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Nr 138.

Samstag» 16. Juni 1923.

71. Jahrgang.

Die englischen Rückfragen.

Die Unterhaltung zwischen London und Paris über die Reparationsfrage ist aus dem Stadium der reinen Stimmungsmache allmählich herausgerückt. Lord C u r z o n, der britische Außenminister, hat nach Paris ein Schriftstück geschickt, das man in einigen Blättern als Note, in anderen wiederum als Denkschrift be­zeichnet. In Wahrheit handelt es sich nur nm ver­schiedene Rückfragen. Bemerkenswert ist immerhin, daß man in Paris diese Rückfragen als Zeichen der Entspannung wertet.

Rach ihrer Formulierung rechtfertigen die briti­schen Rückfragen keinen übertriebenen Pessimismus bei uns, man kann im Gegenteil aus ihnen die bestimmte Absicht der Engländer Herauslosen, unter Men Um­ständen zu Abmachungen mit Frankreich zu kommen. Aber ein endgültiges Urteil kann man nicht abgeben; denn die Fragen liegen in ihrem authentischen Wort­laute noch nicht vor. Anscheinend wünscht England zu wissen, was Frankreich unter dem Begriff des passiven Widerstandes versteht. Auch soll sich Paris genau darüber auslassen, in welcher Weife es seine bisherige Besetzungspolitik auf politischem und wirt­schaftlichem Gebiete zu ändern bereit ist, wenn eine Entspannung der Lage eintreten würde. Offenbar ist dies so zu verstehen, daß Frankreich sich genau darüber erklären soll, in welcher Weise es seinerseits Waffen­stillstand zu üben bereit ist, wenn man von Deutsch­land die Aufhebung des passiven Widerstandes ver­langt. Darum präzisiert Lord Curzon diese allge­meine Frage in einem späteren Punkte noch dahin, ob die volle Handlungsfreiheit für die deutsche Industrie und Verwaltung wiederhergestellt werden würde, ohne die die Produktionsfähigkeit des Ruhrgebietes nicht ihren vollen Erfolg erlangen könnte. Es ist jedoch möglich, daß sich diese letztere Präzisierung auf eine etwaige Fortführung der Besetzung, wenn auch in ab­geschwächter Form, nach Abschluß eines Reparations- Mommens bezieht. '

Wie heute gemeldet wird, soll die Antwort Frank­reichs in versöhnlichem Geiste abgefaßt sein. Tatsäch­lich diskutiert man in Paris bis in die Kreise des Bloc national die Möglichkeit eines Waffenstillstandes auf der Grundlage, daß beide Entgegenkommen zeigen. Man spricht davon, daß die deutsche Regierung aste ihre Verordnungen und Verbote zurücknehmen müsse, Md daß dann Frankreich die aktive Besetzung in eine passive verwandeln könne.

Bedeutsam fft auch, daß in London eine wachsende Neigung vorhanden ist, sich auf den belgischen Plan festzulegen. Das Kabinett Theunis, das wohl nach einer unwesentlichen Umgruppierung wiederkehren wird, will unter allen Umständen Verhandlungen der Alliierten unterenander. Es scheint nicht ausge- lAossen, daß sich Poincarff dem belgischen Plane fiigt. Wenn man also will, sieht heute die politische Lage um eine Nuance günstiger aus. Auf die Börse scheint das freilich nicht den mindesten Eindruck zu machen. D?e Panik hat den Dollar weit über 100 000 Hinauf­getrieben. Diese vollendete Kopflosigkeit der Spekula- uon ist naturgemäß für Deutschland eine empfindliche Schwächung seiner internationalen Position. Die Re­gelung schaut den Dingen wie einem Elementar- breignis mit verschränkten Armen zu. Gerade jetzt, wo 2# die Aussichten für Verhandlungen wenigstens eine Mdzigkeit besser find, müßte man mit einer Besinnung *** Cpekulantenkreise rechnen. Offenbar ist aber die Legierung nicht einmal mehr in der Lage, den Speku- lanten einen Denkzettel zu geben. Das fft tief be- Vrckich! denn es unterliegt keinem Zweifel, daß die Wiederkehr einer Besinnung bei den Spekulanten und

Anflug von Tatkraft bei der Regierung Deutsch- mnds Ansehen in der Welt nur dienlich sein könnten.

wir UNS selber jeder Möglichkeit einer subjektiven dllffk begeben, ist ein überaus bedauerlicher Zustand.

