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Nr 99.
Samstag, 28. April 1923.
71. Jahrgang.
Das deutsche Angebot fertiggestellt.
Berlin, 28. April. Das Reichskabinett wird
f ich heute mit dem Reparationsplan, der in einer vorläufigen Fassung fertig gestellt ist, beschäftigen. Am Sonntag sollen die Parteiführer über den Inhalt des Angebotes unterrichtet werden.
Laut „Berliner Tageblatt" dürfte auf die Einberufung des Auswärtigen Ausschusses verzichtet werden. Falls keine Verzögerung sin- tritt, könnte die Ab f e n d u n g der Note an die Alliierten am Dienstag oder spätestens am Mittwoch erfolgen.
Zu der französischen Vlättermeldung, daß die französische Regierung als V o r b e d i n g u n g für die Aufnahme von Verhandlungen, seitens Deutschlands über die Reparationsfrage die Aufhebung des passiven Widerstandes fordere, schreibt die „Vossische Zeitung": Selbst wenn die deutsche Regierung die Vorschriften über den passiven Widerstand zurückziehen würde, werde damit nichts erreicht als vermehrte Verwirrung,' denn der Widerstand ist aus der Bevölkerung, selbst hervorgegangen, und seine Hauptträger sind die breiten Massen der Arbeiterschaft. Die Parole, den passiven Widerstand aufzugeben, würde die Widerstandskraft der besonnenen Mehrheit der Arbeiterschaft gegen die kommunistische Agitation in gefährlichem Matze vermindern, und die Elemente der Zerstörung würden die Oberhand gewinnen.
Auch der „Vorwärts" urteilt in gleicher Weise. Die Suspension des passiven Widerstandes würde höchstens dazu führen, daß er schärfere und wildere Formen an- nähme. Keine deutsch« Regierung kann durch einen Ilkas den passiven Widerstand zum Aufhören zwingen, das kann nur Frankreich durch Zurückziehung feiner Truppen.
Berlin, 88. April. In sozialdemokratischen Kreisen will man wissen, daß das deutsche Angebot den Alliierten Dienstag oder Mittwoch überreicht werden wird. Am Samstag werde sich das Reichskabinett in erster Beratung mit der Note beschäftigen. Für Sonntag sei ein Empfang der Parteiführer geplant. Am Montag soll das Kabinett die endgültige Formulierung vornehmen. Es heißt, es sollen 20 Milliarden Eoldmark und genau bezeichnet« Garantien angeboten werden, zuzüglich einer unbestimmten Summe, die unter gewissen Voraussetzungen von Autoritäten festgesetzt werden soll.
Berlin, 28. April. Eine Reuter-Meldung aus London besagt, es erscheint nunmehr wahrscheinlich, daß der erwartete Schritt der deutschen Regierung in der Reparationsfrage nicht vor Anfang der nächsten Woche erfolgen kann, da die Verhandlungen über das Angebot länger gedauert haben als zuerst angenommen wurde. Es besteht aber trotzdem kaum ein Zweifel darüber, daß die nächsten Schritte der deutschen Regierung in Form einer Rote an alle Alliierten erfolgen werden, in der Deutschland den Vorschlag machen wird, eine bestimmte Summe zu zahlen. Berlin wird sich nur unter bestimmten Bedingungen bereit erklären. Deutschlands Leistungsfähigkeit von einem internationalen Ausschuß von Sachverständigen abschätzen zu lassen, in dem Deutschland von einem Mitglied vertreten sein muß.
