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Nr. 124.

Berliner Abteilung des Wiesbadener Tagblatts.- Berlin-Wilmersdorf. Laubacherstraße 35, Fernsprecher- Ahland 3186.

Mittwoch, 3V. Mai 19K3.

71. Jahrgang.

p— T Wegen des Fronlsicknamfestes erscheint die

nächste „Tagblatt"-Ausgabe am Freitagnachmittag.

Das neue englische Kabinett.

Die schwere Erkrankung Donar Laws hat die Bil­dung eines neuen englischen Kabinetts gerade m einer der kritischsten Lagen des Imperiums erzwungen. Drs große Auseinandersetzung mit Sowiet-Rußlaitd- zu der der rechtskonservative Lord Curzon den Anstoß gegeben und die er mit ansehnlicher diplomatischer Kunst sin- geleitet hat, ist noch in vollem Gange. Die Derwlck- kmgen im Ruhrgebiet bereiten den britischen Staats­männern große Sorge.

Das neue Ministerium, das in einem solchen Elt­punkt gebildet wurde, verdient darum noch größere Beachtung, als sie ohnehin dem Kabrnett dieses Welt­reichs znkommt. Es ist vor, allem bezeichnend, daß aus die entscheidenden Posten Wirtschafts fuhr er berufen wurden, und zwar nicht nur solche, deren Sach­kenntnis über allem Zweifel steht, sondern dre auch ern scharf umrisfenes Programm mitbringen. Schon dre Betrauung Baldwins mit der Kabinettbildung war rn dieser Richtung kennzeichnend. Roch bedeutsamer aber ist ' daß der hervorragende Bankier und ehemalige Minister im liberalen Kabinett Asquith, Mac Ke n n a, das ihm angebotene Finanzministerium übernommen fort Er hat in der Reparationsfrage mehr als einmal und mit einer Bestimmtheit, die nichts zu wünschen übrig ließ, hervorgehoben, daß Europa nicht zur Ruhe gelangen kann, wenn nicht die wahre Loistungsfahrgkelt 'Deutschlands von berufenen Fachmännern festgestellt und auf dieser Grundlage eine endgültige Lösung ge­funden wird. Daß auch er auf der Forderung besteht, Deutschland müsse bis an die Grenze der Möglichkeit die übernommenen Verpflichtungen einhalten, ändert nichts an der Tatsache, daß gerade er als Bankmann längst erkannt hat, daß Deutschland in seiner gegenwar- ttaen Verfassung zu weiteren Barleistungen nicht ge­zwungen w«rden kann und daß jede Überspannung der Forderungen zum Chaos führen muß.

Auch der Einiritt Lord Rvbert C e c i l s, den man. einen Freikonservativen nennen könnte, in das Kabi­nett Baldwin beweist, daß die englische Regierung mit noch größerem Nachdruck als vordem auf einen Aus­gleich der Gegensätze hinarbeiten will. Cecil hatte sich nie dazu beguemt in einem extrem konservativen Kabi­nett, als Mitglied des engeren Komitees, eme so wich­tige Stellung, wie die des Geheimen Siegelbewahrers, zu übernehmen. Man kennt Cecils unermüdlichen Kampf für eine Erhöhung der Autorität des Volker- burchs, dem er auch am liebsten die Schlichtung des Ruhrkonflikts überantwortet sehen möchte. Zm übri­gen ist das frühere Kabinett Donar Law fast unver­ändert geblieben. Rur der Platz des Postminlster^ wurde mit Sir Washington Evans dem ersten Unionisten in dem neuen Ministerium, besetzt. Zunächst muß Baldwin noch die Finanzen zwei Monate lang selbst kommissarisch verwalten, da Mac Kenna noch so lange Zeit zur Erholung von erner Typhuserkrankung brcmcht Vor allem aber bleibt die Leitung der aus­wärtigen Politik in den Händen Lord Curzons und wie sich auch die einzelnen Kabinettsmitglieder theo­retisch zur Lösung der Reparationsfragen stellen, nach wie vor wird das englische Kabinett alles vermeiden, was zu einem ernsteren Konflikt mit Frankreich fuhren könnte Man wird sich daher auch fetzt hüten muffen, aus 'der Zusammensetzung des Kabinetts Baldwin allzu optimistische Schlüsse auf den Gang der Ereignisse in Europa zu ziehen:

