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Samstag, 19. Mai 1923.

71. Jahrgang.

^ Wegen des Pfingstfestes erscheint die nächste ^,g^gtt".Auskabe am Dienstagnachmittaa^^^^

Pfingsten 1923.

Wmgstrn. das Liebliche Fest", ist wi^er setommen. abtx roebet in bet Natur noch tn der Pvfttff steht es besonders lieblich" aus. Nach eimgen abnorm herhml Tagen ist "die Witterung wieder kalt und sturmr,ch, wi? im April. Auch in der Politik scheint die Dmg- Jofe aus Sturm gestellt zu sein. Noch rmmer rst dw Pfingsthossnung aus eine Beilegung des ^chrkonsllkts verfrüht, noch immer wird der Notenwechsel m der Nevarationssrage fortgesetzt und noch immer besteht xS Aussicht auf baldige direkte Verhandlungen wischen Deutschland und der Entente.

Die Zeiten, in denen mit der Vertagung des Parla­ments in der hohen Politik eine gewisse Ruhe erntrat. md in denen die „Sauregurkenzeit schon S£S

«gann, find endgültig dahin. Der Reichstag ist zwar lim Dtittwochabend programmahig in„dre Ferien ge- rangen, aber niemand wird behaupten können, datz nun u der Politik etwa auch Pfingstruhe herrsche. Das Parlament hat auch selbst die Konsequenz daraus ge­zogen indem es die Anberaumung der nächsten Sitzung & Ä*»ten Mein* «ich E-mcht ?-> ->»-n b« Hmmten letmtn (#l« 9 te. Tatsächlich J'K Kabinett Cuno vor ungemein wichtigen Beschlüssen.

- Die Antworten aus das deutsche Reparatlonsangebct I vom 2 Mai sind nunmehr vollzählig in seiner Hand ' und es gilt, den nächsten Zug zu tun. Wie rm einzel­nen auch die Parteien zu den Antwortnoten Englands und Italiens stehen mögen, darin herrscht, doch überall — sieht man von den äußersten Flügelparteren ab, dre wohl Agitation, aber keine praktische Politik treiben — Übereinstimmung, daß der Faden, der einmal ange- knüpst ist. nicht abreihen darf, dah ein neuer Versuch unternommen werden muh, um zu einer Losung der Reparattonssrage und zu einer Beilegung des Ruhr- konflikts zn gelangen. Aus der Aufnahme, dre dre Note vom 2. Mai gefunden hat, scheint man die Lehre gezoqen zu haben, dah eine sehr sorgfältige Sondierung auf der Gegenseite, vor allem aber in London, erfor­derlich ist. Man muh vor allem einmal Klarheit schaffen über die Möglichkeiten für die weitere Dis­kussion, ehe man mit neuen oder mit ergänzten Vor­schlägen hervortritt. Die Ausgabe der Regierung be­steht also zunächst darin, den Boden außenpolitisch zu erkunden und dann die Ergebnisie dieser Erkundung innerpolitisch auszuwerten. Aus alledem ergibt sich, daß die Fertigstellung der deutschen Antwort noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird. So wenig eine Verschleppung im Interesie Deutschlands liegen würde, so wenig Anlaß besteht, setzt die Dinge zu überstürzen, hem, wieder einmal steht eine deutsche Regierung vor Entscheidungen, von denen Leben und Sterben der Nation abhänqen kann. Es ist der Psingstwunsch des gesamten deutschen Volkes, dost es der Regierung Enno gelingen möge, neue tragbare Vorschläge äuszuarbeiteN' die eine Basis für direkte Besprechungen mit der En­tente abgeben.

