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Nr 133.
Montag, 11. Juni 1923.
71. Jahrgang.
M «Mm MM der Alliierten ?
Stoch immer ist die Frage, ob die deutsche Ergänzungsnote einen Wog zu Verhandlungen darstellen kann, ungeklärt. Wenn nicht alles trügt, ist Baldwins große Stunde jetzt gekommen. Der Tenor der Londoner Blätterstimmen läßt deutlich erkennen, daß England seine passive Haltung aufgeben und zum Verhandlungstisch drängen will. Diese Verhandlungen werden zunächst unter den Alliierten stattfinden. Die entscheidende Frage ist jetzt, ob die Besprechungen zwischen London, Paris, Rom und Brüssel ein Ergebnis erzielen werden. Die deutsche Note hat anscheinend insofern günstig gewirkt, als sie keinen direkten Vorwand bietet, diesen Verhandlungen Hindernisse zu bereiten. Eine andere Frage ist, ob das Ergebnis dieser Verhandlungen eine wirkliche Entspannung herbei- führen wird. Jedenfalls scheint es festzustehen, daß Paris keine isolierte Antwort geben wird. Offenbar hat sich die englische Regierung in dieser Beziehung die Sicherheit verschafft, daß nicht, wie nach der ersten deutschen Rote, eine Festlegung Frankreichs erfolgt, bevor der Versuch einer interalliierten Aussprache gemacht ist-. Anscheinend geht nun die französische Taktik daraus hinaus, die Frage des passiven Widerstands in den Vordergrund zu schieben, eventuell in der Form, daß erst einmal eine Rückfrage nach Berlin gerichtet wird, ob die deutsche Regierung bereit sei, ihre Anweisungen über die Führung des passiven Widerstands zurückzu- ziehen und dem Grundsatz der staffelweisen Räumung des Ruhrgebiets zuzustimmen.
Inzwischen hat Reichskanzler Dr. Euno die Tagung des Reichsverbandes der deutschen Presse benutzt, um in Münster in Westfalen, an der Ereme des Ruhrgsbietes, noch einmal den Friedenswillen und die entgegenkommenden Ziele Deutschlands zu betonen. Er erklärte wieder, Deutschland lege auf eine offene und gleichberechtigte Aussprache und auf die Feststellung seiner Leistungsfähigkeit durch eine unparteiische Instanz, den größten Wert. Auch auf die Garantien der Wirtschaftskreise, aus die bis jetzt geleisteten ungeheuren Barleistungen im Betrage von 42% Milliarden Goldmark und auf die Ausgleichszahlungen im Werte von 54 Milliarden Mark wies er besonders hin. Feierlichst stellte er fest, es gebe keinen Preis, um den deutsches Land am Rhein und an der Ruhr und das Recht des Reiches in diesen Ländern feil wären. Der Reichskanzler forderte schließlich auf, der Regierung zu vertrauen und vor keinem Opfer zurückzuschrecken, um die Freiheit Deutschlands zu erreichen.
Deutschland ist der Entente zwei große Schritte ent- gegenMkommen. Der dritte Schritt muß jetzt von den Alliierten unternommen werden. Ob und in welcher Form das der Fall fein wird, kann heute noch nicht gesagt werden!
in tMcn So'Wiit.
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runungen abgeben könne, könne man amrebmeu, bah ein Ä u u n g -z a u s 1 a u s ch mit dem englischen Kabinett Dre Frage, ob eine interalliierte Antwort naw Berlin gerichtet werde, bleibe unsicher. Eine inter- rifi*® Demarche scheine nur dann möglich, wenn die eng- M?. Regierung von nun an mit der französischen und der ZeiKiichen Regierung dabin einig wären, die vorherige Ein- nei nng des passiven Widerstandes zu verlangen. In London m>ekne man ansunehmen. daß die deutsche Note hinsichtlich enthalt'' an,ieIIen Pfänder gewisse neue Vorschläge
0 „ Baris, g. Juni. ..Petit 93(triften“ berichtet: Die im Mre der Brüsseler Verhandlungen voa der französischen und oeigtlchen Negierung getroffene Entscheidung, keinen oenilchen Vorschlag zu prüfen, so lange nicht der im besetzten besonders im Ruhrgebiet organisierte passive holder st and anigebört habe, ist von den Kabinetten von ndon und Rom notifiziert worden Dieser Noti- 'tz'erung folgte gestern ein interalliierter Mei- " » s a u s t v u s ch. Im Quai d Orsay hat gestern zroi- dem belgischen Botschafter und dem politischen Drrek- «esunden retti * e 1 a ^ 0 c c a eine Besprechung statt-
feftiHMmtnfll Wische« Mr «UW.