Unter den ungelösten Problemen, die das Kabinett Baldwin übernimmt, ist, wie schon gesagt, eine oer wichtigsten Fragen das Verhältnis Englands zu Sowjet-Rußland. Lord Curzon hat durch seine be­kannte ultimative Note an dre Sowiets dre Aufmerk­samkeit von neuem auf diesen Fragenkomplex gelenkt, und er wird ja nun auch in den weiteren Verhandlun­gen mit Krastin der zur Regelung der strittigen Fra-

S -ön d°» S-wi-t- »°ch L°"d-n fordert »u.d-,

Gelegenheit finden, den begonnenen Kampf fortzu­setzen Die in der Note in den Vordergrund geschobe- k°n Stre fragen werden sich bei gutem Mllen auf beiden Seite/zweifellos leicht aus der Welt schaffen lauen zumal ste auch des aktuellen Charakters ent- Auma: . HiIt über die Flschereirechte, der

durchdip L Rußland verfügte willkürliche Ausdehnung seiner Territorialgewalt über die nach internationalem Neckt «blicke Dreimeilenzone von der Küste aus auf Ent ?nuvg v7n zwölf Meilen hervorgerufen ift ist nickt so schwer, daß ** ^"ber zu einem Bruch kam vier miipte selbst wenn man in Betracht zieht, dag die Rrlsseu diesen Konflikt durch Beschlagnahme englr-

scher Fischdampfer unnötig verschämt haben. Die russi­sche Note zeigt auch in diesem, Punkt durchaus En- gsgenkommen, so daß eine Verständigung unschw r ,z erzielen wäre. Man vermag sich auch mcht vorzustellLN. daß das Todesurteil gegen den Prälaten Budliewitsch, das von den Sowjets vollstreckt wurde, Anlaß zu Abbruch der Beziehungen bieten konnte. Erinnert man sich, daß der Stellvertreter Kraßms, Klyschko, den Kirchenfürsten in. einem offenen Schreiben einen Der, treter der international organrsterten K'.rchentuqu--. genannt hat und trotzdem unbehelligt, tn ^oudon vre- ben konnte, so ist das wohl ein Beweis dafur. daß vie englische Regierung die>sen Vorfall zunächst nicht gum Anlaß eines Bruches mit Rußland nehmen woüte. ^

Die Gründe, die Lord Curzon zu seinem! Borstoß gegen die Sowjets veranlaßten, müssen al,o tiefer liegen. Diesen Vorstoß konnte er freilich um so eljtr wagen, als sich nach der.allgemeinen Erzeugung m England der seinerzeit mit Krassin abgeschlossene Han­delsvertrag als wenig fruchtbar errmesen hach -Oer „Times" zufolge hat die englische Ausfuhr nach Rrch- land im vergangenen Jahr nur einen Wert von sechs Millionen Pftlnd erreicht, wovon überdies nur ern ge­ringer Teil über die offizielle russische Handelsvertre­tung in London ging.

Trotzdem wäre es falsch, den enslisch-ruM^r Kon­flikt nur unter diesem Gesichtspunkt zu betramie.c. ^ springende Punkt ist, vielmehr, der bm isch^usst ä. Gegensatz in Vorderasien, der ,a Nicht erst seit heute oder gestern besteht. 1903 schon erklärte Kuropatkm, nachdem 1900 bereits das geldarme Rußland mit fran­zösischem Kapital durch den Vertrag nnt dem ,Schah von Persien die Briten förmlich Eskaufte, das Zrel der russischen Politik sei „nicht der halbgeschlossene pevsstche Meerbusen, sondern das offene indische Meer . Die deutsche Politik hat es damals nicht verstanden, aus diesem englisch-russischen Gegensatz Kapital Zu Klagen 1907 beschloß man in Petersburg zunächst auch utuet dem Eindruck des verlorenen Krieges gegen Japan, so­wie infolge der inneren Schwierigkeiten Rußlands auf alle Pläne gegen den englischen asiatischen Besitz zu verzichten. Dabei war aber ohne weiteres klar, dag dreier Verzicht nur für eine gewisse Zeit Geltung haben würde und daß das Kompromiß nicht für alle Ewigkeit geschlossen sei. Der Zusammenbruch Rußlands rm Jahre 1917 ließ die Engländer im Hinblick auf ihren astati­schen Besitz dann wohl aufatmen, aber bald zeigte sich, daß die Sowjets zwar mit Worten die rmperralistlsche Politik des Zarentums verurteilten, daß sie aber trotz­dem gewillt waren, diese Politik fortzuführen. Eng­land mußte feststellen- daß sein asiatischer Besitz erneut gefährdet war. Die Rüsten entfalteten eme sehr rege Propagandatätigkeit in Asien. England suchte sich oei dem Abschluß des Handelsvertrages zwar dagegen zu schützen, das scheint aber keineswegs gelungen zu sein, denn die letzte Rote Curzons führt gerade über diesen Punkt lebhafte Klage.

