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Nr. 109.

Freitag, 11. Mai 1923.

71. Jahrgang.

Sie Mn in WMlllMMkllMlUMN.

In der augenblicklichen internationalen Aussprache Wer die Regelung des Reparationsproblems spielen die Zahlenwerte der gesamten deutschen Reparations­leistungen eine besondere Rolle. Immer wieder mug darauf hingewiesen werden, daß die internationale Aussprache an dem Gedanken des deutschen Angebots nicht vorübergehen darf, daß die in der deutschen Note vorgeschlagenen Zahlenwerte von 20 plus 5 plus 5 Milliarden Eoldmark nur als Mindestangebot anzu­sehen seien, dessen Erhöhung sich Deutschland unter­wirft, sofern eins internationale Prüfung ferner Leistungsfähigkeit zu dem Ergebnis führt, dag von deutscher Seite aus höhere Leistungen übernommen werden können. Die französisch-belgische Antwortnote glaubt die außerordentliche Differenz zwischen den Re­parationsforderungen der Alliierten und dem deutschen Zahlenangebot mit besonderem Nachdruck hervorheben zu müssen. Sie übersieht völlig, daß die von der deut­schen Regierung angebotenen Zahlen in erheblichem Umfange über das hinauszugehen scheinen, was tat­sächlich von Deutschland auf Grund seiner augenblick­lichen^ Wirtschaftslage aufgebracht werden könnte. Dies muß um so nachdrücklicher von unserer Seite- letzt hervorgehoben werden, da die bisherigen Verlaut­barungen von englischer Seite darauf schließen lassen, daß England glaubt, ein Kompromiß aus dem Wege herbeiführen zu können, daß Deutschland höhere Zah­lenwerte für seine Eesamtverpflichtungen anerkennt.

Auf Grund einer Kapitalsumme von 20 Milliarden Erundbetrag des deutschen Angebots mühten jährlich etwa für Zins und Amortisation 1V 4 Milliarden Eold­mark gezahlt werden. Man darf diesem deutschen Angebot das amerikanisch-englische Schuldenabkommen gegenüberstellen, in dem England, das reichste Land Europas, seine Kriegsschuld an die DereinigtenStaaten von Amerika auf 62 Jahre verteilt und bis zum Jahre 1985 jährlich etwas mehr als y% Milliarde Goldmark für Zinsen und Amortisation zu zahlen haben wird. Deutschland, das nicht, wie England, eine geordnete Währung besitzt, Deutschland, das durch den Verlust feiner Außenhandelsflotte und seines ausländischen Kapitalbesttzes, seiner Kolonien und seiner Auslands­märkte. in den nächsten Jahrzehnten noch in unend­lichem Umfange an der Erreichung einer aktiven Wirt- schastsbilanz behindert sein wird, will es übernehmen, mehr als doppelt so viel jährlich an Schutdenabzahlun- gen auf sich zu nehmen als das englische Weltreich.

Wenn die internationale Diskussion, teilweise ohne bewußte. Schuld — von dogmatischen deutschen sozia- listiscken Kritikern über die Kapazität der deutschen Industrie und des deutschen Handels unterstützt — bas Kompromiß-Streben auf die Übernahme noch höherer deutscher Zahlungsverpflichtungen einstellt, so möchten wir hier dem, den sachlich unwiderlegbaren Nachweis des deutschen Finanzsachverständigen Franz U r b i a über die gegenwärtigen deutschen Leistungs­möglichkeiten gegenüberstellen, so, wie ex in der letzten Nummer des Bankarchivs veröffentlicht worden ist: „Das Blühen unserer Industrie läßt sich nicht durch das Rauchen der Schornsteine, sondern nur durch Zif­fern illustrieren. Das Kapital aller deutschen Aktien­gesellschaften betrug Ende 1913 15 Milliarden Mark und beträgt heute etwa 130 Milliarden, also das un­gefähr Neunfache der Vorkriegszeit. Die 15 Milliarden ergaben eine Rente von etwa 1.3 Milliarden Mark oder etwas mehr als 8 Prozent. Für'das Jahr 1921 wurde von den Aktiengesellschaften eine Durchschnitts- dividsnde von ungefähr 30 Prozent in Papiermark ge­zahlt Für 1922 läßt sich die Dividende noch nicht über­sehen. doch will ich sie mit 200 Prozent — 260 Milliar­den Mark einseüen. Wir stehen dann in einer-Ver­mehrung des Aktienkapitals von 1 Eoldmark zu 9 Papiermark, der Rente von 1 Eoldmark zu 200 Papier­mark. Ich greife/ glaube ich, über die Wirklichkeit hin­aus wenn ich annehme, daß in -dem Gesamtkomplex der Aktiengesellschaften jede Aktie von 1000 M. heute mit durchschnittlich 400 000 M. bewertet wird. Wenn ich trotzdem bei dieser Ziffer stehen bleibe, so komme ich unter Zugrundelegung a) einer Erhöhung des Kapi­tals von 1 : 9 und b) einer Bewertung des Kapitals von 1 ' 400 auf ein durch die Öffentlichkeit konstruiertes Bemortunasverhältnis unserer Aktien von 1 Eoldmark zu 3600 Papiermark. In dieser Bewertung liegt an- aestchts eines Balutastandes von gegenwärtig 1 Eold­mark zu etwa 6000 Papiermark die Indikation, daß noch etwa 60 Prozent der 1913 in Eoldmark ausge­wiesenen Substanz, also rund 9 Milliarden Eoldmark- werte in unseren Aktiengesellschaften vermutet wer­den Die Richtigkeit dieser Ziffer läßt sich nicht nach- vrüsen Immerhin wird aber in einer Reihe von Bällen vom Vorhandensein eines Gegenwertes von 60 Prozent des früherenEoldkapitals keine Rede sein."

