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Nr 148.

Donnerstag, 28. Juni 1923.

71. Jahrgang.

Ile kMttWiWe wwmg.

Nach einer Reuter-Meldung sind die vorbereitenden Besprechungen über eine russisch-japanische Verständi gung soweit gediehen, daß die offiziellen Verhandlung gen in Kürze beginnen können. Der Umstand, daß auf japanischer Seite Toschihiko Kavakami, der ehemalige japanische Gesandte in Warschau, mit der Führung dieser Verhandlungen betraut worden ist, läßt erkennen, daß die maßgebenden Kreise in Tokio sie in einem einenErfolg verbürgenden freundschaftlichen Sinne abgewickelt sehen wollen. Kavakami hat auf der Heimreise ausreichend Gelegenheit gefunden, üch über die gegenwärtige Lage in Sowjetrußland zu orien­tieren und die Beobachtungen, die er dabei machte, kürzlich in einer in derOsaka Mainitschi" erschienenen Artikelserie niedergelegt. Nach seiner Auffassung ist die Sowjetregierung endgültig vomrevolutionären" zumkonstruktiven" Prinzip übergegange'n und hat das neue Rußland schon ans genügend feste Grund­lagen zu stellen gewußt. Aus den zwischen Kavakami urä> dem Vertreter Sowjetußlands in Japan, Joffe, stattgehabten Vorbesprechungen treten die Hauptricht­linien für eine russisch-japanische Verständigung deut­lich in Erscheinung. Japan wünscht die Nordhälfte von Sachalin käuflich zu erwerben. Rußland ist grund­sätzlich damit einverstanden. Sollte eine Verständigung über den Preis Rußland forderte bisher tausend Millionen Eoldrubel (= 100 Millionen Pfund Ster ling) nicht zu erzielen sein, so ist in Ausficht ge­nommen, die Hilfsquellen dieses Gebietes durch ein russisch-japanisches Syndikat zu entwickeln und gemein­schaftlich zu verwerten.

Hinsichtlich der Anerkennung zaristischer Verträge und finanziellen Verpflichtungen, sowie der Rechte Fremder, insbesondere in bezug auf privatesEigentum, weichen die Auffaffungen der beiderseitigen Regierun­gen noch in wesenttichenPunkten voneinander ab. Ruß land schlägt vor. die Regelung dieser Fragen bis zur Einleitung von Verhandlungen mit allenAlliierten" zu vertagen In bezug auf die Niedermetzslung von Russen in Nikolajewsk in der Zeit der japanischen .Besetzung von Teilen Oftstbiriens regt die russische Re­gierung die Anerkennung gegenseitiger Verantwort­lichkeit unter Verzicht auf die Erfüllung von Forde­rungen und Gegenforderungen an. Die Sowjetregie­rung hat nicht die Absicht, Japan zu drängen, sie de facto oder de jure anzuerkennen, sondern ist be­reit, in dieser Hinsicht die Ergebnisse der einzuleiten- den Verhandlungen mit den anderenalliierten" Re­gierungen abzuwarten. Sie will sich mit einem bin­denden russisch-javanischen Abkommen begnügen, aus dem strittig bleibende Fragen ausgeschaltet werden und einer späteren Regelung Vorbehalten bleiben sollen.

Auch der Korrespondent derTimes" in Tokio meldet seinem Blatte, daß die vorherrschende Stim­mung in Japan einer Verständigung mit Rußland durchaus günstig sei. Die weltpolitische Tragweite einer solchen Annäherung erbellt ohne weiteres aus der allgemeinen politischen Lage im Fernen Osten. Offenbar sucht Japan in freundschaftlichenVeziehungen zu Sowjetrußland eine Rückendeckung für die geplante aktivere Politik gegenüber China, die leicht zu sehr gespannten Beziehungen zwischen Japan und den angelsächsischen Mächten führen kann. Die Wirkungen der britisch-amerikanischen japanfeindlichen Propa­ganda machen sich augenblicklich durch den von der chinesischen Kaufmannschaft über japanische Waren verhängten Bovkott in einer Weise bemerkbar, die in Japan nur dazu fiibren kann, die einer Wiederauf­nahme der 1907 unter amerikanisch-englischem Drucke fallen gelassenen imperialistischen Festlandspolitik günstige Strömung zu stärken. Der Beschluß der Lon­doner Regierung, Singapur zum Hauptstiitzpunkt der britischen Flotte zu machen, wird durch diese sich vor­bereitende Wendung in der japanischen Außenpolitik "rst in die richtige Beleuchtung gerückt. Eine Ver­legung des Schwerpunkts der britischen Seemacht nach dem Fernen Osten muß freilich dem Foreign Office auch deswegen gehoten erscheinen, als man sich in Washington in fernöstlichen Fragen in einem dem britischen Imperialismus wenig günstigen Sinne neu

