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N? 136.

Donnerstag, 14. Juni 1923.

71. Jahrgang.

Ser!k«W-«W Wl«le»l«s.

Nachdem die Havas-Meldung über die angeblichen Beschlüsse des englischen Kabinettsrats in Paris wie eine Bombe gewirkt hatte, beeilt sich jetzt die englische Regierung offiziös erklären zu lassen, der Inhalt der fraglichen Havas-Depesche fei unzutreffend. Das Kabinett Baldwin habe noch keine Entscheidung ge­troffen und werde fortfahren, die Angelegenheit zu prüfen. Infolgedessen braucht man die Hoffnung auf ein Ergebnis im französisch-englischen Diplomaten­kampf noch nicht aufzugeben. England bemüht sich unter allen Umständen eine Einigung zu erzielen, da auch Baldwin einen Bruch mit Frankreich für gefähr­lich hält. Es arbeitet darauf hin, einen Waffenstill­stand an der Ruhr zu erreichen unter der Bedingung, daß Deutschland den passiven Widerstand aufgibt und daß Frankreich die Art der Ruhrbosetzung abändert. In Paris scheint man nicht abgeneigt zu sein, auf den englischen Vorschlag einzugehen. Angeblich beschäftig­ten sich die englischen Sachverständigen auch eingehend mit dem belgischen Plan, den man anscheinend als Basis für den englischen Vermittlungsvorschlag ver­wenden will. Der englische Premierminister und der Außenminister sollen in Erwägungen darüber einge- treten sein, ob es möglich ist, in die englischen Gegen­vorschläge die Forderung Frankreichs auf Abbau des passiven Widerstandes im Ruhrgebiet hineinzuarbeiten, jedoch so, daß sie einen gewissen Erfolg auch in Berlin versprechen. Aus verschiedenen Anzeichen geht jedoch hervor, daß man sich auf langwierige Verhand­lungen vorbereitet. Auf jeden Fall wird angenommen, daß das englische Kabinett seinen Standpunkt noch nicht endgültig festgelegt hat. England scheint auch Wert auf einen internationalen Schiedsspruch, wie ihn die deutsche Regierung vorgeschlagen hat, zu legen.

Die deutsche Regierung kann in diesem Stadium der Verhandlungen natürlich wenig tun. Man wird sich aber in der Frage des passiven Widerstandes zu Kom­promissen geneigt zeigen müssen. Rach einer Berliner Meldung denkt man sich ein solches Entgegenkommen vielfach in dem Sinne, daß man das Äufgeben des passiven Widerstandes und die Räumung des Ruhr­gebietes so nahe als möglich aneinander brächte, und zwar in der Weife, daß sich Deutschland bereit erklärt, bei Beginn der internationalen Verhandlungen die Intensivität des passiven Widerstandes zu mildern, während sich Frankreich verpflichten müßte, amSchlusse der Verhandlungen mit der Räumung des Ruhrgebietes zu beginnen.

Es wird nun darauf ankommen, wie weit der eng­lische Gedanke sich durchsetzt und mit welchen Konzes­sionen dieser Erfolg erkauft werden muß, denn die eng­lischen Konzessionen werden zunächst und unmittelbar deutsche Konzessionen sein?

Ml lebe enMIflie MOeiMü Wl«s.

Ein Dementi des Foreign Office.

Paris, 13. Juni. Havas teilte offiziös zu der Frage der englischen Kabinettsbeschlüsse vom Montag­nachmittag folgendes mit: Zn der französischen Presse sind gestern vormittag die Nachrichten aus London mit wahrer Enttäuschung ausgenommen worden. Die gesamte französische Presse habe mit bemerkens­werter Einmütigkeit die so sehr dem französischen Rationalempfinden zuwiderlaufenden Absichten der englischen Regierung entsprechend gewürdigt. Da das Ministerium für auswärtige Angelegenheiten von dem französischen Botschafter in London keinerlei Jnforma- ncnen über die ganze Angelegenheit erhalten habe, babe es gestern vormittag die französische Botschaft in London gebeten, beim Foreign Office anzufragen. Der -Botschafter habe am späten Nachmittag P o i n c a r 4 eine Mitteilung zugehen lassen, die er um 4 Uhr von Lord Curzon erhalten hätte und aus der hervor- Sihe, daß das englische Kabinett noch keinerlei