10. Juni. Savas teilt mit. der Meinungsaus- »mm uder die neuen deutschen Vorschläge sei im Lause des Daaes zwischen Paris und Brüssel fortgesetzt wor- Das Einvernehmen der beiden Regierungen sei 1," Micnscftent. Was die Beantwortung des in "o J * cn Memorandums anlange, so scheine man n fffeten wie in Frankreich eine Kollektivantv
dem Fc reimt Office mitgeteilt habe daß Frankreich gern eine Kollektivantwort der Alliierten auf die deutsche Note m(,unterzeichnen würde, wenn diese sich darauf beschränkt, rur Deutschland die Einstellung der gegen den Friedensver- trag gerichteten Politik zu verlangen, und daß nach Erfüllung dieser Bedingung durch Deutschland Frankreich bereit sei. mrt den Alliierten eine allgemeine Regelung d er R eparationsfrage auf der Grundlage des fran- £ 0 !tia:en Memorandums vom 2. Januar zu treffen. Die Bedeutung dieses Schrittes sei nickt zu übersehen: er biete England vre Möglichkeit, die Einheitsfront der Alliierten wtederherzustellen.
. Dre Darstellung wird bestätigt durch .Petit Parisien" und ..Echo de Paris. Das letztere Blatt rekapituliert den Inhalt des französischen Memorandums vom 2. Januar wie Atzung der deutschen Schuld auf »0 Rluliarden Goldmarts vorausgesetzt, daß gleichzeitig siimt- l'me alliierten Schulden kompensiert würden und Erhebung ?.?I>'biedener Einnahmen aus dem besetzten Gebiete, die inhrltch eine Milliarde Eoldmark ergeben würden, bis Deutschland seine normalen Zahlungen wieder aufnehme. „Echo de Paris sagt rum Schluß, selbstverständlich werde me Aufrechterhaltung der gegenwärtigen B e s etz u n g bis zur völligen Bezahlung der deutschen Schuld gerechtfertigt.
Ae WM« »er tniMen Kegler«.
London, 10. Juni. Die wichtigsten Sonntagsblätter, „Observer“ und „Sunday Times“, betonen nachdrück- lichft, daß die neue britische Regierung die bisher in der Reparationsfvage eingenommene passive Haltung aufgebe und das deutsche Memorandum zum Ausgangspunkt einer endgültigen Regelung machen müsse.
Der diplomatische Berichterstatter des „Observer“ schreibt, die erste wirklich bedeutsame Kabinettssitzung der RpgierungBaldwins werde morgen vormittag statt- finden, rn der me Politik der britischen Regierung gegenüber Frankreich und Deutschland" erwogen werde. Baldwin sehe sich schon einem anscheinend unüberwindlichen Hindernis gegenüber, das durch die französische Regierung jeder Regelung der Reparationsfrage in den Weg gestellt werde. Der Premierminister erkenne jetzt, daß, solange die augenblickliche Stimmung und die augenblickliche Methode Frankreichs andauere, eine Einigung vollkommen unmöglich fein werde, da die Frage, auf die es für Europa ankomme, weit bedeutsamer sei als die Frage der fraa- zosischen-englischen Freundschaft, über das deutsche Angebot selbst sei die Ansicht der Regierung etwa die, daß der jetzt non Deutschland in Annuitäten angebotene Betrag möglicherweise Deutschlands unmittelbare Zahlungsfähigkeit darstelle, jedoch nicht seine spätere Zahlungsfähigkeit. Dies sei jedoch nicht die drinaendste Frage, wichtiger sei ein Angebot der deutschen Regierung alle mißlichen Informationen über die Zahlungsfahigkeit Deutschlands zur Ver- ftgung zu stellen. Dies sei nach Ansicht der britischen Regierung ein Angebot, das zu einer Regelung führen ?L ur ®l u«rde m London übrigens als eine kindische Politik angesehen, daß 12 Millionen Ruhr-
r,!,v^ 0 l nCt r *5«***» Widerstand galvanisiert £:. ?en , °er so fest sei, daß keine Gewalt ihn überwinden könne, auf Porncar^s Geheiß kapitulieren sollten. Auf Fall könne keme deutsche Regierung die Kapitulation dieser 12 Millionen versprechen. Der Bericktt- erstatter erklärt die Ansicht der französischen Politik daß der Rum Deutschlands die Sicherheft Frankreichs bedeute, sei für England eine unmögliche Dok- trin. Wenn Pmncarä oder seines Nachfolgers Poli- bleibe so sei es sicher, daß die britische Pofitik in Europa vollkommen neu organisiert werden
Paris, 16. Juni. Der „Matin“ glaubt die Absichten der englischen Regierung wie folgt zu kennreichnen- Eurzon würde Frankreich die m o r a l i s ch e ^lnt e r- stutzung Englands in Aussicht stellen um die Cwsiellung des passiven Widerstandes zu erreichen ohne fedoch der Besetzung des Ruhrgebietes offiziell zum- stimmen. Diese werde Frankreich unter der Bedinauna ^willigt werden, daß es diese Frage zuerst unkende? Alliierten und dünn auch mit Deutschland und zwar örtere" ® runbto ® c bcr Vorschläge Mac Äemtas! S
Fränzösischersetts so fährt der „Matin“ fort verlange man von England nicht, daß es die Besetzung des Ruhrgebietes als einen großen Erfolg anerkenne Die französischen Minister wünschten nur die englischen und
°»°d-- -n ihrer S-it°-"rI"-hL Was aber Frankreich me zulassen werde, sei, daß Ena- land, wenn es ,n den Rat der Alliierten zurückkebre sich selbst znm Schiedsrichter auftverfe und gewisser' matzsn die Kämpfenden trenne und Recht und Unrecht »erteilen «olle.
