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Nr. 141.

Mittwoch, 20. Juni 1923.

71. Jahrgang.

Die innere Gefahr.

Die Rückwirkung der völligen Vernichtung der deut­schen Währung mutz furchtbar sein. Es ist daher be­greiflich, datz sich der deutschen Lohnempfänger eine tiefgehende Aufregung bemächtigt hat. Sind sie doch in der Hauptsache diejenigen, die ganz und gar auf die Bezüge angewiesen sind, die sie in Papiermark erhal­ten. Die völlige Entwertung der Papiermark, die sich durch eine Verdoppelung des Dollarkurses innerhalb einer einzigen Woche auch dem volkswirtschaftlichen Laien sinnfällig ins Bewußtsein prägt, hat in der ge­samten Arbeitnehmerschaft alarmierend gewirkt. Die stimmen derjenigen, die den Ersatz der Papiermark­entlohnung durch eine feste Bezahlung, sei es in -Ge­stalt von Gold- oder Jndexlöhnen, fordern, sind ganz plötzlich zu einem Massenschrei geworden. Darin liegt zweifellos eine große Gefahr. Denn wenn die Massen in dieser Idee den einzigen sofort gangbaren Weg zu der Rettung vor einer Entwertung ihres Einkommens erblicken, besteht die Möglichkeit, datz sie durch den ge­waltigen Druck der öffentlichen Meinung übereilte Maßnahmen durchsetzen, die sich nachher als verfehlt erweisen. Die Stimmung der Arbeiterschaft, insbe­sondere in der Großindustrie, ist gegenwärtig außer­ordentlich alarmierend. Selbst ruhige und besonnene Gewerkschaftsführer rechnen mit der Möglichkeit, daß sich über ihre Köpfe hinweg die Arbeitermassen in rh-ror Nerzweiflung zu wilden Streiks und Unruhen aller Art verleiten lassen. Auch aus außenpolitischen Gründen muß es das Ziel der deutschen Regierung sein, das auf jeden Fall zu verhindern.

Eine innere Gefahr ist-» heute in Deutschland unbe­streitbar vorhanden. Aber sie kann gebannt werden wenn alle Parteien und alle Volkskreise, die das Reich erhalten wollen, sich rechtzeitig über die zu treffenden Maßnahmen verständigen. Die Gewerkschaften sind heute durchweg Gegner eines Streiks, sei es aus all­gemein-wirtschaftlichen und nationalen Gründen, sei es, weil ihre Streikkassen auch nur mit entwerteter Papiermark angefüllt sind. Es kommt also darauf an. me Stellung der Gewerffchaften den radikalen Kräften der Zerstörung gegenüber durch rechtzeitiges Entgegen­kommen gegen die berechtigten Wünsche der Arbeit­nehmer nach Möglichkeit zu stärken. Die Eewerkschaf- wn haben bereits einen derartigen Appell an die Reichsregierung gerichtet. Sie fordern die Zusage wertbeständiger Löhne und Gehälter. Ein so schwie­riges Problem kann natürlich nicht über Nacht gelöst werden Aber, man sollte schleunigst Maßnahmen treffen, durch die Beruhigung geschaffen und dem Aus­bruch innerer Unruhen sofort entgegengewirkt wird, ^can darf in die deutschen Jndustrieführer, die mit den Gewerffchaften in einer Arbeitsgemeinschaft stehen, das Pertrauen setzen, daß sie die Gefahr rechtzeitig er­kennen und sie durch geeignete Konzessionen zu besei- »gen wissen werden. Hier ist es notwendig, den großen Zusammenhang der Dinge zu sehen. Mir sind ein armes Volk geworden, aber innerhalb unserer Armut rann sehr wohl für Ausgleich und Gerechtigkeit gesorgt werden.

Der Parlamentarismus in Deutschland hat gewiß unter den unglückseligen allgemeinen Verhältnissen Seimen, aber es ist keine Frage, daß die Ausschaltung parteipolitischer Bestrebungen der Regierung in viel höherem Grade hätte Kraft und Autorität verleihen wnnen. Wir haben es oft genug erlebt, daß Parteien 7 Lande agitierten, als ob ihre Vertreter überhaupt Utchi in der Regierung säßen. Das ist. besonders in Zeiten wie den gegenwärtigen, ein unmöglicher Zu- nand- Insbesondere hat die parteipolitische Agitation uer _ schwierigen Situation des preußischen Innen­ministers Sooering in letzter Zeit sehr wenig Rech- nung getragen. Es ist anzunehmen daß sich' gerade "t den kommenden Wochen schwerer Rot die deutsch- uatwnalen Angriffe häufen werden. In trautem Ver­ein mit den Völkischen und Deutschnationalen werden ^ Kommunisten gegen die innere Ordnung Sturm

“‘Ufeit.

