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Nr. 102.

Mittwoch, 2. Mai 1923.

71. Jahrgang.

Das Türkenspiel.

Die Welt ist rmrd und nmtz sich drehen. An den Refrain dieses alten StudontenliÄ>es fühlt man sich «rinnert angesichts des drohenden türkisch-griechischen Konfliktes, wenn man beobachtet, welch merkwürdigs Wandlung seit Beginn des türkisch-griechischen Krieges das Verhältnis Englands und Frankreichs zu diesen beiden Staaten durchgemacht hat. Eine Wandlung, die eine verzweifelte Ähnlichkeit hat mit dem Kinderspiel Verwechselt, verwechselt das Bäumchen". Als der türkisch-griechische Krieg ausbrach, war es ein offenes Geheimnis, daß es sich in Wirklichkeit um einen fran­zösisch-englischen Konflikt handelte, in dem diese beiden europäischen Großmächte es mit Geschick verstanden hatten, die nationalen Leidenschaften der beiden Orient­staaten gegeneinander auszuspielen und sie ihren eige­nen Interessen dienstbar zu machen. Frankreich machte nicht einmal ein besonderes Geheimnis daraus, daß es üch als Schutzherr der Türken fühlte, und unterstützte ste denn auch reichlich mit Waffen und Munition. Eng­land war nicht minder geschäftseifrig auf der Gegen- feite, und so standen sich im vollsten Sinne des Wortes französische und englische Waffen in blutigem Ringen gegenüber, dieweil in Europa Frankreich und England durchaus einig zu sein schienen gegen Deutschland. Allem, wandelbar wie das Kriegsglück nun einmal ist, zeigte es sich am Ende, nachdem Griechenland zweimal die türkischen Heere über den Haufen gerannt zu haben schien, daß die Engländer auf das falsche Pferd gefetzt halten. Die Niederlage, welche die Türken am Ende dem griechischen Heere beibrachten, kam fast einer Zer­malmung gleich. Das geschickte AMon tat, was es m seiner Geschichte in solchen Fällen immer getan hat: «ließ dieGriechen fallen. Man erinnert sich noch der ditteren Klagen der Griechen darüber, daß England m dem ganzen Konflikte die treibende Kraft gewesen ser, oay es aber seine Versprechungen nur teilweise ge- halten und die Griechen gänzlich im Stiche gelassen habe.

Allein das Vorgehen John Bulls berührte diese bitteren Klagen kaum mehr als ein Mückenstich. Man hatte zunächst das Spiel verloren und zog daraus kalt­blütig die Konsequenzen. So begann die erste Lau­sanne! Konferenz. Sie stand völlig im Zeichen der deutschen Reparationsfrage. England, das einsah, daß bei dem Griechen nicht mehr viel zu holen sei, I^ttdlte ganz langsam und vorsichtig um und kam den türkischen Wünschen so weit wie nur irgend möglich entgegen. Die Verhandlungen nahmen einen Verlauf, oaß Frankreich mehr und mehr mit der Möglichkeit emer schiedlich friedlichen Beilegung des türkisch-griechi­schen Konfliktes rechnen mußte. Eine Beilegung der Orientwirren hätte aber bedeutet, daß England dieser Sorge ledig war und freie Hand in Europa bekommen yatte^ d. h. dnh es Deutschland gegenüber in der Re- parationsftage nicht mehr diejenige Rücksicht auf Frankreich zu nehmen gehabt hätte, zu der es sich wok-l oder übel genötigt sah, solange Frankreich in Lausanne ihm reden Tag einen neuen Stein in den Garten seiner Hoffnungen zu werfen in der Lage war. Die Mossul- frage an der die Konferenz ursprünglich völlig zu schei­tern drohte war durch Vertagung vorderhand aus der Welt geschafft. Nun stellte Frankreich neue wirtschaft­liche Forderungen an die Türkei. Es ist bekannt daß an diesen wirtschaftlichen Forderungen die Konferenz scheiterte und ergebnislos auseinanderging

