Samstag. 16. Juni 1923,
Wiesbadener Tagblatt.
Rr. 138. Seite 19.
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Des Lokomotivführers Sohn.
Nach dem Norwegischen von Hans Günther.
Der lALbrrge kleine Peter mit seinem krausen Haar und seinen ausdrucksvollen dunklen Augen war ein mutiges Bürschlem. von allen Beamten an der Bahnstation gern gesehen. «ein Vater war Lokomotivsührer und ein tüchtiger Mann, der sein« Frau verloren batte, als Peter 8 Jahr« alt war.
Der Zug, den Peters Vater führte, sollte heute um 4.30 aickommen. und zeitig ging Peter von zu Hause fort, um seinen Vater zu treffen und mit ihm nach Hause zu wandern. Auf der Brücke -lieh er stehen, blickte auf di« verschiedenen Geleise hinunter und verfolgte di« rangierenden Züge.
^Dein Vater kommt beute 4.30, nicht wahr. Peter?"
Der Klein« drehte sich um und sah zwei Männer, die SN der Station beschäftigt wäre«.
-Ja. Herr Brink". antwortete er. ..und morgen früh wird er wobl mit dem Zug 6.20 wieder fort müssen."
..Der kleine Kerl weih genau Bescheid", lachte der andere. „Komm. Stark, gießen wir einen hinter die Binde." Und dann zu dem Knaben gewandt: „Willst Du mitkommen Peter?"
Es war nichts Ungewöhnliches, dass die Lent« Peter Mitnahmen und ihm ein Glas Limonade geben ließen. und auch heute folgte er anstandslos den beiden Männern. Doch als das Kind sein Glas etwa »nr Hälfte geleert hatte, machte sich Stark den Spass. ihm, während er sich umdrehte, einen Schuss Schuavs in den Rest zu tun. Der andere lachte darüber: sie waren neugierig, zu sehen, wie es auf den Knaben wirken würde. Dieser letzte ahnungslos sein Glas an di« Lippen, merkte aber sofort, dass der Trunk einen anderen Geschmack hatte als vorher, war jedoch zu stolz, um etwas zu sagen, trank aus. dankte und ging zurück zur Bahn.
Seine Begleiter hatten eigentlich die Absicht, mitzugehen, da aber in diesem Moment ein paar Kollegen in das Lokal kamen, blieben sie und überliehen den Knaben allein den Folgen „ihres Scherzes".
Peter traf seinen Vater nicht mehr, da der Lokomotivführer schon laug« zu Sause war. ehe sein Sohn die Station erreicht hatte. Müde noch einem langen Arbeitstag, hatte er den Weg durch einen Querpfad abgekürzt und dem Heizer die Reinigung der Maschine übergeben. i
Unbehindert ging Peter auf dem Bahnkörper umher, jeder kannte ihn. niemand hielt ihn an. Bald fand er die Maschine keines Vaters. ging pfeifend um sie herum und betrachtete sie mit den Augen eines Kundigen. Wie sie funkelte und leuchtete mit ihren grossen Rädern und dem langen Schweif weißen Dampfes!
Peter wusste nicht recht, was mit ihm war. aber seine Adern schienen mit Feuer gefüllt, und seine Augen brannten. Er konnte den glühenden Wunsch, nur eine Minute auf me Maschine zu steigen, nicht beherrschen. Er mutzte es tun. Ängstlich sah er sich um. In einiger Entfernung arbeiteten em paar Männer, doch in der Nähe war niemand, niemand hinderte ihn. Und wie eine Kasse kletterte er auf di« Maschine. Wie stolz er war. als er dort oben stand! Wie herrlich. Meister der besten Maschine zu sein, die es gab! Vorsichtig öffnete er die Tür zur Feuerstätte, die noch nicht gereimgt war. Hu. wie heiss war es da! Hier war der Druckmesser und hier der Wasserstandsmesser, beide mutzte man während der Fahrt sehr sorgfältig beobachten, hatte der Vater ihm erzählt.
Und wenn er durch das runde Fenster sab. waren dort gerade vor ihm die Schienen, über di« die Lokomotive kroch oder flog, ganz wie der Führer es wünscht«. Und er überlegte. dass alles, was man zu tun hatte, war: an diesem n*peit Griff zu drehen, nur ein ganz klein wenig — und die Lokomotive würde ssch bewegen!
Eine klein« Drebuno. nur eme ganz kleine, nur so viel, mm die Maschine sich einen Meter weit bewegte! Di« Versuchung war zu gross für den erregten kleinen Burschen,, der vchnavs hatte seine Wirkung getan, er konnte sich nicht beherrschen. Nur einem Meter! Er muhte es tun!