Frage des wertbeständigen Lohnes.

5 ?5?lin, 19. Juni. Über die Frage des wert­ast ändi gen Lohnes haben im Reichs-

^beitsministerium Besprechungen mit den ^b'^uorganisationen der Arbeitnehmer stattgefunden, -»bei ergab sich, daß sich die Absichten des Ministe- und die Vorschläge der Gewerkschaften ungefähr Ge» ^ gleichen Richtung bewegten. Verschiedene Fra- &". bedurften noch der Klärung sowohl seitens der »rung als auch seitens der Gewerffchaften. Mau

w.- aber, schon im Laufe der nächsten Woche in ge-

^p'nsam ~ •' ‘ ' —'

^'Nfanien Verhandlungen zu einer endgültigen d L e l u n g zu kommen.

AmmeWrWWNMliili der Rrtflstmnl? i Ae Semmrl« »es «We« Rum«.

Berlin, 19 . Juni. Der Reichskanzler Hane heute vormittag mit den maßgebenden Vertretern der Banken Besprechungen über die durch den neuen Mark- sturz geschaffene Lage. Rach dem bisherigen Verlauf der Verhandlungen dürfte die Börse allen Anlaß zur Vorsicht haben. Das Ziel der Besprechung, dessen Erreichung mit Sicherheit angenommen wird, besteht in durchgreifenden wirksamen Maß­nahmen zur Beeinflussung der Devisen- e n t w i ck l u n g. In dem mittags eingetretencn Rückschlag der Devisenkurse erscheint bereits das Reagieren der Baissespekulation auf die in Aussicht ge­nommenen Maßnahmen zum Ausdruck zu kommen. Die bevorstehenden Maßnahmen sollen diesmal nicht geeignet sein, der Spekulation das Kausen auf Vorrat ratsam erscheinen zu lassen. Dem „Vorwärts" zufolge soll die Ursache des augenblicklichen Rückganges der Devisenkurse eine neue Stützungsaktion der Reichsbank sein.

Berlin. 26. Juni. Wie der ..B. L.-A." meldet, wird beute nachmittag , eine neue Besprechung zwischen dem Reichswirtschaftsminister, den Banken und Wirtschaftsver­tretern stattfinden, in der über Maßnahmen zur Verhütung einer weiteren Markentwertung beraten werden soll.

London, 19. Juni. Der neue Marksturz beschäftigt auch die englische Presse. Die „Times" schreiben, daß die in den letzten 3 Tagen bemerkbare Flucht aller Geschäftsleute auf dem Kontinent in die eng­lische Währung gleichzeitig in Berlin, Brüssel, Paris und Warschau zu einem Z u s a m me n b r n ch der Währung geführt habe. In Londoner wirtschaft­lichen Kreisen wird erklärt, die englischen und ameri- kanischen Fmanzkreise hätten den Valutamarkt roll- standig der Spekulation überlassen, um den intransi­genten Pclrtikern kn der ganzen Welt zu zeigen, daß sie politische Gesichtspunkte bei der Lösung der Repara­tionsfrage vollständig auszuschalten hätten, wenn ver­mieden werden solle, daß eine praktische Lösung der Reparationsfrage durch eine fortgesetzte Entwertung der europäischen Währungen unmöglich werde.

Marksturz und Einführung einer rheinischen Währung.

Paris. 19. Juni. Der ..Jntransigeant" glaubt zu wissen, daß .gegenwärtig die Frage der Einführung einer rheinischen Goldwährung erneut geprüft werde. Man glaube, dag infolge des erheblichen Marksturzes der letzten Tage die Annahme der deutschen Währung aus den auslanulschen Platzen verweigert werden könnte. Frankreich habe sich schon die Unterstützung Englands gesichert, damit die rheinische Wahrung in Kraft gesetzt werde.

