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Nr. 95..

Dienstag, 24. April 1923.

71. Jahrgang.

sie WM »er NeUsllMW.

Die Kabinettssttzungen, die in den letzten Tagen in B e r'l i n stattfanden, hatten sich vor allen Dingen da» mit zu beschäftigen, welche Stellung man nach der Auf­forderung Lord Curzons, ein Angebot zu machen, srnzunehmen gedenke. In parlamentarischen Kreisen verlautet, daß das Kabinett sich auf den Standpunkt der Mehrheit der Regierung stellt und bereit zu sein scheint, mit einem Angebot, das als Unterlage von Verhandlungen dienen soll, hervorzu­treten. Cs ist ohne weiteres klar, daß ein solches An­gebot bezüglich seiner Abfassung außerordentliche Schwierigkeiten macht und nicht über das Knie ge­brochen werden kann. Namentlich dürfte im Mittel­punkt der Diskussion dabei stehen, ob man ein zahlen­mäßig festgelegtes Angebot machen will, was bei den innerpolitischen Verhältnissen und der Wirtschaftslage Deutschlands zurzeit außerordentlich schwer ist, oder ob man die Festlegung der Zahlungen gerade als Gegen­stand der Verhandlungen belassen will. Man kann da­mit rechnen, daß man Ende dieser Woche, viel­leicht auch erst Anfang nächster Woche mit der Aus­arbeitung, zu der selbstverständlich zahlreiche Sachver­ständige hinzugezogen werden müßten, fertig sein wird.

*

Berlin, 24. April. Die Beratungen in der Wil­helmstraße über die Rede Lord Curzons find im Laufe »des gestrigen Tages in den Ressorts ausführlich weiter geführt worden. Das R e i ch s k a b i n e t t als Ganzes hat sich mit den Ausführungen Curzons noch immer nicht beschäftigt. In parlamentarischen Kreisen rechnet man jedoch damit, daß die Reichsregierung be­reits in kürzester Frist Gelegenheit nehmen wird, sich mit den Führern der Parteien, der Industrie und der Finanzwelt in Verbindung zu setzen, um mit ihnen die Lage zu besprechen. Darüber besteht jedenfalls kein Zweifel, daß die Reichsregierung fest ent­schlossen ist, die Rede Lord Curzons zube­antworten. Da die nächsten Tage mit den oben­genannten Besprechungen ausgefüllt fein werden, ist kaum anzunehmen, daß die Aktion der Reichsregierung noch vor Ende der Woche vor sich gehen wird.

Berlin, 23. April. Wie der „Lokalanzeiger" erfährt, ist die Regierung gewillt zu einem positiven Vor­gehen. Dafür kommen rein äußerlich vorläufig drei Wege in Frage:

1. Eine Erwiderung des Reichskanzlers Dr. Cuno und des Außenministers Dr. Rofenberg vor dem Plenum des Reichstags.

2. Eine amtliche Verlautbarung durch das W. T.-B.

3. Eins Kollektivnote an alle Srgnatarmächte des Versailler Vertrags, in der ein fest umrissener Vorschlag enthalten wäre.

Zn der Rote würde das aufrichtigste Interesse der deutschen Regierung bekundet werden, über die Re- parationssrage zu verhandeln. Außerdem würde man auf die Schlußworte Poincar^s in seiner letzten Rede eingehen, in der er über die Sicherungen der Reparation sprach. Die deutsche Regierung würde sich noch einmal ausdrücklich bereit erklären, Repara­tionen zu leisten und Sicherheiten zu geben, wie das bereits des öfteren geschehen ist. In politischen Krei­sen neigt man der Ansicht zu, daß sich die Negierung entscheiden werde, den dritten Weg zu boschreiten, da er mehr Erfolg versprechen dürste als die beiden anderen.

