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Nr. 104.

Freitag, 4. Mai 1823.

71. Jahrgang.

Ins iieiiW Angebot WnKasibmch abgeleWt.

Obgleich das deutsche Angebot, das an die fünf Hauptmächte des Versailler Vertrages und an Belgien gerichtet worden ist, wohl das Größte an Selbstüber­windung und Opferbereitschaft darstellt, was lemals ein besiegtes Volk bekundet hat, hat es der französische Ministerrat einstimmig als gänzlich unannehmbar ad- gelchnt.

Wir haben uns infolge der Geldentwertung etwas leichtfertig an das Wort Milliarde gewöhnt. Aber ore Eoldmillkarde ist ein besonderes Ding. Ist doch heute der Gegenwert einer einzigen Goldmilliarde in Paprer- mark ungefähr so viel, wie unsere ganz gegenwärtige schwebende Schuld ausmacht. Sieben bis acht Billionen Papier wären anfzubringen, um nur eine Goldinilliarde in fremden Werten zu erlangen. Aber auch diese Rech­nung ist, rein theoretisch. Denn im selben Augenblick, wo Deutschland es unternehmen würde, an den Welt­börsen eine Goldinilliarde in fremden Valuten aufzu­kaufen. wurde der Markkurs nahezu senkrecht ins Bodenlose stürzen. Darum ist allein der Weg der An­leihe möglich. Und diesen Weg beschritt das deutsche Angebot entschlossen, und ungeheuer weitgehend. 20 Milliarden sollten sofort in einer internationalen Anleihe aufgelegt werden. Bei dem katastrophalen Zustand unserer Reichsfinanzen wäre es verhängnisvoll und unverantwortlich gewesen, hätte die deutsche Re­gierung auch nur das Versprechen sofortiger Verzin- sung abgegeben. Es wär darum eine sachlich durchaus gangbare Lösung, daß die Zinsen zunächst aus dem An­leiheerlös von der Reparaiionskornmission stchergestellt werden sollten. Aber die Entente sollte diese aus der Anleihe zunächst entnommenen Zinsen später nach­bezahlt erhalten. Das Wie sollte von der internatio­nalen Kommission im Jahre 1931 festgelegt werden. Der mögliche Einwand, daß die Bankiers der Welt und die Kapitalisten der Erde uns die 20 Milliarden nicht borgen, wurde von vornherein zerstört durch die bün­dige Zusicherung, daß die fehlende Summe vom 1. Juli 1927 an der Entente mit 5 Prozent verzinst und mit 1 Prozent amortisiert werden sollte. __ Darüber hinaus aber erklärte sich Deutschland bereit, fpfern internatio­nale Sachverständige es für möglich hielten, weitere 10 Milliarden in je 2 Anleihen von 5 Milliarden Gold­mark zu bezahlen. Deutschland erbot sich also zu einer Gesamtverpflichtung von 30 Milliarden Mark.

Bekanntlich enthielt das deutsche Angebot, das man Herrn Bergmann mit nach Paris gab, die gleiche Ziffer. Inzwischen hat der Ruhreinmarsch eingesetzt. Die Schäden, die der Reparationsfähigkeit Deutschlands daraus erwachsen sind, vermag heute noch kein Mensch abzuschätzen. Dennoch blieb Deutschland bei der glei­chen Ziffer wie auf der Pariser Konferenz! Aber noch eins kam hinzu. Deutschland bot diese 30 Milliarden Goldmark an obwohl es sich bereits durch Abtretungen und Zahlungen weißgeblutet hat. Die deutsche Rote vermied es, auf die deutschen Vorleistungen hinzu­weisen. Der Reichskanzler Dr. Cuno hat diese bereits getätigten Leistungen auf 56i/ a Milliarden geschätzt, während man auch auf der Gegenseite einen Gesamt- 'wert von 10 Milliarden für die Vorleistungen angab. England hat bekanntlich gewünscht, daß sich Deutsch­land zu einer Gesamtleistung von 40 Milliarden ver­pflichte. Das deutsche Angebot vermied die Ziffer 40, aber nur deshalb, weil wir selber unsere Vorleistungen verkleinern würden, wenn wir jetzt die Ziffer der En­tente als richtig angenommen hätten. Die Tatsache aber ist nicht aus der Welt zu schaffen, daß Deutschland mit seinem neuen Angebot und fernen Vorleistungen weil über 40 Milliarden hinausging.