Die Untersuchung der früheren Aktion.

Berlin. 19 Juni. Der Untersuchungsausschuß des Reichstags für die Markstützungsaktion hatte für beute Direktor Wassermann von der Devisenabteilung oer Deutschen Bank. Bankdirektor Melchior (Hamburg! und dein Chefredakteur O e s e r von der „Frankfurter Ztg." als.Zeugen geladen. Direktor Wassermann schilderte zunächst die Vorgänge am Devisenmarkt während der Stützungsaktion in derselben Weise wie die bisherigen Sach­verständigen. Auf eine diesbezügliche Frage des Vorsitzen­den. Abg. Lange - Heg er mann (Zentr.). stellte Direktor Wassermann fest. daß. nachdem die Devisen­bestände der ReichsLank zu Ende waren, die Kaufaufträge geradezu phantastische Lummen ausmachten. Die Tatsache daß nach dem Zusammenbruch der Stützungsaktion eine so große Devisenmenge an den Markt kam. erklärte der Zeuge auf Befragen damit, daß die Banken nicht verpflichtet seien, die Devisen sofort nach Eingang an di- Reichsbank abzu- liefern. Den Beschluß der Etemveloereinigung. vom Handel >n Dollarschatzainveisungen 2 Prozent Provision zu erheben, erklärte der Zeuge dabrngehend. man habe durch die Er­schwerung des Bezugs von Dollarschatzanweisungen der Reichsbank mehr Devisen zuführen wollen. Der Sachver­ständige bestätigte, daß die Großbanken kein Interesse an der we'teren Markvi" schlechterung hätten, da sie selbst zum großen Teil auf Mark Lasiert seien. — Redakteur O e s e r von der „Franffurter Ztg. erklärte, er babe in einem Artikel zu den Vorgängen am 18. April darauf hingewiesen. daß von der Stinnesverwaltung für 106 000 Vfund Devisen ver­langt worden seien. Die Erklärung der „D. A. Z" wäh­rend der Stützungsaktion babe. die Firma Stinnes' übe>-- bauvt nicht gekauft, sei hinfällig, da er (Oeser) nur be­hauptet habe, schon vor dem, Sturz der Mark sei eine große Beunruhigung des Mafttes infolge starker Nachfrage außer­halb der Kontrolle der Reichsbank emgetreteu.

Die Erhöhung der Bezüge der Reichsarbeiter und Beamten.

Berlin. 19. Juni. Die gestrigen Verhandlungen im Re'chsflnan»m:nrstermm mit den Svrtzenorganifationen der Reichsarbeiter haben in später Nachtstunde »u einer Einigung geführt., In der Ortsklasse A sollen die Stun- denlöhne ohne Ortszulage für Handwerker 4560 M und kür ungelernte. Arbeiter 4272 M ab 15. Juni betragen. Die Betrag- für die lausende Woche kommen am Freitag zur Auszahlung. Der Höchstsatz für die Ortszulagen beträgt künftig 58 Prozent.

Die Verhandlungen mit den Soitzenorganifationen über die Erböhung der Bezüge der Beamten und Angestellten haben am Abend zu einer Verständigung geführt Der Teuerungszuschlag wird ab 16. Juni auf 6000 M erhöbt Die Frauenzulage beträgt in Zukunft 64 000 M.. die B e- j,atzu ngszu lage ist für alle Orte gleichmäßig auf'80000 Mark festgeletzt worden. - Die Auszahlung der Bezüge soll mit größter Beschleunigung erfolgen. »

- daris, 19. Juni. Nachdem die englische Regierung in P a r t s und Brüssel hat zum Ausdruck bringen Essen, daß sie Wert darauf lxge, die französische und belgische Antwort auf den englischen Fragebogen noch vpt der Kabincttssitzung zu erhalten, wird wahrschein­lich diese Antwort heute in London erfolgen. „Journöe industrielle" berichtet, daß die Beantwortung heute mündlich erfolgen würde, da infolge' der belgischen Regierungskrise sich die schriftliche Beantwortung ver­zögere. Das genannte, in der Regel gut unterrichtete Blatt fügt dieser Mitteilung die Bemerkung hinzu, es scheine, daß ein Ausgleich der französischen und der englischen Auffassung bevorstehe. Jedenfalls habe sich die Atmosphäre gebessert. Die letztere Überzeugung wird auch von anderen Morgenblättern ausgesprochen. Es wird dabei u. a. gesagt, daß Frankreich und Belgien zu Entgegenkommen bereit seien, so daß die englische Regierung sich wahrscheinlich mit der französi­schen und belgischen Auffassung einverstanden erklären werde. Da die Mitteilungen, in welcher Form Frank­reich sich zur Aufgabe des passiven Widerstandes in dieser Antwort angeblich äußern wird, sehr weit aus­einandergehen, erübrigt es sich, auf den Inhalt zurück­zukommen.

