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Rheinga« 2186.
Nr. 142.
Donnerstag, 21. Juni 1923.
Wertbeständige Löhne.
Das rapide Steigen des Dollars und der anscheinend Vmufhnltsame SchBrmrd der Papiermark haben eine neue, gewaltige Teuerungswelle über uns gebracht, und in dem Wettrennen Mischen den Preisen auf der einen und den Löhnen und Gehältern auf der anderen Seite drohen die letzteren völlig zu unterliegen. Werden doch alle Lohn- und Gehaltsvereinbarungen durch das sprunghafte Anziehen der Preise, besonders auf dem Lebensmittelmarkt, schon bald nach ihrem Inkrafttreten hinfällig gemacht. In den Kreisen der Arbeiter und Festbesoldeten macht sich infolgrdeffen eine wachsende Unruhe bemerkbar, die auch bereits zu positiven Schritten geführt hat.
Zwischen dem Reichsarbeitsminister und den Vertretern der Gewerkschaften haben verfchiederie Besprechungen stattgefuniden, bei denen neben derFrage der Hilfe für Sozialrentner und Erwerbslose vor allem die der Schaffung eines Mindestlohnes bezw. eines wertbeständigen Lohnes erörtert wurde. Die Vorschläge der Gewerkschaften gingen dahin, daß der Reichsindex reformiert werden und ein Mindestreal- lvhn für einen Vollarbeiter über 21 Jahre festgesetzt werden soll, während für Frauen und Jugendliche entsprechende Abschläge eintreten würden. Bei den Änderungen desExistenzminimums sollen diellnternehmer gesetzlich verpflichtet werden, den Lohn entsprechend ab- zuändern. Die Reichsregierung hat sich in einem Schreiben an die Eewerkschaftskommisfion bereit erklärt, diesen Fragen näherzutreten.
. Die Forderung nach dem wertbeständigen Lohn ist keineswegs neu, aber sie ist durch das ungeheuerliche Sinken der Papiermark wieder nn höchsten Mähe aktuell geworden, denn das Schicksal der Festbesoldeten zwingt dazu, nach einer besseren Formel für die Lohn- und Gehaltsregulierung zu suchen, als sie bisher ge- gebm worden war. Run hat man freilich in Österreich nut der sogenannten gleitenden Lohn- und Eehalts- stala, worunter ein System zu verstehen ist, bei dem sich der Lohn in kürzeren Zeiträumen automatisch den srrelsverhältnissen anpatzt, ungünstige Erfahrungen gemacht. Das mag jedoch auch daran liegen, daß man die Sache am falschen Ende anfatzte, dah man vor allem zu schematisch vorging. Der Vorschlag, der jetzt von den Gewerkschaftlern in die Debatte geworfen wurde, ist schon früher in ähnlicher Form von nam- ycrsten Wirtschaftspolitikern gemacht worden. Er geht damn, die prozentuale Anpassung nicht nach dem in- mviduellen Einkommen vorzunehmen, sondern sie zu ernem fixierten Mindestunterhaltsbetrag in Beziehung S» fetzen. Gehälter und Löhne sollen in zwei Teile worden, in den Grundlohn und den Teuerungs- Uschlag. Der letztere soll automatisch nach der gleitenden Lohnskala bemessen werden: so daß man auf diese useise zu einem variablen Existenz Minimum kommen wurde.
über die Formen und die Einzelheiten dieses vnstems gehen die Meinungen noch weit auseinander. jn den Kreisen der Arbeitnehmer ist die Überzeugung allgemein, dass irgendeine Anpassung an die Jnder- Mr unumgänglich ist, während die Arbeitgeber bisher eingewendet haben, daß ein solches Verfahren das .vmaufschnellen der Preise begünstigen würde. Auch 'v den Kreisen der Gewerkschaften hat man sich bis vor emger Zeit noch ablehnend gegen die gleitende Lohnes verhalten. Jetzt ist indessen ein völliger Strm- MUngsumschwung erfolgt, und auch in weiten Kreisen
Arbeitgeber beginnt man nachgerade einzusehen.
^ - die sich bei dem bisherigen System ergebenden Momschesl Lohnkämpfe eine dauernde Beunruhigung
Wirtschaft darstellen.
