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Nr 153.

Mittwoch, 4. Juli 1923.

71. Jahrgang.

Die künftige Politik Englands.

London, 3. Jali. Bon pttmterrichteter Seite wird Leye mitgeteilt: Es ist unrichtig, datz Lord Ere « e bei seiner lüsten Unterredung mit Po in ca t€ einen brüsken und sogar drohenden Ton angeschlagen habe. Die Besprechungen sind vielmehr in freundlicher Form geführt worden. Ebenso unrichtig ist, daß man englischerseits auf einer schrift­lichen Form der Antwort bestehe und eine mündliche Antwort nicht entgegennehmen wolle. Man würde natürlich eine schriftlich« Antwort vor­ziehen. Hauptsache aber sei der Inhalt der fran­zösischen Mitteilung. Für heute «erde mit ihrem Ein­treffen auf dem Foreign Offfice nicht mehr gerechnet. Man hoffe aber im Hinblick auf die besorgniserregende Lage, daß sie bald eintreffen werde. Endlich sind alle Voraussagungen über die Politik, die England be­folgen werbe, falls die französische Antwort keine Mög­lichkeit p einer Einigung geben sollte, durchaus verfrüht. Über diese Frage ist noch kein Beschlutz gefotzt worden und kann auch nicht gefatzt werden, be­vor man über die Ansichten der französischen Regie­rung informiert ist. Zusammenfassend kann gesagt werden, datz die Äußerungen der Engländer ein ge­treues Abbild von der Stimmung der vLffentlichen Meinung des Landes geben, denn die englische öffentliche Meinung werde sich immer klarer über die große Gefahr, die eine Fortdauer des gegenwärtigen Zustandes in sich berge, und verlange immer dringlicher nach einer Regelung. Natürlich sei es von größter Wichtigkeit, daß u n - sinnige Gewalttaten, wie das Attentat auf den belgischen Truppentransport, unterblieben. Derartig Vorkommnisse erschwerten den Kräften, die auf eine Regelung hinarbeiteten, ihre Aufgabe außer­ordentlich und schaden dadurch am meisten dem Lande, dem sie nach Ansicht der Urheber gerade nützlich sein sollen, nämlich Deutschland.

Paris, 3. Juli. Hamas veröffentlicht eine Aus­legung der Reuter-Agentur, die folgenden Wortlaut hat: Man erklärt in autorisierten Kreisen, daß es vollständig verfrüht sei, von einer sepa­raten Aktion der britischen Regierung p sprechen. Eine derartige Frage hörige vom Kabinett ab, und das erste, was notwendig sei, bevor es seine Haltung bestimme, sei die Kenntnis des französischen Standpunktes. Was die Haltung Großbritanniens anbetreffe, bemerke man, daß es auch verwüstete Ge­biete auftveise in Form eines desorganisierten Handels, der sich nicht wieder erhole. Die öffentliche Meinung werde ungeduldig, und alles hänge von der franzö­sischen Antwort ab. und man könne nicht voraussehen, rdas Großbritannien tun werde, wenn es unmöglich fei, dis beiden Standpunkte miteinander in Einklang zu bringen. Die Reuter-Agentur fügt ferner hinp, die Rachttchten feien nicht begründet, daß bei der jüngsten Unterredung zwischen Lord Erewe und Poincar 6 lebhafte Motte ausgetauscht worden seien. Tatsächlich habe der englische Botschafter in seinem Bericht be­sonders die Herzlichkeit und die freundschaftliche Haltung Poincarös bei der Unterredung betont.

London, Z. Juli. Der politische Korrespondent des ..Evening Standard" schreibt, in gewissen Kreisen der Regierung werde zugegeben, daß anscheinend ein toter Punkt erreicht sei, und daß die Dinge sich so entwickelt haben, daß in amtlichen Kreisen Besorgnis herrsche. Doch hoffe die Regierung immer noch, daß sich eine gemeinsame alliierte Aktion er­möglichen laste. Der französischen Regierung sei mit­geteilt worden, die britische öffentliche Meinung ver­lange eine Erklärung über die britische Politik in der Ruhr- und Reparationsfrage. Sollte die ftanzösifche Antwort kernen Fortschritt bedeuten, so werde die britische Regierung allerdings zu einem baldigen Zett­punkt genötigt fein, der Welt ihre eigene Politik mit­zuteilen.