Bisher hatte man sich immer darüber Beschwert, daß die Berpflichtungen der deutschen Gesvmtwirtschaft für den Anleihedienst zu unbestimmt seien. Jetzt er­klärte die deutsche Regierung, daß sie alle gesetzlichen Maßnahmen zur Herbeiführung jener Garantien zu beschließen bereit sei Grundsätzlich wurde die deutsche Bereitwilligkeit zu allen Sachlieferungen ausgesprochen. Die Rote regte ferner eine industrielle Zusaminen- arbcit zwischen Frankreich und Deutschland an. Durch privakwirtichaftliche Verträge könne der Austausch von lebenswichtigen Waren zwischen Deutschland und Frankreich auf eine feste Grundlage gestellt werden. Die Rote hob besonders die deutsche' Bereitwilligkeit zu langfristigen Verträgen über die Lieferung von Kohle und Koks hervor. Auf diese Weise kam das deut­sche Angebot nickt nur in den Revarationsanerbietun- gsn den französischen Geldbedürfnissen entgegen, son­dern es eroffnstc auch der französischen Wirtschaft ein Zeitalter gesicherter Blüte. ^ ,

Der deutsche Vorschlag ging auch m der Zusicherung

friedenssichernder Vereinbarungen über alle früheren Angebote hinaus. Es wurde keine zeitliche Begren­zung mehr erwähnt, und Deutschland erklärte sich aus­drücklich bereit, alle Streitigkeiten rechtlicher Art m einem schiedsgerichtlichen Verfahren und alle sonstigen Streitigkeiten in einem Vergleichsverfahren nach dem Muster der Vryanfchen Verträge zu regeln. Selbst­verständlichkeit war dabei die Gegenseitigkeit.

Trotz alledem hat der französische Ministerrat das deutsche Angebot abgelehnt. Frankreich will sich sofort mit Belgien ins Benehmen setzen, um in einer gemein­schaftlichen Rote, die am Samstag überreicht werden soll, das deutsche Anerbieten zurückzuweisen. Über dre Ansichten der belgischen Regierung hat man noch nichts Authentisches gehört, aber auch sie soll das deutsche Angebot als nicht genügend anfehen. Die englische Re­gierung hüllt sich vorläufig noch in Schweigen über ihre Ansicht. Auch über die Haltung Italiens und Amerikas ist noch nichts Bestimmtes bekannt. Da der deutsche Vorschlag aber gleichsam einen Appell an die ganze Welt darstellte, bleibt es immer noch dahinge­stellt, ob er nicht wenigstens den Ausgangspunkt einer ausgedehnten Debatte über die endgültige Regelung des Reparationsproblems bilden kann. Damit wäre — wenn auch noch nicht viel — doch immerhin etwas erreicht!

M jninneWUt“ »es WM Unmuts.

Paris, 3. Mai. über den heutigen Mini ft er­rat wird folgendes offizielle Kommunique aus- gegeben:

Die Minister find hente vormittag unter dem Vor­sitz des Präfidenten Miller and zusammengetreten. Der Ministerpräsident hat das Schreiben zur Kenntnis gebracht, das er vom deutschen Geschäftsträger erhalten hat. Der Ministerrat war einmütig der Anficht, daß die Vorschläge als nnanmehmbar zu betrach­ten seien, und zwar sowohl wegen der gestellten Bs- dnlzungen und des Mangels an Garantien- als wegen der Unzulänglichkeit der gebotenen Ziffern. Der Ministerpräsident wird sich mit der belgischen Re­gierung über die Absendung der Antwort an die deutsche Regierung und deren Mitteilung an sämtliche Alliierte verständigen.