London, 24. April. Der deutsche Botschafter in London, Sthamer, ist gestern im Foreign Office empfangen worden. '

Paris, 24. April. Die Pariser Blätter bezeichnen die Rede des Abg. Strefemann und die Ausführun­gen Dr. Beckers mit der Überschrift: Wird Deutsch­land Vorschläge machen? Es heißt u. a.: Wir glauben in Erfahrung gebracht zu haben, daß feit einiger Zeit ein Meinungsaustausch zwischen Deutschland und England stattfindet und fortgesetzt wird. Es ist jetzt die Rede davon, daß ein bekannter Berliner Poli­tiker nach London gehen soll. Aller -Wahrschein­lichkeit nach wird das Berliner Kabinett erst nach dessen Rückkehr die nötigen diplomatischen Schritte unternehmen. Diese Schritte werden .nicht nur den Alliierten, sondern der^ganzen Welt gelten.

Die Haltung der Sozialdemokratie.

Berlin, 24. April. In Kreisen der Berliner Funk­tional der Berliner Sozialdemokratie sprach gestern der Reichstagsabgeordnete Hermann Müller über die politische Lage. Er sagte, es gäbe keinen Grund, die Ausstellung eines Zahlungsplanes hinauszuzögern. Die deutsche Regierung habe die Pflicht, diesen Plan auszustellen. Zn der sozialdemokratischen Reichstags.

fraktion sei volle Einmütigkeit dafür vorhan­den, daß dieser Plan von der jetzigen Regierung aus­gehen müsse. Es wäre ja leicht, die Regierung Cuno zu stürzen, aber damit werde nichts gewonnen. Die Sozialdemokratie sei bereit, die Regierung Euno zu stützen, wenn sie das Notwendige tue. Sie sei aber auch bereit, die Konsequenzen zu ziehen, wenn sie sich weigere, das Notwendige zu tun

Der englische Reparationsplan.

London, 23. April. Im Anschluß an die letzte Rede Curzons zeigt die Presse erneut Interesse für den britischen Reparationsplan, der den Alliierten im Januar vorgelegt wurde. Die allge­meine Auffassung ist, daß vielleicht die Form, in der er vorgelegt wurde, dazu beitrug, daß seine Vorzüge un­beachtet gelassen worden seien, obgleich Curzon andeu­tete, nichts berechtige weniger zu dem Schluß, daß der Plan, wenn er erneut vorgelegt würde, eine günstige Aufnahme finde. Er habe auch erklärt, daß die Regie­rung ihre Vorschläge zurückgezogen habe, das sei aber nicht so aufzufassen, als, ob die Einzelheiten unver­ändert bleiben müßten.

Die „Snnday Times" erklärt, der Plan Lord Cur­zons stelle den hoffnungsreichsten und aussichtsreichsten dar. der von den Staatsmännern seit dem Waffenstill­stand oorgelegt wurde. Es wäre als das glücklichste Ereignis zu bezeichnen, wenn er erneut in Er­wäg u n g gezogen würde. Der britische Plan habe be­kanntlich vorausgesehen:

1. Herabfetzrmg der Reparationssumme aus 2500 Millionen Pfund Sterling.

2. Einsetzung einer internattynalen Körperschaft zur Reorganisatiost der' deutschen Finanzen.

3. Ein von Garantien begleitetes Moratorium von 4 Jahren.

4. Beteiligung Großbritanniens an einer allge- - meinen Aktion zur zwangsweisen Beschlagnahme

deutscher Einkünfte und Gelder und Ausdehnung des besetzten Gebietes, falls die Garantien sich als wirkungslos erweisen sollten.

Der diplomatische Berichterstatter des „Daily Tele­graph" schreibt zu der Erklärung Curzons, daß Groß­britannien -auf seinen Reparationsantxrl in Höhe von l 1 Millionen Eoldmark nicht verzichten könne.

Ast ernstes M««r! «es stelAstiMWeiiteii.