Berlin, 27. April. Im „B. T." tritt ein Anonymus dem bedenklichen Irrtum der internationalen Einstellung entgegen, als könne der Weltfriede durch ein möglichst hohes Angebot Deutschlands mit einem Schlage heryestellt werden. Der deutsche Reichskanzler gehe von ernsten und gewissenhaften, aber auch von zutreffenden politischen Erwägunaen aus wenn er sich nachdrücklich weigere, ein Ängebot zu ■ unterbreiten, das die dauernde Leistungsfähigkeit' der deutschen Wirtschaft überstejgt. Wäre Dr. Cuno gewissenlos genug, einer augenblicklichen Erleichterung Zuliebe ein Angebot zu machen, dann stünde die Welt in sehr kurzer Zeit vor der gleichen Situation wie gegenwärtig. Ein weiterer Irrtum sei, daß Deutschland finanziell Frankreich sgnieren könne. Dazu habe Deutschland sich im Krieg zu sehr erschöpft. Es habe durch den Waffenstillstand und den Friedensvertrag, insbesondere > auch durch die Besetzung zu sehr einge- büßt, um trotz seiner größten Anstrengungen eine solche Aufgabe lösen zu können.
Frankreichs Voraussetzung — Aufgabe des passiven Widerstandes.
Berlin, 28. April. Die französische Regierung hat beschlossen, durch ihre diplomatischen Vertreter in den verbündeten Hauptstädten erklären zu lassen, daß sie nicht in Verhandlungen mit Deutschland eintreten werde, solange der passive Wider- st and fortdaure.
Zu dieser Frage wird aus Paris ergänzend gemeldet, daß man am Quai d'Orsay erklärt, daß Verhandlungen mit Deutschland undenkbar seien, solange an der Ruhr und im Rheinland infolge des passiven Widerstandes eine Art von Kriegszustand herrsche. Mindestens für die Dauer etwaiger Verhandlungen müsse die Reichsregierung die Vorschriften über den passiven Widerstand aufheben. Frankreich habe aber nicht die Absicht, eine offizielle Note in dieser Frage nach Berlin zu richten.
Paris. 28. April. Der „Temps" bestätigt in seinem Leitartikel die gestrige Erklärung des „Matin , daß die, französische Regierung entschlossen sei, bevor sie sich auf Verhandlungen einlasse, die Zurückziehung der Maßnahmen, Verordnungen ufw. im Sinne des passiven Widerslandes zu verlangen. Das Blatt schreibt: Wir sind zu der Erklärung ermächtigt, daß die französische Regierung nicht auf ihre Auffassung verzichten wird. Sie wird kein deutsches Angebot in Betracht ziehen, solange der passive Widerstand andauert. Die Vertreter Frankreichs in den auswärtigen Hauptftcchten werden davon unterrichtet werden.
Der Wille zum Durchhalten.
Berlin, 28. April. Aus gut unterrichteten Kreisen des Ruhrgebietes wird mitgeteilt: Die im Ruhrgebiet bekcmntgewordene Zeitungsmeldung, daß Verhandlungen über die Reparationsfrage von französischer Seite nur bei einem Auf geben des passiven Widerstandes erfolgen sollen, haben auf deutscher Seite eine Änderung der bisherigen Verteidigungstaktik nicht herbeigeführt. Mit einer solchen Änderung wird auch nicht zu rechnen sein. Darüber besteht in allen beteiligten Kreisen einmütige Auffassung. Die Abwehrmittel sollen auch weiterhin bis zu der Stunde angewsndet werden, in der eine Verständigung über die durch die Ruhrbesetzung geschaffene Lage erfolgt ist.
Mussolini über die Lage an der Ruhr.
Rom. 28. Avril. (Agenzia Stefani.) In der sestzcisen Sitzung des Ministerrats berickitete Ministervräsidsnt MuNolini über die Sage im Rubrgebiet und svracki über die Möglichkeit einer deutschen Note, die eine umfangreiche diplomatische Aktion Hervorrufen könnte.
Herriot über die Rnhrbesetzung.
Der Berkehr zwischen dem besetzten und dem unbesetzten Gebiet.
Paris, 28. April. Rach einer Hcwas-Meldung aus Koblenz hat die Rheinlandkommission unter dem Vorsitz des französischen Oberkommissars T i r a r d gestern beschlossen, den Verkehr zwischen den besetzten Gebieten und dem unbesetzten Deutschland für alle Pexsönen zu verbieten, die nicht mit einem von den alliierten Organen aus ge st eilten Passierschein versehen find. Diese hochwichtige Maßnahme — so fügt Havas hinzu — wird den Treibereien der Geheimverbände entgegenwirken dadurch, daß sie die Einreise von Agitatoren, Hetzern und Organisatoren von Sabotageakten verhindert.