- Jedenfalls ist die ernstliche und unverzügliche Er- ö?erung dieser Frage dringend geboten, wobei man N "ber völlig darüber klar ist, dass die vom Statisti- fhH Neichsamt ausgestellte Indexziffer völlig versagt M und dringend reformbedürftig ist. Wenn der «ex für Mai mit dem 3816fachen des Friedenspreises tirfi et wurde, so liegt das weit hinter der tatsäch- qen Entwicklung zurück und beruht auf einer allzu AMssen Einschätzung des Lebensbedarfs. Freilich are es ebenso verfehlt, an die Stelle dieses Index gl'?er Großhandelspreise zu setzen, der eine auf einer vi-t- nismätzig kleinen Zahl von Börsennotierungen M ausländischer Rohstoffe basierende Durch- MMsberechnung darstellt und über den Gradmesser vor ^"^^skhnittsteuerung hinausgeht. Es wird daher
sende Unzufriedenheit in den Kreisen der Arbeiter und Angestellten ist eine ernstliche und dringende Betreibung dieser Angelegenheit dringend erforderlich?
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Berlin, 21. Juni. Dem „Vorwärts" zufolge hatten Lastern Vertreter des Allgemeinen Deutschen Eewcrk- schaftsbundes eine Besprechung mit der Reichsregierung über die Einführung wertbeständiger Lohn e. Am Freitag werden alle Spitzenorganisa- nonen der Gewerkschaften zur Ausarbeitung eines e i n- h e i t l i ch e n B o r s ch l a g e s zusammentreten. — Der bisherige Meinungsaustausch zwischen der Regierung und den Gewerkschaften hat, wie das „B. T." schreibt, insofern zu einer Verständigung geführt, als ein fester Grundlohn gezahlt werden soll, zu dem em beweglicher Teuerungszuschlag kommen soll, der sich nach dem neu aufgestellten Lebensmittelindex richtet.
SSMe laMmen gegen einen melieren morigntj.
Verbot des freien Devifenhandels?
Berlin, 21. Juni. Unter dem Vorsitz des Reichswirtschaftsministers fand gestern nachmittag eme Konferenz von Wirtschaftssachverständigen statt, die sich mit den gegen einen weiteren Marksturz zu ergreifenden Matznahmen beschäftigte. Außer dem Reichswirtschaftsminister nahmen an der Konferenz der Wiederaufbauminister, mehrere Vankenaertreter, führende Industrielle und Mitglieder des Reichsbank- direktoriums sowie verschiedener Handelskammern uiid andere hervorragende Persönlichkeiten des Wirtschaftslebens teil. Die Konferenz war von der Regierung einberufen worden, um die Gutachten maßgebender Vertreter der Wirtschaft zu Horen. Wenn die Besprechungen gestern auch noch zu keinem abschließenden Ergebnis geführt haben, so besteht doch kein Zweifel darüber, daß diesmal ganz besonders einschneidende und scharfe Maßnahmen ergriffen werden sollen, um d" Auswüchse cm der Börse zu verhindern. Dem ,,V. T. zufolge kann mit einem Verbot des freien Devisenhandels gerechnet werden. Die Beratungen sollen heute fortgesetzt werden.
Berlin» 20. Juni. Die Besprechungen des Reichskanzlers mit Vertretern der Berliner Fin-anzwelt über die Maßnahmen gegen einen weiteren Marksturz sind nn,Laufe des heutigen Tages fortgesetzt worden. Die Besprechungen zeigten bisher, daß man sich einig darüber ist, daß unbedingt Maßnahmen ergriffen werden müssen, um weitere unsinnigeSteigerungen der Devisenkurse zu verhindern. Von seiten der Bankiers wurden mehrere Vorschläge in dieser Beziehung gemacht. Im Vordergrund der Erwägungen soll eine Maßnahme stehen, deren Berwirklichuny auf ein Verbot des gesamten Devisenhandels außerhalb der Stunden der amtlichen Kursfestsetzung hinauslaufen würde. Eine solche Maßnahme würde in der Praxis ungefähr emer D ev if en z e n t r a li si er u n g gleschkommen, ohne ^aber die ungeheure Organifation einer Devisenzentrale zu beanspruchen. Bon anderer Seite verlautet auch, daß bei den heutigen Beratungen die Frage erörtert wurde, ob nicht zur Unterstützung der Maßnahmen gegen den Marksturz eine zweite Dollarschatzanleihe aufgelegt werden könne. Auch dre Frage der Umstellung der Kreditqebung der Reichsbank auf Eoldbasis wurde erörtert.