Berlin, 24 Avril. Die Reicksbank bat. wie wir im Havdelsteil Mitteilen, mit sofortiger Wirku-ng den Wechsel­diskont von 12 auf 18 Prozent und den Lombardzinsfutz von 13 auf 19 Prozent erhöbt. Der Reichsbankvräsident H a v e n- ft e i n gab in der gestrigen Sitzung des Zentralausfchusfes eine eingehende Begründung der Diskonterhöhung, der w-ir u. a. folgendes entnehmen:

Wir haben durch drei volle Monate von einer weiteren Erhöhung des Diskonts abgesehen, obgleich die Gestaltung der Veldmarktlage und die weitere Zunahme der Ver­armung, und Kapitalnot eine solche an sich schon längst ge­rechtfertigt hätte. Wir hielten aber nunmehr den Zeit­punkt für gekommen, diese Zurückhaltung aufzugeben, indessen aber auch zugleich geboten, die Erhöhung in einem Ausmag vorzunehmen. die stark über die bisherige Übung hinaus- scbt. Der Kampf kann noch lange dauern und wir müssen uns darauf einrichten, ihn noch lange und mit Erfolg zu fuhren. Und nun. meine Herren, -in ernstes Wort! Die Auflegung der Eoldschatzanweifungsanleibe bat den Erwartungen!, die wir daran knüotten. nicht entsprochen. Wir haben ferner mit schwerer Sorge wahrnebmen müssen-, daß nicht nur reden Tag die Spekulation ihrem ei«enen Acker pslugt. sondern auch, dah in dieser Zeit des schwersten Ringens Deutschlands auch erste Kreise unseres Wirtschafts­lebens das Recht zu haben glaubten, weiter über den not­wendigen Geldvorrat binausgebon zu dürfen und üch vor .Konzentrationsaufträgen nicht scheuten. Wir hoffen, da» das ln der letzten Woche erfolgte schnelle Emvorschnellen des Dollars und di« in der Stützungsaktion der Reichsbank vor­genommene Änderung der Taktik als ein lauter und ernster Warrungsriif empfunden wird und als solcher seine Wirkung tun wird.

Die Devisennotverordnung.

Berlin. 24 Avril Rach einer Meldung der „B. Volks- rtg. find die Besprechungen im Relchsfinanzministerrum mit Sachm: ständigen der Bankkreise über die A nz e i g e v f l i cht

für bte Devisenbesitzer.abgeschlossen. Die von seiten

dem Blatte _ ___ _„„ „„ v . w „. vv „

sein. Die Verordnung -wird durch Ausfübrungsbestimmun- gen ergänzt werden. _

Eine neue Rote in der Abrüstungsfrage?

Berlin, 24. April. Der „V. Z." zufolge wird Frankreich in der Botschafterkonferenz beantragen, daß eine neue Rote an Deutschland in der Abrüstungs- frage gerichtet wird. General Rollet habe die Unterlagen selbst nach Paris gebracht. Wahrscheinlich .handelt es sich um die Frage der Schutzpolizei.

Btint Wer Oie WmliMsme.