Eine neue Verordnung der Rheinland mmission.
Paris, 27. April. Die Rheinlandkommission hat am Donnerstag eine Verordnung erlassen, wonach die Industriellen. die sich weigern, dem Befehls nach Lieferung von Kohle und Koks zu gehorchen, zu Gefängnisstrafen bis zu 5 Jahren verurteilt werden können. Die schon ausgegebenen Befehle müssen fünf Tage nach Veröffentlichung der Verordnung ausgeführt werden. Die Strafe wird auch auf diejenigen Personen ausgedehnt, welche die Kohlen- und Koks- liefsrungen auf irgendwelche Art behindern.
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Paris, 27. April. Im Generalrat des Rh o n e- departements wurde die Frage der Ruhrbesetzung erörtert, zu der der sozialistische Generalrat eine Tagesordnung eingebracht hatte, in der die von der französischen Regierung im Ruhrgebiet angewandte Methode kritisiert wird. Äbg. Herriot erklärte. er und seine Partei seien der Ansicht, daß e i n Mißerfolg im Ruhrgebiet ein DSsastre für Frankreich bedeuten würde. Er fügte, nach Havas, hinzu, daß man auf andere Art und Weife zu einem befriedigenden Resultat hätte kommen rmissen. Er für seinen Teil sei für Verhandlungen.
Aufhebung der Besetzung der Mannheimer Schiffer»
Mannheim. 27. Avril. Nachdem gestern in dem Bureau des Deuttzhen Verkedrslbuindes (Abteilung für Bimrenffchitf- fwört) eine Durchsuchung, durch die franzcsricke Be- satzunasdehörde errteui stattgefunden batte, wurde die Besetzung der Buroauräumc nach etwa 14tägiger Dauer aufge- bdben. Der Vertrauensmann des Deutschen VerlebrSbundes St bis iept noch nicht aus der Satt emitoften worden.
Eins neue Rede LorichenLs.
. ans, 27. Avril. Im Eeneralrat des RhSnedeparte- ments hat sich Loucheur über die Lage d e r v e r - wüsteten Gebiete ausgesprochen. Er wrack zuerst von der Wiederaufbauarbeit und von der Entschadlgungs- -*?8e.namentlich für die kleinen ..Siniftrierten . und mbr fort: Wir habe» bis jetzt annähernd 50 Milliarden für den ru'edcxaufdau ausgeaeben: wir haben dafür von Deutschland nichts erhalten, und das ist auch von der Reichstaas- tnbune aus anerkannt worden. Mir befinden uns im Ruhrgebiet. und wir haben die Gründe hierfür nicht zu diskutieren. Wir müssen alle mit unseren Soldaten, unseren Ingenieuren und unseren Eisenbahnern fein. Die englnchen Politiker di« er jüngst gesehen habe, habe er gerraat: Was wurdet ihr tun. wenn ihr an unserer Stelle wäret? Die Antwort sei bei den meisten sehr klar gewesen: Gewiß wurden wir nicht zurückweichen. Durch den Widerstand baüe Deutschland die Intervention eines Alliierten oder eines neutralen Staates herbei iiibren wollen. Es habe sie nicht erreicht. Die letzte Rede Lord Gurzons sei dafür ein neuer Beweis: Deutschland suche Frankreich durch Verlängerung,seines vesiivrn Widerstandes mürbe zu macken. Dis einmütige Haltung der französischen Bevölkerung nach dieser Richtung bin wäre, den Deutschen jede Hoffnung zu nehmen. Der französische Vorschlag vom Januar 1923 sei eher räson- nabel gewesen. England könne ihn dadurch verbessern, das; es endgültig die Frage der interalliierten Schulden regele. Durch seinen Widerstand könne Deutschland seine wirtschaftliche Lage verschärfen, die schon durch die Finanzpolitik, die es getrieben habe, sehr schlecht sei. In Nordrrankreich wisse man auch, das; die Sicherheit end- gült'g garantiert werden müsse. Wenn man das tue. io arbeite man für den Weltfrieden. Louckcur erklärte weiter: Wenn ich die Zablunasvolitik Deutschlands erörtern konnte, so würde inan überrascht sein, rpas ich festzvstellen gezwungen wäre. Sie waren erstaunt, dak 'ch eines Tages die Summe von 6 bis 8 Milliarden Goldmark als jährliche Summe habe aussprechen können. Heute zahlt Frankreich 14 Milliarden für 5 ; e rückständigen Zinsen der französischen Rentner.