Ein Damnfstrahl! Noch einer! Und ein dritter! Eine Rauchsäule, und die schwere Maschine zittert und bewegt sich sanz langsam vorwärts! Einer der Arbeiter hörte das Ge- Mch lässt seinen Spaten fallen und starrt sprachlos auf die -Raschine. Peter, der nun ängstlich wird, zaudert, ist verwirrt und versucht, die Lokomottve zum Stehen zu bringen: Wer m seiner Angst dreht er mit aller Kraft den Hebel nach Zr verkehrten Seite, und die Maschine fährt im rasender Eile.
,. Wie leicht ite lauft — vorwärts, vorwärts, mit entsetzter Schnelle! Bestürzt blicken die Menschen dem Unserer nach. das zischend herankommt wie ein wahnsinniger ^lemch. Weichensteller stürzen davon, in der Absicht, die Lokomotive auf ein Seitengeleisc abzulenken —. aber es ist »u spät, sie hat bereits die Hauvtlinie überschritten,
. Run erkennt der alte Weichensteller den kleinen Peter. N auf seines Vaters Platz steht, erstarrt vor FuE. mit ^Wvniden Haaren. Die grossen Augen weit aufgerissen. M. das totenbleiche Gesicht mit einem Ausdruck, der um ""teileht. Aber die Maschine läuft weiter.
- ’t draussen auf der Linie sieht Peter zwei Männer, wahnsinnig winken: doch was vermögen sie zu tun? ->ms über Kopf stürzen sie davon, und die Lokomotive saust ooruber. ,
Stationsvorsteher eilt zum Telephon, um die nächste >-aaiion zu warnen. Aber schon nähert sich ihr die Loka- Evtlve wie ein Wirbelwind. Auch dort ist es zu spät. '' r, JBtttn der Knabe nur für eine Sekunde seine Über- wiedergewinnen könnte. Sie rufen und schreien ihm M.solle an dem Hebel drehen, doch vergebens, wie der ™ wt die Maschine auch an dieser Station vorüber.
Nun läuft sie aus .eingeleisiger Bahn, nur noch zwei «Dionen sind zu vMieren. und der Zusammenstoß mit dem ^vonenzug 5.30 ist unvermeidlich. Eine einzige Möglichkeit taL* es aochl diese fürchterliche Katastrophe zu vermeiden — tüt noch gerade Zeit, sie zu erfüllen.
Stationsvorsteher der vorletzten Station gibt tele- much d>en entsetzlichen, aber notwendigen Befehl: „Sor- »A vj* dafür, dass die Lokomotive stürzt." Man legt Steine ufcT Balken über die Geleise. —. Kaum ist es getan
Cb, » an die Maschine heranrasen sieht — nun ist sie da!
--li Cf-*! Der Koloss stürzt um und den Abhang hinunter Linie ist frei. Die Katastrophe ist abgewandt! g^,^Ler der Knabe, das unglückliche Kind! Erst nach lan- tton findet man ihn. Wie durch ein Wunder ist er
ihn» Maschine aus in ein Gebüsch gestürzt., das den
Stotz abgewehrt bat. Bewusstlos wird er nach ^.gebracht — aber sein Leben ui gerettet. —
51h, c!®** Jabre sind nach dieser Begebenbert vergangen.
der Bahnstation findet ein Fest statt. Eine neu« Loko
motive soll zum erstenmal die Linie befahren. „Blitz" hat man sie getauft. Und auf dem Platz des Lokomotivführers steht ein schmucker junger Mann. Es ist Peter. Unter den Wartenden, di« di« Hüte schwenken und dem „Blitz" ein Hurra bringen, befinden sich zwei alte Arbeiter, Brink und Stark. Sie haben ihr an dem Kind begangenes Unrecht gutznmachen versucht, indem ste nach dem frühen Tod des Paters für seine Erziehung und Ausbildung Sorge trugen, so dass er nun seines Vaters Platz einnehmen konnte.
Der alte Sekretär.
Von Klara Blüthgrn.
Unter meinen frühen Kindbettserinnerunsen steht eine unverrückbar und körperlich da: das ist der gelbe Sekretär. Er war ein solides Stück Tischlerarbeit, wie man ihn anfertigte. als die Zeit noch nicht den Wert hatte wie jetzt, und man dennoch alles für die Dauer berftellte. Er war ans gutem Birkenholz. das das Alter nachgedunkelt und dem eine haltbare Politur und eine sorgsame Pflege den Charakter geschliffenen Marmors gegeben hatten. Öffnete rnan die Sekretärklapp«. so zeigte sich seine Schönheit und die feine Arbeit erst so recht: alle Kasten waren mit grauem Ahornbolz ausgelegt, darum herum ein gelbes Streifchen und ein Rand von Rotmahagoni. In der Mitte ein nischenartiger Raum, darunter zwei flache Kasten, dahinter versteckt das übliche „Geheimfach", das jeder Schrank dieser Epoche aufweist. und das deshalb zur Bergung wirklicher Geheimnisse so ungeeignet wie möglich war.