Die Havas-Agentur veröffentlicht zur Erläuterung des im Ministerrat getroffenen Verschlusses folgende offenbar beeinflußte Rote: Das öffentliche Kommuni­que stellt die verschiedenartigen Gründe auf, die das Kabinett verhinderten, die deutsche Rote als Verhand­lungsmittel in Erwägung zu ziehen. Zn erster Linie handelt es sich hier um die von dem Reichskanzler ge­stellte Bedingung, nämlich die Fortsetzung des passiven Widerstandes im besetzten Gebiet und die Räumung vor der Eröffnung von Verhandlungen (Anm. des Be­richterstatters: Die deutsche Rote enthält keine der­artige Forderung), Beseitigung der Zollschranken, die Abschaffung des Rechtes, Sanktionen cmzuwenden und Pfänder zu beschlagnahmen, ferner seien keine Garantien beigegeben worden, weder von Regie­rungsseite, wie z. B. die Verpfändung von Staats­eigentum, Eisenbahnen Ufa), für die Reparationsver­pflichtungen, noch Garantien politischer Art, wie die Mitwirkung der Großindustrie bei der Durchführung der Reparationen. Schließlich sei der Betrag des deutschen Angebots selbst ganz und gar unge­nügend, das im günstigsten Falle den Alliierten 30 Milliarden vorsehe. Diese 30 Milliarden würden sich aber möglicherweise noch auf 20 Milliarden ver­ringern und diese Möglichkeit sei wegen des bis jetzt von Deutschland bekundeten Mangels an guteni Willen das Wahrscheinlichste. Zum Schlüsse würden die Alliier­ten, wenn man annehmen könne, daß die Anleihe von 20 Milliarden völlig gezeichnet werde, höchstens 15 Milliarden erhalten, davon Frankreich etwa 8 Milliar­den. die restlichen 5 Milliarden kämen als Zinsen für die Anleihe in Wegfall. Unter diesen Umständen sei es nur zu gerechtfertigt, daß die französische Regierung es ablehnts, die deutschen Reparations­vorschläge ernst zu n eh m en. Poincarö werde sich sofort, und zwar wahrscheinlich auf dem gewöhn­lichen diplomatischen Wege mit dem belgischen Kabinett in Verbindung setzen, das seinerseits, wie bereits bekannt, die deutsche Note ebenfalls als un­annehmbar erachtet Die Pariser und Brüsseler Regierungen würden weiterhin solidarisch Vor­gehen und sich über den Wortlaut der Berlin zu er­teilenden Antwortnote, die alsdann auch in London tutd Rom mitgeteilt werden solle, einigen. Die fran­

zösische und belgische Regierung würderi dann wohl aus einer Konferenz zusammenkoinmen, um über die Möglichkeit zu beraten, ihre Aktion im Ruhr­gebiet noch intensiver zu gestalten, bis sie eine endgültige Wirkung gezeitigt hätte.

‘ Paris, 3. Mai. Havas berichtet, daß die von P oi n- c a r 6 erteilte Antwort morgen abend durch Spezial­kurier nach Brüssel gebracht werde. Die Note, deren Länge annähernd der deutschen Note entspricht, präzisiere in ziemlich detaillierter Weise die Grunde: weshalb die deutsche Note von der französischen Regie­rung als unannehmbar betrachtet werde. Die belgische Regierung werde morgen beraten, in welcher Form sie hie deutsche Note beantworten will. Die französische Regierung ihrerseits werde morgen den Text ihrer Antwort in London und Rom mirtsilen lassen. Die Rote an die deuts che Regierung werde vielleicht am Freitagabend, wahrscheinlich aber am Samstagvormittag überreicht werden.

England wartet ab.

London, 3. Mai. Reuter meldet: Zuständige englische Kreise sind nicht geneigt, sich über das neueste deutsche An­gebot zu äußern. Es liegt kein Anzeichen dafür vor. ob England das Angebot als eine vernünftige Grundlage für eine Erörterung ansiebt oder nicht. Die englische Regie­rung wird sich nach sorgfältiger Erwägung der Note mit den französischen, belgischen und italienischen Regierungen, in Verbindung setzen um deren Auffassungen seitzustellen, selbst- verständlich unter der Voraussetzung, daß Frankreich nicht sofort eine Erklärung abgibt.

'London. 3. Mai. „Eoeiring Standard" zufolge könne noch nicht mit Genauigkeit gesagt werden, welche Haltung die britische Regierung gegenüber der deutschen Note ern- nebmen werde. Das Kabinett müsse sie noch erwägen und werde am Freitag die Ansicktender alliierten Regierungen und diejenige in Washington ernbolen. Die Regierung siebe weiterhin zu dem von Banat Law im Januar in Paris unterbre teten Plan. Wenn die britische Regierung den Meinungsaustausch zwischen Frankreich und Deutschland fördern könne, so würde sie zweifellos Anstrengungen in dieser Hinsicht machen.

