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Nr. 1v0.
Montag, 30. April 1923.
71. Jahrgang.
Fortführung der Markstützung.
Die Valutapolitik der Reichsbank und die Stellungnahme der Wirtschaft zu den Maßnahmen der deutschen Zentralnotenbank gegenüber der Aufgabe, den Markkurs zu festigen, haben seit der schweren neuen Erschütterung der Markbewertung am 19. April erneut eine öffentliche Aussprache über die Mark- stützungsaktion hervorgerufen. Man wird gegenüber den außerordentlich schwierigen Fragen, die in dieser Aussprache aufgerollt sind, im Augenblick noch kerne endgültige Stellung einnehmen können, insbesondere auch nicht gegenüber den Vorwürfen, die gegen be- stirnrnte deutsche Wirtschaftsgruppen im Züsarmnenhang mit diesen Fragen erhoben worden finb und noch erhoben werden. Nur darüber darf nirgends ein Zweifel bestehen: Das politische, das volkswirtschaftliche und das prrvatwirtschaftliche Interesse erfordern in der augenblicklichen Situation das unbedingte Festhalten an einer Valutapolitik, die sich bewußt unter schweren Opfern darauf einstellt, die Markbewertung auf einer vernünftigen Grundlage zu halten.
Es ist ein direkter wirtschaftlicher Unfug, wollte man glauben, die augenblickliche Stagnation des 'deutschen Exports dadurch überwinden zu können, daß man die Markbewertung von dem Stützungsniveau von 21000 auf 30 000 fallen läßt. Man übersieht dabei völlig, daß man nicht mit schlechter, sondern nur mit immer schlechter werdender Valuta einen Export in der bisherigen Richtung der deutschen Exportwirtschaft erzwingen kann, daß ein Dollarkurs von 30 000 auch nur für einige Wochen und nur für gerade fertige Produkte die Ausfuhr erleichtert. Deutlich hat die Erfahrung der letzten Jahr« gezeigt, daß die innere Kaufkraft der Mark mit einem Abstand von wenigen Wochen, bestenfalls Monaten, sich der Bewegung der äußeren Kaufkraft der Mark, soweit das Warenpreisniveau in Betracht kommt, anpaßt. Das bedeutet, daß sich mit der durch die gestiegenen Kosten der Lebenshaltung bedingten Erhöhung von Löhnen und Preisen im inländischen Verkehr die Produktionskosten mit großer Geschwindigkeit ebenso wie die Devisenkurse erhöhen, und daß mün daher nach kurzer Zeit auch auf einem erhöhten Dollarniveau, sofern dieses auf einein Be- harrungszustand verbleibt, nicht mehr auf der bisherigen Grundlage exportieren kann. . (
Auch das tatsächliche privatwirtschastliche Interesse spricht gegen eine weitere Verschlechterung der Valuta. Man muß sich darüber klar sein, daß die Wirtschaft es dringend notwendig hat, endlich einmal von der dauernden Beunruhigung der Geldwertschwankungen befreit zu werden Man muß einsehen, daß jede dauernde Festigung des Markwertes davon abhängig ist, daß es gelingt, die Gesamtheit des inneren Kauf- kraftniveaus, Warenpreise /und Löhne, dem intervalutarischen Vewertungsnsveau anzupaffen und anzu- gleichen. Und man hat Mustellen, daß jede weitere Verschlechterung der Makk die Spanne zwischen dem derzeitigen inländischen Kauskrastwert und der äußeren Kaufkraft der Mark vergrößert und zwangsläufig Preis- und Lohnentwfcklungen nach sich ziehen muß, die die Festigung der deutschen Währung und damit den Beginn der deutschen Wirtschostsgefundung verzögern und gleichzeitig verhindern, daß die privatwirtschaftlichen Unternehmungen wieder zu eiiier ordentlichen Rechnungsführung, einer ordentlichen Finanz- »erwaltung und einer Sicherung gegen Substanzver- fchleiiderung gelangen.