England parierte den Schlag allerdings in Lau­sanne ' Es setzte eine Regelung der Meerengenfrage durch, die der' britischen Flotte das Recht gewahrt in das Schwarze Meer einzufahren. und, Curzon brachte es zuwege, daß das Verhältnis der Türkei zu Rußland sich lockerte. Bei dieser Schwächung der russischen Stel­lung schien Curzon offenbar der Zeitpunkt gekommen zu sein, die asiatische Stellung Rußlands direkt oder indirekt zu bekämpfen. Denkbar wäre, daß er sogar mit dem Gedanken spielte, der Türkei eine ähnliche Rolle zuzuichanzen. wie sie Griechenland zu spielen batte Aber es ist sehr unwahrscheinlich, daß die Türkei sich zu einem derartigen Experiment hergeben wird. Sicherlich wird auch Baldwin es in der russischen Frage nicht zum Äußersten kommen lasten. So wird man denn weiter verhandeln, von Fischereirechten und be­schlagnahmten Dampfern reden und dabei doch einzig allein an Asien denken. Curzon wird sich bemühen, Garantien hinsichtlich der bolschewikischen Propaganda zu erhalten, die die Sowjets nicht zum erstenmal zugc- stehen und nicht zum letztenmal später verletzen wer­den. Für die Entscheidungspartie ist aber die Zeit noch nicht reif!

Baldwin vor dem Unterhaus.

London, 29. Mai. Das Unterhaus trat gestern nach der Pfingstvause wieder zusammen, doch wurde von der neuen Regierung keine Erklärung abgegeben. Nach­dem die Parteiführer dem zuruckgetretenen Premierminister anerkennende Worte gezollt und den neuen Premierminister beglückwünscht hatten, ging das Haus zur Tagesordnung über In seiner Erwiderung auf die Glückwünsche sagte Baldwin. ietzt. wo er Führer der konservativen Partei sei. werde er niemals veraesten. daß der Führer einer Partei auch ein Führer des Landes sei. Er werde sich be­mühen. die große Tradition des von ,hm übernommenen Amtes fortzusetzen. — Cbamberlain beglückwünschte den

Premierminister zum Budget und zur Regelung der Frage der Schuld an Amerika und wünschte 'hm jeden Erfolg.

Die BZ^Sürgung dev

der Garantieleistung.

Berlin, 30. Mai. Die Vertreter der L a n d- Wirtschaft wurden am Dienstagnachmittag zu einer längeren Beratung des Reparat i o n s p r o b> l e m vom Reichskanzler empfangen, IN dieser Besprechung kam der Grundsatz der Landwirtschaft zum ÄusdruG weitere Opfer aus sich zu nehmen, wobei Voraus­setzung ist, daß das Reparationsproblem e n d g u t l i g gelöst wird. ,, „ . . , tA , w

sicher die Bereitschaft der deutschen Landwirtschaft' sich an der Garantielei st ung für das neue deut­sche Angebot zu beteiligen, meldet das „B. X. • Landwirtschaft hat ihre Zustimmung unter zweitens davon abhängig gemacht, daß sich der Staat levcr zwangsmäßigen E i n g r i f f e e n t h a l t, sie die Produktion behindern könnten. Die Landwirtschaft sei der Auffassung, daß, wenn ihre Kräfte für den Dienst der Reparationen voll gebraucht wurden, der Produktion keinerlei Fesseln angelegt werden dursteu und daß jeder Zwana in der Landwirtschaft fortfallen müßte. Unter diesen Voraussetzungen sei dm Landwirt­schaft bereit, die gleiche Summe aus sich zu nehmen wie die deutsche Industrie.