„Maßgebend für die Beurteilung der deutschen Leistungsfähigkeit ist und bleibt aber die Rente. Denn lediglich aus den Erträgnissen der Wirtschaft kann das Reich seine Einnahmen ziehen. Die gesamten Reichs­einnahmen stellten sich im Jahre 1913 auf 2,5 Milliar­den Mark, also das ungefähr Zweifache der von un­seren Aktiengesellschaften ausgeschütteten Dividenden. Ich will die Kühnheit begehen, anzunehmen, daß die als Dividende für das Jahr 1922 auszuschüttenden Ge­winne den zehnten Teil der erzielten Erträgnisse dar­stellen. und daß wir deshalb mit zehnmal 260 Milliar­den Erträgnis rechnen können, von denen zurück­behalten und in die offenen und stillen Reserven der Gesellschaften gehen. Theoretisch im Verhältnis von 6000 :1 zurückgerechnet ergäbe dies etwa 433 Millionen Eoldmark als Erträgnis unserer Aktiengesellschaften, welches aber keinesfalls in vollem Umfange verfügbar wäre, sondern weitgehend zur Erhaltung und Ergäll- zuna der Substanz dienen muß. Wir sehen hier also die Blüte unserer Industrie in Ziffern aus-gedrückt, aus denen wir die Schlüffe auf die Staatseinnahmen ziehen können, wenn wir annehmen, daß die Aktien­gesellschaften sicherlich weit mehr als die Hälfte un­serer Eesamtindustrie verkörpern, und wenn wir nun diese Ziffern auf diejenigen Gewerbe verallgemeinern, welche überhaupt imstande sind, Eoldvaluta oder gegen Goldvaluta verkaufbare Produkte zur Verfügung zu stellen."

Das Resultat, welches sich daraus herleiten läßt, ist erschöpfend. Wir sehen, wie weit wir erst noch aus­steigen müssen, uin eine Abgabe von etwa 114 Milliar­den Eoldmark in Geld oder Ausfuhrprodukten möglich zu machen. Und dabei haben, wie man uns so oft sagte, in Deutschland alle Schornsteine geraucht!

Die englische Antwort.

London, 10. Mai. Reuter erfährt, daß heute die letzte Hand an die britische Antwort auf die deut­sche Reparationsnote gelegt werde. Bis jetzt sei kein Entwurf nach Paris gegangen, aber aller Wahrscheinlichkeit nach werde die Note in ihrer end­gültigen Gestalt der französischen und belgischen Regie­rung in Übereinstimmung mit den gewöhnlichen diplomatischen Gepflogenheiten mitgeteilt werden, be­vor sie Deutschland überreicht werde. Es sei möglich, daß auch eine Kopie an die Vereinigten Staaten ab­gesandt werde. Es verlautet, daß die i t a l i e n i f ch e Antwort sich in der Richtung bewege wie die britische.

' London, 10. Mai. Das englische Kabinett beschäftigte sich gestern v'ormittag mit der englischen Antwortnote auf die deutschen Vorschläge. Wie ver­lautet, ist. beschlossen worden, die Note am Freitag dem deutschen Botschafter in London, Sthamer, z u überreichen.

Die Borbereitung der Antwort Italiens.