: Aus solchen Erwägungen heraus kann die Wirt
schaft inührem eigenen Interesse nicht dringend genug ge'.nnhnDoerden, ihrerseits alles zu tun. was'einer Festiaung des Markknrses dient. Eine Belebung der deutschen Exportwirtschaft ist bei jeder Markstiitzuna auf welchen! Niveau sie auch immer erfolge, erst zu erwarten, wenn sich die Einordnung des deutschen Pro- ouktionsüberschuffes in die Bedürfnisse des Weltmarktes wieder stärker der tatsächlichen Leistungsfähigkeit und Art der deutschen Industrie und des deutschen Handels angepaßt und von der Ausnutzung der Valutakonjunktur kosgelöst hat. Berücksichtigt man, daß sich eine solche Uberg-angsperiode daher darauf einstellen muß eine gleichzeitige langdauernde Stagnation des inneren Absatzmarktes zu verhindern, erkennt man hier also die volkswirtschaftlich und pvivatwirtschaftlich notwendige Kräftigung der Kaufkraft des Jnlandsmarktes durch eine Ausgleichung der Kaufkraft der Konsumenten an die sich aus einem Stützungsniveau ergebende Preisgestaltung des Inlands- und Auslandsmarktes, so merkt man auch unbedingte Notwendigkeit, daß die jetzig« Valutapolitik nichts unversucht läßt, den Devisenmarkt zu beherrschen. Durch scharfe Vorstöße Muß den spekulativen Kräften und denjenigen Schichten, die mit der Geldentwertung privatwirtschastliche Hchchäfte machen maSm, immer wieder mm Besucht»
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fein gebracht werden, daß in der Zusammenwirkung zwischen Reichsbank und Reichsregierung ausreichende Kräfte vorhanden sind, den Dollarkurs wieder auf das Niveau herunterzuwerfen, auf den er 10 Wochen lang vor dem 18. April gehalten werden konnte. Hinzu kommt hierbei selbstverständlich, daß man die internationalen Bewertungsgrundlagen der deutschen Valuta nicht völlig außer acht läßt. Man darf an der Tatsache nicht vorübergehen, daß schon vor dem 18. April das englische Pfund zwar im Tagesoerkehr nrit 98 000 gehandelt wurde, daß es aber im Terminverkchr bereits 120 000 kostete. Solche Erscheinungen sprechen aber nur dafür, daß die Valutapolitik der Reichsbank grundsätzlich darauf verzichten muß, ihre Stützungsaktion gewissermaßen in einem Stellungskrieg durchzuführen, wo sie sich dauernd dem schärfsten Trommelfeuer der internationalen Spekulationsgruppen aussetzt und schwerste Geldverluste erleidet. Es ist zu hoffen, daß sich die Politik der Reichsbank jetzt auf dem internationalen Finanzmarkt tatkräftig und zielbewußt auf den Bewegungskrieg einstellt und durch überraschende Vorstöße immer und immer wieder zwischen den internationalen Valuten und der deutschen.Mark ein erträgliches Verhältnis herstellt, das der Festhaltung des inländischen durchschnittlichen Preisniveaus dient und dis deutsche Wirtschaft in ihrem Abwehrkampf davor bewährt, im Innern durch gewaltige Preiserhöhungen und Lohnbewegungen erschüttert zu werden!
Die neue Devisenserordnung.
Berlin, 28. April. Wie wir von zuständiger Stelle erfahren, wurde in der gestrigen Reffortsitzung des Reichswirtschaftsministeriums die Devisenverordnung nach ihrer juristischen und formalen Seite hin ausaearbeitet, wobei m-bt? .rspriinglichen Fassung noch einige Änderungen vvrgenömmen wurden. Die Verordnung wird nunmehr sofort dem Reichskabinett zur endgültigen Beschlußfassung vorgelegt werden.
Stinnes und der Marlsturz.
Berlin, 29. Avril. Die .D. A. Z " wandte sich angesichts der Angriffe gegen Stinnes an den Nsichsbankpräsi- denten Havenstein, der dem Mitte mitteilte. er habe mit seiner Äutzenmg über den Marksinrz nicht bestimmte Ginzelfälle im Auge gehabt und kein erfüll? gegen Stinnes den Vorwurf ungerechtsert'gtor Demfenkäufe erbeben wollen.
Ankauf der „Frankfurter Nachrichten" durch Stinnes.
Frankfurt a. M., 28. Avril. Wie die ..Franks. Nachr." melden, bat Hugo Stinnes durch den Ankauf der ..Frankfurter Nachrichten" leinen beiden Blättern, der ..Deutschen Allgemeinen Zeitung" und der ..Industrie- und Handelszeitung". ein drittes Blatt binzugefüst.
