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Nr. 101.
Dienstag, 1 . Mai 1928,
71. Jahrgang.
Vor einer schweren Entscheidung.
Wieder einmal steht eine schwere Entscheidung für Deutschland und die ganze Welt bevor. Nachdem die deutsch«» Parteiführer, die ebenso wie die verantwortlichen Leiter der Industrie seit der bedeutsamen Anregung Lord Eurzons mit der Reichsregierung in steter Fühlung geblieben sind, ihr Gutachten und die nach Berlin berufenen Ministerpräsidenten der einzelnen Länder ihre Zustimrnung gegeben haben, wird die deutsche Note in die Welt hinaus gehen. An dieser Note, die noch einmal die deutsche Leistungsbereitschaft bekundet und den Rahmen der Leistungsmöglichkeit aufrichtig zu umschreibend versucht, hat das gesamte Kabinett, obenan der Reichsaustenminister Dr. von Rosenberg im Einvernehmen mit den berufensten Sachverständigen mit aller Sorgfalt gearbeitet und gefeilt. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Erostbritannien und Amerika wartet man mit ungewöhnlicher Spannung, ob dieses neue deutsche Angebot — das in seinen Grundzügen naturgemäß auf das vom Januar dieses Jahres zurückgreift — endlich die große Klärung herbeiführsn wird. Die „Westminster Gazette" äußert die nach früheren Erfahrungen nicht ganz unberechtigte Besorgnis, ob die deutsche Regierung, ganz abgesehen von dem sachlichen Gehalt der Kundgebung, die glückliche psychologische Einstellung finden wird, die sich von Rücksichten auf innerpolitische Nebenwirkungen nicht unterjochen läßt und die -Gemütsverfassung des Auslands, zu dem gesprochen werden muß, richtig wertet. Hoffentlich werden so unselige Formulierungen wie die der Londoner Vorschläge des Dr. Simons diesonal vermieden.
Es kommt nicht so sehr auf die mehr oder weniger bestimmte Andeutung einer Endsumme an, die schon heute festzulegen eine internafional anerkannte Unmöglichkeit ist. Vielmehr darauf, die Bereitschaft aller in Wirklichkeit für Lallen tragfähigen'Faktoren zugleich mit den Grenzen der tatsächlichen Erfüllungs- Möglichkeiten überzeugend erkennen zu lasten. Nicht zuletzt aber auch darauf, der leider noch immer zweifelnden Welt den schon ungeheuren Umfang der bisherigen deutschen Leistungen zum Bewußtsein zu bringen. Dann kann, selbst wenn Frankreich sich den deutschen Vorstellungen noch immer verschließt, das neue Angebot trotzdem der Ausgangspunkt weiterer diplomatischer Bemühungen und moralischer Erfolge für Deutschland werden, die sich wirtschaftlich und politisch am Ende denqpch auswirken mllsten. Es wäre völlig verfehlt, zu erwarten, daß schon diese inhaltsschwere Note, selbst im Falle einer günstigen Aufnahme, gleich einen völligen Ur-schwung herbeiführen werde Auch rat besten Falle kann sie nur die Brücke sein, die zu wetteren erfolgversprechenden Verhandlungen führt. Daher darf man sich keinen übereilten Hoffnungen hin- geben und muß sich auch jetzt mit Geduld wappnen!
Das deutsche Angebot.
Ein Umschwung in der Haltung Frankreichs?
Berlin. 1, Mai. Wie die Berliner Blätter mit- tsilen. wird der R e i ch s k a n z l e r den Parteiführern bereits am Mittwochvormittag den Inhalt der deutschen Note bekanntgeben. Nach den "letzten Informationen hat Finanzminister Dr. Hermes an derFertig- stellung der Note teilgenommen. Die „Vost. Zeitung" glaubt melden zu können, kn Frankreich fei ein gewisser Ums ch w u n g e i n g e t r e t e n in bezug auf die französische Haltung zu der deutschen Note Denn die von Frankreich an die Alliierten angekündigte Note, daß als Vorbedingung für Verhandlungen der deutsche passive Widerstand eingestellt werden muffe sei bisher nicht abgegangen und nach einer Mitteilung des Quai d Orsay sei es nicht sicher, ob sie überhaupt abgehen werde. Nach Ansicht der „Vossischen Zeitung" ist dieser Umschwung in der französischen Haltung auf die neuerliche AnnäherungBelgiensanEna-
land z u r ü ck z u f ü h r e n.