Trübe Psingstgedanken weckt die mit der politischen Lage zusammenhängende, ständig zunehmende Geld­entwertung und die immer mähr um sich greifende Spekulationswui. Die Scheingewinne, die dabei er­zielt werden, verleiten eine nicht kleine Schicht des deutschen Volkes weit über jedes berechtigte Mah hin­aus zu einer üppigen und luxuriösen Lebensführung. Während der ehemalige Mitielstand in Not und Elend versinkt, und die Selbstmordchronik in allen Teilen Deutschlands Tag für Tag erschreckende Bilder dieser Verelendung an die Öffentlichkeit bringt, führt der von der Spekulation- lebende Teil des Volkes ein Schlemmer­dasein, das im krasien Gegensatz zu unserer tatsächlichen wirtschaftlichen Eesamtlage steht. Diese Auswüchse zeigen, dah unser gesamtes wirtschaftliches und soziales Leben durch und durch ungesund und morsch ist. Wenn dieser Entwicklung seitens der noch gefunden und ver­nünftigen Kreise der Nation nicht sehr bald energisch Einhalt geboten wird, entstehen ungeheuere Gefahren für unsere wirtschaftliche und politische Selbständigkeit. Möge der Psingstaeist über die in Frage kommenden Teile des deutsches Volkes kommen, damit sie einfehen, dah alle Schichten der deutschen Bevölkerung ehrlich der Devise: „Durch Arbeit zur Freiheit" leben müssen. Im Interesie späterer Geschlechter hat das jetzige Geschlecht die schwersten materiellen und persönlichen Opfer zu bringen. Gelingt es nicht, die Öffentlichkeit von der Notwendigkeit einer solchen Selbstbesinnung und Selbstbeschrämkung zu überzeugen, so haben wir sehr bald den Krieg zum zweiten Male verloren.

Di« SM Freitag vor Pfingsten mit grobem Glanz

vbgehaltene Frankfurter Erinnerungsseier an den 1& Mai 1848, wo sich die Blute der Natron zu Nationalversammlung scharte, erw^t an grohe Tage des Bürgertums. Roch me hatte Deuych Imd -!»- I°,ch- Elite g-I-ch-H. »i-nml- .jmr »°4» her eine Versammlung von Männern mit solchem F g des Geistes, von solchem Adel der Gesinnung, solcher Güte der Begeisterung. von solcher Treue der Hingabe ans grohe ganze Vaterland. Worüber dre Männer der Paulskirche auch immer betreten, sie wur den getragen von einem unzerstörbaren Glauben an die Macht der Idee und an den Weltberus ihres Volks- tums. Dieser Pfingstgeist aus dem ^ahre 1848 mutz jetzt wiederkehren. Wie ein „altes gutes deutsches Ge­wissen" redet die Gesinnung der Vater zu uns. Möge es in der jetzigen verworrenen Lage treu auch über dem neuen Deutschland wachen!

rmm m Storni» töotontWotüeimiWL

Paris, 18. Mai. In. seiner gestrigen Rede rm » blikanischen Komitee über dre demc-katricke. und ,o»rare Aktion in Vincennes teilte der. ehemalige mrariirr L o u ch.e u r mit dah er vorgestern eine Einladung erhalten

tra°'gs"r?Ne über Vie Vfewwittons- und die internatio­nale ^Schrrldenfra ge zu halten. NacbSavas wrach nr^er Revaratienen und rnternat-onale Schulden und vemerr.e dabei, es muffe versucht werden.

die Frage der internationalen Schulden

und die der Reparationen gleichsertig ru lmen.

g!rnn»nffscherseits sei man bereit!. den Machten, dre an oranr MW «KmvftBitten, ihre Schulden zu erlaffen unter der Bedingung, dah Frankreich dre sernrgen erlaffen werden. En gl and sei gMndsätzlich zu diesem Erlah bereit Er ba^

Ziffer von 132 Milliarden Goldmark auf einen sehr ver­nünftigen Betrag herabgesetzt.

Eine internationale Anleihe

könne Deutschland behilflich lein.. Frankreich in. den-Men Infire« zu bezahlen, und Frankreich könne damit den -Ui.e- deraufbau der verwüsteten Gebiete in. vollem ^lmlang durch­rühren Es sei eine Üüge. dah das angeblich imperialistische Frankreich das Ruhrgebiet bade, um es nickt ^eder heraus­zugeben. Frankreich verlange nur einen durchaus vernunn tigon Betrag, der auch bezahlt werden könne. Man könne aber keine Anleihe oh ne Ga r a n 1 1 e geben und er­halten. Frankreich verlange dah die Deutschen I als Garantien