Die Beamtenbezüge.
Berlin. 20. Juni. Der Saushaltsausschuß des Reichs- tags.senebmmte n> feiner heutigen Sitzung die neuen Zu- den Bezügen der Staatsarbeiter und -beamten. Mir d e Beamten wird der Teuerungszuschlag statt 2900 vom L':.2uni ab 6000 Prozent betragen. Zu den Kinderznlagen tritt der Teuer,mgszuschlag hinzu De: Frau enrufchlag ist verdovvelt worden. Der Saushaltsan-sschuß ermächtigte die Regierung zur Auszahlung der Bezüge Ferner aenek,- migte der Ausschuß einen Antrag, wonach die Zahlmiaen
an die Sozialrentner und oTtDftli&ctv mit Wirkung t)ont 1. 5>uli ctB nctbreifctcfj’t toßTb^n.
w rt “Huubieuetumj ginuuswujt. vs* wrro oayer Sin««- fien ’ Methode der Jndexberechnung des ^"Fischen Reichsamtes einer gründlichen zeitgemäßen » u unterziehen und vor allem für eine Fest- in geringeren Zeitperioden als der monatlichen tot 6 für eine wesentlich schnelle Veröffentlichung '°tgen. Schon mit Rücksicht auf die bedrohlich wach-
Die Arbeitslosigkeit in Deutschland.
Berlin. 20. Juni. Nach einer Übersicht des .B. X.“ über die Arbeitslosigkeit in Deutschland hat der Ruhr- einmarsch außerordentlich verschärfend auf die Erwerbs- losiskeit eingewirkt. Aus einer Statistik, die in 300 deutschen Städten ausgestellt worden ist. ergibt sich, daß man am 17. Februar 95 239. am 7. April 161 535. am 5. Mai 312 559 und am 2. Juni 197 690 Arbeitslose zählte. Die Gesamtzahl der gegenwäriig in Deutschland Erwerbslosen beträgt etwa eine halbe Million. Die stärk st e Arbeitslosigkeit herrscht in der Gegend rundum das besetzte Gebiet, da sich hier die durch den Rubreinmarsch hervorgerufenen Absatz- und Robitvistchwier igke iten bemerkbar « 0 ^
1 sie rinffüe Wim des Siemens BaiMn.
Paris, 20. Juni. Ern Londoner Mitarbeiter der Nouvelle" glaubt die künftige Politik des Kabi- netts Baldwin in folgende drei Leitsätze zusammen- fasson zu können:
1. Keine englische Regierung könne die vorgeschlagene Politik über die Besetzung des Ruhc- gebistes gutheißen.
2. Eine Billigung der Ruhrpolitik oder eine Demarche bei der deutschen Regierung, um mit ihr die Einstellung des passiven W i d e r st a n - des durchzuführen, sei glatt unmöglich. Viel wahrscheinlicher sei es, daß die englische Regierung als Preis einer Verständigung die R ü ck- kehr zur unsichtbaren Besetzung fordern werde.
3. Baldwin werde alles Erdenkliche einer Verständigung zuliebe tun und zugroßenfinan- ziellen Opfern bereit sein.
London, 20. Juni. Dem Parlamentsberichterstatter m - «Daily Expreß" zufolge hat Premierminister Baldwin gegenüber Vertretern der Arbeiterpartei und des Bergarbeiterverbandes, die ihn gestern unter Führung Ramfay MacDonalds aufgesucht hatten, um mit ihm die Frage der Kohlenindustrie zu erörtern, folgende Erklärung abgegeben: Von grundlegender Wichtigkeit ist augenblicklich in Europa, daß eine Regelung in der Ruhrfrage erfolgt, soweit ein Mensch irgend etwas tun kann,' mache ich meine äußersten Anstrengungen,- um sie zustandezubringen. Die Lage im Ruhrgebiet berührt die industrielle Lage Englands nachteilig. Je eher sie geregelt wird, um so besser ist es.