Berlin, 1. Mai, Im Laufe des heutigen Vormittags werden die Parteiführer vom Reichskanzler empfangen werden. Die Ministerpräsidenten und Staatspräsidenten der Länder treffen vormittags in Berlin ein. Der Reichskanzler wird im Laufe des Nachmittags mit ihnen die allgemeine politische Lage besprechen.
Berlin, 30. April. Zu der Meldung eines Blattes daß der Berliner Berichterstatter der „Daily News" Angaben über den voraussichtlichen Inhalt der deutschen Note macht, die angeblich aus Informationen von amtlicher deutscher Seite herrühren teilt das . V. T." mit, daß von derartigen Informationen keine Rede sein könne. Die deutsche Regierung habe überhaupt keinem ausländischen Berichterstatter irgendwelche Mitteilungen über die deutschen Vorschläge ge
macht. Der Korrespondent der „Daily News" selbst , stellt ja in Abrede, daß er seinem Telegramm einen ' solchen Zusatz gegeben habe.
Frankreichs Haltung.
London, 30. April. Der Pattser Korrespondent der „Daily Mail" erhält von maßgebender Stelle folgende Mitteilung.' Frankreich bleibt ohne jedes Schwanken bei feiner in Verbindung mit Belgien, geführten Politik bezüglich des Ruhrgebietes. Frankreich und Belgien werden das Ruhrgebiet Bezirk um Bezirk nach Maßgabe der von Deutschland zur Tilgung feiner Reparationsschuld geleisteten Zahlungen räumen. Frankreich wird nicht zustimmen, ein deutsches Reparationsangebot zu erörtern, ohne daß dieses erste Prinzip anerkannt wird und ohne daß im selben Angebot' die öffentliche Aufhebung und Zurücknahme aller von der deutschen Regierung seit dem 12. Januar ergangenen Anordnungen vorausgingen, die dem Zweck dienten, die französisch-belgischen Bemühungen unwirksam zu nmchen.
Paris, 30. April. Einem Redakteur der „Daily Mail" (Pattser Ausgabe) soll die höchste Autorität in bezug auf die französische Ruhrpolittk erklärt haben: Wir wissen, daß Deutschland zum Nach geben gezwungen sein wird. Ich glaube, daß es schon die letzte Grenze seines Widerstandes vollkommen erreicht hat. Ich wünsche aber nicht, daß es zu rasch kapituliert. Warum? Weil es eine vitale Notwendigkeit ist, daß unser Feind diesmal weiß, daß er vernichtet und gezwungen ist, es einzuge- stehen. Es kann keine halben Maßnahmen und Kompromiste geben. Wir haben unser Programm festgelegt, und wft sind entschlosten, ihm zu folgen.
Patts, 30. Apttl. Der „Temps" schreibt in einem Leitattikel, Reichskanzler Euno und feine Kollegen, denen bewußt sei, daß ihre Note Frankreich ganz und gar nicht befriedigen könne, würden diese doch unterbreiten in der Hoffnung, daß durch eine Ablehnung die politische Lage Frankreichs verschlechtett würde und daß die englische Regierung sich schließlich dazu hinreißen lasten würde, Deutschland zu unterstützen. Die mehr oder weniger fern liegende Konsequenz dieser Maßnahme würde aber, soweit man das beurteilen kann, einen Wechsel des Kabinetts Euno oder den Sturz desselben bedeuten. Sicher sei, daß, wenn Deutschland die Wirkungen seines passiven Widerstandes noch stärker zu spüren bekomme, es neue Vorschläge machen werde. — Der „Temps" verwahrt sich gegen die Annahme, daß er die deutsche Regierung zu überreden trachte, er möchte nur, bevor über die endgülttgen Vorschläge beraten werde, jedermanns Verantwortlichkeit feststellen. Der gegenwärtige Konflikt beruhe auf dem Gegensatz zweier Ideen: der Idee, daß Deutschland durch die Fortsetzung des passiven Widerstandes Frankreich müde machen müsse, lim bessere Bedingungen zu erreichen, und der Idee, daß Deutschland seinen passiven Widerstand einstellen müsse, damit es aufhöre, dem Ruin entgegenzueilen, und seine Loyalität beweise, ohne die keinerlei Verhandlungen in Gang kommen könnten. Unter den Detitschen, die den passiven Widerstand foxtsetzen wollten. gebe es nicht nur übsrschlaue Diplomaten, moralische Verschwörer und Industrielle, unter ihnen gebe es auch, das dürfe man ruhig zugeben, aufrechte M 8 n n e r, die vom Zweifel ergriffen würden bei dem Gedanken, bedingungslos zu kapitulieren. Vom moralischen Standpunkt aus nähmen diese verschiedenen Parteigänger des Widerstandes nicht den gleichen Rang ein, vom politischen Standpunkt aus aber trügen sie alle dazu bei, ihr Land in den Abgrund zu stürzen..