orientieren droht. Seit Wochen ist ein gewisses Abrii^en der amerikanischen Diplomatie von China und ibre Neigung, sich mit Japan über eine ge- mein^me Politik 'auf dem asiatischen Festlande zu verständigen, bemerkbar. Wie sehr alle.drese die nächste Cntwickluna der Dinge im Fernen Osten bestimmenden Vorgänge "auch die europäische Politik beeinflussen können, ersieht man deutlich aus einer englischen Mel­dung. wonach die französische Divlomatie in Tokio und überhaupt in japanischen Kreisen eine auffallend lege Tätigkeit entfalte, wobei nicht ersichtlich ser, ob

l ker M für üit MeüerMrM« Ms Nietens.

Probleme beziehe. Es liegt nahe, anzunehmen, daß

die französische Regierung ihre Position in der' Ruhr frage zu verbessern sucht, indem sie England in der ganzen Welt solange Ungelegenheiten bereitet, wie es einer Lösung nach ihrem Herzen widerstrebt. An­dererseits muß in England das Bedürfnis, Europa durch eine möglichst vernünftige Lösung der Ruhrfrage und der Reparationsfrage zu beruhigen, in dem Maße wachsen, wie der Zeitpunkt näher zu rücken scheint, wo sich die englische Hauptflotte zur Wahrung überseeischer Interessen von den europäischen Gewässern sernhalten muß!

London, 27. Juni. Nach einerTimes"-Meldung aus Tokio beginnen morgen dort die Verhandlungen über die Anerkennung Rußlands und den Zusammentritt einer offiziellen Konferenz beider Staaten.

Die Ausführungsbestimmungen zur Devisenverordnung.

Berlin, 27. Juni. Der Reichswirtschafts- m i n r >t e r hat am 26. Juni folgende Äusjiibrungsbestim- mungen zur letzten Devisenverordnung erlassen:

.8 1- In Fällen, in denen für ausländiicbe Zahlungs­mittel amtlicke Kurse nickt notiert werden, können cm Bedarfsfälle in der Presse regelmäßig Preise veröfsent- nckt werden, die von einem Ausschuß der Berliner Bedlrgungsaemöinsckaft für den Mertoapierverkehr er­mittelt werden. Diese Preise treten für Geschäfte in solchen Zahlungsmitteln an die Stelle der amtlichen Kurse im Sinne des 8 1 der Verordnung des Reichspräsidenten vom 22 . jjmi' 1923. Die veröffentlichten Preise gelten bei Abschluyen in diesen Zahlungsmitteln als Höchst- und Mindestpreise.

§ 2j Ausländische Banknoten. Sorten und Papiergeld können auch über den in 8 1 der Verordnung des Reichs­präsidenten festgesetzten Hächstbetrag hinaus von Devisen­banken und Wechselstuben zu einem Preis unterhalb der lebten amtlichen Kurse oder der nach 8 1 ermittelten Preise erworben werden.

8 3. Die Vorschriften der Verordnung finden auf Ge­schäfte. die mit der DevisenbeschaffungEelle abgeschlossen werden, keine Anwendung. »

Eine Mahnung des Reichswirtschaftsministers.