Der gelbe Sekretär stand in einem Zimmer mit blauer Tapete, einem harten Blau, von dem wir jetzt sagen würden. dass es uns „auf die Nerven falle". Damals aber, vor reichlich vierzig Jahren, passte es prächtig zu den dunkelgel- ben Birkenmöbeln und den vielen Kissen in Kreuzstich und den vielen weißen Decken in mühseliger Häkelarbeit. Das Zimmer mitsamt dem gelben Sekretär gehörte den drei unverheirateten Schwestern meines Vaters. Sicher waren ste damals schon in einem Alter, das einem Kind als „uralt" erscheint, aber meine Liebe für sie. meine bedingungslose Bewunderung ihrer Klugheit stellte ste über jede derartige Erwägung. Sie waren Tanten, wie ste sein sollen, gut, klug, von unendlicher Geduld und unendlichem Wohlwollen.
Einmal im Jahre bekam der gelbe Sekretär eine ganz besondere Wichtigkeit. Das war. wenn das erste Feuer im Ofen brannte. Dann feierten die Tanten für mich Winteranfang mit einer ganz wundervollen Sorte kleiner, brauner Knuvverkuchen. die nirgends in der Welt ähnlich gut schmeckten. Wenn dann die Scheite im Ofen knackten und die erste wohlige Wärmewelle, gemischt mit dem brenzligen Holzduft. durch das Zimmer ging, dann öffneten sich für dieses einemal alle Kasten und Fächer des Wunderschrankes, die geheimen und weniger geheimen. In all den Schätzen durfte ich stöbern und herumkramen und endlose Fragen dabei tun. dass es eine Lust war.
In den unteren drei Kasten wurden die Ballkleider der Tanten bewahrt. Es war wahrhaftig nicht zu glauben, dass dies« klugen, gesetzten Tanten mit den glatten Scheiteln und den hoch beraufgehenden Halskragen jemals in roia Mull, mit nackten Schultern und Armen sich im Tanz gedreht halben sollten — und doch gingen von allen dreien dunkle Gerüchte, nach denen sie „erste BaMchonbeiten" gewesen waren. Ich erinnere mich, dass 'ich beim Anblick dieser leichtfertigen Gewänder an den geheiligten Personen der Trägerinnen irre wurde, dass durch meine Vorstellung von ihnen ein Riß ging und mir der erste Gedanke kam. die Zeit sei etwas Fliehendes.
Oben in den kleinen Schubfächern gab es taufend bunte Wunder und Herrlichkeiten. Eine Pfeifenschnur, aus türkisblauen Porzellanperlen gehäkelt, eine höchst mühevoll«, zeitraubende Arbeit. Ein Fächer aus ganz dünnem, durchsichtigem Horn, fpitzenartig ausgeschnitten, zart wie eine Seifenblase, als müsse er sich beim Anfassen verflüchtigen. Dann eine Walnuss, die sich öffnen ließ und in ihrem Innern, auf rotseidenem Grund, ein ganzes Nähnecessaire in zierlichster Elfenbeinschnitzerei enthielt. Schere. Finger- bnt. Trennmesserchen. Nadelbüchse, kurz: alles, was dazu gehörte. Ein elfenbeinerner Federkalter, der zwar viel zu schwer war. als dass jemand damit hätte schreiben können, der aber eine Vergrößerungslinse trug, durch die man die Schlossterrasse von Sanssouci sehen konnte.
Von besonderen Geheimnissen umgeben war. eine Brosche, eine Elfenbeinvlatte. auf der ssch ein Altar mit flackernder Flamme erhob. darü,ber beugte sich eine melancholische Trauerweide. Das Bildchen war aus braunem Haar zusammengeklebt, eine gewölbte Glaskapsel schützte es. eine goldene Schlange, die nach verschiedenen ornamentalen Windungen sich schliesslich in den Schwanz biss, umgab es — das Symbol der Ewigkeit. Messen Eigentum war dieses Stück? Wer hatte sein Haar geopfert, um dieses Bild von tiefsinniger und altfränkischer Symbolik zu schaffeu? Wollt« ich den Geheimnissen dieser Brosche auf den Grund gehen, so geschah es wohl, dass eine der Tanten sie mit fortnahm und in den Kasten zurücklegte mit einem sonderbaren Seitenblick au* Tante Emilie, die jüngste von den dreien. War's eine Einbildung, dass die blassen Wangen Tante Emilies sich färbten und ihre flache Brust ein Seufzer hob? Jedenfalls kam mir wieder eine leite Ahnung, dass das Leben am Ende doch nicht so einfach war und dunkle Gründe berge, die zu traurig oder zu heilig seien, um darüber zu sprechen.