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Paris, 30. Avril. Das „Ebo de Patts" schreibt: Der belgisch-französische Meinungsaustausch, bctr. die Reparationen. der anläßlich der letzten Konferenz in Paris statt gefunden bat. soll nack gewissen Meldungen nicht so weit führen, einen Plan zu redigieren. Man spreche nur von einer reinen Verabredung zwischen belgischen und französischen Vertretern in der Reparationskommission. Welche Gründe, so fragt das Blatt, würden gegen das vorherige Einverständnis zwischen Frankreich und Belgien geltend gemacht? Zuerst bemerke man. daß im gegenwärtigen Augenblick geführte Verhandlungen geeignet seien. d:e Aktion zu entnerven und Kontroversen und Kommentare hervorzurufen, in denen der Gegner ein Zeichen von Ermattung finden könnte Das Blatt will diese Argumente nur gelten lassen, wenn man sich alle Arten von Unbestimmtheit cinbilde. Es glaubt, daß Loincars und T b e u n i s zu fest an dem leitenden Gedanken der Politik vom 11. Januar festhielten als daß man ernstlich befürchten dütte. daß ste erlahmen würden. Es könne sich lediglich darum handeln, das Ziel dieser Politik zu begrün- den. Man sage ferner, man dürfe nicht im voraus die Bewegungsfreiheit Frankreichs festlegen. Man müsse in der Lage sein, jede Gelegenheit, die sich darbiete, zu ergreifen.
Das ..Echo d» Paris" fügt lnnzu: Wir wollen bemerken, daß es besser ist. mit Gewalt und Tätigkeit ein bestimmtes und wahlberechtigtes Ziel zu verfolgeg. als in der Erwartung von Tausenden vagen und divertierenden Möglichkeiten sich zu verlieren. Die ganze Bedeutung der Rubrvolmk ist. daß sie uns gestattet, ein Reparnstonswstem unabhängig von den Ereignissen in Deutschland aufzustellen. Weder die angekündigten deutschen Vorschläge noch die deutschen Schwankungen dürfen uns veranlagen auf diese Methode zu verzichten. Was sich auf sie Revarattonen bezieht, bezieht sich in gleicher Weise auf das Problem der Sicherheit Frankreichs.
Das Matt weist schließlich auf die Vorgänge von 1918 hin. Damals hätten sich England und Amerika außerhalb Frankreichs und sogar gegen Frankreich verständigt. Um Frankreichs Sache zu retten, habe man also im Augenblick der größten Macht die Lösung der Seiden größten Probleme — Reparationen und Sicherheiten -- sich versagen mMen. Werden wir wieder in diesen Irrtum verfallen?
Die Zwangsauleihe im besetzten Gebiet »erboten.
Koblenz» 1. Mai. Wie wir dem „Echo du Rhin" entnehmen, hat die Rheinlandkommission die Durchführung des Gesetzes vom 22. Juli 1922 über die Zwangsanleihe bis auf weiteres verboten.
Keine Beschlagnahme der Weinsteuer im altbesetzten Gebiet.
Koblenz. 30. Avril. Die Rheinlandkommission hat aus eine Anfrage von beteiligter Seite geantwortet, daß sie bis aus werteres nicht beabsichtige, in dem altbesetzten Gebiet die Weinsteuer zu beschlagnahmen.
Weitere Zeitungsverbote.
Koblenz, 30. Apttl. Der „Vorwärts" und die „Münchener Post" wurden in der französischen und belgischen Zone des altbesetzten Gebiets auf drei Monate verboten.
Eine französische Tagesordnung über die Borfälle btt den Krupp-Werken.