Seitdem hat sich das Verhältnis dieser vier Staaten zueinander vollkommen auf den Kopf aestellt fieirfe tft England der geheime Verbündete der Türkei wäh­rend Frankreich Griechenland gegen die Türken 'unter­stützt und es im übrigen den Anschein hat. als könnte um Syrim zu einem bewaffneten französisch-türki- ^n Sonffitt tommen Auf einem ihm zu Ehren in Konstantinopel veranstalteten Bankeft sagte Kemal- Pascha neulich zu dem französischen Konsul, er verstehe nicht mehr Französisch. Diese kleine Episode gilt ae- wrssermaßen für die ganze Türkei: sie versteht nicht

mehr Französisch Und nun liegen die Dinge heute so, daß Frankreich dre Entsendung von zwei weiteren Divisionen nach Syrien ins Auge gefaßt hat weaeii türkischen Truppenkonzentrationeu an der syrischen Grenze. Wie weit dieses französische Vorgehen ernst­haft gemeint ist. inwieweit es vielleicht nur auf die Laufanner Verhandlungen einen Druck ausüben und gegenüber dem so heiß bekämpften Chester-Abkommen neue Konzeffionen für Frankreich in Kleinasien er­reichen soll,' inwieweit es ein Wink an die englische Adresse sein soll, daß Frankreich neben seinem Ruhr­abenteuer auch vor einer militärischen Kraftleistung im Orient nicht zurückschrecken würde, läßt sich noch schwer beurteilen. Sicherlich aber verfolgt diese Geste den Zweck, gegebenenfalls England im Orient von neuem die Hände zu binden und es damit in seiner

Haltung in der Reparatiönsfrage zu beeinflussen. Man wird aber kaum fehlgehen, wenn man annimmt, daß Frankreich das eine sowohl wie das andere will: näm­lich den Druck auf England und weitere wirtschaftliche Konzeffionen, nur nicht den Krieg. General Weygand wird in Syrien schwerlich ein großes Betätigungsfeld finden: aber die französischen Unterhändler in Lau­sanne werden um so mehr zu tun haben, um gegenüber der Verleihung von Konzeffionen an Amerikaner und Engländer auch für die Franzosen noch einiges zu er­reichen!

Sine Unterredung zwischen General Pelle und Jsmet-Pascha.

Lausanne, 1. Mai. General Pelle, der gestern von Paris zurückgekehrt ist, hatte heute vormittag mit Jsmet-Pascha eine Unterredung, die allerdings schon vor seiner Pariser Abreise festgesetzt worden war und an der ursprünglich General Weygand teilnehmen sollte, der seit den Pariser Besprechungen mit dem General Pelle auf die Reife nach Lausanne verzichtete, um sich nach Syrien auf direktem Wege zu begeben, um mit den beiden Bevollmächtigten die Gesamtheit der türkisch-französischen Streitfragen zu besprechen. Über diese Unterredung wird von den Beteiligten strengstes Stillschweigen bewahrt, es scheint aber, daß, wenn die Situation auch durch die Aussprache geklärt wurde, die Gegensätze noch nicht überwunden find. Äußerlich allerdings ist nach der großen Erregung, die mn Sonntag und Montag die Pariser Meldungen von französischen militärischen Vorbereitungen hervorgerufen haben, eine gewisse Ent spannung zu verzeichnen. Das liegt in erster Linie daran, daß Jsmet-Pascha die türkische Preffe um Mäßigung ersucht hat und auch General Pelle den Pressevertretern, beruhigende Erklärungen abgegeben hat.

Das verweigerte Paßvisum für die russischen Delegierte«.

Lausanne, 1. Mai. Das verweigerte Paß­visum an die ruffi'schen Delegierten hat in Lausanne viel Staub aufgewirbelt. Man zeigt sich er­staunt darüber, daß der schweizerische Gesandte in Berlin dem ruffischen Pressechef A h r e n s ebenso wie der schweizerische Gesandte in Rom W o r o w s k i als Delegierten an der Laufanner Konferenz das Paß- »ffum erteilt haben, und daß der Schweizer Bun­de s r a t es nachträglich für nötig gehalten habe, strenge Maßnahmen gegen die übrigen Mitglieder der russischen Delegation zu ergreifen, die sich nach Lau­sanne begeben wollten. Russischerseits erklärt man, daß die Schweizer Regierung aus ihrer Neutra­lität herausgetreten sei. Diese Auffassung findet allerdings keinen Widerhall. Man ist eher ge­neigt anzunehmen, daß die Schweizer Regierung voll­kommen in ihrem Recht ist, da sie die Sowjetregierung nicht anerkannt hat und diese zum zweiten Teil der Laufanner Konferenz nicht eingeladen worden ist.

