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Nr. 118.

Mittwoch, 23. Mai 1923.

71. Jahrgang.

Die neue Teuerungswelle.

Mngste«. das liebliche Fest, hat uns nicht nur ein« höchst unbehagliche Witterung beschert, sondern itrajere Stimmung auch noch durch eine neue Teue­rungswelle gedrückt, die in ständigem Steigen ist. Mit dem unerwarteten Dollarsprung von 20- auf 30 000 am 18. April begann sie. Bis in die letzten Tage hinein hat man nach den Schuldigen an diesem „Ein­bruch in die Markstabilifterung" gesucht. Aber ob nun wirklich einzelne Eroßkapitalisten sträflich ihre eigenen Interessen über das Gesamtwohl gestellt oder ob ver­brecherische Spekulantenkreise ihre Hand ausschlag­gebend im Spiel gehabt, oder ob schlietzlich die allge­meinen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse dre Hauptschuld tragen: die Tatsache bleibt unverändert bestehen, daß seit dem verhängnisvollen 18. April die wirtschaftliche Preisgestaltung wieder katastrophal un­sicher geworden ist und die Teuerung jeden Tag neue Triumphe feiert. Die Geldentwertung hat die Fest­haltung der ohnehin schon so hohen Kohlenpreise un­möglich gemacht, die erhöhten Kohlenpreise haben die gesamte Produktion verteuert, die gesteigerten Produk­tionskosten haben den Handel beeinflußt und schließlich auch den Verkehr nach einem Ausgleich zu streben ge­zwungen. So haben wir eine Verteuerung auf allen Gebieten zu verzeichnen, die wiederum den bekannten unheilvollen Kreislauf der Erhöhung aller Löhne, Ge­hälter und Lebenshaltungspreise im Gefolge, hat, der seine Rückwirkungen auf die deutsche Wirtschaft zwangs­läufig ausüben muß, Olroulus vitiosus — die Schraube ohne Ende.

Am unmittelbarsten macht sich für jeden Volks­genossen die Verteuerung aus dem Wohnungs- und Lebensnrittelmarkt bemerkbar. Mieten, Gas- und Elektrizitätsrechnungen wachsen ins Märchenhafte, und die Ausgaben für Brot, Fett, Fleisch, Gemüse und allem Zubehör werden unerschwinglich. Weil die Mark erheblich an Kaufkraft verloren hat, sind Margarine und Schmalz, die von ausländischer Valuta abhängen. sprunghaft, im Preise gestiegen. Weil nach agrarischer Anschauung die vornehme Butter im Preise nicht hin­ter Margarine und Schmalz zurückstehen darf, ist sie noch lebhafter als jene im Preis geklettert. Und weil dis Milch bei hohen Butterpreisen nicht billig bleiben kann, da sie sonst restlos verbuttert werden würde, hat auch dieses unentbehrliche Volksnahrungsmittel neue Rekordpreise beansprucht. Fleisch und Eier konnten und wollten demgegenüber nicht zu rückbleiben, und Gemüse aller Art, frisches wie konserviertes, schrie so­fort nach Angleichung seiner Preise an die allgemeine Marktlage,. Kurz, wir sind nach knapper Erholungs­pause während der beiden letzten Monate jetzt wieder in die atemberaubende Hetze der Preissteigerungen hmeiugerissen worden, die wir nun schon lange Zeit allzu genau kennen lernen mußten.