Mein besonderer Liebling in der ganzen Naritäten- sammlung war ein altes Flakon. Eoldfiligran über Glas, in der zierlichen Form,einer antiken Amphora. Seine Herkunft war dunkel. Großmutter hotte es schon besessen, vielleicht Urgroßmutter auch schon. Es war allzu zeitgeheiligt. als dass man es in Benutzung genommen hätte, so lange man denken konnte, und doch hing an ihm ein sonderbarer, schwerer. süßer Märchenduft, der sich über alle die Jahre hinweg erbalten hatte. Es ließ sich nicht sagen, was es war — mal erinnerte es an Rosenöl, dann spielte der Geruch von Sandelholz hinein, dann war es. als ob von weicher das Parfüm einer Königin der Rächt, die am Abblühen ist, herüberwehte.
Es ist lange her. daß ich den gelben Sekretär zum letztenmal gesehen habe. Nach dem Tod der Tanten ist er an eine Seitenlinie gefallen, von da vielleicht später sogar in fremde Hände. Ich weiß es nicht. Es kommt auch nicht darauf an. Denn so. wie er in meiner Erinnerung steht gehört er mir . _ , , .
Er ist mir wie ein Symbol, das wohl den meisten von uns eigen ist. Wir alle haben unseren alten Sekretär, in dem unlere Erinnerungen eingepackt liegen, die schmerzlichen und die seligen, die. von denen alle Welt weiß, und jene, die in einem ganz besonderen Geheimfach ruhen, an das keiner rühren kann.
Wacholder.
Don Georg Persich.
Er zählte und maß die Steine 'des gewaltigen Dolmen, in dessen Grabkammer die Gebeine eines tapferen germanischen Fürsten ruhen mochten.
Schon vor Jahren hatte er diese berühmte Steinlsetzung in der Heide aufsuchen wollten. Er kannte sie gut genug aus der Beschreibung, wollte sie aber doch mit eigenen Augen gesehen haben. Und der Eindruck war noch großarttger, als er geglaubt hatte.
Frau Klara, sein Ehegespons. war nicht so begeistert. Der riesige Umfang der oberen Steinplatte imponierte ihr ja auch, aber es waren doch nur unbehauene Steine, hin- sefchleudert wie von einer Riesenfaust, barbarisch, ohne Sinn für Kunst und Schönheit. Und sie hatte nun einmal einen ausgesprochenen Sinn für das Künstlerische und Schöne.
„Wie sie nur diese Kolosse hierhergeschafft haben?" staunte er. „Das wäre ja selbst für unsere heutigen Maschinen eine Aufgabe."
„Und warum gerade hierher? Es ist doch eigentlich keine bevorzugte Lage."
.Sie wird vor etwa zwei Jahrtausenden anders gewesen sein — eine freie Seidefläche! Der Wald ist weit jüngeren Ursprungs. Dies hier ein ziemlich hoher, mit der Zeit eingesunkener Hügel! Dann war es doch ein besonderer, ein beherrschender Platz, würdig eines Helden, eines Führers."
„Ist es denn auch ein Grab?" zweifelte ste.
„Ganz sicher. Auf d-esem Hügel haben einmal germanische, wahrscheinlich longobardische Priester ihre Totenopfer dargebracht und ihre Klagen angestimmt.".
Es war ein warmer, fast heißer Sommertgg. aber die ' junge Frau fühlte ein Frösteln.
„Die Wacholder stehen auch noch da wie Totenwächier". meinte sie. „So düster und traurig."
„Die Wacholder könnten vielleicht davon erzählen.'
„So alt sind ste doch nicht."
„Nun, tausend Jahre sollen bei ihnen noch kein hohes Alter sein."
„Märchen!"
„Kaum. Aber frag doch mal den Schäfer da hinten, der uns hierher zeigte. Es sind bieder« Leute und sie wissen manches aus vergangenen Tagen. Ich habe ihnen auf meinen früheren Heidemanderungen immer- gern zugehört. Fragt sich nur. ob der Aste zum Reden aufgelegt ist. Meist find es auch schweigsame Naturen.