W Wlischen Rückfragen sollten sowohl im Volk, in o * Wirtschaft, wie auch bei der Regierung unseren eoenswillen neu beleben!

Das englische Memorandum an Frankreich.

d-k> »lg. Juni. ..Daily Mail" zufolge verlautet. P» Sestern abend die Empfangsbestätigung von eina,^rars über das britische Memorandum rn London <8 IjNvsfen ist. Darin Werde der freundschaftliche Und anerkannt, in dem das Memorandum abgefaßt sei. frtunfcL®? 1 * versprochen, das Memorandum in demselben vichnftlichen Geiste zu erwägen.

15 ’ 3u>ni. Wie der ..Matin" mitteilt., hat

die Antwort auf den

Sot n r„:,rv ouint. -wie oer „mu

ngiis^-5 Are,ts gestern nachmittag die ~.- — >

is-ben « Fragebogen festgestellt, jedoch bevor er der eng- EMerring die Antwortnote zustellt. sich, für , ver- «• galten, sie dem belgischen M tut st er tu m '»«fiwfv 16 &u bringen, damit der neue belgische Minister, W5E’ den gleichen Fragebogen erhalten bat,, in der

"Än in London «ine fast rdentttcke Erklärung ab-

England und der deutsche Garantieplan

Baris, 15. Juni. Der Sonderberichterstatter des ..Matin in London schreibt über das Ergebnis seiner an- grstellten Enquete: Bis jetzt glaube Deutschland, datz man es unterdrückt habe. Deshalb habe sich der Reichs­kanzler in seiner letzten Rede gerächt. Die letzte deutsche Rote sei tatsächlich von der ersten bis zur letzten Linie nicht m der Wikbelnfftraße. sondern in der City geschrieben wor­den. Es seien die Vertreter und die Direktoren der mäch­tigsten Kreditanstalten Englands gewesen, die den mageren

(Wuipn lineares in Der Ammer.

kontiert vor dem Augenblick, in dem er in das Schatzamt eingetreten fei. Man müsse aber Valdwin Aner­kennung zollen. Die Deutschland von Finanzleuten ge­machten Versprechungen, die sich ihres Einflusses auf der Downing Street sscher glaubten, seien nicht gehalten wor­den. Man habe dem Reichskanzler eine sofortige und ent- icheidende diplomatische Intervention versprochen. Die eng­lische Regierung hätte Frankreich eine Art Ultimatum übermitteln sollen, um es zu zwingen, die deutschen Vorschläge als Diskussionsbasis anzunehmen.

Belgien über die Einstellung des passiven Widerstandes

Paris, 15. Juni. Dem „Temps" wirb aus Br ü f s e l Über die englisch-belgischen Verhandlungen gemeldet: Es heißt, baß die Frage, die am schwierigsten zu lösen ist, diejenige ist, die unter dem Schlagwort „Einstel­lung des passiven Widerstandes" verstanden weiten soll. Wenn unsere Informationen richtig sind, wären die z»ständigen belgischen Kreise geneigt als ein ausreichendes Anzeichen dafür anzusehen:

1. Die Abschaffung der Verordnungen der ge­heimen Dienstanweisungen uftv., die von Berlin erlassen worden sind und die auf die Organisa­tion des Widerstandes im Ruhrgebiet Hinzielen.

2. Die effektive Einstellung des Widerstandes in dem Sinne, datz jetzt keinerlei Sabotage­handlungen mehr vorgenoinmen werden und

3. die Wiederaufnahme der Natural­le i st u n g e n. die freiwillig zu erfolgen hätten.

Falls diese Bedingungen erfüllt würden, würden die belgischen Regierungskreffe es für angebracht hal­ten, den Charakter der Besetzung zu ändern.

Neurath bei Mussolini.

Rom, 15. JuGi. Der Ministerpräsident Musso­lini hat gestern den deutschen Botschafter, Freiherrn v. Neurath, empfangen. Es verlautet, daß die Unterredung vorwiegend der Ruhr frage ge­golten habe. _

Eine Umbildung des Kabinetts Theunis?