Die alte Frage erhebt sich, wie dem gesteuert wer­den kann. Daß es auf dem Wege der Zrvangswirt- sthaft nicht geht, hat uns langfährige Erfahrung nur allzu deutlich bewiesen. Auch der Weg morallscher Einwirkung aus Produzenten, Händler und Verbrau­cher hat wenig genützt. Einer schiebt die Schuld aus den anderen. Jeder schimpft aus die Profitwut und Genußsucht weiter Volkskreise und niemand fühlt sich verpflichtet, bei sich mit Einschränkungen den Anfang zu machen Bleibt der Weg gelegentlicher gesetzlicher und polizeilicher Eingriffe. Alle Parteien bemühen sich redlich, hier wirksame Abwehrmaßnahmen gegen die Teuerung vorzuschlagen und durchzusetzen. Aber auch dabei ergeben sich viel mehr gegenseitige Vorwürfe als reelle Hilfsmittel. Besonders die Parteien auf derRech- ten und der Linken behaupten, wirksame Mittel gegen die Teuerung zu besitzen, deren Anwendung nur von den politischen oder wirtschaftspolitischen Gegnern ver­hindert werde Aber man braucht sich nur einmal ernsthaft die Frage vorzulegen, ob wirklich die Führer der Agrarier oder der Sozialdemokraten, wenn sie heute die Alleinherrschaft im Reiche hätten, das ge­ringste an den unheimlichen Teuerungsverhältnissen zu ändern vermöchten,' dann wird, man alsbald erkennen, daß es nichts als agitatorisches Gerede ist, mit dem diese Parteien der Regierung oder den politischenEegnern die Hauptschuld an den unhaltbaren Zuständen aufzubür- den versuchen Kein vernünftig denkender Mann und keine redlich nach den Teuerungsgründen forschende Frau sollte sich durch derartiges parteipolitisches Agi­tationsgerede beeinflussen lassen. ....

Die Gründe der Teuerung und dr^er neuesten Teuerungswelle liegen tiefer. Deutschland ist verfloch­ten in die Weltwirtschaft und kann daher weder seine Währung noch seine innerePreisgestaltung unabhängig and selbständig gestalten. Es liegt besiegt amB>Ä»en und ist jedem politischen und wirtschaftlichen Druck ausge- lisfesl SafeMg 3ufe«j& «rdauert. kann es

keine Erleichterung im Innern geben. Je stärker und schmerzhafter er aus unserem Lande liegt, um so zer­rütteter müssen unsere Finanzen, um so teurer und kostspieliger muß unsere Lebenshaltung werden, und um so weniger wird es möglich fein, Einnahmen und Ausgaben im Staatshaushalt und im Haushalt jeder einzelnen Familie auszugleichen. Das ist wre em ehernes Naturgesetz. Deshalb ist es auch MeAos, .. zu jammern und zu klagen, ebenso wie es falsch wäre, sich mit ganz unbegründeten Hoffnungen aus baldige Besserung trösten oder mit unberechtigtem Schelten aus innerpolitische Mängel Erleichterung verschaffen zu wollen. Die Teuerung muß als Folg« des verlorenen Krieges mit allen seinen Auswirkungen hingenormnen und kann nur durch geeignete gesetzliche und wirtschaft­liche Maßnahmen von Fall zu Fall halbwegs erträg­lich gestaltet und überwunden werden. Daß lÄ>er ein­zelne an seinem Teil hierzu redlich mitzuhelfen ver­pflichtet ist, erscheint so selbstverständlich, daß es Nicht besonders erwähnt zu werden braucht.

Erst wenn wir wieder geordnete Verhältnisse in Europa und in der Welt haben, erst wenn die Zukunft Deuffchlands wieder klar und gesichert vor uns liegt, der politische und wirtschaftlicheDruck von unseremVolke genommen sein wird, erst dann kann es wieder dauernd bester werden. Politik und Wirtschaft sind untrennbar miteinander verbunden. Auf die Teuerung schimpfen und sich um Politik nicht kümmern, ist kindisch. Der Regierung oder einzelnen Parteien alle Schuld aus­bürden und selbst nichts tun, um die Regierungs- autorität zu stärken, ist töricht!

Sistut an» Die'weil Midien Botlflise.