Sie blinzelte zu dem Schäfer hinüber.
Er stand noch unbeweglich auf derselben Stelle, wie vorhin und stttckte. Und noch so unbeweglich wie vorhin lass sein Spitz bei ihm und überwachte die Schnucken. daß ste sich in ihrer gedonkenilosen Kautätigkeit nicht so weit entfernten.
Das Wissen des Schäfers lockte sie weniger als leine Strickfertigkeit. Sie wollte doch sehen, ob er mit seinen ungelenken Fingern die Matchen richtig abhob. und was es für ein Strumpfgehilde war. das sich da aus grauer Wolle entwickelte.
„Ich werde ihm schon die Zunge lösen", meinte sie und hatte bereits ihren Plan. Sie wollte seine Schafe loben. Welcher Schäfer konnte dafür unempfänglich V*" 9
Aber der Alte verzog keine Miene, als sie seine Schnuckin reizend und drollig fand. Man mußt« ihm materieller kommen. -Ob sie auch Milch lieferten?
Das wäre nicht der Rede wert. So verstand sie wenigstens sein Plattdeutsch.
Wie die Milch schmecke?
Er bewegte nur den Kops hin und her. was wohl so viel heissen sollte: das wäre Geschmackssache.
Ob sie nicht bitter s«i? Der Wacholder, den die Tiere fräßen, wäre doch bestimmt bitter.
Das könm-te schon sein.
Und da der Wacholder so alt würde, müsste er sehr Atter
sein.
Schweigen.
Sie hätte gehört, er könne über tausend Jahre alt werden. Ob das wahr fei?
Achselzucken. Dabei strickte der Mann unentwegt weiter.
Er müßte es doch wissen. Er fei doch jedenfalls in der Heide ausgewachsen.
Kopfnicken.
Sie wurde ungeduldig. Daß jemand auf ihr« Fragen so kurze oder gar keine Antworten gab. war sie nicht gewöhnt. aber es hätte wohl keinen Zweck gehabt, den Alten darauf aufmerksam zu machen, dass man einer Dame gegenüber höflich«? sein müsse. Sie wollte lieber ihre Taktik ändern — nicht mehr fragen, sondern feinen Widerspruch herousfordern. * ,
Sie glaube es einfach nicht. All diese Geschichten von tausendjährigen Tieren und Pflanzen seien nicht wahr.
Schweigen.
Die dunklen verwilderten Wacholderbäume sähen nur so aus. als wenn sie nie jung gewesen wären. Man könne sich auch einbilden, es seien verherte Menschen. Einige. die allein ständen, kämen ihr vor wie Wanderer, die plötzlich festgebannt worden wären.
Wenn den Alten nichts zum Plaudern brachte, sein SMseraberglaube würde ihn redselig machen.
Und sie frohlockte innerlich. Die ruhigen, verschlossenen Gefichtszüge belebten sich. Er gönnte ihr einen, wie ihr schien, fast wohlwollenden Blick aus feinen treuherzigen blauen Augen. Und nickte abermals. Du Iwft schon recht — konnte das nur bedeuten. Dergleichen ist vorgekommen. Davon könnte ich erzählen.
Sie musste sich jetzt nur noch ein wenig mehr in seiner Gunst befestigen. 'Es gäbe ja Leute, die über so etwas lachten. meinte sie. aber sie nähme es ernster, als wenn irgend ein Professor in seinem gelehrten Buch schriebe, der Wacholder würde tnusend oder zweitausend Jahre alt. Di« Wacholder drüben bei dem Steingrab hätten auch so was Menschenähnliches. Ihr sei ganz unheimlich geworden.
„Sie tun keinem was", beruhigte er sie. Aber ja — sein Spitz gehe auch um manchen Wacholder scheu herum und die Schmucken frätzen nicht davon. Und, oit brenne so ein Baum ohne jede Ursache lichterloh und stände dann ganz weiss da. wie ein Gespenst Und sei am Ende eins.
Der Meinung sei sie auch.
Und von einem Wacholder wüsste er es. hätte es selber erlebt — die Stricknadeln arbeiteten rascher — es sei keine zehn Minuten von, hier links., beim Solz, wo man ihn noch sehen könnte — seine Zuhörerin musste gespannt austnerken. denn der Alte sprach letzt auch rascher, und sein Platt machte ihr nun noch größere Schwierigkeiten.
Vierzig Jabre könnte cs schon sein, auch länger, da hätte der damalige Bauer vom Eschelhof sich eine Frau genommen. eine fleißige, ordentliche Frau. Sie wäre mor-