3 - schreibt in seinem

^tartrkel. zweifellos werde die französische Regierung und die Preste ein eventuelles Sonderabkommen Eng­lands mit Deutschland als eine unfreundliche Handlung bezeichnen. Diese'Handlung sei ober nicht weniger unfreundlich als das Verhalten Frank­reichs gegen England bei seinem Einmarsch ins Rubr- gebiet. Es sei höchste Zeit, datz die britische R-aieruna Frankreich klar mache, datz die Geduld Eng­lands erschöpft sei.

London, 3. Juli. „Pall Mall Gazette" spricht die Hoffnung aus, datz alle Beteiligten aus den letzten Ereignissen ihre Lehren gezogen hätten Wenn dies nicht der Fall sei und Frankreich nicht zug"ben wolle, daß ein wiederhergestelltes Deutschland Revarn- tlonen zahlen könne, so müsse nur Großbritan - nien allein handeln.

Eine Anssprche znrWen Mbm und PMM.

Pari», 3 . Juli. Die „Ere Rouvelle" will wisteu, daß man schon jetzt ftanzöfischersetts entschlosten sei, emer französisch-britischen Zusammen­kunft pzusiimmen. Man wolle perst Sachver- t an di ge nach London schicken und dann eine Ans­prache zwischen B a l d w i n und P 0 i n c a r 4> organi- I ercn V .Poincarö sei offenbar besorgt wegen der Nervosität geworden, die im Parlament zutage ge­treten sei, und er habe die Abficht, den Verhand- urngen, die mtt England gefühtt werden, mehr Ge- schmeiidgkert zu geben. Das Blatt glaubt deshalb sagen zu können, daß man einer Konferenz entgegensehe.

Die französische Antwort auf dem Wege nach London

London. 3. Juki. „Evening Rews" meldet, das Foreign Office habe die offizielle Mitteilung erhalten, die ftanzösifche Antwort auf die Frage über die Ruhrkonflikte sei auf dem Wege von Paris nach London.

Der belgische und der französische Botschafter bei Lord Curzon.

London, 3. Juli. Reuter erfährt, daß der bel­gische Botschafter gestern eine einstündige Unterredung mit Lord Curzon im Foreign Office hatte. Bei diesem Besuch überreichte er keine Note, erläuterte aber die belgische Auffassung, bekr. die Ruhrfrage. Wie verlautet, haben sich neue Ge­sichtspunkte nicht ergeben. Curzon fetzte in feiner Ant- wott nochmals den Standpunkt der brittschen Regie­rung auseinander. Rach der Beendigung der Be­sprechung stattete der französische Botschafter St. Au­la i r e einen Besuch im Foreign Office,ab.

Eine vor den eben erwähnten Besprechungen' aus- gegebene Reuternote besagt, man halte es für möglich, daß die französische Regierung warten werde, bis die belgische Regierung ihre Anttoott auf den britischen Fragebogen nach London gesandt habe, damit die beiden Anttvotten gleichzeitig übermittelt werden könnten. Da das Kabinett Theunis feine Amts­geschäfte erst heute offiziell aufgenommen hat, rechnet man mit einer Aussprachein zwei bis drei Tagen. Bon ftanzösifcher Seite wurde dem Reuter-Bureau mrtgeteilt, daß der Zweck des Besuches des französischen Botschafters bei dem Staatssekretär des Äußern nicht der gewesen sei. einen bestimmten Plag in mündlicher oder schriftlicher Form zu übermitteln/ sondern ledig­lich, um die Beratungen fottpsetzen.

Die Instruktionen für den französischen Botschafter in London.

. Baris. 8. IM. Das ..Echo de Baris" teilt mit: Im beatmen M r n rsterrat werde PoincarSdem Präsiden- ien der Rermbl-k und tencen Kabinett skollegen Mitteilun- ÜF t'ion en machen, die dem iranMi-

Wtt »owtwrter m London zu gegangen seren, und di« itirfit roemeer afe 50 Seiten umtfofeten. Das — fügt das Echo d e Panis lnn«u — stellt eine beredte Antwort aus die ewgli- schen Unterstellungon dar. die glauben machen wollten die ttanziffffche Regierung versuche, einer Beantwortung des Bo-ldwinlschen Fragebogens auszu weichen.

Ernste Auffassung der Lage in Patts.