London, 22. Mai. In unterrichteten Kreisen ver­lautet, daß die deutschen Rückfragen über die englische Reparationsnote zu einem gewissen A b- s ch l u ß gelangt seien. Die deutsche Regierung werde jetzt die neue Reparationsnote formulieren. Diese Note werde keine höheren Endziffern, sondern nur die von Lord Curzon geforderten Garantien der deutschen Industrie enthalten. England werde mit den anderen Alliierten einen starken Druck auf Frankreich ausüben, um Paris zur Teilnahme an interalliierten Besprechungen zu bewegen. Wenn Frankreich die deutsche Summe ungenügend nenne, würden die Alliierten darlegen, daß alle einschließlich Frankreich anerkannt hätten, daß Deutschland die zu­letzt amtlich festgesetzte Reparationssumme von 130 Milliarden Mark nicht zahlen könne. Die Entente sei daher verpflichtet, erneut die deutsche Zah­lungsfähigkeit zu prüfen. Die Festsetzung könne am besten durch einen von der Reparatrons- kommistion ernannten Ausschuß alliierter, amerikani­scher und neutraler Sachverständigen erfolgen. Lehne Deuffchland dann die Zahlung ab, würde es keine Ent­schuldigung für seine Zahlungsverweigerung geben.

Belgiens Stellung.

Baris. 22. Mai. ..Petit Parillen" meldet aus Brüssel, baß der Außenminister I a s v a r Stellung , ru den neuen deutschen Vorschlägen nehmen werde und eine gemein­same Note unter Einbeziehung Englands und Italiens an Berlin wünsche. Die gemeinsame Note soll aber nur dann abgeschickt werden, wenn die deutschen Vorschläge Be­achtung verdienten. Zum Zweck von Verhandlungen mit Frankreich habe der belgische Delegierte in der Revarattons- kommisiion. Delacroix. Vollmachten der Regierung erhalten. __ . , ,, .. ,

Ministerpräsident Theun.lS glaubt die Ursachen der Entwertung des b el gl sch en F ranke n aus. die seincrze't in Belgien zuruckgelassenen Markbetrage zuruckzu- fübren Er meint, daß Deutschland in absehbarer Zukunft nur schwer die belgischen Lasten abnebmen würde. Wenn die Vereinisten Staaten in der Frage der Schulden entgesen- kämen. sei die wirttckastlicke Lase des Landes trotzdem hoffnungsvoll.

Die Pariser Reise von Theunis und Jchpar.

Brüllest 22 Mai. Die Reise der belgischen Minister Tbeunis und Ja spar nach Paris wird voraussichtlich nicht am Ende dieser Woche, sondern erst in der nächsten Wecke erfolgen.

Eine Sitzung des Rerchskabinetts.

Berlin. 23 Mai. Wie das ..Zentralblatt" erfährt, tagie gestern das Reichskabinett, um sich mit der deutschen Rote zu befallen. Man hält es für möglich, daß im Laufe des heutigen Tages die Parteiführer emvfannen werden. Rack dem augenblicklichen Stand der VerhaiMun-

die internationalen

Der Stand der Reparationszahlungen.

Berlin 23. Mai. Aus den .Veröffentlichungen der Revarationskommisfron über den Stnnd der Revarationszablunsen geht hervor, daß der «rößte Teil der Zahlungen für die Befatzungstruvven aussegeben werden mußte. Dadurch konnte nur ern geringer Betrag für der eigentlichen Wiederaufbau der zerstörten Gebiete in Frastreick versendet werde».

BiilMi engliftet HttMietmiof et.

London. 22. Mai. Schatzkanzler Baldwin ist ptn englischen Premierminister ernannt worden. Der König hatte heute morgen bas Militärlager Mdershot um 11 Uhr verlassen und war im Auto nach . London zurückgekehrt, wo er um 1 Uhr eintraf. Um 3 Uhr 15 Min. ries er Baldwin in den Buckingham- Palast. Kurz nachher yiurde eine offizielle Mit­teilung veröffentlicht, worin erklärt wird, baß der » König Balbwin den Posten des Premierministers an- geboten und dieser das Angebot angenommen habe.

London, 23. Mai. Wie gemeldet wird, fanden vor Baldwins Ernennung zum Ministerpräsidenten zwei wichtige Konferenzen statt. Der König be­sprach sich mit den Ministern. Gleichzeitig trat der Vorstand der Konservativen Partei zusammen. In beiden Besprechungen kam man zu der Ansicht, daß Baldwin die Aussicht habe, ein lebensfähiges Kabinett zu bilden. ^ t-

Der König entsandte dann seinen Privatsekretär zu Lord Curzon, um ihn zu bewegen, sein, bisheriges Amt fortzuführen. Lord Curzon erklärte sich sofort bereit. In England wird die Fortführung des Außen­ministeriums durchLordCurzon als ein ungeheures persönliches Opfer des ehrgeizigen Staats­mannes gehalten.