London, 19. Juni. In Londoner unterrichteten Kreisen verlautet, daß nach Eingang der Antwor­ten auf den englischen Fragebogen noch ein wei­terer Meinungsaustausch notwendig sein wird, da die englische und französische Auffassung über den Betrieb der Eisenb a h n e n im Rheinland und im Ruhrgebiet, über die wirtschaftlichen Okkupations­maßnahmen nach Ausgabe de? passiven Widerstandes sowie über die Höhe der Reparationsforderungen noch nicht in Übereinstimmung gebracht seien. Die „Times" warnen davor, diese Meinungsverschiedenheiten durch eine scheinbare Verständigung, die nur aus dem Papier stehe, und die sich nachher als undurchführbar erweise, aus der Welt schaffen zu wollen. England müsse seine Verbündeten mit gutem Willen darin unterstützen eine endgültige und durchführbare Lösung des Reparationsproblems zu finden.

Paris, 20. Juni. (Haoas.) Dem „Journal" wird aus Brüssel gemeldet, daß die Minister einstimmig den Antwortentwurf Poiucarös gebilligt hätten die er auf die britische Denkschrift gibt. Sie sind über­zeugt. daß sie vom Parlament gleichfalls gebilligt wird Dem „Matin" wird aus Brüssel gemeldet, daß die französische und belgische Regierung unter dem Aufhören des passiven Widerstandes verstehen, daß Cuno die Verordnung zurückziehen muß, die den Beamten d'en Streik befiehlt und die Unter­stützungen einstellt, die das Weiterdauern des Streiks im Ruhrgebiet erlaubt.

London, 19. Juni. Rach bisher unbestätigten Mel­dungen glaubt „Daily Mail" über den Inhalt der französischen Antwort an England verschie­dene Enthüllungen machen zu können. Das Blatt be­hauptet u. a., die französische Regierung werde in ihrer Antwort die Zahlung von 1300 Millio­nen Pfund Sterling für Reparationen, ferner jene Beträge, die Frankreich für die Bezahlung der interalliierten Schulden aufzubringen habe, verlangen Außerdem fordere Frankreich, daß Deutschland voll­ständig entwaffnet werde und das Rheinland auf ewig neutralisiert werden soll.

Die englischen Bemühungen zur Regelung der Revarationsfrage.

Paris, 19. Juni. Die „Chicago Tribüne" meldet aus Washington, der amerikanische Botschafter in London. Sarvey. der ,m Juli nach England zurückkehren wolla werde, m. persönlicher inoffizieller Eigen- ' ch." ' t dre englischen Bemühungen zur Regeluns der Repa- ratwnsirase unterstützen.

Eine verschobene französische Kabinettskrise.

Paris. 20. Juni. Laut „Oeuvre" haben die radi­kalen Mitglieder des Kabinetts Poincarö dem Ministerpräsidenten mitgeteilt, daß sie nach der jüng­sten Abstimmung in der Kammer, die Poincarö eine neue starke Vertrauensmehrheit brachte, bereit sind, zurückzutreten. Rach Poincarös Gegenerklärung daß er in diesem Falle mit dem gesamten Kabinett demissionieren werde, haben sich die Minister die Ausführung ihres Befchlu ff-es einstweilen noch Vorbehalten.

Anschlag der Kammerrede Poincarös.

_daris, 19. Juni. In der heutigen Kammersitzung

wurde der Anschlag der Rede, die Poincar« über seine

n iJJvolit, k am Freitag in der Kammer gehalten hat. mit 367 gegen 200 Stimmen beMossen. De- Antra«.

?*£ 0U H e - b ' e % Regierung ange- Ä (SV. aanzen Lande anzuschlagen. wAioe mit 348 ß«ö8iett 193 Stimmen angenommen.