Patts, 3. Juli. Einen Beweis dafür. wie ernst die Lage rn Paris aufgefabt wird, liefern die Blätter die bis letzt mutig sur die Verständigung mit Ena- Iand, eingetreten sind. So schreibt der linksradikale „Quotidren : Die Politik Englands, das heitzi Englands so­weit em Land durch seine Regierung vertreten werde' sei aewi« em Denkmal des Egoismus und.eine Seraus- torderiung an dis Gerechtigkeit. Frankreich würde die mate­riellen und mora'lMen Interessen verraten, die ikm ob­liegen. Frankreich würde sich selbst verraten, wenn es einer Drohung dieser Art wiche. Für den Staat wie für den ein­zelnen sei die Isolierung bester als die Sklaverei Was aber sei von denen zu halten, die blind und taub, um nickt noch hmzuNi-fügen. stumm. Frankreich in-diese Sackgasse geführt hätten? Was solle man vom Ministervrälndenten denken, der es nach Clemencean und bester als dieser ver­standen habe, den Frieden zu sabotieren? Es sei kein Trost sich auf die Geichichte zu berufen oder mich nur auf die näch­sten Wahlen. B:s dahin sei genügend Platz für mebr als eine Katastrophe. ,

Der sozialistische ..Pouulaire" schreibt, seit Jahren fco*» die große Presse Frankreichs die öffentliche Meinnna des Landes in die Irre geführt hinsichtlich dsr Orientie­rung der englischen Politik. Sie habe den Ab^ sang Lloyd Georges mit frenetischem Beifall beg-rützt als ob alle Unstimmigkeiten zwischen London und Paris 'nur ln seiner Person und in seinem Melwollen ihren Grund gehabt hätten. Sie habe den Aufstieg Donar Catros gefeiert als eine sichere Garantie einer fruchtbaren Verständigung zwischen den beiden Ländern. Kurz darauf sei auf der Pariser Kon­ferenz der Bruch eine vollendete Tatsache gewesen, und Bonar Law habe m denselben Blattern, denen er einioe Monate zuvor Begeisterung eingeflöht hätte, lesen können iw>& et gewiß ein anständiger Mensch sei. äber aber Darauf sei Baldw in gekommen, und aufs neue hätten'die großen Blätter Frankreichs verkündet, der neue Malische Premierminister werde endlich die Entente in die Wirklich­keit. umzusetzen vergehen. Er sei entschlossen. das um reden Preis zu erzielen.

M SmMMM lei »ttrz.

Dorsbnrg. 3. Juli. Aus Anlaß des Duisburger Eisen­bahnunglücks wurde noch der Wahlkreisvorsitzende der Deut- schen Volkspartei und Geschäftsführer Maag als Geisel verhaftet. Alle Duisburger Geiseln sind im hiesigen Ee- richtsgefagnis untergebracht.

Duisburg, 3. Juli. Hier sind noch einige Stadtver­ordnete und zwei Fabrikanten als Geiseln verhaftet worden. Sämtliche Sttaben sind durch Drahtverhau« ab- gesperrt Durchfahrenden Personeuziigeu wird die Weiter- fahrt gestattet, dagegen ist der Güterverkehr vollkommen abgesvertt.

Die Absperrung des gehamteu besetzten Gebietes ist vollständig. Auch aus dem englisch besetzten Gebiet kann niemand heraus und aus dem unbesetzten Gebiet niemand hinein..

...^.öln, 3. Juli. Wie aus Aachen gemeldet wird, hat anlahlich. der Duisburger Katastrophe in Aachen, dem Sitz des belgischen Oberkommandos, eine Trauerfeier aul dem Bahnhof für die belgischen Besatziingstruvven stattge­sunden. Nach einer Verordnung des Kreisdelegierten mutztcm aus diestem Grunde mittags von 11 bis 4 Uhr sämt­liche Eesaiäfte. Restaurants. Kinos usw. geschlossen bleiben. Auch aller Verkehr einschliesslich des Kleinradverkehrs muhte, ruhen. Nach einer zweiten Verordnung ist vom 3. .Juli bis 13. ^uli, von abends 5 llhr bis morgens 9 Uhr. i c 5 e r Automobilverkehr einschließlich des Verkehrs mit Motorrädern im Stadt- und Landkreis Aachen verboten. Im Gebiet der Stadt Velbert ist während derselben Zeit der Futzgängerverkehr verboten, außer für Ärzte. Für Arbeiter wahrend des Schichtwechsels,ist ein Verbot nicht angegeben.

Die Verkehrsfpsrre im englisch-besetzten Gebiet.

