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Nr. 132.

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Samstag, 9. Juni 1923.

71. Jahrgang.

Ae Witte -es -We« Metts.

Mer die Aufnahme des neuen deutschen Ange­botes in den Ententehauptstäbten läßt sich noch nichts Bestimmtes sagen. Die ersten durchaus ablehnenden Äußerungen aus P«üs, die den deutschen Schritt als einen „schlechten 2ßt^ bezeichneten, scheinen einer teil­weisen gemäßigteren Aufsaffung Platz gemacht zu haben. Man will auch in Paris einen Meinungs­austausch mit den Alliierten herbeiführen, ehe man offiziell zu dem deutschen Schritt Stellung nimmt. Ganz besonders wird in Frankreich das Fehlen jeder Bemerkung über den passiven Widerstand in der deutschen Note bemängelt. Ferner bezeichnet- man das deutsche Verlangen um ein vierjähriges Mora­torium für unannehmbar. In Belgien schließt man sich den französischen Ansichten vollkommen an. Die englische Regierung berät noch über ihr weiteres Vor­gehen. Bemerkenswert isi indesien, daß A s q u i t h in einer Rede in Paisley erklärte, es sei Vor­bedingung für jedes Zusammenwirken unter den Alliierten, daß die abgeänderten Vorschläge, die die deutsche Regierung jetzt unterbreitet habe, nicht summarisch abgelehnt würden, sondern das Thema öffenlicher Erwägungen und Erörterungen bilden müßten. Mussolini sprach sich unbedingt für weitere Verhandlungen aus. ,

Für Deutschland ergibt sich aus dem Inhalt der Note, ob sie nun die Basis zu weiteren Erörterungen abgibt oder glatt abgelehnt wird, die Tatsache, daß der Geist größter Opferwilligkeit nachdrücklich in die Tat mngesetzt werden muß. Allein Opfer von uner­hörter Kraft und Leistungen von außerordentlichem Ausmaß können uns zum Ziele führen. Dazu brauchen wir eine Regierung mit stärkster Entschlußkraft und mit einer Energie, die alle Widerstände zu überwinden weiß, die ihr. von wem es auch immer sei, in den Weg gestellt werden. Das erneuerte deutsche Angebot be­kundet den Entschluß zu großen Taten, unter Zu­sammenfassung aller wirklich opferwilligen und daher Vaterlands- und volksliebenden Kreisen. Rur ein in seiner Tatbereitschaft einiges Volk wird die furchtbare Schicksalsprüfung, die Deutschland auferlegt worden ist, bestehen können!

. Einlenken in Paris?

Berlin, 8. Juni. Die bisher aus Paris vorliegen­den Kommentars der französischen Presse zu dem deut­schen Memorandum lassen erkennen, daß man bei dem voreilig erklärten „uudiskutierbar" nicht zu bleiben gedenkt. Selbst „Petit Parisien" erklärt offen die Möglichkeit, daß es zu einem Meinungs­austausch über eine gemeinsame Rote mit den Kabi­netten von London und Rom kommt. Im allgemeinen betrachtet man die in der deutschen Rote enthaltenen Anregungen als Ausgangspunkt für weitere Verhandlungen. Man stellt jedoch in den Vordergrund der Erörterungen den deutschen p a s s i - ® e n Widerstand. Wenn von Deutschland ein Verzicht auf den passtven Widerstand zu erlangen ist, betrachtet man den Weg zu Perhandlungen frei. Es wird fast übereinstimmend der Meinung Ausdruck ge­geben. daß Poincarö sich bemühen würde, alle Alliierten zu einem entsprechenden Schritt an Deutschland zu bewegen. Dabei zählt man jedoch an­scheinend nicht soviel Stimmen auf die Mitwirkung Englands und es wird angeregt, daß Frankreich und Belgien über die Frage des passiven Widerstandes und vielleicht über d'ie Hauptfrage, die staffelweise Räumung des Ruhrgebietes, mit Deutschland ver­handeln und daß nach Regelung dieser Vorfragen eine gemeinsame Antwort der vier Verbündeten uuf die deutsche Rote erörtert werde.