d g ü l t i g e Entscheidung über seine Repara- uonspolitik getroffen habe, und daß die ihm in dieser Beziehung zugeschriebenen Absichten nicht zu- ^a f e n. Das Dementi des Foreign Office habe im wesentlichen die materielle Tatsache im Auge, daß von 1>m englischen Kabinett noch keinerlei Entscheidung getroffen worden sei. obwohl schon vorgestern abend die -cudoner Blätter behaupteten, daß keine weitere Kabi- oettssitzung stattfinden werde, es sei denn im Anschluß ? u euren neuen Meinungsaustausch zwischen " 2n . Kanzleien. Das Dementi des Foreign Office be­freite auch die dem Kabinett Baldwin zugeschrie- » Pläne. Immerhin sei es merkwürdig, festzu- i^euen, daß mehrere englische Morgenblätter gestern

Informationen ähnlich denen der französischen Organe veröffentlicht hätten, und daß einige dieser Blätter, wie beispielsweise der sehr gut unterrichtete „Daily Telegraph", die Hoffnung aufgeben, daß zwischen den beiden Regierungen eine Verständigung über die Deutschland zu erteilende Antwort stattfinden werde. Da die Rote des Foreign Office versichert, daß die wahre Absicht des englischen Kabinetts dem nicht ent­spreche, müsse man sich fürs erste beglückwünschen und die endültige Beurteilung dieser Absicht ausschalten, bis sie offiziell bekannt sei.

Paris, 13. Juni. Die gestrige Havas-Meldung, daß bis zum Nachmittag eine Bestätigung der von Havas verbreiteten Nachricht, die englische Regierung habe sich geweigert, in einer gemeinsamen Note die Ein­stellung des passiven Widerstandes von Deutschland zu verlangen, nicht Vorgelegen habe, mußte einiger­maßen Erstaunen erregen. Sie ist in den späten Abendstunden durch eine weitere Havas-Meldung er­gänzt worden, das ForeiM Office erkläre, daß die am 12. Juni von der französischen und englischen Presse veröffentlichte Nachricht über die Beratungen des englischen Kabinetts nicht der Wahrheit ent­spreche. Das britische Kabinett habe noch keine Entscheidung getroffen. Wie der „Matin" mit­teilt, hatte die französische Regierung ihren Botschafter gestern nachmittag beauftragt, in der Downing Street anzufragen, ob die Pressemeldungen den Tatsachen entsprächen. Der Botschafter habe Poincar6 gestern nachmittag 4 Uhr mitgeteilt, er habe die Mitteilung vom Foreign Office erhalten, daß alle in der franzö­sischen Presse enthaltenen Nachrichten über eine an­gebliche Entscheidung des britischen Kabinetts reine Erfindungen seien. Der „Matin" fragt: Wer ist der englische Politiker, der im Laufe der Beratungen des Kabinetts am Montagabend zwischen 8 und 9 Uhr mehreren französischen Zeitungskorrespondenten, dar­unter dem der Havas-Agentur, mitgeteilt hat, daß England sich weigere, sich Frankreich anzufchlisßen, um dem Krieg ein Ende zu machen, der von Deutschland wieder angefangen worden sei, es sei denn, Frankreich werde sich der Ansicht Mac Kennas anschließen? Diese mysteriöse Persönlichkeit, die vielleicht außer einem verdächtigen politischen Manöver ein wirkungs­volles Börsenmanöver durchgeführt habe, müsse demaskiert und genannt werden. Die französi­sche Regierung bemühe sich, sie kennen zu lernen. Der ..Matin" fügt der Nachricht noch hinzu, in Belgien habe die Meldung, das englische Kabinett habe bereits in der angedeuteten Weife Stellung genommen, eins wahre Bestürzung hervorgerufen, und die belgi­sche Regierung habe Poincar<r erklärt, daß die Absich­ten der englischen Regierung gut seien und daß Eng­land nichts mehr verlange, als sich Frankreich anzu­schließen, um einen Druck auf Deutschland ausüben zu können.

Eine neue Sitzung des Kabinetts Baldwin.