Paris. 30. Avril, über die Vorfälle bei den Krupp- Werken am Taye vor Ostern ist aus Befehl des Generals D e g o u t t e eine Untersuchung' eingeleitet worden. Diese wurde nun durch eine Tagesordnung beendet, in der der Befehlshaber dem Leutnant, der aas Detachement führte, das auf dis Männer schoß, für seine große Kaltblütigkeit ferm Anerkennung ausdrückt. Er habe feine Leute trotz der Provokationen. Drohungen und Angriffe, denen sie ausgeietzt gewesen sein sollen, in der Gewalt gehabt und den Gebrauch der Waffe erst in dem Augenblick befohlen, in dem seine Truppen sich in dringender Geiahr und im Zustand der legitimen Notwehr befunden batten.
Der Prozeß gegen die Krupp-Direktoren.
Essen. 1. Mai. Man rechnet damit, daß der Prozeß gegen me Krupp-Direktoren am Freitag beginnen wmd. Die Anklage soll sich auf Verletzung »er Verordnung 22 erstrecken. die ein Komplott gegen französische Soldaten feetrifft.
Bier neue Gruben beschlagnahmt.
Breitschttd über „Deutschland und Frankreich".
Köln, 30. April. Gestern 'orach der Abg. B r e i t s ch e i s in einer stark besuchten sozialdemokratischen Versammlung über das Thema „Deutschland und Frankreich". Der als apeiter Redner angekündigt: französische Arbeiterführer Ern mbach war telegrapb"ch von Köln nach Paris abtze- rufen inprben. Breitscheid führte ans die Arbeiterschaft habe das größte Interesse daran, zu erfüllen, was eben möglich sei. In Frankreich herrsche' immer noch das Gefühl vor. daß Deutschland nicht zahlen wolle Der Abwehrkampf an der Ruhr sei nicht ein Diktat des Kabinetts Euno. sondern getragen von dem freien Willen der Arbeiterschaft, die bei der Beendigung des Ruhrkonflikts gehört werden wolle Deutschland müsse greifbare Vorschläge machen und eine bestimmte Ziffer nennen, die stch etwa in der Höbe von 30 Goldmilliarden bewege. Ein Zahlunasaufschnö von einigen Jahren sei jedoch erforderlich. Die Mittel seien im Wege einer internationalen Anleihe auszubringen und die erste Summe an Frankreich abzuführen. Die Summe, die Deutschland zu zabKn habe, könne von einem internationalen Sachoerständigenausschuß geprüft werden Deutschland und Frankra'ch köiuit'n sich gegenseitig verpflichten. auf hundert Jahre keinen Krieg ,u führen. Unter keinen Umständen werde man zulasten, daß auch nur eine Straße von Deutschland abgetrennt werde Die Räumung des Ruhrgebietes sei sofort nach Tätigung des neuen Vertrages vorzunehmen.
Paris. 30. Avr-l. Nach etter Meldung aus Düssel- dorf wurden gestern vier neue Gruben beschlagnahmt: 1, Grube 2 bei Gladbeck. 2. Grube Blumenthal 2. bei Recklinghausen. 3. Grube Recklingbauiener bei Recklinghausen und k. Grube Dahlbusch bei Eelsenkirchen
Eine neue deutsche Note.
Berlin. 1. Mai.' Den Regmrungcn in London. Brüssel und Paris hat die deutsche Regierung eine R o-t e überreichen lassen, in der sie gegen eine Reibe von Eingriffen gegen die deutsche Eerichtshohei- im Anschluß an die bekannten Ausschreitungen gegen die Dutenbera-Druckerei Dr. Dortens in Koblenz Verwahrung einlegt. In der Note beißt es u. a.: Es handelt stch bei den in der Druckerei vorgenommenen Sachbeschädigungen um eine rein deutsche Angelegenheit, die m verfolgen gemäß Artikel 3 des Rheinlandabkommens ausschließlich Sache der deutschen Polizei und Gerichtsbehörden :>t.
Berlin. 1. Mai. Die deutsche Regierung hat aus Grund von Verhandlungen m-t Mehrer/n an der Ruhraktion nicht- beteiligten Machten eine Regelung getrosten, die trotz der französischen Ein- und Ausfuiwoorschriften die Ausführung der, Handel s v e r t r ä g e ermöglicht, dis zwischen deutschen Firmen und Angehörigen der an der Ruhraktion "Mt beteiligten Staaten vor dem 20. Februar dieses Jahres .abseschlosten worden sind.
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