Bellin. '.7. Juni. Der Reichswirtschaftsminister hat an den R e - ch s o e r b a n d der deutschen I n d u st r i e. den Zeutralverband des deutschen Großhandels, den Reichs- Verband des Deutschen Ein- und Ausfuhrhandels und den Deutschen Industrie- und Handelstag folgenden Mahnruf gerichtet:

Die Devisenvolitik der Reichsregierung kann nur dann Erfolg haben, wenn Industriebetriebe und Handels- i prmen sich bei ihren Anforderungen an den Devisenmarkt,, insbesondere zwecks Ankaufs von ausländiscken Rohstoffen' 1 und Waren, die allergrößte Einschränkung auserlesen In üen. Erörterungen, über unsere Devisenlage kehrt immerdie Behauptung wieder, daß sowohl die Roh- uofie und Warenlager als auch die Devisenbestände bei Firmen über das unbedingt erforderliche Maß hinaus­gehen Solche Bestände jetzt für unsere Währungswirt- ckaft nutzbar zu machen, ist vaterländische Pflicht ange­sichts der schweren Gekahr. die Reich und Wirtschaft be­droht, wenn dem Verfall der Währung nicht Einhalt ge­boten wird, ^ch richte an alle Kreise der deutschen Wirt­schaf. das dringende Ersuchen, die Reichsregierung nicht nur durch peinliche Befolgung der von ihr erlassenen Vor- jchsNten., sondern auch durch freiwillige verständnisvolle Mitarbeit zu unterstützen. Die Wirtsckaftskreise werden sich bei allen Eeschaftsmagnahmen. welche irgend welchen Einfluß auf den Stand der Mark ausüben können. Recken- ichaft darüber ablegen müssen, ob ibre Geschäfte sachlich und zeitlich von solcher Dringlichkeit and, daß ihre Durch- ruhrung im gegenwärtigen Zeitpunkt der Währungsnot gegenüber der deutschen Eemeinwirtschaft verantwortet werden kann. Ich wurde es mit Dank anerkennen, wenn

K" Mbenden Spitzenverbände auf ihre Mitglieder mrt Nachdruck in diesem Sinne einwirken würden.

Das Veto der Rhcinlandkommission.

, , KEeK 28. Juni. Die Rh ein l andk om m isfion bat die Anwendung der Verordnung des Reiches vom 22. Sun» über den Devisenverkcbr nicht genehmigt.

Die Auswirkung der Verordnung.

Berlin. 28. Juni. Über die Lösung der Schwierigkeiten

gleichreltlgen Devisennotierung zwi- schen Berlin und Frankfurt te-lt dieB. Z." mit. me.-Besprechungen frankfurter F-uanzkreise mit der Reichs- bank hatten ergeben, daß der Frankfurter offizielle Devisen­verkehr m Anpassung an die Berliner Notierungen zunächst ?revlforM derart geigelt wird, daß Nachfrage und Ange- Je Frantfnrter Platzes nach Berlin gemeldet und von der Re-chsbank zum Berliner Kurs durch bestimmte Bank- bam-r. ^nach ,den, einzelnen Valuten verteilt, ausgeaeben h, X rtr Ä? ?E«soll eme besondere Stelle für den F ran k- werden welche im Einverständnis mit der Reichsbank den Ausgleich zu den Berliner Kurs- parnebmen wird Entsprechende Beratungen über die techmfche Seite dieser Frage sollen heute folgen.

Protest der Kölner Handelskammer.

l * ? u, i i -sDi* Kölner Handelskammer hat einen

in ei 9£0en Devisen Verordnung

1sregierung gerichtet und erklärt, daß die nr?/",Abstimmungen den Devilenverkebr in Köln außer­ordentlich erschwerten, wenn nicht unterbänden.

Rom» 27. Juni. Der Papst hat an den Kardinal- ktaatssekretär Easparri ein Schreiben gerichtet, in dem er auf seine wiederholten, seit Beginn seines Pontifikats für die R u h e E u r o p a s und das Heil der Nationen unternommenen Versuche hinweist, den wahren Frieden und das Einvernehmen unter den Staaten wiederherzustellen. Die internatio­nalen Beziehungen hätten sich jedoch nicht nur nicht gebessert, sondern vielmehr verschlechtert, derart, daß sie zu den ernstesten Besorgnissen Anlaß gäben. Der Papst hebt hervor, daß er gegenüber dieser Lage nicht gleichgültig bleiben könne. Er müsse von jeder Ge­legenheit Gebrauch machen, die sich ihm biete, um die Wiederherstellung des Friedens zu er­wirken^ Deshalb halte er es für seine Pflicht, daran' nurzuwirken, daß von den am meisten an dem Ruhr­ton flikt beteiligten Mächten neue Vorschläge und