Rom. 10. Mai. Mussolini arbeitet im. BalM, Chigi eifrig an der Aufstellung der Antwort auf die deutsche Revarationsnote. Es sieben ibm dabei der Londoner -5ot> icbafter Marchese della Torretta und der Pariser Bot­schafter Baron Avezzana zur Seite. Laut „Evoca will die italienische Antwort die Anbabnung diploma­tischer Verbandlungen nicht obne weiteres von der Hand weisen und vor allem vorläufig.eine Ent­spannung der politischen Lage über dre^Repa­rationen ansireben. Italien babe den lebhaften Wunsch, der Wiederaufnahme der Verhandlungen keine Schiwierig- keitcn in den Weg zu legen. Der Wortlaut der Antwort wird nickt mit der englischen Antwort übereinstimmen. ob­wohl eine gegenseitige Verständigung über die gemeinsamen Richtlinien erfclgt ist. Der Ton der Antwort wird als sehr maßvoll angekündigt. Sie wird die Revarationsfraae in jenem Stadium ausgreifen, in dem sie durch die französische Rubrbeietznng zum Stillstand gekommen ist. Italien wird die französische Ablehnung zu rechtfertigen suchen, aber er­klären. daß es ibm angenebm gewesen wäre, wenn die En­tente eine gemeinsame Rote abgesandt hätte. Deutschland wäre einoeladen. seine Vorschläge näher zu umschreiben, um ibren Ernst und ihren guten Willen zu beweisen. Italien versichert Deutschland, es werde keine Gelegenheit unbenutzt lasiesi um die Anbahnung von Verhandlungen zwischen den Alliierten und Deutschland zu erleichtern. Italien wird von der Erklärung der Pariser Regierung Kenntnis nehmen und anner'onistische Ziele zum Schaden Deutschlands aus- schtießen. Nach „Jdea Nationale" wird Italien die Mangel hafte Einigkeit der Alliierten in der Revarationsfrage be­dauern und danach leine Selbständigkeit rechtfertigen.

Der Reichskanzler spricht nicht am Freitag.

Berlin, 11. Mai. Wie die „Doff. Zeitung" schreibt, hat der R e ichskanzler die Absicht, am Freitag ge­legentlich der dritten Lesumg des Etats des Reichskanzlers in einer Rede zu der Antwort der alliierten Mächte auf die letzte deutsche Note Stel­lung zu nehmen, aufgegeben, da bis dahin die englische und die italienische Note noch nicht zu erwarten sind. Die d r i t t e L e s u n g des Etats ist auf die nächste Woche verschoben worden.

Um deutsche Note gegen das Urteil von Werden.

Berlin. 10. Mai. Die deutsche Regierung, bat durch ihre Missionen den nicht an der Ruhrbesetzung beteiligten fremden Regierungen eine Protestnote gegen das Urteil von Werden überreichen lassen. Am Schluß der Note wird.dem Vedauern Ausdruck verliehen, daß das Urteil in emem Augenblick gefällt wurde, „da Deutschland seinerseits einen Schritt getan bat. um im allgemeinen Interesse das Ende des gegenwärtigen Konfliktes bekbeizufübren.

Überführung der verurteilten Krupp-Direktoren nach Düsseldorf.

Düsseldorf. 9. Mai. Die gestern von dem Kriegsgericht in Werden verurteilten Direktoren der Kruppschen. Werke wurden nach dem Düsseldorfer Mrlrt ärgernng- n i s verbracht, wo sie verbleiben werden, brs das Düssel­dorfer Kriegsgericht über die beantragte Revision entschieden haben wird. Man glaubt, dab diese Entscheidung märt vor Mitte nächster Woche gefällt werden wird.

Urteile des Düffeldorfer Kriegsgerichts.