In Brüssel soll nach einer Mitteilung des --Petit Parisien" eine ähnliche Auffassung herrschen. Auch hier mache man gegen die Nichterwähnung des passiven Widerstandes und gegen das Verlangen Deutschlands nach einem vierjährigen Moratorium Einwendungen. -

Was die Frage des passiven Widerstandes angeht. so bat darüber wohl ccm besten der „Vorwärts" die tatsächlichen Verhältnisse gekennzeichnet, indem er u. a so?reibt: Eine ganz andere Frage ist es, ob nicht durch vorläufige Vereinbarungen eine o e f s e r e Atmosphäre für die bevorstehenden Verhandlungen geschaffen werden könnte. Dazu ist owe" guter Wille aus beiden Seiten erforderlich. Wenn p \. der französischen Regierung darauf ankormnen d'urde, den Boden für eine Verständigung vorzu- oereiten, so müßte sie der Ansicht zugängig sein, daß gewisse Leistungen aufhören müssen.

Parrs, 8. Juni. Nack einer Havasmeldung will ei-ne autorisierte politische Persönlichkeit ihren Eindruck gestern wie folgt zusaminengesaßt haben: ..Das ist ein Scherz.' Die deutsche Note sei gemäßigt im Ton und absichtlich neutral gelullten. Der Begleitbrief gehe logar so weit, nicht ohne Deullielei zu erklären, daß man alles vermeiden wolle, was eine Fortsetzung des Meinungsaustausches schwierig ge­stalten könne, und daß deshalb die deutsche Regierung in ihrer Antwort sich auf die Punkte beschränkt habe, die den Antworten der alliierten Regierungen auf die letzte deutsche Note gemeinsam seien.

Nach einer Kritik, die sich in dem Gedankengang bewegt, den der ..Petit Parisien" entwickelt, kommt die Havas- agentur zu folgenden Konklusionen: Welche Antwort werden die Alliierten nunmehr der deutschen Regierung zuteil wer­den lassen? Darüber ist in Paris und anderwärts noch keine Entscheidung getroffen worden. Die deutsche Note zwangt zu einer raschen Erwägung. Die iranzösisch- belg'.iche Note vom 6. Mai hat die leitenden Grundsätze der französisch-belgischen Äevarationsvolitik ausgestellt. Es scheint unter diesen Umständen nicht nötig, daß das neue Angebot einer länger begründeten Antwort bedarf, weil sie nicht, die unerläßliche Bedingung Frankreichs und Belgiens enthalt, nämlich die E i n ft e l l u n g des passiven Widerstandes.

Die alli-erten Kanzleien werden nunmehr ihre Mei­nung austguschen und wenn die alliierten Regierungen über diese wesentlichen Grundsätze einig sind, wird nichts mehr der Abfassung einer Kollektivantwort ent- gegcnstehen.

Paris. 8. Juni. Das deutsche Memorandum findet in der Regierungs- und rechtsstehenden Prelle die Aufnahme, die man m« der Pressekampagne der letzten Tage erwarten konnte Ein Teil der Prelle würdigt jedoch die Vorschläge ernstlich und findet in ihnen die Grün dl a ge zu einer Diskussion.

.. Das ..Echo de Paris" schreibt, man habe es mit einem Ruckzug zu tun. Am 2. Mai sei eine Ziffer angieboten worden: beute wolle man ein- internationale Kommission die Gesamtheit der deutschen Verpflichtungen festsetzen lassen. Der Bruch des Versailler Vertrages erscheine noch viel deut­licher als bei der ersten Gelegenbeit. Die deutsche Reichs- regierung schlage Garantien vor. sie sage aber nicht, wie die erzielte Paviermark aus den einzelnen Ernnahnteauellen umgewandelt, werden könne. Die Haltung der französischen Regierung könne also nicht den geringsten Zweifel crui- kommen lallen. Aus allen möglichen Gründen, die man nicht'notig habe, auseinanderzusetzen. müsse Voincarö. wenn er das Dokument gründlich prüfe, es zurückwe ise n. Aber er werde diese Prüfung gar nicht vornehmen. Den Kabinetten von London und Rom siebe es frei, ihre Argu­mente, vorzubringen. Auf alle Fälle aber könne es keinen Z w e i f e.I u b e r die Ablehnung geben.