London. 23. Mai. Nach einer Reuter-Meldung soll Robert Horne wiederum Schatzkanzler wer­den. Nach dem „Evening Standard" glaubt man über­haupt nicht an große Veränderungen im Kabinett. Baldwin soll über eine riesige Anhän­gerschaft in der City verfügen.

Baldwin wurde um 3 Uhr 15 Min. nachmittags, in den Buckingham-Palast zur Audienz berufen. Es wurde dann Mitteilung von seiner Ernennung gemacht.

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Entgegen der allgemeinen Ansicht, daß Lord Curzon der Nachfolger Vonar Laws werden würde, hat der König von England nunmehr den • bisherigen Schatz­kanzler Stanley Baldwin zum Premierminister er­nannt. Für diesen Entschluß dürfte vor allem die Tatsache maßgebend gewesen sein, daß Lord Curzon Mitglied des Oberhauses ist und daß die englische Ar­beiterpartei erklärte, mit allen Mitteln gegen einen Ministerpräsidenten anzukämpfen, der nicht dem Unter­haus angehört. Aus diesem Grunde mußte die Kandi­datur Stanley Baldwins in den Vordergrund treten.

Baldwin ist 55 Jahre alt. Er hatte 1917 bis 1921 das Amt des Finanzsekretärs im Schatzamt, dann wurde er Präsident des Board of Trade. Unter Vonar Law war er bekannüich Schatzkanzler und führte die Ver­handlungen mit den Vereinigten Staaten. Seine Maß­nahmen in der Steuergesetzgebung und die Verminde­rung der britischen Schulden nennt man bedeutende Finanzleistungen. Persönlich ist er im Unterhaus sehr populär. Seine Anhänger hoffen, daß er in den Fra­gen der Arbeiter und des Mittelstandes eins erfolg­reiche Tätigkeit entwickeln wird. Er ist Fachmann auf dem Gebiet der auswärtigen Angelegenheiten. Wenn er auch gegen ein Zusammengehen mit den Liberalen ist, ist doch ein Eintritt der früheren Mitglieder der Lloyd-Regierung, Chamberlain und Birkenhead, in sein Kabinett nicht ausgeschlossen. Das Ruhr­abenteuer nannteBaldwin eine offene Wunde am Leibe Europas. Seine Angaben über den Eegenwartswert des deutschen Angebots erwiesen, daß der Höchstwert des Angebots nur um ein Siebentel geringer ist als der Mindestbetrag der Vonar Lawfchen Forderung.

Im März 1923 hielt Baldwin eine vielbemerkte Rede zur Ruhrfrage, in der u. a. ausführte: „Die Re­gierung befindet sich in enger Fühlung mit der Lage sowohl gegenüber unseren Alliierten wie gegenüber Deutschland. Wenn der Augenblick kommt, wo diese durch irgend eine Art von Vorschlag, Intervention oder irgend etwas anderes einen Schritt vorwärts machen kann, wird sie dies tun und sich bemühen, den Frieden, auf den der Deutsche seit so langer Zeit war­tet, näher zu bringen und in der Frage der Schulden und der Reparationen eine Regelung herbeisichren, ohne die es keine dauernde Besserung der internatio­nalen Beziehungen geben kann. Wir hoffen noch immer, daß die Zeit kommen wird, wo wir das tun können. Wir find fest überzeugt, daß wir bisher und besonders in den letzten Wochen den einzigen Weg verfolgt haben, auf dem England vorwärtsgehen muß. Wir haben das Bertranen und die Freundschaft unserer Alliierten aufrechterhwlten, und ich glaube, Deutschland wird uns als einen ehrlichen Makler annehmen, wenn die Zeit kommt. Ich sehe im Augenblick nichts, was uns ver­anlagen Wunts, von unserem Wege abzuweicher»."