Man habe vm; einem Abkommen mit England gesprochen. Er habe nie leine Meinung geändert, und er sei nach England gegangen im Einvernehmen mit der Regierung. denn er habe vor seiner Abreise mit dem Ministerpräsidenten Unterredungen gehabt, um zu wissen, ob er die
? leichen Gedanken habe und ob beide den Engländern sagen önuten' Ihr habt euch tm Januar 1923 getrennt, weil ihr in dieser Stunde glaubtet, man miiste Deutschland gegenüber keine Sanktionen nehmen. Ihr seid einverstanden damit, dah ihr. wenn ibr an unserer Stelle wäret eure Anstrengungen fcrtsetzen würdet. Ich habe festgestellt, daß ich im eng- lHchen Volke nicht nur Sympathie. sondern auch Anerkennung für die Geste gefunden habe, die Frankreich unternimmt.
Weitere Ausweisungen von Gisenbahnbeamten.
Köln, 28. Avril. Von Donnerstagnacht 12 Uhr bis Freitags ruh 8 Ubr sind mit wenigen Ausnahmen alle Beamten der Stationen Rheinback, Odendorf und Kottenforst sowie der Streckenbaumeister der Bauabteilung Rheinibach. Regierungsrat v. Bauer, nebst drei weiteren Beamten dieser Abteilung verhaftet und mit Kraft-- wagen in das unbesetzte Gebiet abgeschoben worden. Es bandelt sich insgesamt um 42 Bedienstete.
Als Geiseln verhaftet.
Dinslaken, 29. April. Der Landrat Schluck- m a n n, Mitglied des" preußischen Landtags, Bürgermeister Metzler aus Hirsen und der Landjäger Merten sind von den Belgiern als Geiseln verhaftet worden, weil bei Buchholz zwei belgische Kanalposten angeschossen worden sein sollen. Die Verhafteten befinden sich im Realgymnasium zu Sterkrade.
Ehemalige Oberrealschüler in Essen verhaftet.
Esten, 28. Avril. Gestern al«nd wurden in einer Wirtschaft 30 ehemalige Oberrealschüler. die stch dort zu einem Bierabend zulannnengefunden hatten, von der französischen Kriminalpolizei verhaftet und nach dem Kohlen- syndikat verbracht.
Der Verkehr auf dem Rhein-Herne-Kanal.
Berlin. 28. Avril. Ein offizielles Kommunique aus Paris bestreitet die Nachricht, als ob der Verkehr auf dem Rhein-Herne-Kanal auch weiter unterbunden sei. Es sei gelungen. das Wasier des Kanals um 25 Zentimeter zu beben.
MnntmchiW der Jnterall. HMgOkMinUiU.
Bon der Interalliierten Rbeiulandkommistion gebt uns nachstehende amtliche Bekanntmachung zur Veröffentlichung auf Grund der Verordnung 97 Zlrt. 15 zu:
Bekanntmachung.
Zugverkehr »wischen Wiesbaden. Höchst und Griesheim bei FranNurt vom 27. April 1923 ab.
Ankunft:
Abfahrt:
Wiesbaden 5.39 llbr
7.20
11.30 13
15.25 ..
17.30 ..
dS»st
Griesheim
Höchst'
Griesheim
4.45
5.30
11.30 12.05
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