ihre Eisenbahn- und Zolleinnabmen sowie 25 Prozent der industriellen Einnahmen bieten, ^un. man verhandeln wolle, würde Frankreich sich sehr rasch wit seinen Alliierten über diese Garantien verständigen: seine Bsander könne es aber nicht anders als vrogr°,siv freigeben. Es bandle sich nicht darum, das linke Rheinufer zu annektieren, «frank- reich wolle keine 10 Millionen Deutsche in seinem Lande, aber es wolle nicht. dah die Rheinlande unter vreusnicker Serrsckmit bleiben weil Preußen den Militarismus und den Krieg in Permanenz bedeute. Das Rheinlar^ muhte mit Deutschland wirtschaftlich und politisch verbunden sem.

aber als unabhängige Provinz.

Seine Bewohner seien Deutsche und möchten Deutsche bleiben. Aber es solle in diesen Provinzen eine Kontrolle Frankreichs dafür garantieren, dah sich dort keine mili­tärischen Vorbereitungen treffen liehen. Franzoffscherfeits verlange man. dah

die Eisenbahnen unter internatiouale Kontrolle

gestellt würden. Sie dürften aber nie. wieder zu einer mili- tärNchen Waffe gemacht werden. Weniger Zustimmung finde er in der internationalen rifentlichen Meinung, wenn er verlange, dah eine Anzahl Armeekorps weiterhin am linken Rheinufer Neben blieben. Indessen liege.darin die wabre Sicherheit für Frankreich... Wenn Frankreich die ibeinischen Eisenbahnen und die Brucken.in Sanden habe, könne es in aller Ruhe wieder an die Arbeit gehem Kommen wir zu dem Schluß. sckloh Loucheui .se lange im Ruhrgebiet zu bleiben, so lange wir dre Sicherheitsgarantien nicht erreicht haben.

Ein Autounfall Poincards.

Baris. 19 Mai. Wie das „Journal" meldet, ist das Auto d-s Ministerpräsidenten P o i n c a r s am Donnerstag- normittag mit einem Lastauto zusammengestoben. Poincar« wurde nicht verletzt.

Eine Reise englischer Politiker ins Ruhrgebiet? Düsseldorf, 18. Mas? Rach einer Meldung, die wir

unter allem Vorbehalt wiedergeben, soll, das (Elfen und Stahlsyndikat Elsen und Thalmund, dessen Sitz gegenwärtig in Düsseldorf ist, eine Einladung an mehrere englische Politiker geschickt haben, in Kürze nach der Ruhr zu kommen und sich von der durch die Besetzung geschaffenen Lage Rechenschaft ab­zulegen und weiter mit den Industriellen die Frage der Reparationen zu prüfen. Unter den einladenden industriellen befinden sich S t i n n e s und Thyssen. Nach dem Besuch in Düsseldorf werden sich die engli­schen Politiker nach Berlin begeben, wo sie mit Mit­gliedern der Regierung konferieren sollen. Eine günstige Antwort sei am Freitag von London einge­troffen

Die Revision der Krupp- Direktoren verworfen.

Düsseldorf. 18. Mai. Die gegen das «erdener Urteil von Herrn Krupp von Bohlen und Halbach sowie den Krupp-Direktoren eingelegte Revision ist heute vom Revifionsgericht Düsieldorf verworfen wor­den. Dagegen ist die vom Betriebsratsmitglied Müller eingelegte Revision zugelasien worden, und es wird daher über diesen Teil des Prozesses erneut vor dem Werdener Kriegsgericht verhandelt werden.

Nack der Verlesung des Urteils erklärte der Ver­teidiger Dr. Erimm-Esien, das Derfahren vor dem Kriegsgericht weise im ganzen Mangel auf. die zur Aushebung des Urteils führen muhten und das Krregs- aericht sei nicht zuständig gewesen. Ferner enthielten die beiden Eröffnungsbeschlüsie nicht Tatsachen die zu der schweren Verfolgung fuhren konnten. Auherdem seien von 20 geladenen Zeugen nur 16 vernommen wor­den Die ausgesprochene Strafe von 15 Zähren Ge­fängnis sei unzulässig, da sie nicht mrt dem französi­schen Gesetzbuch in Einklang zu brmgen sei. Die Rechts­strafe des' französischen Strafgesetzbuches ser aber fünf

^ Proftsior" M^a r i a u d - Eens folgte im wesentlichen der von Grimm gegebenen Rechtsbegrundung, die er durch neue Ausführungen erweiterte.