Baris, 15. Juni. Von Havas wird aus Brüssel be- nffiet: Zu Besinn der heutigen Kammeriitzung erhob sich Minlstervrasrdent Tbeunis und erklärte: „Ich habe die Ehre, der Kammer mitzuteilen, datz das Kabinett demissio­niert hat. — Nach Erledigung der Budgets für auswärtige Angelegenheiten hat ssch die Kammer auf Vorschlag ihres Präsidenten bis 26. Juni vertagt.

.. Weiter berichtet Havas. daß der ehemalige Minister­präsident heute vormittag zum König gerufen wurde. Der König, baoe den Eindruck, daß Theunis das Ministerium umbilden könne. Dieses wolle jedoch vorerst seine Hal­tung zu verschiÄ»enen innerpolitischen Fragen vrä- zisleren. die der Regierung Schwierigkeiten bereiten könnten.

Baris, 15. Juni. Der Brüsseler Berichterstatter des „Irurnal glaubt gute Gründe für die Annahme zu haben. König Albert, wolle sich im gegenwärtigen Augenblick nicht.gern vom Ministerpräsidenten Theunis trennen. Die belgische Regierung sei durch die Senatsoerhandlunsen keineswegs, kompromittiert. Sie habe sich immer geweigert. Stellung für oder gegen die flämische Universität zu nehmen. Daher glaube man an eine einfache Umgestaltung des Kabinetts, nicht aber an einen vollkommenen Kabinetts- wech'el.. Einige Karretoondenten sprächen auch bereits von der Möglichkeit, daß Theunis wiederum mit der Bildung des Kabinetts beauftragt werde. Das „Echo de Paris" scheint durch seine Überschrift sogar andeuten zu wollen, daß der Auittag zur Kabinettsbildung Tbeunis bereits erteilt wurde.

Der Eindruck in Frankreich.

London. 15. Jimi. Der Berichterstatter des .Daily Ervreb" schreibt, der Rücktritt des belgischen Kabinetts habe in französischen politischen Kreisen großen Eindruck

«macht. Es werde anerkannt, daß die politische Krise in Srüssel eine weitreichende Wirkung auf die Revarations- irage haben müsse.

Eine weitere deutsche Note.

Berlin, 15. Juni. Die deutschen Botschafter in London, Madrid, Rom. Washington und Moskau und die Gesandtschaften im Haag, in Bern, Kopen­hagen, Christiania, Stockholm, Riga und Warschau wurden beauftragt, den dortigen Regierungen eine Rote mit einer Anlage zu überreichen. In der Rote wird gegen die Erschießung Schlageters, gegen die Vorfälle in Dortmund ufw. Pro­test erhoben. Die Rote legt ferner dar, daß jene Vorgänge die auf die Beruhigung der Bevölkerung hinzielende Arbeit der deutschen Regierung unmöglich machen.

Paris, 15. Juni. In der heutigen Kammersitzuug erklärte' P o i n c a r 4 in Beantwortung verschiedener Interpellationen, seine Regierung werde diejenigen bekämpfen, die die soziale Revolution wollten, aber auch diejenigen, die eine Monarchie wieder aus- richten wollten, Frankreich wünsche ein« Entwicklung in Ruhe und Freiheit. Auf die äußere PolitS ubergehend, sprach er wieder von dem schlechten Willen Deutschlands. Die Kontrollkommif- ftonen müßten wieder funktionieren. Das fei nament­lich hinsichtlich der Luftschiffahrt notwendig. Deutschland müsse überwacht werden. Poincarb be­hauptete weiter, daß die deuffche Regierung die Sabotageakte im besetzten Gebiet ermutige. Die deutschen Vorschläge bezeichnete er als heran s- fordernd. Die Franzosen seien daher gezwungen, den Druck zu verschärfen und zu verlängern. Frankreich habe sein Werk der Gerechtigkeit noch nicht vollendet. Gestern habe sein moralisches und mate­rielles Leben auf dem Spiele gestanden, heute fei sein wirtschaftliches und finanzielles Leben bedroht, und morgen werde vielleicht feine ganze Existenz bedroht fein. — Die Sitzung dauerte bis 11 Uhr nachts an.