Eine neue französisch-belgische Ministerzusammenkunft.
Paris, 28. Avril. Der Brüsseler Berichterstatter des . Temvs" glaubt, dah PoincarS. Tbeunis und Jasper sehr bald wieder eine Zusammenkunft haben werden.
Verbot der Maßnahmen gegen die wirtschaftliche Rot der Presse im besetzten Gebiet.
Koblenz. 29. Avril. Die interalliierte Rbeinlandkom- miffion hat folgende, vom Präsidenten Daul Tirard Unterzeichnete Verordnung erlassen: Die Interalliierte Rbein- landkomm-iffion. die Kenntnis genommen bat von der zweiten Verordnung vom 22. März 1923. betr. Vollzug des Gesetzes vom 21. Juli 1922. über d'e Matzr.abmen gegen die wirtschaftliche Notlage der vrene. oeehrt sich mitzuteilen, bah sie auf Grund ihrer Verordnung Nr. 185 beschlossen bat. sich ihrem Vollzug in den besetzten Gebieten z u widersetzen. um so mehr, als diese Bestimmungen sich auf die aus der Ausfuhr erzielt m Gebühren beziehen.
Der Bahnverkehr Koblenz—Limburg.
Frankfurt a. M.. 28. Avril. Wie wir von zuständiger Stelle erfahren ist die Meldung eines hiesigen Blattes über die Unterbindung des Vabnverk-brs zwischen Koblenz und Limburg imrichtig. Der Betrieb aus dieser Strecke wird, trotzdem-.der Mlb n h o s Montabaur besetzt ist und zwei GisenbahnbeaiM aus Montabauer aussewiesen würben, deutscherseits 'aufrecht erhalten.
Der Basiitzhof Rstthausen besetzt.
Münster, 30. "Avril. Gechcn nachmittag wurde der Bahnhof Rotthaulen von den Franzosen besetzt.
Beschlagnahme von Postsäcken in Düsseldorf.
Paris. 30. Avril. Einem Telegramm zufolge haben die Franzosen in D ü s s e l d o r i mehrere 'ür das unbesetzte Gebier bestimmte Postsäcke angebalten als Revrefialie für die Beschlagnahme von aus dem unoe^tztea Gebiet kommenden Korresoondensen an Franzosen des bsfenten Gebietes.
Der Bonner Oberbürgermeister vor dem Kriegsgericht.
Bonn, 28. Avrü. Oberbürgermeister Dr. Falk wurde von dem französischen Kriegsgericht zu 3 Jahren Gefängnis und 5 Millionen Mark Geldstrafe verurteilt.
Verbot der Maifeier i« Maiuz.
Mainz. 28. Avril. Die Beiatzungsbehürden haben Kund- gedunsen. Versammlungen oder Aufzuge aller Art. di« zum 1. Mai oder aus Anlah des 1. Mai geplant waren, bei Stratz» Mifraten.
Um das deutsche Angebot.
Berlin, 29. April. Die Besprechungen der Reichsregierung über das kommende deutsche Reparä- tionsaugebot dauern noch immer an. Die Beratungen vollziehen sich meist in der inneren Umgebung des Reichskanzlers und weniger anderer Minister. Besprechungen der Reichsregserung mit weiteren parlamentarischen Persönlichkeiten haben noch nicht stattgesunden, wenn man davon abfieht, daß hervorragende Parteivertreter wie Dr. St r e s e m a n n und Hermann Müller um ihre Ansicht befragt worden sind. Allgemein hält man es für geboten, nrit der größten Ehrlichkeit vorzugehen und das, was geleistet werden kann, klar und offen darzulegen. Auch die Reichsregierung ist davon überzeugt, daß nur eine vollkommen überzeugende Aufrichtigkeit unseres Angebots zu nutzbringenden Verhandlungen führen kann. Besonders der Reichskanzler selbst tritt sehr stark für die Forderung der kaufmännischen Reellität undEhrlichkeit ein. Die Reichsregierung ist noch nicht Wer den Eharakter, den das Angebot tragen soll, einig geworden. Die Informationen, die darüber sehr reichlich, besonders in ausländischen Blättern verbreitet werden, sind unzuverlässig. Es ist zu dieser Stunde noch nicht entschieden, ob eine feste Ziffer genannt werden soll, oder nicht, und es ist besguders der Außenminister, der gegen diese zahlenmäßige Festlegung ist. Herr v. R o s e n b e r g hat