Daraus ergriff der Berichterstatter des Kriegs­gerichts, Docteur en droit und Major nn Eeneralstab. Fab er t, das Wort. Er beantragte Verwerfung der Revision mit Ausnahme der von Müller eingeleiteten.

Mariaud-Genf betonte dann, wenn das Gericht der Ansicht sei, dah die Revision gegen Müller begründet sei, müsse das ganze Urteil kassiert werden, das Urteil

^"^Der^Berichterstatter bestritt dies und hielt seinen früheren Antrag aufrecht. Das Gericht zog sich alsdann zur Beratung zurück und verkündete das Urteil.

Zum Tode verurteilt.

Düffeldorf. 18. Mai. Das Düsseldorfer Neviswnsaericht hat die Revision des am 8. Mai rum Tode verurteilten Sck l a «e i c r und des am gleichen Tage zu lebensläng­licher Zwangsarbeit verurteilten Sadowski heute ver­worfen. ---—

712 neue Ausweisungen.

Baris. 18. Mai. In einer Havasmeldu.ng aus Koblenz kündigt die Interalliierte Rbeinlandkommiffion <12 neue Ausweisungen an. die zum grohten Teil Eisenbahn- und Zollbeamte treffen.

Dr. Hindrichs nicht zum Landrat von Höchst ernannt.

Höchst, 18. Mai. Bor einigen Tagen hatte Wolffs Depeschenbureau die Nachricht verbreitet: Regierungs­und Schulrat Dr. Hindrichs sei zum Landrat des Kreises Höchst ernannt worden. Dr. Hrndrichs be­findet sich in Münster und erklärt die Meldung seiner Ernennung fiir falsch. Er sei auch seit 1921 nicht mehr in Höchst gewesen.

Ein Zwischenfall in Mannheim.

Mannheim, 19. Mai. Gestern früh zwischen 8 und 9 Uhr wurde ein Wachtmeister von den^ Franzosen sest- aenommen, der in Zivil von der Polizeibehörde an der Neckarbrücke aufgestellt worden war, um vorzubeugen, dah die Franzosen nicht mehr von Bubenhänden mit Steinen beworfen würden. Während des Transportes suchte der Verhaftete zu entfliehen und sprang am Neckardamm über eine Mauer, wobei ftinf Soldaten ein Schützenseuer auf ihn eröffneten. Von mehreren Schüssen getroffen, warf sich der Beamte m den Neckar, wo ihn die Kräfte verliehen. Er wurde ledoch von den Franzosen wieder ausgefischt und aus emer Bahre fort- getragen. — Wie später mitgeteilt wurde, i\t der gestern abend sestgenommene Wachtmeister Traub nach Ludwigshasen ins Lazarett gebracht worden, wo er inzwischen seinen Verletzungen erlegen ist Beschlagnahmte Erwerbslosengeldrr. Düsieldorf. 18. Mai. Die Franzosen haben erneut Erwerbslosengelder in Hohe von 11 Millionen Mark

- Si M-»

Verkauf unbestellbarer Sendungen.

Koblenz 19 Mai. Die französisch-belgische N.aie der'rheinischen Eis inbahnen wird zum Verkauf der nnf?>em Netz durch das Fehlen des deutschen Personals liegen aebliebenen Güter schreiten Reklamationen dieser dnaren miissen bis 10. Juni an den franzoiischen Restltution-- dierst Secteur Pestal 180. gerichtet werden. _.

Ö Nach dieser Frist werden die Waren abgeschatzt. Eigentümer werden eine Fr'st von einem Jabr haben, um sich den Erlös aus dem Verkauf »urückzahken zu laffen. Alle ihre Rechte werden gegenüber den deutschen Behörden Vor­halten iür den von diesen verursachten Schaden.