Düsseldorf, 10. Mai. Vor dem französischen Kriegs- gericht in Düsseldorf fanden am Dienstag und Mittwoch Verhandlungen statt gegen den Kaufmann Albert Leo Schiagerter aus Berlin, den Kaufmann Sans Sa- d o w s k i aus Esten. Stud. med. Albert Becker. , Schlosser Georg Werner aus Potsdam. Kaufmann Gg. Zimmer mann und Zeichner Brrsbing aus Esten., gegen den Ingenieur Karl K u l l m a n n aus Esten. Die Anklage wirft ihnen vor. im März und Avril 1923 gesammelte Be­richte und Schriftstücke an deutsche Behörden übermittelt zu haben. Anschläge gegen Personen der BesatzunLstruvven. Beamten der Alliierten oder von diesen abbaimrgen Personen verübt zu haben, ferner im März die Bahn Huael-Esteu. nn April in Werden-Kettrich vorsätzlich den Bahnkörper durch Sprengstoffe zerstört, beschädigt oder zu beschädigen versuch! zu haben. Ferner bandelt ein weiterer AnNaaevunkt von der Erschießung des Kommunisten und rransosischen Sprtzele Sinder. der in Esten angeblich von, Sadowsku vor dem Polizeipräsidium erschossen worden sein soll. Die Auge klagten stellten d,e ihnen zur Last gelegten Taten m der Per Handlung in Abrede mit der Bemerkung, daß.die m der Vor Untersuchung von ihnen gemachten Angaben ihnen von fran­zösischen Kr'minalbeamten suggeriert worden seien. Die Anklage nimmt an. daß die Sabotageorgantsatron rrn Ruhr gebiet mit dem Abg. Mulle und v. Graere in Verbindung ge standen habe. Das Urteil wurde gestern nachmittag gr fällt. Es wurden verurteilt: Schlagetter wegen angeblicher Svwnage und Sabotage zum Tode. Sadowski zu lebens länglicher Zwangsarbeit. Becker wegen verbrecherischen Kom­plotts und Spionage zu 15 Jahren Zwangsarbeit. Werner wegen verbrecherischen Komplotts Spionage und Sabotage zu 20 Jahren Zwangsarbeit. Vrisbing wegen Spionage zu 5 Jahren Gefängnis. Knllmann zu 7 Jahren Gefängnis und Zimmermann zu 10 Jahren Gefängnis.

Gegen den Paßzwang.

Berlin. 11. Mai. Gegen die neue Verordnung der Rhrinlandkvmmistion über den Paßzwang im besetzten Ge­biet bat die Reichsregierung bei den Regierungen m London- Baris und Brüssel in einer Rote Verwahrung eingelegt.

Der Landrat von Höchst seines Amtes enthoben.

Höchst a. Ni.. 9. Mai. Der Landrai von Höchst. Z i,n m e r m a n n. ist von den Franzosen seines Amtes ent­hoben worden.

Berhaftung des Oberbürgermeisters von Speier.

Sveier. 10. Mai. Der Oberbürgermeister von Sveier. L e i l i n g. ist von der französischen Besatzungsbebörde ver Haftei worden. Die Verbaftting wird damit begründet, das Oberbürgermeister Leiling die bekannte Ordonnanz, die der Gemeinden die Pflicht auserlegi. für die Bewachung der Eisenbebnübrrgänse Sorge zu tragen, nicht ausgeführt habe

Beschlagnahme des Dampfbootes „Emil Kirdorf 6" ir Mannheim.

Mannheim. 9. Mai. Am 7. Mai. nachmittags 2 Uhr besetzten etwa 30 französische Soldaten unter Führung vor Offizieren das im Mannheimer Neckarbasen liegende, der Firma Raab, Karcher und Ko. gehörige Dampfboot „Emil Kirdorf 6" und schleppten es nach Ludwissbafen weg. Das Personal ging an Land. Hütte aber nicht mehr so viel Zeit, um seine Kleider und sonstigen Wertsachen mitzunehmen Zu gleicher Zeit erschienen be'> dem deutschen Unterdele- gierten der Interalliierten Schiffahrtskommission in Mann­heim drei höhere französische Offiziere und erklärten, das die Beschlagnahme des Bootes auf Befehl des Generalkom- mistars in Düsieldorf »um Zweck der Ausbildung von Piloten ausgefiihrt worden fei.

Verordnung der Hohen Interalliierten RheinlandkommWon.

Von der Interalliierten Rbeinlandkommistion, geht uns nachstehende amtliche Bekanntmachung zur Veröffent­lichung auf Grund der Verordnung 97 Art. 15 zu:

Verordnung Nr. 187.

Zusatzverordnung

zu Verordnung 125. betreffend die Einreise-, Aufenthalts und Verkehrsbestimmungen in den der Gerichtsbarkeit bei Hohen Interalliierten Rbeinlandkommiffion unterstellte, besetzten Gebieten.

Aus Grund des Artikels 3 des Rheinlandabkommem verordnet die Hobe Interalliierte Rheinlandkommission. wa-

folflt: or X.» r ,

Artikel 1.

Artikel 2 der Verordnung 125 ist aufgehoben und durck folgende Anordnungen ersetzt:

Artikel 2.

1. Die in Artikel 1 gen. Verordnung bezeichneten Personen Personen jedweder Staatsangehörigkeit, die über 15 Jab» alt find und ihren gewöhnlichen Aufenthalt im ^besetzte»