Das Angebot der Industrie.

Berlin. 30. Mai. Der Hauptausschuß des Reichsverbandes der deutschen Industrie har das Schreiben des Vorstandes des Reichsverbandes an den Reichskanzler mit überwältigender Mehrheit g e- billigt. .

An den Beratungen des heute morgen unter dem Vorsitz des Reichskanzlers zusammentretenden Auswärtigen Ausschusses des Reichstags wird auch der bayerische M i n i st e r p ras i d e n t » Knilling teilnehmen. Dem „Vorwärts zufolge wird der Vorstand der sozialdemokratischen Relchs- tagsfraktion sich zur gleichen Zeit mit der politischen Gesamtlage beschäftigen. Der Allgemeine Deut­sche Gewerkschaftsbund wird bereits in den allernächsten Tagen eine ausführliche Denkschrift über das An­gebot der deutschen Industrie an den Reichskanzler veröffentlichen.

Übereinstimmung zwischen Regierung und Parteien.

Berlin, 29 Mai. Die Parteien der Arbeitsgemein­schaft der Mitte im Reichstag hielten heute vormittag im Reichstag wieder eine gemeinsame Beratung über die bevorstehende neue deutsche Repara­tiv n s n o t e ab. Den Abendblättern zufolge sei zwi­schen der Regierung und den Parteien eine Über­einstimmung erzielt worden. Die politischen und finanziellen Erundzüge stehen im allgemeinen fest.

Der neue deutsche Vorschlag.

Paris, 29 Mai. Der Korrespondent des „Echo de Paris" in Berlin will aus sicherer Quellt wisten, daß Deutschland vorschlagen wird, während 5 Jahren jährlich eine Milliarde Eoldmark zu be- zahlen und während weiterer 5 Jahre 1% Milliarde Goldmark jährlich, somit in den ersten 10 Jahren 1214 Milliarden. Der neue Plan 'stelle fest, daß der - erste Vorschlag von 30 Milliarden als ungenügend be­trachtet worden sei und schlage deshalb vor, eine S a ch- verständigenkommission einzusetzen, die im Zusammenhang mit der Reparationsfrage die deutsche Zahlungsfähigkeit neu prüfen soll. Diese Kommistion hätte zu bestimmen, welche Beträge Deutschland nach Ablauf der ersten 10 Jahre zu bezahlen imstande sei.

Der englische Standpunkt in der Reparationssrage.

London, 29. Mai. Reuter erfährt^ zu der bekanntlich unrichtiaen Meldung über den Besuch dreier deuycher Ver­treter. die die englische Regierung in der Revarationsfrage sondieren wollten, in maßgebenden Kreisen sec nichts darüber bekannt. Der Standpunkt der englischeii Regierung m de: Reparationssrage sei vollkommen u n v er« nder t. und es könne keine Rede davon sein, dag Großoritanmen Deutschland RatsMäge erteile. Die Frage sei eine orage zwischen Frankreich und. Deutichland. in die sich Groß­britannien nicht einm -sch en. könne, und obgleich Groß­britannien wünsche, daß ein befriedigendes Angebot gemacht werde, fei sie vollkommen abseits von irgend einer Aktion in dieser Frage. __

Freigabe des Ludwigshafsner Werkes der Anilin- und Sodafabrik.

Ludwigsbafen. 29. Mai. Das Ludwigshafener Merk der Badischen Aiulin- und Sodafabrik ist nunmehr wieder freigegeben worden. Die Besatzung ist »um Teil noch anwesend, übt jedoch keine Kontrolle mehr aus. Über die Wiederaufnahme der Arbeit ist noch nichts bekannt.

Das Oppauer Werk besetzt.

Mannheim, 29. Mai. Das Oppauer W c r k der Badischen Anilin- und Sodafabrik ist heute früh 6 . 2 » Uhr

von den Fraritosen besetzt worden. Der Betrieb üt stillaeleat.