Paris, 23. April. Vriand hat gestern in N an- tes bei einem Bankett der Kriegsveteranen eine Rede gehalten, die wiederholt von einer Pariser Abordnung der Camelots du Roi gestört wurde. Im Verlauf seiner Ausführungen kam Vriand auch auf die Repara­tionsfrage zu sprechen. Er sagte: Frankreich mit seiner ganzen Vergangenheit, mit feinen Traditionen, Frankreich, um das sich alle Zivilisierten der Welt gruppieren, das Frankreich der Freiheit urid des Fort­schritts, das schöne Frankreich der französischen Revolu­tionen, ist sich der Gefahr bewußt gewesen, der es durch den Krieg-ausgesetzt war. Dieses Frankreich hat An­spruch auf die Wiederherstellung des ihm zugefügten Schadens; das Gegenteil wäre eine Heraus­forderung der Gerechtigkeit. Es wäre schrecklich und unbegreiflich, wenn ein Land, das das Opfer eines iln- qualifizievbaren Angriffes wurde, nachdem es verge­waltigt wurde und nachdem in barbarischer Weise und unnütz seine Reichtümer zerstört wurden, in einem Augenblick, in dem die Zivilisation in Gefahr ist, vollkommen vernichtet wird. Es wäre unerhört, wenn derartige Schäden nicht von denjenigen repariert würden, dis sie begangen haben. Vriand sprach dann über die während seiner Mimsterpräsidentschaft von ihm betriebene Politik. Wenn seine Auffassungen nicht jedermann gefallen haben — sagte Vriand — gibt es doch Leute, die die Schwierigkeiten verstanden haben, denen er begegnete. Er habe sein Bestes getan —- fuhr er fort —, allerdings keine Wunder vollbracht. Er müsse jetzt vergessen, daß er Ministerpräsident war. Er dürfe nichts unternehmen, was seinem Nachfolger die gleichen Schwierigkeiten bereiten könnte, unter denen er gelitten habe. Schließlich feierte Vriand die Republik und erläuterte, was sie für Frankreich getan habe. Er schloß: Der gefürchtete Koloß, der Europa und die Welt durch die Macht seirier Kanonen und seiner ungeheuren Kombinationen zum Zittern gebracht habe, der die Wissenschaften in den Dienst der Barbarei gestellt habe, begreife, daß alle diese Kräfte nichts sind an der Seite der idealen Kräfte, die von Frankreich ausgegangen sind und die sich über die ganze Welt ver­breitet haben. Diese Kräfte sind es. die jeder gute Franzose exhalten mutz: es ist die Republik, dis dazu beigetragsn hat, diese Macht zu haben. Die Re­publik und Frankreich sind unlösbar miteinander ver­bunden; es ist nicht mehr möglich, ste zu trennen.

Wieder eine Rede Poincar^s.

Paris, 24. April. In seiner Ansprache an seine Wähler in Bar-le-Duc führte Poincar4 unter anderem folgendes aus: Unsere Politik besteht darin, unsere Bündnisse aus dem Kriege her aufrechtzu- erhalten. Wir müssen ferner Deutschland zur Ein­haltung seiner Verpflichtungen zwingen. Es kann ssch nicht von seinen Wiodergutmachungsverpflichtungen be­freien. Unser Ziel und Zweck muß die Wiederher­stellung Europas sein. Ich werde ohne Schwäche diesen Weg bis ans Ende gehen.

WanntiNAng der 3nterall. Wnlaitifomiif $n.

Non der Interalliierten Rbeinlandkommission gehst uns nackstehende amtliche Bekanntmachung zur Deröffeut- lickung auf Grund der Verordnung 97 Art. 15 zu:

Auszug der Verordnung Rr. 164.

Eine Svezi-alverordnung der Hohen Interalliierten Rhe'ulandkommiffion erlabt neue Vorschriften über den Verkehr der Lastautos und aller anderen Automobile, die Pr-vatunternehmen für gemeinschaftlichen Transport oder Lsfentlichen Dienststellen (wie Post. Behörden usw.1 an- gehLren.

Die in Betracht kommenden Privatunternebmen und Behörden, die ihren Sitz in Wiesbaden haben, werden in ihrem eigenen Interesse aufgefordert, üch diesbezüglich bei dem Herrn Delegierten der Rheinlandkommission für den Stadtkreis Wiesbaden (Rathaus. Zimmer 40) zu informiere,u

Bekanntmachung.

Die Regie für die Eisenbahnen bringt dem Publikum zur Kenntnis, dab üe den öffentlichen Reife- und Eeväck- verkcbr sowie die Beförderung von Erl- und Frachtgütern in Wagenladungen übernimmt.

Der Tarif für Reisende ist festgesetzt auf:

200 Mark pro Kilometer in der 1. Klaffe.

100 Mark pro Kilometer in der 2. Klaffe.

50 Mark pro Kilometer in der 3. Klaffe.

25 Mark vro Kilometer in der 4. Klaffe.

Die Annahme von Reis^epäck erfolgt gegen Zahlung von 10 M. vro Kilometer und je 10 Kilogramm.

Frachtgüter in.Wagenladungen werden als Eil- und Frachtgut »u den frriheren Sätzen befördert.

3m ünd Auskünfte betreffs Fahrzeiten und

Frachtsätze m allen Stationen angeschlagen. Das Publikum findet dort alle wettetest iinecfbienli&en Angaben.

Die Regie.