..Journal schreibt, niemand hätte einen Augenblick glauben können, dag das zweite deutsche Angebot befriedigev- der sein konnte alck das erste. In Brüssel halte man die Mit­teilung über die Annahme für überflüssig, aber man werde nur eine Antwort revidieren, wenn sie die Belgier für ab­solut erforderlich hielten. Es könne aber keine Rede davon sein., die Zustimmung Londons und Roms nachzusuchen. Den Regierungen von London und Rom stehe es zu. ihre Politik zu siizzieren. Frankreich habe keine Zustimmung nachzu- suchen. es könne also in aller Ruhe abwarten

Der ..Matin" schreibt' Frankreich habe erklärt' Keine Räumung ohne Zahlung. Deutschland verlange ein Moratorium von vier Jahren. Frankreich habe erklärt' Kerne Unterhandlungen ohne Einstellung des passiven Widerstandes, und Enno verlange eine sofortige Konferenz Man könne sich unmöglich Plumperes denken, und man müsse daraus den Schluß ziehen. daß Cuno die Fortsetzung der zur- zert Deutschland .gegenüber angewandten Politik wünsche. Das siehe ibm frei.

Das ..Petit Journal" erklärt, bei weitem kürzer und in weniger unvorsichtigen Wendungen abgefaßt. als das erste, stelle das deutsche Memorandum einen gewissen Fort­schritt dar in dem Sinne, daß der deutsche Reichskanzler sich entschließt, den Alliierten eine Anzahl E a r a ntUn EWcklagen. deren Wert in ihrer genauen Höhe von Sach­verständigen abgcschätzt werden muffe. Aber dieses Ange­bot das lerne Urheber selbst auf 1290 Millionen Jahres- »adluva. Matzen, werde durch keinen bezifferten Vorschlag hinsichtlich der deutschen Eelamtschuld unterstützt, und andererseits gingen chm Bedingungen und Anregungen vo"- aus. die die französische Regierung schwerlich werde'als an­nehmbar betrachten, können. Es sei verfrüht. Vermutungen über den Gang der Dinge anzustellen. Er werde »TS von der Haltung bedingt, die die Kabinette von London und Rom einnehmen wurden. Möglicherweise werde nach dem Me-nungsaustauscn. der zwischen den Alliierten stattoeium den habe. Berlin die Frage gestellt werden, ob DeutManü die beiden Bedingungen hinsichtlich der Ruhrbesetzung an- uehmen werde oder nicht. - »

Der Eindruck in Belgien.

Paris. Juni, Der Brüsseler Berichterstatter des ..Petit Parisien *' --

Jen i e i n e u u u , u e «ainuomt Tiraen tonne 'Vtc* hauptsächlichste Grund sei, daß die deutsche Regierung über mnen wesentlichen Punkt, den die iranzösische und belgische Regierung mm Lause der Mlttwochkonferenz besprochen hätten, stumm bleibe. Es sei unmöglich, daß man mit Deutschland verhandle., so lange es im Ruhrgebiet den va!siven und a k t iven Widerstand aufrechterhalte

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Bar sei und daß man mißtrauisch gegenüber einem Schieds- Gruch sei und einem Konferenzvorlchlag. was nur dazu führen würde, die Forderungen Frankreichs imd Belgiens zu schwächen.

Günstige Aufnahme in London.

London. 8. Juni. Der überwiegende Teil der englischen Presse bereitet dem deutschen Memorandum eine günstige Aufnahme, gibt jedoch der Be­sorgnis Ausdruck, daß die französische Regie­rung das deutsche Memorandum für u n a n n e h m- bar erklären wird. Ausgesprochen kritisch gegenüber den deutschen Vorschlägen verhalten sich nur die „Daily Mail" und die „Daily Expreß". Sogar die hoch- konservative „Morning Post", .die das deutsche Memo­randum als eine Rechtfertigung der Politik Poincarffs und der Ruhrbesetzung ansieht, nennt das deutsche An­gebot bei allen gegen seine Einzelheiten gewandten Cmwänden eine große Verbesserung gegen­über der vorhergehenden Note. Das Blatt hebt her­vor, daß das deutsche Memorandum einen Versuch der deutschen Regierung darstelle, die Mängel zu be­heben und die Lücken auszufüllen, gegen die Lord C u r z o n Einwcmd erhob. In der Frage der Garantien mache die deutsche Rote einen großen Schritt vorwärts. Die „Morning Post" sieht in dem Memorandum eine Grundlage zu Erörte­rungen der Alliierten in ihrer Gesamtheit und sagt, eine solche sei wünschenswert. Dies sei tat­sächlich eine Notwendigkeit, wenn der Friede der Welt wiederhergestellt werden solle.