Die italienische Presse.

Rom. 3. Mai. Die MorgeiWiesse bringt den Wortlaut der deutschen Note. „Eiornale di Roma schreibt, unwider­ruflich biete Deutschland nur 20 Milliarden an. denn die Zahlung der übrigen 10 Milliarden sei sehr verklausuliert. Das Blatt kritisiert auch die Zinsenzaüluug. stimmt aber darin Deutschland bei. daß die Feststellung seiner Leistungs­fähigkeit unmöglich sei.

„Nuovo Baese" ist erfreut darüber, daß durch das deut­sche Angebot die Reparationen wieder ein gemeinsamer Erörterung^gegen stand aller Verbündeten gewor­den seien. Wenn Frankreich die Diskussion über die Reva­rationen ablebne. so geschehe dies aus rein egoistischen Grün­den. welchen sich die übrige Entente nicht fügen werde.

Mflnirtmadw der Sntecall. HMMMlnWn.

Von der Interalliierten Rbeinlandkommisiion gebt uns nachstehende amtliche Bekanntmachung zur Veröffent­lichung auf Grund der Verordnung 97 Art. IS zu:

Bekanntmachung.

Die Hohe Interalliierte Rbeinlaudkoimnission bringt den Bewohnern der besetzten Gebiete in Erinnerung, daß der Ausgang von Waren aller Art nach dem unbesetzten Deutschland verboten ist. außer wenn drei« Waren von einer Ablausbewilliguns begleitet sind.

llm die Erlangung dieser Bewilligungen zu erleichtern, wurden in Trier und in Koblenz zwei neue interalliierte Ablauibewilliaungsbureaus eröffnet. _

Demgemäß müssen die AbtaufbewilliMUigsanträse tur deu Ausgang von Waren nach dem unbesetzten Deutschland in Zukunst an di« nachstehend bezeickneten Bureaus gerichtet werden, deren Zuständigkeitsgebiet wie folgt begrenzt nt:

Bureau in Krefeld: Die Kreise Eleve. Mors. Geldern. Krefeld (Stadt und Land). Kenwen. Rheydt. Mimchen- Glatbach (Stadt und Land). Neuß (Stadt und Land). Erkelenz. Grevenbroich. Heinsberg. Geilenkirchen. Aachen (Stadt und Land). Monffoie. Schleiden. Jülich.

Bureau in Köln: Die Kreise Berghenn. Köln (Stadt und Land). Mülbeim. Düren. Euskirchen. Bonn (Stadt uno Land), Rheinbach. der ^setzte Teil der Kreise Solingen. Lennep. Wipperfürth. Siegkreis. .

Bureau in Koblenz: Die Kreise Adenau. Ahrweiler. Lockem. Mayen. Koblenz (Stadt und Land). St. Goar. Zell. Simmern. der besetzte Teil der Kreise Neuwied. Montabauer. Westerburg. Oberivesterwald. Altenkirchen. D'.ez. St. Goars-

^ Bureau in Trier: Bezirk Trier (die Kreise Prüm. Daun. Bittburg. Wittlick. Bernkastel). Trier (Stadt und Land). Wadern. Sltarburg. . ^

Bureau in Mainz: Provinz Birkenfeld, die Kreise Baurnbo (der. Meisenheim. Kveuznam. Alzey. Worms. Mainz. Bingen. Oppenheim. Wiesbaden (Stadt und Land), der be­setzte Teil der Kreise von Rüdesbcrm. Langenschwalbach Musen. Köntgstein. Höchst. Groß - Gerau. Ofsenbach. Darmstadt. ^ „

Bureau in L u dwissbafen: Die Pfalz, der besetzte Teil von Mannheim urü» Karlsruhe

Es wird außerdem.daran erinnert, daß in E i t c n ein für die Gebiete des Brückenkopfs von Düsseldorf und für das besetzte Ruhrbecken zuständiges Ablaufbewilltciungsbureau

Alle Auskünfte bezüglich der Gewährung von Ablauf- bewillivungen können in den obengenannten Bureaus einas- holt werden.. _ „ _

Die Hobe Interalliierte Rheinlandkoinmisiion.