Köln, 3. Juli. Wie uns von zuständiger Seite mit- getkilt wird. werdM während der vierzehntägisen Vsr- kebrssperre Geleitscheine von den britischM Besatzungs­behörden zu Reffen vom besetzten nach dem unbesetzten Ge­biet und umgekehrt nur ganz ausnahmsweise bei Norliegen wichtiger Gründe (dringende Fcnnilienangehgen- heitm. unauffchiebbare Angelten beiten der Lebensmittel­versorgung usw.) ausgestellt.

Auch der Brückenkopf Kehl abgefperrt.

Paris, 3. Juki. Wie die Sivasagentur in einem Tele­gramm aus Strasburg reststellt, bezieht sich die M- sperrung des besetzten Eebrets 00m wicht besetzten DmÄck- land auch auf den B r ü ck e n k o v f K e h l. Die franMscher Geschäftsleute werden des-halb aufgefordett. wenn st< Waren bis an die Grenze dets besetzten Gebiets bsgleiter lasten wollM. stch an die Handelskammer von StraWnrg zu wenden, um dort alle erfor-derlichen- Auskünfte über die deut­schen Emtpfänger m geben. Me Handelskammer werde als­dann die Ausfuhrtgenehmmunig vom Delegierten der Rbeinb schen Oberkommission in Kehl Äbernfftte-ln.

für

Ein Aufruf de» hessischen Landeskommisiars das besetzte Gebitt.

Mainz, 3. Juli. Der bestische Landeskommissar für das besetzte Gebiet. Eeheimrat Dr. ll s i n g e r. erlich folgenden Aufruf cm die Bevölkerung des besetzten hestilschen Ge­bietes :

In der letzten 3«üt sind mehrfache Gewaltakte gegen die Schienenstränge und gegen Eksenbahnzüge im besetzten hestischen Gebiet begangen ioorden. Die Folge war iedesmal eine schwere Schädigung des öffent­lichen Lebens. Denn die Besatzungsbehörden sahen sich veranlagt, uns Beschränkungen aufzuerlegen, die daa Verkehr auf das äuHerste erschweren. Jedermann mutz Taten vermteilen. deren einzige ernstliche Wttkung Leiden sind, die die gesamte Bevölkerung ertragen must. Mit Zustimmung der Landesresierung und. wie ich weih mit einmütiger Billigung aller besonnenen Elemente in der Einwohnerschaft werde ich allen Versuchen, gewalt­same Angriffe gegen die Dahn zu unternehmen, entgegen­treten. Die Verwaltungs- und Polizeibehörden erhalten entsprechende Weisung. An die Bevölkerung dieses Landes aber ergebt der Ruf. nach Kräften mtt verhüten zu helfen, datz unbesonnene Elemente Handlungen ver­üben. die uns allen zum ernsten Nachteil, dem Reiche, unserem Lande und unserer Sache aber keinesfalls zum Vorteil gereichen müsten. Jeder möge daher daraus achten, datz Vorbereitungen zu Anschlägen, die zu seiner Kenntnis kommen den Polizeibehörden ungesäumt an- gezeigt. datz Verdächtige sofort gemeldet werden. Rur. wenn alle Mitwirken, dinwit die Sicherheit und die Ordnung wicht notleide, können wir die unabsehbaren Folgen weiterer Eewalttätigkttten von uns ablenken.

2 Millionen Belohnung.

Mainz. 3. Juli. Die hiesige Staatsanwaltschaft hat auf die Ermittelung der Tater, die den Bombenanschlag am Mainzer Eisenbabnitunnel verübten, eine Belohnung non 2 Millionen Mark ausgefetzt.

Die Blockstelle Rebstock besetzte

Frankfurt a. M.. 3. Juli. Heute haben die Franzose,, die Blockstelle Rebstock auf der Cttecke Frankfurt-Höchst besetzt. Auttzerdem haben sie die Bahnhofsgebäude von Camberg bis Eschhofen enffchlietzlick (bis jetzt) nack wicht zum besetzten GeLiet gehörig) besichttgt und erklätt datz die Wohnungen und Gebäude beschlagnahmt würden falls die Beamten wicht bei der Regte Dienst tun. was ver­weigert wurde.

Ktttwig geräumt.

Esten. 3. Juli. Die Stadt Kettwig ist am 30. Juni von den Franz-oien vollständig geräumt worden.

Der Eisenbahnverkehr zwischen Essen-Nord und Vorbeck konnte wach kurzer llntttbrechung wieder aufgenommen werden. — Wie verlautet, ist der Zugverketzt wach Vohwinkel stillgelegt worden.