^^ Laut „Times", die ebenso wenig wie die übrigen Blatter obige Meldung des „Daily Expreß" enthalten, wurde mit Bezug auf die Zusammenkunft größte Verschwiegenheit gewahrt. Die Abordnung wurde ersucht keinerlei Bericht über die Unterredung zu geben.
Der Meinungsaustausch zwischen Paris und Brussel.
Paris, 20. Juni. Der belgische Botschafter hatte heute vormittag eine Besprechung mit dem Direktor am Quai d'Orsay, PerettidelaRocca. nnt dem er übrigens, wie Havas mitteilt, bereits vorher fast täglich Unterredungen über die auf die letzten deutschen Vorschläge zu erteilende Antwort * Havas bezeichnet es als unzutreffend, daß der belgische Botschafter am Quai d'Orsay ein zur Beant- wortung des englischen Fragebogens bestimmtes Memorandum ferner Regierung überreicht habe. Der Meinungsaustausch zwischen Paris und Brüssel vollziehe sich mündlich. Durch diese offenbar halbamtliche Mitteilung wird die heute vormittag vom Brüsseler Korrespondenten der PariserMorgenblätter verbreitete Nachricht, der zurückgetptene Außenminister Ja spar habe bereits Stellung zu dem englischen Memorandum genommen, dementiert.
Frankreichs Programm.
s c. ~ ar * s j 20. Juni. Im ..Echo de Paris" schreibt Pertinax. »5^Frankreich angeblich ein Programm von zehn fc: un w'rf n über die oragcn ausgestellt bat. worin die st? u st fiiun g des passiven Ws d e r st a n d e s be- stehe. Das Programm sei aber inzwuchen abgeändert worden Frankreich betrachte es als befriedigende, wenn alle Ordonnanzen zurückgezogen würden, die seit dem 11. Januar von Berlin aus an die deutschen Beamten des besetzten Ge- k-Ö? 5 gerichtet wurden. Diese Zurückziehung dürfe aber mcbt nur,,eine Formsache sein, sondern müsse sich durch d-e Saltunssanderung der Beamten auf Seiden Seiten des äußerlich erkennbar machen Insbesondere müßten auch die Staatskrexite an dre Privatrndustrie sowie die Be- ffÄ an die Arbeitslosen eingestellt werden.
^ die Ruck:ehr zu. der, unsichtbaren Besetzung anbetreffe, so bestehe m dieser Beziehung ein Mißverstand ^.nd..-^??Ere!ch werde seinen gegenwärtigen Besetzungs-
Deutschland Zahlungen für d-e Reparationen geleistet haben werde. Zwischen Framk- m? I^ l a n.d bestehe gegenwärtig noch ein
'J? u n äs u n t er sch l ed In England glaube ma«. daß dre Ruhr für Frankreich eine bloße Prestigefraae geworden sei und daß Frankreich nur den äußeren Schein zu wahren.suche und im Grunde genommen glücklich wäre, die Ruhr wieder verlassen zu können. Dies fei jedoch ein großer Irrtum Allem An!chem nach werde die Londoner Rea-e- rung sich mit der Ruhrvolitik erst versöhnen, wenn diese Polltik durch die vollzogene Tatsache de- deutschen Zu- - sammenbruchs endgültig sonktrorriert wovden sei.
Ein Anschlag auf die Mainzer Kaiserbrücke?
Frankfurt. 20. Juni. Wie der ,,Franks. Ztg." au- Mainz gemeldet wird, war auf dre Kaiserbrücke ein Attentat geolant. Der französische Bahnverkehr sollte dadurch unterbrochen werden, daß man den mittleren Brückenbogen sprengen wollte. Es sollen zwei Verhaftungen von Mainzer Leuten vorgenommen worden sein, die anaeb- lich um d,e Sache gewußt ha^n.
Aufhebung der Berkehrssperre in Hochheim.
... Ewchheim a. M.. 21. Juni. Wie wir erfahren, wird die über Hochheim wegen Sabotage an der Eisenbahn verbänste
Verkebreloerre beute abend u>ieder aUi.fg.eh0ben.