MSelMW Oec Bteinlanoforamiffiitn.

. Koblenz. 16 Juni. Die Hobe Interalliierte Rhern- landkommissian hat entschieden:

d-ftStraßenbahngesellschaiten ihren -BemeB auf die normalen Grenzen des Jahres 1922 be- ich r ""ken müssen. Manche Gesellschaften hatten ihren Drenst über Gebühr verstärkt, um den Deuffck^n zu er- moglichen. die Eisenbahnen der französisch-belgischen Regie nicht zu benutzen. wie es die Befehle oer Reichsregierung verlangen.

r , 2 r ? la & einer oder mehrere deutsche Beamte den H er- v^llLngs- oder Wegräumungsarbeiten bnwohNd bezw...an ihnen teilnehmen müssen, wenn es sich um Ervlosivkorper oder ähnliche. Maschinen und um k'ue Sabotage oder einen Versuch hierzu handelt.

, e üon’ re *"« 1 von i>er deutschen Regierung tm Mai 1920 veröffentlichten Gesetz den Gemeinden oder der Re ichsreg ierung die infolge innerer Unruhen verursachten Schäden aufgebürdet wer­den Diese Verordnung belastet die Gemeinden oder die Reichsvegierung mit der Reparation von allen durch den Widerstand der deutschen, Regierung verursachten Schäden, t. 4 i es nicht zulässig ist, daß d'e Beamten der besetzten Gebiete mit ihren aus dem besetzten Ge­biet ausgewiesenen Vorgesetzten in Ver­bindung bleiben oder an der von der deutschen Regie- Nlng vorgeschriebenen Aktton des Widerstandes teil- nehmen. Die Interalliierte Rheinlandkommissicm bat daher bMHIossen. daß die durch die Verordnung 167 über r^^Erkebr^Molschen dem besetzten Gebiet und dem unbe- .. - < Erjaubrttsschemx nur

-- su erteilen sind, daß es ..... rm Interesse der Bevölke­

rung bandelt. Die besagten Erlaubnisscheine dürfen nur durch dl«. Kreisdelegierten ausgestellt werden und sind nur iur eine Reffe gültig, deren Dauer sie erwähnen muß.

Anschlag auf einen v-Zug bei Ma nz.

Mainz, 16 Juni. Auf den Parifer Expretzzug, der in Mainz um 9 Uhr 34 Min. eintreffen soll, wurde am Donnerstagabend ein Anschlag verübt. Eine auf bie Schienen zwischen Budenheim und Uhlerborn gelegte Bombe explodierte im Augenblick der Vorbeifahrt des Zuges. Die Bombe explodierte erst bei dem fünften Wagen. Es war ein Personenwagen dritter Klasse, in dem etwa zwanzig Reisende saßen, Denffche und Franzosen. Die Explosion riß den Fuß­boden eines Abteils und eines Teils des Ganges auf Alle Fensterscheiben wurden zertrümmert. 'Zehn Reisende erlitten Verletzungen, zum Teil schwerer Art, so daß sie ins Krankenhaus gebracht wer­den mußten. Ein französischer Brigadier Maurice L e r o u x, der auf einer Bank schlief, erlitt einen Bruch beider Beine neben vielen anderen Verletzungen.

Sofort nach Vekanntwerden des Anschlags wurden von der französischen Gendarmerie Nachforschungen nach den Tätern unternommen, in deren Verlauf vier Männer, die falsche Ar^weispapiere hatten, ver­haftet wurden,' sie sind als Täter verdächtig.

Warnung eines hessischen Ministers.

Darmstadt, 16. Juni. Minister v. Brentano . richtete im hessischen Landtag an das besetzte Gebiet eine dringende Warnung vor Sabotageakten, die im Interesse unseres Vaterlandes vermieden werden müßten.

Belagerungszustand in Bonn.

. -„^".',,l^-2uni. Seitens der französischen Besatzungs- beborde fft gestern,abend der Belagerungszustand über den Stadtkreis Bonn verhängt worden. Sämtlicker Straßenverkehr ist von 8.30 Uhr ab verboten. Die Maß­nahme ist zuruckziifuhren auf Sprengungen an Babnkörveru. die m den letzten Tagen in der Umgebung Bonns verübt wurde«