Me AmeUMs m tatftei Me».

30 Milliarden.

Berlin, 1. Mai. Wie mitgeteilt wird, wurden heute morgen von 10 Ahr ckb vom Reichskanzler die Parteiführer unterrichtet, und zwar zunächst die Sozialdemokraten, um 11 Ahr die Deutschnationalen und um 12 Ahr diejenigen der Arbeitsgemeinschaft. Am 3 Ahr fand die Besprechung des Reichskanzlers mit den Ministern und Staatspräsidenten der Länder statt. Im Laufe des Mittwochvormit­tags wird die Rote überall den alliierten Regierungen überreicht.

Berlin, 1. Mai. Der 'Kanzler empfing im Laufe des heutigen Vormittags urü> Mittags die Partei­führer, zunächst die Sozialdemokraten, dann das Zen­trum und anschließend die übrigen Fraktionsvorstände, um ihnen Mftteilungen über den Inhalt der Rote an die Ententemächte zu machen. Wie wir erfahren, wird die Rote die bereits genannte Summe von 30 Milliarden festlegen, wovon 20 Milliarden aus Anleihe sofort zahlbar wären, während über den Zah­lungsmodus des Rests noch zu verhandeln bleibt. Die Garantien für die Anleihen durch-Handel und Industrie sollen gesetzlich feMelegt werÄen. Auch be­faßt sich die Note eingehend mit der Forderung Frank­reichs, die stch auf eine Sicherung Deutschland gegenüber in militärischem Sinne bezieht. Der Kanzler wird um 3 Ahr nachmittags nochmals Rücksprache mit den Ministerpräsidenten der Länder nehmen. Die Mitglieder des Reichstags, die von dem Inhalt der Note erfahren haben, waren durchaus von ihrem In­halt befriedigt und man hofft, daß ste, wenn auch nicht sofort, zu einer befriedigenden Lösung führen wird, und so die Basis für wettere Verhandlungen bilden wird. Allerdings war man einmütig der An­sicht, daß mit den 30 Milliarden das höchste Ange­bot erreicht ist, was Deutschland überhaupt machen kann.

Das englische Jntereffe.

London, 1. Mai. DieTimes" weist in ihrem finanziellen Teil auf das in der Etty herrschende Inter­esse an dem bevorstehenden deutschen Angebot hin. Der Stillstand der Geschäfte im Ruhrgebiet verursache der Geschäftswelt große Besorgnis. Die Finanz­kreise hätten Verständnis für die Schwieftgkeiten deutscherseits, eine Summe zu nennen, die von Frank­reich angenommen werden könne. Sie begrüßen dcher im Prinzip die Mitteilung, daß eines der Merkmale der deutschen Rote ein Vorschlag sein werde, wonach eine internationale Kommission von Bank- Mi» Finanzsachverständigen Deutschlands Zahlungs­fähigkeit und die Methode der Zahlung festsstzen solt

Esten. 1. Mai. In der Antersuchungsfache gegen die Direktoren der Kriuwwerke batte der französische Untersuchungsrichter Herrn Kruvv v. Bohlen und Halbach vorgeladen, um ihn als Zeugen zu ver­nehmen. Bohlen hattei um der Vorladung Folge leisten m können, seinen Aufenthalt in Berlin, wo er zur Teilnahme an. Sitzungen des vveußischen. Staatsrats in wichtigen ge- schaftlickieii Besprechungen weilte, vorzeitig abgebrochen und sich beute vormittag bei dem französischen Untersuchungs­richter eingefunden. Nach kurzem Verhöre erklärte ihm der Untersuchungsrichter. daß er verhaftet sei.