London, 13. Juni. Reuter meldet: Unter dem Vor­sitz Baldwins wurde heute eine Kabinetts­sitzung zur weiteren Besprechung der Reparations- frags abgehalten. Eine Erklärung der britischen Re­gierung über die britische Politik werde nicht vor der nächsten Woche erwartet. Es herrscht die An­sicht vor. daß sie alles unternehme, um eine Entscheidung zu treffen, und alle Mittel angewandt werden müßten, um eine Übereinstimmung zu erzielen, die eine Einigung hinsichtlich der von den Alliierten verfolgten Richtlinien ermögliche. Zwischen den alliierten Haupt­städten finde ein lebhafter Verkehr statt. Da Frank­reich die Frage des deutschen passiven Wider­standes zum wichtigsten Berhandlungspunkt gemacht habe, versuche Großbritannien genau in Erfahrung zu bringen, was Frankreich unter dem Versuch, 'dem Widerstand ein Ende zu machen, verstehe

Die Haltung Italiens.

London, 13. Juni. Der römische Berichterstatter der „Times" schreibt, es sei ihm von einem Mitglied des Auswärtigen Amtes mitgeteilt worden, daß die Haltung Italiens gegenüber der Erörterung der deutschen Rote sich der bereits von Groß­britannien angenommenen anschließe u werde. Dem Berichterstatter zufolge hat die italieni­sche Regierung, obwohl die französische Regierung immer noch darauf hofft, sie dazu überreden zu können, noch nicht zugestimmt, sich Frankreich bei dem Verlan­gen auf sofortige Einstellung des passiven Widerstan­des als Vorbedingung einer weiteren Erörterung an- zuschließen.

WW MmHulWH m einen MhrmffenstWM.

London. 13. Juni. Die in den Erörterungen zwischen Großbritannien und Frankreich über die Reparation s- und Ruhrfrage entstandene schwierige Lase bildet nach wie vor das .hauvttbema der Blätter. Wie verkantet, bat das britische Kabinett gestern abend keine endgültige Entscheidung bezüglich des deutschen Memorandums und der Vorstellungen der französischen Regierung gefaßt. Rlcittermeldunsen zufolge wird die Hoffnung auf eine Vereinbarung zwischen England und Frankreich, die die Absendung einer gemeinsamen Antwort an Deutschland ermöglichen würde, nicht aufgegeben. „Evenintz Standard" zufolge sollen die britischen Bemühungen am einen Ruhrwaffen ft illktand auf folgender Grund­lage hinzielen: Deutschland müsse den vassiven Widerstand einstellen, wenn Frankreich seinerseits die Art der Ruhr­besetzung abändert

Der „Poll Mall Gazette" zufolge soll ein hervorragen­der Diplomat geäußert haben ein Punkt sei jetzt erreich: worden, wo d-iie britische Ansicht sich behaupten müsse. Poin- carö kenne jetzt den britischen Plan. Wenn eine gemein­same Aktion nickt möglich sein sollte, so bleib« nur mich die Separataktion übrig.

Der politische Berichterstatter des „Manchester Guar­dian" gebt sogar so weit, zu erklären, daß die britische Regie­rung in den Verhandlungen bezüglich des deutschen Memo­randums einem Bruck mit Frankreich nahe sei. Die britische Regierung erkenne an. daß die Einstellung des passiven Widerstandes außerhalb der Macht der deutschen Regierung liege.