Die „Times" erklärt in ihrem Leitartikel das neue deutsche Memorandum als das Ergebnis der Initia­tive der britischen Regierung, zweifellos vereint mit dem belgisch-französischen Druck im Ruhrgebiet, Da­her ruhe auf England eine ganz besondere Verantwortlichkeit, die deutsche Rote voll und angemessen zu erwägen. Sowohl die Form als auch der Inhalt des Memormtdums stellten einen großen Fortschritt gegenüber der Rote vom 3. Mai dar. Es stellt tatsächlich das letzte Wort der deutschen Regierung in dem Sinne dar, daß seine Verwerfung fast sicher zur Aufgabe jedes weiteren Versuches dieser Art filhren würde und zum politischen und sozialen Chaos in Deutschland.

London, 8. Juni. Der gut unterrichtete diploma­tische Korrespondent der „Daily News" sagt mit Be­zug auf die deutsche Note, es komme im Augenblick nicht so sehr darauf an. ob sie Frankreich zufrieden­stelle, was zweifellos nicht der Fall fein werde, son­dern, ob sie es England, Italien und Belgien ermögliche, eine Konferenz der Alliierten einMberufen, auf der die gesamte Lage geprüft werde. In maß­gebenden Kreisen in England sei man stets der Auf­fassung gewesen, daß der deutsche Vobschlag bezüglich einer unparteiischen Festsetzung der finanziellen Leistungsfähigkeit Deutsch­lands, wie er ursprünglich vom amerikanischen Staats­sekretär Hughes angeregt wurde, grundsätzlich richtig sei, und daß man, wenn Frankreich sich ihm nicht entschieden widersetze, nicht zögern werde, ibn a n- zunehmen. Nachdem nunmehr der Vorschlag mit einem endgültigen Angebot verschiedener Vermögens­werte zur Sicherung für eine Summe, die etwa iy 2 Milliarden Goldmark jährlich betrage, verbunden worden fei. würde eine Weigerung, darüber zu ver­handeln, gleichbedeutend fein mit der Feststellung, daß man in Wirklichkeit keine Lösung der Reparations­frage wolle.

Ein Eedankenaustlmfch zwischen den Ententemächten.

London. 8. Juni. Rach einer RentermeMmy wird das Kabinett in einer möglichst bald auMberaumendrn Sitzung die deutsche Note besprechen. Man erwartet, daß darnach zwischen London. Paris. Brüsseck und Rom ein Gedankenaustausch siattnnden wird, um über di- von den Alliierten zu> untern eh menden- Schritte schlüssig zu werden. \

Mussolini erhofft baldige Berftändigung.

.. , Rom 8. Juni. Zur Übergabe der deutschen Rote begab sich der deutsche Botschafter v. Neurath gestern nachmittag in den PalaUo Ehigi und wurde zunächst von dem G-meral- secretär v. T a r i n i, alsdann vom Ministerpräsidenten Mussolini empfangen. Diesem überreichte er die Note mrt der englischen Übersetzung. Daran knüpfte sich eine kurz.- Unterhaltung über deren Inhalt. Mussolini sprach die Hoff­nung ans eine baldige herzliche Verständigung aus.

Nom, 8. Juni. Bereits dis gestrige Abendvreffe druckte den Wortlaut des deutschen Memorandums vollständig ab.' Von der heutigen Morgenvresse erkennt ..Nuovo Baese' die geschickte Fassung an. Jedenfalls werde die deutsche Note, welche geschickt Wirtsckart und Politik trenne, die K!"it ' zwischen Frankreich und den anderen Verbündeten ver­breitern.

..Eiernale di Roma befürchtet, daß die gegen den Frie- densvertrag von. Versailles verstoßende Forderung nach Ein­berufung einer internationalen Kommission Schwierizkeiten macken werde, und.vermißt eine versöhnliche Andeutung hinsichtlich des passiven Widerstandes, welche - Frankreich icdwedcn Vorwand genommen haben würde.

Der ..Messaggcro" schreibt, das Memorandum sei unklar und sehr oberflächlich. Das Blatt findet die angebowns Garantie ungenügend und erklärt, es vermisse eine Angabe über d,s Vtand«