Essen. 1. Mai. Wie wir erfahren, ist die Verhaftung Krupp von Bohlen und SalbaSs aus den gleichen Gründen erfolgt. aus denen die drei anderen Direktoren verhaftet worden sind. Irgend ein besonderer Tatbestand liegt für die Verhaftung nicht vor. Bon französiicher Seite wurde Kruvo von Bohlen und Halbach vorgeworfen, daß er das Heulen der Sirenen am Karfamstag nicht verhindert habe ob­gleich er an diesem Tage in der Eußstahlfabrik anwesend gewesen sei. So weit bis jetzt bekannt ist. ist infolge der neuen Verhaftung mit einer weiteren Hinaus- sbiebung des. Verhandlungstermins ,u rechnen. Noch den bisherigen Mitteilungen von französischer Seite soll d,e Verhandlung am Freitagvormittag vor dem Kriegsgericht in Werden stattfinden. Die Verhand­lungen durften sich aber auch auf den Samstag erstrecken da etwa ist Zeugen vernommen werden sollen. Die Anklage­schrift soll am Mittmochvormlttag den Verteidigern über­geben werden.

Die Anklage im Krupp-Prozeß.

Esten. 1. Mai. Beim bevorstehenden Krupp-Prozeß wird sich die Anklage wahrscheinlich richten auf Verlegung der Verordnung der Besatzungsbeborde Nr. 22. die ein ..zum Zwecke des Angriffs auf französische Truppen geschmiedetes Komplett betrifft. Gleichzeitig soll aber auch eine Ver­letzung der Verordnung Nr. 1 berangezogen werden in der eineStorung der Ordnung" verboten wird Die Vertei­diger .fanden seither noch keine Gelegenheit. das Akten- material ,u studiere».

üBß!anntmö(önno der 3nterall. HMMlonmiW.

Von ., der Interalliierten Rheinlandkommistion geht um, nachstehende amtliche Bekanntmachung zur Veröffent­lichung auf Grund der Verordnung 97 Art. 15 zu:

Bekanntmachung.

An die Bevölkerung der besetzten Gebiete!

V Absicht, den Widerstand und die Aufreizung in

den..besetzten Gebieten zu fördern, vermehren die deutschen Behörden unaufhörlich ihre an die Beamten, die Eisenbahner und dre Bevölkerung der besetzten Gebiete gerichteten be­drohenden Anordnungen und Befehle. Die härtesten Strafen droben denrenigen deutschen Staatsangehörigen, die stch den Ertasten und Anordnungen der alliierten Behörden fügen wurden oder mit diesen in Verbindung träten.

., Gemäß dem Rbeinlandabkommen können die von deut­schen Behörden evlastenen Verfügungen und Anordnungen m den .besetzten Gebieten nur nach vorheriger Geuebmiguug durch dre Hohe Interalliierte Rheinlandkommistion in Kraft treten.

, Fragliche Genehmigung ist in keinem Falle erteilt und selbst nicht erbeten mrrben.

Kein deutsches Gericht, keine deutsche Behörde kann stch rechtlich auf Verordnungen und Verfügungen berufen die nicht gesetzmäßig in Kraft gesetzt worden.sind.

_ r Sollten jedoch in Verletzung der eigenen deutschen Gesetzgebung deutsche Behörden oder Gerichte es unte- nebmen. diese Verordnungen nnd Verfügungen in Anwen­dung zu bringen .so würde die Hohe Interalliierte Rhein- landkammission nicht versäumen, die Beschlüsse und Maß- nahmen aufzubeben. diern dieser Hinsicht getroffen worden find und die erforderlichen Sanktionen zu ergreifen

Mehrere.Verordnungen der Hoben Interalliiertem Rbein- landkommistion sickern übrigens, den deutschen Staat^auge- bongen den vollkommen erwünschten tatsächlichen Schul, gegen etwaige Repressalien von seiten ihrer Regieruiig zu.

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Le Dölöguö de la H. C. I. T. E. Cercle de Wiesbaden-Ville.