I Eine bedeutsame Rede des Reichskanzlers in Münster.
Münster, 10. Juni. Gestern abend fand zu Ehren des Reichsverbandes der Deutschen Presse ein E m p- fangsabend statt, der von der Stadt Münster im Saale des historischen alten Rathauses veranstaltet war. An diesem Empfangsabend nahmen auch der Reichskanzler und der Reichsarbeitsminister Br a u n s teil. Nach der Begrüßungsansprache des Oberbürgermeisters der Stadt Münster nahm der Reichskanzler das Wort zu folgender Ansprache:
Eine schwere Wirtschaftssorge
lieft über unserem Volke und verhältnismäßig in besonderem Maße aus der Mehrzahl derjenigen in ihm, die qualifizierte Arbeit, sei es körperlich, sei es geistig, verrichten. Das trifft auch auf die große Mehrheit Ihres Berufes zu mit Ausnahme der wenigen, denen ein glückliches Geschick oder besondere Kraft des Geistes und Willens vielleicht ein günstigeres Los bereitst hat. Es muß unsere wichtigste Aufgabe und Sorge sein, daß unsere Presse auch in Zukunft ein wahres Abbild der Volksmeinung und -sfimmung. sei. Die U n a b - hängig teil der Presse ist ein hohes Gut, eine Unabhängigkeit, deren Wesen nicht in Zügellosigkeit liegt, sondern gerade in der sittlichen Gebundenheit und eigener Verantwortung. Eine Unabhängigkeit, die abzugrenzen ist nicht nur gegenüber dem Staat und seinem stärkeren Recht und dem Anspruch aus Beachtung der staatlichen Notwendigkeiten, sondern auch gegenüber den Kräften und Bestrebungen des Wirtschaftslebens. Vorgestern haben wir den Mächten unser Memorandum
als Ergänzung zur Note vom 2. Mai übergeben. Ich begreife die Spannung und Ungeduld, mit der unser Schritt erwartet wurde. Es ist ein natürlicher Schritt auf dem Wege, den die Regierung von Anfang an ge- gangeü ist. Die Aussprache in offenen, ehrlichen und gleichberechtigten Verhandlungen ist der Weg, den die Regierung sich vorgezeichnet hat. Es gilt, allesan dieses Ziel zu fetzen, um für Rhein und Ruhr die Wiederherstellung des Rechtszustandes zu erreichen Es gilt, alles zu tun, um die furchtbaren Leiden zu lindern, die alle Schichten der Bevölkerung im besetzten Gebiet tragen. Diöse Ausgabe ließ unsere Bemühungen um die Lösungder Reparationsfrage verdoppeln. Lange ist die Regierung auf Ablehnung gestoßen, bis Lord Eurzons Ratschläge neue Möglichkeiten gaben, die Rote vom 2. Mai a'b- senden zu können.
Zur Frage der
tatsächlichen Leistungsfähigkeit Deutschlands
übergehend, erklärte der Reichskanzler, diese werde im Auslande weit überschätzt. Unsere Gegner hätten dies selbst dadurch anerkannt, daß sie den Gedanken einer großen Anleihe für Deutschland ausgegeben hätten. Nunmehr solle eine internattonale «nd unparteiische Instanz über die wahre Leistungsfähigkeit Deutschlands entscheiden. Der Staat werde seine ganze Kraft geltend machen, damit die Wirtschaftskreise gewisse
Garantien
geben müssen. Dieser Gedanke der Garantien ist vom Staat in die Wirtschaft getragen worden. Wie diese Garantien aufzubringen sind und wie weit sie auszudehnen sind und wie die Leistungen zu verteilen sind, wird der Staat zu besttnrmen haben. Wertvoll ist es aber, daß bei dem neuen deutschen Angebot auch ein JJi? tlD A. n{ ä e5 Anerbieten der deutschen Wirtschaftskreise Erwähnung finden kann, weil das Ausland vielfach der deutschen Regierung einen Einfluß auf die Wirtschaft abgesprochen hat. Wie verkannt unsere Reparationslieferungen wurden beweist die Tatsache, daß wir bis Ende 1922 für 'rund 42% Milliarden Eoldmark Barzahlungen geleistet haben, während die Ausgleichszahlungen 54 Milliarden erreichten.
Auf die augenblickliche
Lage im Ruhrgebiet eingehend, erklätte der Reichskanzler, daß 50 000 deutsche' Beamten, Angestellten, Arbeitgeber und -nehmer und Private aller Berufe, Männer, Frauen und Kinder, seit dem 11. Januar Haus und Heimat verlassen mußten. Volk und Regierung fühlen sich ihnen von ganzer Seele zu Dank schuldig und werden alles tun, um ihr Los zu lindern.
Der Kanzler fuhr fort:
Wir wollen den Frieden und sind unseren westlichen Nachbarn gegenüber zu leder wie immer gearteten F r i e d e n s°s i ch e r h e i t bereit. Aber, das erkläre ich offen und feierlichst.