neue diplomatisch« Verhandlungen

vorbereitet würden. Um eine freundschaftliche Lösung für Mitteleuropa und die infolgedessen unvermeidbar für alle Nationen sich ergebenden Fragen zu finden, werde er seine unparteiische und wohlmeinende Stimme erheben. Im Bewußtsein der schweren Verantwort­lichkeit, die ihm und allen denen zufalle, die in ihren Händen die Geschicke der Völker halten, richte er an diese die inständige Bitte, alle Fragen, vor allem die Frage der Reparationen,

im Geiste des Christentums noch einmal zu prüfen und die Frage der Gerechtigkeit nicht von derjenigen der Barmherzigket zu scheiden,' auf der das Leben der Völker beruhe. Wenn in der Ab­sicht, die schweren Schäden, die der Bevölkerung ehe­mals blühenden Landes zugefügt worden seien, wieder- herzustellen, der Schuldner den Beweis des guten Millens zubillige und, um zu einer endgültigen Ver­ständigung W gelangen,

ein unparteiisches Urteil

über die Grenze seiner Zahlungsfähigkeit anrufe, in­dem er alles zu einer genauen Kontrolle zusichere, ver­lange es die Gerechtigkeit und Nächstenliebe, gleichwie das Interesse des Gläubigers selbst und aller der Zwistigkeiten müden und sich nach Ruhe sehnenden Völ­ker, daß von dem Schuldner nicht verlangt würde, was er nicht leisten könnte, ohne sein Produktions-Vermögen bis zu seiner völligen Vernichtung und zur Vernichtung seines Gläubigers selbst zu erschöpfen, nicht zu reden von der Gefahr, daß

ein sozialer Umsturz

den drohenden Ruin ganz Europas und. eine ständige Gefahr noch verderblicherer Verwickelungen wäre. Es sei gerecht, daß der Gläubiger seinen For­derungen entsprechend eine Bürgschaft verlange. In­dessen sei es ihm nun überlassen, zu prüfen, ob es tat­sächlich notwendig sei, unter allen Umständen die Be­setzung von Gebieten aufrechtzuerhalten, die für das besetzte Land und für die besetzenden Völker mit großen Opfern verbunden sei, oder ob es nicht besser wäre, die Besetzung durch schrittweise einzuführende andere Bürgschaften zu ersetzen, die nicht weniger wirksam und sicherlich weniger schmerzlich wären. Wenn die beiden Parteien sich auf dieser Grundlage einigten, würde die Besetzung von Gebieten beendet und nach und nach gänzlich aufgehoben werden, dann könnte endlich der wirkliche Friede zwischen den Völkern wiederhergestellt werden, der gleichzeitig die Vorbedin­gung sei für x

eine wirtschaftliche Wiederherstellung, die von allen Seiten dringend gewünscht werde. Die Wiederherstellung des Friedens und die wirtschaftliche Miederaufrichtung seien für alle Nationen, die sieg­reichen und die besiegten, gleich große Güter, so daß, um sie zu erlangen, kein Opfer zu schwer sein sollte.

Päpstliche Spenden.

Köln. 27. Juni. Der päpstliche Legat Msgr. Testa überreichte, nach derKölnischen Zeitung", dem Kaplan Dr. Blank in Hattingen eine Spende von 500 000 Lire zu Wohltätigkeitszwecken. Nach dem gegenwärti­gen Devifenstand beträgt diese Schenkung über z w e i Milliarden Mark.

Nach dem gleichen Blatt ließ der Papst dem Rektor der Universität München durch den Nuntius Pacelli 50 000 Lire für die Studentenhilfe überreichen.

8 Milliarden in Mainz beschlagnahmt. .

Mainz, 27. Juni. Die Besatzungsbehörde beschlag­nahmte eine zur Auszahlung an streikende Eisen- babner bestimmte Summe in Höhe von 8 Milliarden M.