sich in seiner Reichstagsrede für den Hughschen Vorschlag der Festsetzung durch ein internationales Kollegium ausgesprochen. Diese Einigungsschwierigkeilen scheinen dafür zu sprechen^ da: deutsche Angebot in eins feste und Mne vorläufig» noch nicht bestimmte Summe zu teilen. *»6 ist das derH Plan, den man für den beabsichtigten, Aber nicht zur' Überreichung gelangten Januarvorschlag entworfen hatte: 20 Milliarden und 10 Milliarden später, wenn die Bedingungen Deutschland dazu leistungsfähig erscheinen lassen würden. Eine sehr wichtige Rolle spielt die Frage der Garantien, die Deutschland für die Zahlung der von ihm zu übernehmenden Summe bieten kann; denn das bloße Versprechen einer Regierung, deren innere Kraft für das Ausland eine schwer berechenbare Größe ist, wird nicht mehr genügen. Die Regierung hat diesmal davon Abstand gerwnrmen. die Vertreter der Großwirffchastsmächte, vor allen Dingen also der Industrie, um ihre Meinung zu fragen. Erwogen wird innerhalb der Reichsregierung, ob nicht eine wesentliche Garantie in den Reichseisen- bahnen gefunden werden könne, doch wird hiergegen auch starker Widerspruch erhoben. Unter den Politikern der bürgerlichen Fraktionen, aus deren Rat das Kabinett Euno naturgemäß an erster Stelle zu hören geneigt ist. entfaltet besorchers Dr Stresemann eine verdienstvolle Tätigkeit. Die übrigen Führer und Parteien der bürgerlichen Arbeitsgemeinschaft treten dagegen stark zurück. Bis zum endgültigen Abschluß der Beratungen werden vermutlich noch mehrere Tage vergehen. Voraussichtlich morgen wird der bisher erkrankt gewesene Reichsfinanzminister Dr. Hermes in Berlin eintreffen. um feine Meinung geltend zu machen. Im übrigen wird auch die Konferenz der Staats- und Ministerpräsidenten der Länder nicht ohne Einfluß auf die endgültigen Entscheidungen des Reichskabinetts fein.
Berlin. 29. April. Die Besprechungen des Reichskanzlers mit den Staats- und Ministerpräsidenten der Länder sind auf Dienstag verschoben worden. Dementsprechend empfängt der Kanzler voraussichtlich auch die Var- teifiihrer erst am Dienstag. Die geplante Note soll gleichzeitig in London. Paris Brüssel und Rom.übergeben werden sowie auch in Washington zur Kenntnis gebracht werden.
Frankreichs Berhandlungsbedingungen.
Paris. 29. Avril. Die .Liberi" schreibt, wenn, es wahr ist. datz Reichskanzler G u n o VerhanlKungen einleiten will, ohne datz vorder der Wider st and im Ruhrgebiet beendet wird, mutz man ihm sofort sagen, dah er sich täuscht. Es kann tatsächlich eintreten. datz man nn Verlaufe eines Konfliktes Verhandlungen begmnt. ohne datz die Waffen niedergelegt sind. Aber dann sind die Gegner in gleicher Weise müde. Sie suchen also einen Kompromitzfrieden. Der Kanzler beweist, dah es nnck, seiner Ansicht im Rubrkonflikt weder Sieger noch Besiegte gibt. Das ist ein Gedanke, den wir nicht teilen können und den Frankreich und Belgien nicht annehmen werden.
Der „Jntransigeant" schreibt^ Niemals waren wir we'ter davon entfernt, uns zu verständigen, als jetzt. Die Ankündigungen von Verbandlungen sind nicht ernst zu nednwn. .Denn sie kommen zu rrüh Deutschland fühlt sich noch nicht besiegt genug, um die Knie zu beugen. Wenn am Mittwoch Vorschläge ankommen, wird die französische Regierung gut, beraten kein, wenn sie Deutsch land antwortet: „Beweise erst deinen Friedenswillen, ordne das Ende d« Widerftandspolitik im Rnhrgebiet an. So lauge dies noch niwk.aeicheh-.m lsi. weigern wir uns. auch nur «i« Z«tle dem« Mitteilung zu Lek»."
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