Paris, 13. Juni. Wie das „Echo de Paris" mitteilt, bat das englische Kabinett gestern Vorschläge aus­gearbeitet. die zweifel-los beüte der französischen Regie­rung zugeben würden. Der Londoner Berichterstatter des Blattes spricht von folgenden Kombinationen, die im gegenwärtigen Augenblick in der Umgebrms der Downing Street erwogen würden: Me englische Regierung werde als ehrlicher Makler auftreten und vorschlagen, daß Deutschland seinen Widerstand aufgebe, wäh­rend Frankreich die Form feiner Rubrbesetzung ändere und sie beispielsweise in eine industrielle Be­setzung umwandle. Me englische Regierung habe grobe Sorge, die deutsche Empfindlichkeit zu schonen. Sie wolle von der deutschen Regierung nicht die Einstellung des passi­ve!! Widerstandes verlangen, ohne dafür als Kompensation Deutschland die Versicherung anzubieten, daß die Alliierten Deutschlands Lag» prüfen und daß. wte bereits der „Daily Telegraph" geschrieben habe. Paris und Brüssel bereit seien, gewisse Konzessionen zu machen, um die deuffchen Vorschläge einer ernstlichen Erwägung zu unterziehen. Andererseits habe die englische Regierung weniger denn je die Absicht, in mehr oder weniger indirekter Weise die Ver­antwortung für die französisch-: Auslegung des 8 8 des Fricdensvertrages. der die Grundlage der französisch-belgi­schen Besetzung des Ruhrgebietrs bildet, anzunehmen. Es scheine sich also um einen Waffenstillstand im Ruhrgebiei zu handeln, für den sich die englische Regie­rung bemühe. Die sehr mächtige Eity lege sehr großen Wert aus den Grundsatz eines internationalen Schieds­spruchs. den Berlin verlange.

Paris. 13. Juni. Der offiziöse ..Temvs" schreibt zu der Frage des sogenannten Waffenstillstandes im Ruhrgebiei. die Franzosen würden es nicht a b l e h n e n. sich mit diesem Gedanken zu beschäftigen. Frankreich fühle sich strri lenug dort, um stets gemäßigt zu sein. Mit dem Tage, an

dem die deutsche Reichsregierung und die preußische Regie­rung alles getan haben würden, um dem passiven Widerstand ein Ziel zu setzen und die Ruhrbevölkerung zu einem loyalen Zusammenarbeiten mit den Alliierten zu bestimmen, mii dem Tage, wo daraus ein normaler Fortgang der Leistungen u'w. resultieren würde werde man in die Lage zurückver­setzt. die die französische und belgische Regierung am 11. Jan. ins Auge gefaßt hätten. Im Rahmen der interalliierten Organisationen würde alsdann die Verwaltung durch die Zivilisten wieder vorherrschend sein. In­dessen dürsten fünf Monate aggressiven Widersrandes lewer nicht spurlos bleiben. Man müsse daher schon jetzt z w e r Vorbehalte machen: Einmal könnte die fünf Monate hindurch'unter der Bevölkerung betriebene Agitation noch weiter gefährliche Folgen für die französischen Soldaten, ja sogar für die französischen Zivilbeamten hab-n. Es sei des­halb von Wichtigkeit, daß es für die französischen und belgi­schen Kommandos freistebe. alle Sicherheitsmaßnahmen zu treffen, die durch die Verhältnisse geboten wären. Des wei­teren werde dis Liauidation des deutschen Widerstandes ge­wisse Vorsichtsmaßnahmen erfordern.

Um ein Beispiel anzufübren. könne man nicht gestatten, daß die Vorräte an Metallwerten, die dank den Regierungs­vorschüssen angelegt worden seien. Vorschüssen, die die deut­schen Industriellen in entwerteter Papiermark zurückbc- zahlten. unvermittelt aus den Markt geworfen würden. Wenn der deutsche Waffenstillstandsgedanke sich den bisher angeführten französischen Eedankengängen anvaffe. so sei ein Meinungsaustausch hierüber nicht ausgeschlossen. Die Engländer besäßen ein gutes Mittel, die Verständigung zu erleichtern. Wenn England sichergeben wolle daß der deut­sche Widerstand aufhöre und an Stelle der militärischen Be­setzung ein Zivilsystem trete, dann brauche es nur einig- englische Abteilungen den französischen und belgischen Sol­daten zur Seite zu stellen.

Ein Schiedsrichter in der Reparationsfraze?

Berlin, 13. Juni. In einer Londoner Drahtung der ,.B. Z." wird behauptet, Baldwin befasse sich mit dem Plan, Amerika oder einem von der ameri­kanischen Regierung zu ernennenden Sachverständigen das Amt eines Schiedsrichters in wirtschaftlichen Streiffragen des Reparationsproblems zu übrweifen, sobald über die Frage des passiven Widerstandes eine Einigung zustande gekommen sei. Es handelt sich hier lediglich um die Wiedergabe einer Meinung, die durch andere Nachrichten nicht bestätigt ist.