehr talentiert, meine Töchter. Die eine singt — o. ich werde sie bald auf einer unserer ersten Bühnen hören. — Die andere ist Malerin von unbestreitbar großem Können. Haben Sie die Blumentevrassem der Billa Raiani gesehen —? — Die haben meiner Soma die goldene Medaille gebmcht."
Wit zwinkerten uns belustigt zu. „Mamachen", flunkerte aus lauter Eitelkeit nicht zu knapv.
Eine Dame nnt einem kleinen Jungen mt der Hand promenierte vorbei. — „Welch ein schönes Kind —!" nei Mamachen enthusiasmiert. „So waren meine Töchter in diesem Alter. Und die reizende Mutter! Wie erinnert sic mich an meine Jugend!"
Sie wischte eine Träne aus ihrem Augenwinkel und schneuzte sich stark. Unter der leisen Puderschicht ihrer Wangen zeigte sich ein bläuliches Rot.
„Wo nur di« Mädchen bleiben?" fuhr sie plötzlich in di« Höhe. „Nicht wahr, es ist schon mehr als vier?"
.Halb vier", beruhigte sie mein Freund, feine Wr ziehend.
Damufhin funkelten uns ihre kleinen, seltsam verschleierten Augen geheimnisvoll an.
..Ich habe meinen Töchtern zuliebe mein Vermögen im Stich gelassen", flüsterte sie. „aber verraten Sie mich nicht, meine Herren! Ich bin Russin. Nihilistin — ich flüchtete
— o mein Gott! — Mein Gemahl sitzt hinter Kerkermauern. Mein Platz wäre an seiner Sette. Aber ich bin in erster Linie Mittel".
Sie erhob sich. Ihr mächtiger Busen wogte. Sie schaute sich zärtlich um. als wären die Böurne km Kreis Kinder ihres Bluts, ihrer Seele.
„Mamachen" nennt mich jeder m meinem Heim", sagte sie mit weicher Stiinme. „jeder —! — Sie dürfen es auch tun." — Sie nickte uns ermunternd zu.
..Mo ist denn Ihr Heim —fragte ich. während eine Gewißheit in mir aufdämmerte.
„Sie haben nicht „Mamachen" gesagt", schmollte sie.
„Also Mamachen", verbesserte M mich. „Wo sind Sie zu Hanse —?"
..Nun dort —“. Sie zeigte gleichgültig hinter sich.
Auf einmal überflog ein listiges Lächeln ihr Gesicht.
„Schwester Käte wollte mich nicht foctlassm. Ich bin ihr doch entwischt. Denn für meine Kinder tue ich alles. — Oder glauben Sie's etwa nicht?"
Sie trat drohend dicht an uns heran. Wtt Aden ihre muskulösen Arme, ihre wie Katzenkvallen sich krümmenden Finger.
„Ich glaube, Mamachen, dort kommen Ihre Kinder", rief mein Freund, hastig aufspringend.
Das böfe Funkeln in ihren Augen, erlosch. Ein grinsendes Lächeln zog ihr Gesicht in die Breite.
„Ihr seid ja alle meine Kinder, ihr alle, alle!"
Ehe wir flüchten konnten, fühlten wtt uns an ihr klopfendes Herz gedrückt.
Als wtt uns endlich — dem Erstickungstod nahe — aus der federnden Umarmung herausgeboxt. vollzog sich ein« neue Metamorphose mit ..Mamachen".
Ihr« Gesichtsmuskeln wurden^ schlaff, die Augen kniffen sich, zusammen. Unsere Gegenwart schien sie völlig vergessen zu haben. Schwer, die Glieder nachwälzend, die Hände in vas rote Tuch gewickelt, ging sie fremd an uns vorbei, den Weg hinauf.
Wir sehen uns halb lachend, halb ärgerlich in die hochroten Gesichter.
..Ein Abenteuer mit einer Verrückten! rief mein Freund. ..Das Sanatorium, aus dem „Mamachen" entwischt ist sicher hier in 'der Nähe. Wir wollen die suchende Schwester Käte auf die richtige Sour bringen."
Schweigend wunderten wir am Ufer hm. Ein glitzerndes Sonnenband lief neben uns rm Wasser her und hielt unsere Gedanken ÄeiMrm am Schnürchen. — Die arme Irre!
— Was für übermenschliches Leid hatte ihr den Verstand
geraubt? , _
..Jedenfalls ist sie in ihrer Mutterliebe tödlich getroffen worden", sagte mein Freund aus setnein Sinnen heraus. ..Bielleicht ist ihre Erzählung bEtäblich wahr? Wir wer- den's in der Anstalt erfahren .
Wir durchkreuzten den Wald auf allen erdenklichen Pfaden, machten vor allen den in Grün gebetteten Häusern Satt. Kein? von ihnen war eine Maffon de SantS.
Die Wärm« setzte uns arg zu. Mein Freund ließ schließlich wie ein durstiger Hund die Zunge aus dem Mund hä-ngen. Das lockende Schild eines Biergartens tötete de>, letzten Rest von Interesse, der uns nach dem vergeblichen Suchen für d« Irr« geblieben. Auf kürzestem Weg steuerten- wir der Ouelle des Labials zu.
Da hörten wir im fchneUen Schreiten eine bekannte, das „r" schart rollende Stimme:
.Haben der Herr nicht zwei junge Mädchen gaschen? Lins in ernem werß und lila Kleid, das andere —"
